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Patricia Grünberg: Vertrauen in das Gesundheitssystem

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Helmert, 05.08.2015

Cover Patricia Grünberg: Vertrauen in das Gesundheitssystem ISBN 978-3-658-04349-0

Patricia Grünberg: Vertrauen in das Gesundheitssystem. Wie unterschiedliche Erfahrungen unsere Erwartungen prägen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 416 Seiten. ISBN 978-3-658-04349-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.

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Thema

Das Buch leistet eine Bestandsaufnahme der sozialwissenschaftlichen Vertrauensforschung und überträgt diese Erkenntnisse, unter Berücksichtigung der Theorie öffentlichen Vertrauens, auf das deutsche Gesundheitssystem. Im empirischen Teil wird mittel 17 qualitativer Leitfadeninterviews mit Patienten untersucht, wie unterschiedliche Erfahrungen die vertrauensrelevanten Erwartungen an das Gesundheitssystem und seine Akteure beeinflussen. Es wird aufgezeigt, wie Vertrauen initiiert wird und wie sich direkte Kontakte, sozialer Austausch und mediale Berichte auf Vertrauen auswirken. Mit Hilfe einer Inhaltsanalyse von Printmedien wird außerdem das medial vermittelte Bild des Gesundheitssystems offengelegt. Die Ergebnisse zeigen, wie das System, die Reformen und relevante Akteure in den Medien dargestellt werden und welche Vertrauensfaktoren und Diskrepanzen eine Rolle spielen.

Autorin

Dr. Patricia Grünberg arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Kommunikationsmanagement der Universität Leipzig.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die Dissertationsschrift der Autorin an der Universität Leipzig 2013.

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Öffentlichkeit in der Informationsgesellschaft
  3. Vertrauen – Ein interdisziplinärer Zugang
  4. Gesundheitssysteme und Vertrauen
  5. Erfahrungen, Erwartungen und Vertrauen: Eine qualitative Studie
  6. Das Gesundheitssystem in der Medienberichterstattung
  7. Fazit und Schlussfolgerungen

Zu Kapitel 1

Einleitend stellt die Autorin die folgenden vier Forschungsfragen ihrer Dissertationsschrift vor:

  1. Wie wird Vertrauen von den unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen dargestellt und welche zentralen theoretischen und empirischen Ergebnisse gibt es?
  2. Inwiefern lässt sich die Theorie öffentlichen Vertrauens auf das Gesundheitssystem übertragen?
  3. Worauf beruht das Vertrauen in das Gesundheitssystem und seine Akteure?
  4. Wie wird das Gesundheitssystem in der Medienberichterstattung dargestellt?

Zu Kapitel 2

Da öffentliches Vertrauen vor allem in modernen Mediengesellschaften relevant wird, geht dieses Kapitel zunächst den Bedingungen der Informationsgesellschaft nach und fragt nach der Relevanz von medienvermittelter Kommunikation. Dabei ist es notwendig, auf den Strukturwandel der Gesellschaft einzugehen und die Begriffe Öffentlichkeit und öffentliche Meinung im Kontext dessen zu konkretisieren. Im Weiteren wird das Verhältnis der für die Vertrauensentstehung wichtigen Vermittlungsinstanzen Journalismus und Public Relations (PR) thematisiert. Gegenstand dieses Kapitels ist auch, welche Bedeutung die Massenmedien generell für den Informationsstand der Bürger haben. Insgesamt ist die Medienberichterstattung als ein zentraler Einflussfaktor für die Ausbildung von Vertrauen in Personen und Organisationen, mit denen kein oder nur selten direkter Kontakt besteht, zu bewerten. Wenzel (2002) beschreibt die Massenmedien gar als eine „der wichtigsten Vertrauensbanken in der Hochmoderne“, vor allem weil sie durch ihre Personalisierung den sonst undurchsichtigen Organisationen und komplexen Systemen ein Gesicht geben. Die Macht der Massenmedien ist es letztlich, die Organisationen dazu bewegt, die Bildung von Vertrauen nicht mehr dem Zufall zu überlassen. Mit mehr oder weniger strategischer PR wird versucht, Einfluss auf die Medienagenda zu nehmen, und damit auch auf die öffentliche Meinung einzuwirken. Da Themen häufig erst dann von Journalisten aufgenommen werden, wenn sie einen „problematischen Charakter“ annehmen, identifizieren Gerhards und Neidhardt (1991) als wichtige Aufgaben von PR: Fokussierungen und Problemkonstruktionen, Etikettierungen von Verursachern und Adressaten sowie die Selbstlegitimation. Letztlich scheint zwischen den Ansprüchen der Journalisten – Probleme und Diskrepanzen aufzudecken – und denen der PR – Diskrepanzen zu vermeiden und langfristig vertrauensvoll auftreten – ein eklatanter Widerspruch zu bestehen, der unüberwindbar wirkt.

