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Maria Müller Staub, Kurt Schalek u.a. (Hrsg.): Pflegeklassifi­kationen und pflegerische Begriffssysteme

Cover Maria Müller Staub, Kurt Schalek, Peter König (Hrsg.): Pflegeklassifikationen und pflegerische Begriffssysteme. Pflegeklassifikationen und pflegerische Begriffssysteme. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2016. 304 Seiten. ISBN 978-3-456-85492-2. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Themen des Buchs sind die Erklärung, der geschichtliche Hintergrund, die Bedeutung und Beispiele von Klassifikationen in der Pflege.

Beschrieben und verglichen werden unter anderem

  • Begriffssysteme für Pflegediagnosen (NANDA International und deutsch),
  • Pflegeinterventionen und Pflegeergebnisse (NIC und NOC),
  • PraxisOrientiertePflegediagnostik (POP),
  • European Nursing care Pathways (ENP),
  • Pflegetypologie apenio®,
  • das ICD- und DRG-Klassifikationssystem.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeber sind Maria Müller Staub, Kurt Schalek und Peter König.

Maria Müller Staub ist Professorin an der niederländischen Universität von Groningen und Leiterin der Pflegeentwicklung und Forschung am Stadtspital Waid in Zürich.

Kurt Schalek ist Soziologe und Fachbuchautor.

Peter König ist Professor am Lehrstuhl für Pflege- und Rehabilitationsmanagement an der Hochschule Furtwangen.

Das vorliegende Fachbuch wurde unter Mitarbeit von Christine Boldt, Fritz Frauenfelder, Jürgen Georg, Karen Güttler, Martha Paula Kaufmann, Matthias Odenbreit, Rüdiger Ostermann, Elisabeth Rappold, Klaus Reinhardt, Manuelas Schoska, Harald Stefan, Peter Tackenberg und Pia Wittek erstellt.

Entstehungshintergrund

Sowohl im Geleitwort als auch im Vorwort wird die Notwendigkeit zur Erstellung des vorliegenden Werkes benannt: Aufgrund der notwendigen einheitlichen Sprache in der Pflege wurden Klassifikationssysteme geschaffen. Hieraus werden Statistiken, Personalbedarfe, EDV-Anwendungsprogramme usw. abgeleitet bzw. weiterentwickelt.

Das Vorhandensein von zwischenzeitlich diversen Klassifikationssystemen macht das Wissen um spezifische Kriterien zum Vergleich notwendig.

Das vorliegende Werk kann als Grundlagenwerk über Pflegeklassifikationen und pflegerische Begriffssysteme benannt werden.

Aufbau, Geleit- und Vorwort

Die nummerische Gliederung des insgesamt aus vier Teilen bestehenden Werkes enthält stichpunktartige Überschriften, die fortlaufend durch das gesamte Werk nummeriert sind.

Der Aufbau einzelner Teilaspekte richtet sich überwiegend an dem Schema:

  • Entstehung und Ziel,
  • Struktur und Elemente,
  • Nutzen und Potentiale sowie
  • Verbreitung und Einsatzorte.

Literaturquellen erfolgen immer im Anschluss an den einzelnen Texten. Farblich abgesetzt sind Definitionen, Literaturtipps und Merksätze. Textliche Ergänzungen durch „Beachte“-Markierungen. Teilweise graphische Darstellungen von Textinhalten.

Das Geleitwort wurde von Prof. Margaret Lunney vom College of Staten Island, New York geschrieben. Sie sieht dieses Buch als „hervorragende Gelegenheit, die Pflege im Gesundheitssystem sichtbar zu machen“ und empfiehlt es allen Pflegenden. Sie benennt die Notwendigkeit von Klassifikationen in Praxis für den Patienten und für die professionell Pflegenden.

