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Anne Allex (Hrsg.): Stop Trans*-­Pathologisierung

Cover Anne Allex (Hrsg.): Stop Trans*-Pathologisierung. Berliner Positionen zur internationalen Kampagne. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. 3. wesentlich erweiterte Auflage. 184 Seiten. ISBN 978-3-940865-90-8. 16,00 EUR.
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Thema

Im Mittelpunkt des Buches stehen „Menschen, die in ihrer Erscheinung nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen.“ Anliegen ist es, die internationale Kampagne gegen die daraus resultierenden Pathologisierungen und Menschenrechtsverletzungen zu unterstützen, u. a. indem die entsprechenden stigmatisierenden psychiatrischen Diagnosen aus den weltweit gültigen Krankheitskatalogen (DSM, ICD) gestrichen werden.

Herausgeberin

Es handelt sich bei dem vorliegenden Werk um eine Sammlung verschiedener Artikel, die zum Teil unter anonymisierten Autor*innennamen erschienen sind.

Aufbau und ausgewählteInhalte

Das vorliegende Werk ist eine Artikelsammlung, die als wesentlich überarbeitete Fassung in der dritten Auflage erschienen ist. Anlass, die letzte – im Jahre 2013 – erschienene zweite Auflage so zeitnah zu aktualisieren waren zwei Gesetzesvorhaben, die von großer Bedeutung für das Thema sind:

  • zum einen die Verabschiedung eines Gesetzes zur entpathologisierenden Trans*Gesundheitsversorgung in Argentinien,
  • zum anderen die Verabschiedung eines von dieser Gesetzänderung inspirierten Gesezes in Dänemark, welches 2014 in Kraft trat.

Zugleich ging mit der Veröffentlichung des neuen Diagnosekatalog DSM-5 (Diagnostic and Statistical Mannual of Mental Disorders der American Psychiatric Association) und der Internationalen statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsproblem (ICD-10) der WHO eine verschärfte Pathologisierung dieser Zielgruppe/n einher.

Das Buch präsentiert verschiedenen Portraits betroffener Personen, stellt relevanten Kampagnen und Aktivitäten in diesem Kontext vor, umfasst aber auch diverse Hintergrundberichte. Exemplarisch wird hier ein Artikel von Diana Demiel „Was bedeuten DSM-IV und ICD-10? Zu den diagnostischen Handbüchern so genannter psychischer Störungen der Psychiater-Iatrokratie“ näher beleuchtet.

Zunächst führt die Autorin in die Thematik ein, indem sie DSM-IV und ICD-10 vorstellt. Sie beschreibt die Entstehungsgeschichte dieser Klassifizierungssysteme und die Unterschiede, z. B. dass der Anwendungsbereich des DSM stärker in der klinisch-psychologischen Forschung liegt, während der von ICD eher in den medizinisch-psychologischen Einrichtungen für Diagnosen und deren Klassifizierung liegt. Kritisch merkt sie an, dass es in beiden Systemen eine „manifeste Ausweitung stigmatisierender Zuschreibungen gegen Trans*“-Personen (44) gibt. Beide Klassifizierungssysteme beziehen die Trans*-Problematik explizit mit ein: der DSM z. B. unter Kategorie 8: „Sexuelle Störungen und Störungen der Geschlechteridentität“, in der ICD-10 werden sie z. B. in F64 „Störungen der Geschlechteridentität“ aufgegriffen.

Die Autorin setzt sich sehr kritisch mit dem „Störungs-“Begriff auseinander und beanstandet diesen als monokausal, verkürzt und stigmatisierend in dem Sinne, dass Menschen so als defizitär und symptombelastet wahrgenommen werden und als therapiebedürftig insofern, als dass der/die Patient*in behandlungsbedürftig ist, damit er/sie wieder „normal“ und sozial integrierbar wird: „Die an der Beschreibung der Symptome ausgerichtete Psychiatrie hat zum Ziel, Störungen und damit verbundene Einschränkungen der Leistungsfähigkeit zu registrieren, zu ordnen und zu unterscheiden: Dieses vom naturwissenschaftlichen Weltbild der Medizin geprägte nosologisch orientierte Krankheitsverständnis der Psychiatrie geht davon aus, dass eine Krankheit in Form von Ursachen pathogenetischer Art in einen als gesund angenommenen Normalzustand sozusagen von außen eindringt.“ (45). Die Autorin kritisiert in diesem Zusammenhang, dass sich vor dem Hintergrund dieser Klassifizierung zum einen invasive und gewalttätige Interventionen ableiten lassen. Zum andern ergibt sich daraus eine Pathologisierung und Diskriminierung bestimmter charakteristischer individueller Lebensstile und bestimmter individueller Besonderheiten im „Wahrnehmen, denken und Fühlen und in den Beziehungen zu anderen Menschen“ (46).

Im Einzelnen versteht der ICD unter „Geschlechtsidentitätsstörungen“:

  • F64.0 Transsexualismus
  • F64.1 Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen
  • F64.2 Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters
  • F64.8 Sonstige Störung der Geschlechtsidentität
  • F64.9 Störung der Geschlechtsidentität, nicht näher bezeichnet.

Die Autorin verweist darauf, dass bis Anfang der 70er Jahre auch Homosexualität als entsprechende Störung aufgeführt wurde und erst 1992 aus der Liste entfernt wurde. Sie betont, dass mit keiner wissenschaftlichen Studie nachgewiesen wurde, dass eine Trans*-Identität tatsächlich eine psychische Störung ist. Sie fordert ein Ende der „Psychiatrisierung“ von Trans+-Menschen, in dem Sinne, dass Transsexualität als psychische Krankheit definiert und behandelt wird. Dabei prangert sie an, dass so „nicht normative Identitäten und Körper (solche, die sich außerhalb der dominierenden kulturellen Ordnung verorten) mit pathologischen Identitäten und Körpern gleichgesetzt werden. Sie kritisiert dabei das „so genannte Binom Mann/Frau“, das „die alleinige Existenz von zwei Körpern“ (Mann oder Frau) voraussetzt und mit diesen Begriffen ein bestimmtes spezifisches Verhalten assoziiert und dies zur Rechtfertigung einer bestimmten sozialen oder ökonomischen Ordnung heranzieht“. (49).

Fazit

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um ein politisches, sehr parteiliches Buch, geschrieben aus der Perspektive von Betroffenen und Aktivist*innen. In diesem Sinne ist es kein klassisches „ausgewogenes“ oder „objektives“ Sachbuch, was der Titel auch nicht nahelegt, sondern eher eine – im positiven Sinne des Wortes gemeinte – „Kampfschrift“. Es nähert sich dem Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven an, ordnet es in internationale Kontexte ein und fordert engagiert entsprechende gesetzliche Unterstützung ein und ein Ende der vielfältigen Diskriminierungen und Pathologisierungen. Ein wichtiges Buch, das über die Anliegen und Diskriminierugserfahrungen von Trans*-Menschen informiert!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 02.11.2015 zu: Anne Allex (Hrsg.): Stop Trans*-Pathologisierung. Berliner Positionen zur internationalen Kampagne. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. 3. wesentlich erweiterte Auflage. ISBN 978-3-940865-90-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19003.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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