Zu Kapitel 3

Um das Phänomen Vertrauen adäquat beschreiben zu können, bedarf es einer theoretischen Fundierung und einer begrifflichen Annäherung und Abgrenzung zu anderen Aspekten, wie Vertrautheit, Glaube, Glaubwürdigkeit und Misstrauen. Daran schließt sich die Darstellung von theoretischen und empirischen Forschungsergebnissen zum Vertrauensthema aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen an: Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Kommunikationswissenschaft. Darauf aufbauend erfolgt eine Einführung in die Theorie öffentlichen Vertrauens. Während die Psychologie die zwischenmenschliche Vertrauensentwicklung in der frühen Kindheit, in Sozialisationsprozessen und in spezifischen Situationen untersucht, widmen sich Soziologie und Politikwissenschaft vor allem den Bedingungen und Auswirkungen von Systemvertrauen. Die Kommunikationswissenschaft wendet sich vor allem dem Konstrukt Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen in Medien zu.

Zu Kapitel 4

Um den Forschungsgegenstand „Gesundheitssystem“ erfassen zu können, widmet sich dieses Kapitel den komplexen Strukturen des deutschen Gesundheitssystems. Es werden die zentralen Akteure und Funktionsmechanismen vorgestellt. Da das Gesundheitssystem kontinuierlich Veränderungen unterworfen ist, werden die seit der Wiedervereinigung durchgeführten Reformen kurz geschildert. Im Hinblick auf den konkreten Forschungsgegenstand „Vertrauen in das Gesundheitssystem“ zeigt sich, dass die deutsche Bevölkerung insgesamt wenig Vertrauen in die deutsche Gesundheitspolitik und die zukünftige Entwicklung des Gesundheitssystems hat.

Zu Kapitel 5

Das Untersuchungsdesign des empirischen Teils der Studie umfasst eine primärstatistische Datenerhebung. Sie erfolgt unter Berücksichtigung der oben genannten Forschungsfragen sowohl qualitativ als auch quantitativ. Wie unterschiedliche Erfahrungsarten die vertrauensrelevanten Erwartungen an das Gesundheitssystem und seine Akteure beeinflussen (können) wird anhand von 17 Leitfadeninterviews mit Patienten untersucht. Dabei wird nachgezeichnet, wie Vertrauen in der Arzt-Patienten-Interaktion entsteht und wie sich direkte und vermittelte Erfahrungen auf spezifisches und generalisiertes Vertrauen auswirken können. Die Ergebnisse der qualitativen Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen: Im spezifischen Personenkontakt ist zunächst das generalisierte Personenvertrauen in „die Ärzte“ ausschlaggebend für einen Vertrauensvorschuss. Im Verlauf der Interaktion kommt es offenbar zu einem (unbewussten) Erwartungsabgleich im Hinblick auf die Kompetenz, das Wohlwollen/Empathie und die Integrität des Arztes. Das Ergebnis des Erwartungsabgleichs ist entscheidend für die Vergabe von Vertrauen oder Misstrauen. Ein weiteres Ergebnis der Patienteninterviews: Hohes Vertrauen führt bei einmal unerfüllten Erwartungen zu einer externalen Attribution, so dass das Vertrauen unbeschädigt bleibt. Ist das Vertrauensniveau gering, so führen Fehler zu einer internalen Attribution., wodurch das Vertrauen weiter zurückgeht. Das spezifische Organisationsvertrauen in Krankenhäuser wird beeinflusst durch die Patientenerwartungen, die sowohl die interpersonale Ebene des Arztvertrauens als auch die Ebene der Organisation umfassen. Allerdings wirkt sich der direkte Arztkontakt viel stärker auf das Organisationsvertrauen aus als die anderen Faktoren, wie der Ablauf oder die technische Ausstattung des Krankenhauses. Hat der Krankenhausarzt den Vertrauensvorschuss des Patienten einmal verspielt, so schwindet auch das Vertrauen in das Krankenhaus selbst. Die Ergebnisse zeigen weiterhin, dass neben den direkten Kontakten und den sozial vermittelten Informationen, die medienvermittelten Informationen eine zentrale Rolle für das Systemvertrauen spielen. Die Berichterstattung über das Gesundheitssystem wird dabei von den befragten Patienten eher als negativ wahrgenommen.