Im Vorwort wird die Zielleserschaft als Pflegefachpersonen mit Interesse an Hintergründen und „State of the art“ zu Pflegeklassifikationen benannt. Den Herausgebern ist bewusst, dass die Thematik des Buches für Pflegepraktiker als „exotische Spielwiese von PflegewissenschaftlerInnen“ angesehen wird. Dennoch komme man um dieses Thema nicht herum.

Die Herausgeber erklären den Inhalt, Umgang und Gebrauch des vorliegenden Werkes.

Zu 1 – Allgemeine Einführung in Begriffssysteme in der Pflege

1. Entwicklung von Klassifikationen – historischer Rückblick. Die älteste Pflegeklassifikation ist die NANDA International. Die Klassifizierungen und der Pflegeprozess sind eng miteinander verbunden. Teilweise sind für historische Klassifizierungen keine Daten vorhanden. Im tabellelarischem Überblick wird die Entwicklung von 1860 bis 2015 sowohl für den internationalen wie auch für den deutschsprachigen Raum konzentriert zusammengefasst.

2. Begriffsklärung und Konstruktionsprinzipien von Ordnungssystemen und Pflegeklassifikationen. Vermittlungen von notwendigem Basiswissen in Form von Textpassagen mit Beispielen, Definitionen und Erklärungen. So erspart die Verwendung eines Begriffs (Fachsprache), bei dem alle Beteiligten die Definition kennen Missverständnisse, lange Erklärungen und Beschreibungen. Die vorhandene Daten müssen unterschieden, benannt, organisiert und eingeteilt (klassifiziert) werden. Erklärt werden die Möglichkeiten der Klassifizierung zum Beispiel in mono- oder polythetische Klassen, in mono- oder mehrdimensionale Systeme, hierarchische Ordnungen. Benannt werden Ziele und Anforderungen an Klassifikationssystemen, einschließlich der wiederholenden Anpassung an aktuelles Wissen und Gegebenheiten.

Zu 2 Begriffssysteme in der Pflege

3. Die Pflegediagnosenklassifikation NANDA International. Die NANDA-Pflegediagnosenklassifikation wurde vielfach untersucht. Das Ziel wurde mit „Pflegefachwissen etabilieren“ übersetzt. Die Vision ist, eine globale Sprache für Pflegefachpersonen zu werden. Der Beginn der NANDA ist im Jahr 1973 anzusetzen, seitdem ständige Weiterentwicklung. Die Definition der Pflegediagnosen wurde 2010 angepasst. Die NANDA-I-Pflegediagnosen werden im PES-Format veröffentlicht. (P=pflegediagnosetitel, E = mögliche ursächliche Faktoren, S = Bestimmende Merkmale oder Kennzeichen). Thematisiert werden Aufbau, Gütekriterien und Nutzen. NANDA-I weit verbreitet und genutzt.

4. Pflegeinterventionsklassifikation NIC. Entstehungsbeginn 1987. Unterteilung in 7 Bereiche, 30 Klassen und 554 Pflegeinterventionen. Ziel ist eine Klassifikation für pflegerische Interventionen. Kombination von NIC und NANDA-I möglich. Diverse Studien sind vorhanden.

5. Pflegeergebnisklassifikation NOC. Ziel ist die Darstellung von Pflegeergebnissen (Nursing Outcomes Classification). Bis dato überwiegend medizinische Indizien wie Mortalität und Morbidität vorliegend. Beginn bereits Mitte der 1960er Jahre. Jeder NOC-Indikator hat eine Bewertungsskala. Derzeitig aktuelle deutsche Version von 2013 vorhanden. Der Einsatzort kann die tägliche Praxis mit dem Patienten sein, durch aktive Teilnahme der Patienten und deren Angehörige.

6. Internationale Klassifikation für die Pflegepraxis (INCP®). Vorgestellt wird der International Council of Nurses, der seit den 1990er Jahren an einer Pflegedaten-Erhebung arbeitet. Zwischenzeitlich existieren viele Untergruppen und Einzelprojekte. Vorhanden ist ein Katalog mit diversen Zielen.

7. PraxisOrientierte Pflegediagnostik (POP) – Ressourcenorienteirung in der Pflegediagnostik. In dieser deutschsprachigen Klassifikation ist die Ressource der grundlegende Bestandteil der Pflegediagnose. Daraus entwickelte sich das „Neue Begutachtungsinstrument“ um den Grad der Selbständigkeit zu messen. Ressourcen werden in direkte und indirekte Ressourcen unterteilt. POP kann mit verschiedenen Pflegemodellen verknüpft werden. POP wurde erstmalig 2009 veröffentlicht.

8. European Nursing care Pathways (ENP). Ziel des ENP ist die Erfassung und Auswertung von Pflegedaten. Die erhobenen Daten können mit weiteren Klassifizierungen kombiniert werden. Es erfolgen ständige Anpassungen.

9. Pflegetypologie apenio®. Entstehung aus Projektarbeit gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, zwischenzeitlich teilweise ins Englische übersetzt. Seit 2010 in niederländisch verfügbar. Im Anschluss weitere Projekte. Angestrebte Zielen waren unter anderem Unterstützung der Pflegepersonen, Erleichterung der Pflege. Hier wird grundlegend mit dem „Pflegephänomen“ gearbeitet – dem Zustand eines Menschen und gesundheitsbeeinflussende Faktoren.

10. Assessment-Instrumente, die den Pflegeprozess berücksichtigen. Vorgestellt wird das RAI-HC (Resident Assessment Instrument – Home-Care) und das NNN-Assessment (NANDA-NIC-NOC) für ältere und multimorbide Menschen in elektronischer Form als umfassendes Basisassessment-Intstrument.

Zu 3 – Die Pflege tangierende Klassifikationssysteme

11. ICD. Aufgezeigt wird die geschichtliche Entwicklung der Klassifikation in der Gesundheit im allgemeinen – bereits im Jahr 1949 erschien die sechste Revision der „International Statistical Classification of Diseases, Injuries and Causes of Death“. Es folgten ständige Erweiterungen.

12. Medizinische Interventionsklassifikationen. Benennung der zwischenzeitlich eingestellten Arbeit an der „International Classification of Prcedures in Medicine (ICPM)“ zur internationalen Klassifikation für medizinische Maßnahmen. Seit einigen Jahren ähnliches Projekt der WHO mit dem Titel: „International Classification aof Health Intervention (ICHI)“

13. Pflege und DRG. Die German Refined-Diagnosis Related Groups (G-DRG) und die schweizerischen (SwissDRG) gelten als System für die Aufwandsmessung und Vergütung in der stationären Krankenhausversorgung. Beschrieben wird die Einführung in Deutschland und in der Schweiz, die bereits in den 1970er Jahren begann und nun in Form von Fallpauschalen-Katalogen zusammengefasst wurden.

14. Die internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Die ICF soll eine berufsgruppen- und länderübergreifende Sprache zur Beschreibung der funktionalen Gesundheit, Behinderung sowie relevanten Umweltfaktoren einer Person darstellen. Die WHO hat seit 2001 alle Mitgliedstaaten aufgefordert, die ICF zu nutzen.

Zu 4 – Einsatz von Pflegeklassifikationen

15. Klassifikationen/Systeme – Beurteilung anhand von Studien. Wissenschaftlicher Vergleich von Klassifikationen in Form einer Studie. Vorgestellt werden die Problemstellung, die Forschungsfragen, die möglichen Forschungsmethoden und letztlich die Resultate.

16. Pflegeklassifikationen in der Praxis – Einführung und Umsetzung. Hier werden die Fragen beantwortet, weshalb Klassifikationen notwendig sind (Bedarfseinschätzung), welche Anforderungen (bezahlbar, nachvollziehbar) gestellt werden und wie es umzusetzen (Schulungen) ist.

17. Pflegeklassifikationssysteme in der Bildung: Einführung und Umsetzung. Erklärt wird, die Notwendigkeit den Pflegepraktikern die Vorteile und Sinnhaftigkeit von Pflegeklassifikationen für ihre eigene tägliche Arbeit nahe zu bringen.

18. Diagnostisches Denken sichtbar machen mit Concept-Mapping. Vorgestellt wird die Möglichkeit der gesammelten Patienteninformationen in Form eines Mindmaps bzw. Concept-Maps darzustellen und entsprechend zu clustern.

19. Pflegedaten sinnvoll nutzen: Elektronische Pflegedokumentation und DRG. Vorgestellt wird die Entwicklung einer elektronischen Pflegedokumentation im Klinikbereich. Welche Daten sind notwendig? Welche Rahmenbedingungen waren vorhanden?

20. Aspekte der statistischen Auswertung der NNN-Taxonomie. Dargestellt werden die Möglichkeiten (und Grenzen) zur Auswertung von erhobenen Daten der NNN-Klassifikation.

21. Kategoriale Strukturen zur Repräsentation von Pflegediagnosen und – interventionen in Terminologiesystemen (ISO 18104:2014). Aufgezeigt wird das Vorgehen von internationalen Vergleichen bei Nutzung unterschiedlicher Klassifikationen.

Diskussion

Dieses Werk ist umfangreich und nicht für den Pflegepraktiker geeignet – das muss es aber auch nicht. Vielmehr wendet es sich an entsprechende Verteiler – Ausbilder, Pflegemanager, usw.

Den Inhalt (jedenfalls auszugsweise) sollte jedoch ein jeder in der Pflegepraxis kennen und nachvollziehen können. Wie oft sitzen wohl Pflegefachpersonen des mittleren Managements über irgendwelche Statistiken, deren Sinn, Notwendigkeit und Wert bezweifelt und nicht verstanden wird?

Die Herausgeber und Autoren schaffen es erstaunlich gut, die theoretischen Aspekte, die so weit weg vom Patientenbett erscheinen, mit Beispielen an die Pflegepraxis heranzubringen. Selten habe ich in einer theoretischen Abhandlung so viel praktisches widererkannt.

Die vorab erklärten Begrifflichkeiten, Definitionen und Methodenkompetenz machen dem Leser deutlich, welch anspruchsvolles Gebiet die Pflegewissenschaft heute ist.

Fazit

„Dekubitus 3. Grades, sacral“ – damit weiß jeder Pflegepraktiker etwas anzufangen. Und so soll das auch sein. Wie es dazu kam, dass wir Pflegefachpersonen in solch kurzem und eindeutig verständlichem Kommunikationsmodus relevante Informationen austauschen und weitergeben, wird häufig nicht hinterfragt. Und dankbar ist auch keiner dafür.

Auch – und gerade in Zeiten von Pflegefachkräftemangel – ist eine einfache, eindeutige Kommunikation über vorhandene Daten (Probleme, Ressourcen, aber auch Wünsche) des Patienten unabkömmlich.

Ach, was wird immer über die verhasste Pflegedokumentation geschimpft. Genau hier ist der Ansatz! Durch die Klassifizierung einzelner Gegebenheiten, können wir einfach und klar verständlich zu Ausdruck (in die Dokumentation) bringen, was wichtig ist.

Wir müssen das Rad nicht mehr neu erfinden, sondern das nutzen, was bereits vorhanden ist. Hier ist die häufig verkannte Verknüpfung zwischen Theorie (Wissenschaft) und Praxis.


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 17.05.2017 zu: Maria Müller Staub, Kurt Schalek, Peter König (Hrsg.): Pflegeklassifikationen und pflegerische Begriffssysteme. Pflegeklassifikationen und pflegerische Begriffssysteme. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2016. ISBN 978-3-456-85492-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19009.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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