Zu Kapitel 6

Es wird untersucht, wie die Printmedien in den zurückliegenden Jahren tatsächlich über das Gesundheitssystem und seine Akteure berichtet haben. Dazu wurden 1916 Zeitungsartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Rundschau, der Bildzeitung und dem Spiegel aus dem Zeitraum 1998 bis 2010 inhaltsanalytisch untersucht. Die Ergebnisse der Analyse zeigen: Das medial verbreitete Bild des Gesundheitssystems und seiner Akteure ist mehrheitlich negativ geprägt. Dies zeigt sich nicht nur bei den überwiegend negativen Artikel- und Überschriftentendenzen, auch die in der Berichterstattung transportierten Bewertungen sind negativ. Es treten vor allem Journalisten, Opposition und gesetzliche Krankenkassen als Bewertungssubjekte auf. Als Bewertungsobjekte dominieren Reformen sowie die hierfür zuständigen politischen Vertreter (Bundesregierung und Bundesgesundheitsminister). Fast unabhängig vom Bewertungssubjekt ist festzustellen, dass das medial thematisierte Personen-, Organisations- und Systemvertrauen eine deutlich negative Tendenz aufweist. Die negativen Bewertungen von Gesundheitsreformen und die eher skeptischen Ansichten zur zukünftigen Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems, wie sie im Rahmen von repräsentativen Befragungen erhoben wurden, können mit der vorliegenden Studie zwar nicht direkt auf die negative Berichterstattung in den Medien zurückgeführt werden, es spricht jedoch einiges dafür, dass die Berichterstattung zumindest tendenziell zu den kritischen Einschätzungen der Deutschen beiträgt.

Zu Kapitel 7

Die Arbeit hat gezeigt, dass das Vertrauen in Ärzte und Krankenhäuser förderlich für das Systemvertrauen ist. Es ist demnach aus politischer Perspektive ratsam, die Strukturen und Prozesse so auszugestalten, dass sie sich am Wohlergehen der Patienten orientieren und dadurch das Vertrauen in die Akteure unterstützt wird. Als anzustrebender Wert und gleichzeitig bestehender Makel des deutschen Gesundheitssystems wurde in den Patienteninterviews die soziale Gerechtigkeit benannt. Solange Unterschiede in der Behandlung gesetzlich und privat Versicherter bestehen, kann diesem Problem wohl nicht begegnet werden. Lediglich Transparenz kann einen Beitrag dazu leisten, Verständnis bei den Patienten herzustellen. Damit bei Patienten keine Ängste über die zukünftige Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystem entstehen, sollte Politiker vermeiden, wenig durchdachte und halbfertige Konzepte zu präsentieren. Diese führen bei den Patienten zu (vermeidbaren) Unsicherheiten und sind nicht förderlich für die Vertrauensentwicklung. Letztlich muss es Aufgabe der Politik sein, eine angemessene und qualitative Gesundheitsversorgung sicherzustellen und nicht zur Verwirrung der Bürger beizutragen. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Bundesgesundheitsminister zu. Wie die Ergebnisse der Inhaltsanalyse gezeigt haben. „Als Gesundheitsminister hast du immer die Torte im Gesicht“ (Ulla Schmidt 2010 in Feldkirchen). So lautet das Fazit der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, die von 2001 bis 2009 die deutsche Gesundheitspolitik maßgeblich prägte. Was Schmidt sagen will: Aufgrund der Vielzahl an individuellen und kollektiven Akteuren im deutschen Gesundheitssystem ist es nicht möglich, alle Interessen in der Gesundheitspolitik gleichermaßen zu berücksichtigen. Egal, welche Maßnahmen ergriffen werden, es wird immer Akteure geben, die sich benachteiligt sehen und sich daher (auch in den Medien) zahlreich kritisch zu Wort melden. Der Gesundheitsminister ist immer der „Buhmann“, egal, ob er Leistungen einschränkt, Leistungen ausbaut oder alles bei Alten belässt. In diesem Kontext ist es aus normativer Sicht wünschenswert, dass sich die Journalisten ihrer Rolle im Vertrauensvermittlungsprozess deutlicher bewusst werden und die möglichen Folgen von dauerhaft auf Negativität und Skandale ausgerichteter Berichterstattung antizipieren. Dabei ist der Anspruch an die Journalisten ein denkbar schwieriger: Während sie einerseits über die Vorkommnisse in unserer Demokratie objektiv berichten und Missstände aufdecken sollen, kann es andererseits nicht ihr Ziel sein, dass Vertrauen der Bevölkerung in Personen, Organisationen und Systeme dauerhaft zu schwächen. Denn fragiles Vertrauen ist kein guter Nährboden für eine Demokratie.

Diskussion

Das Thema „Vertrauen in das Gesundheitswesen“ wird von der Autorin in einer breit angelegten interdisziplinären Perspektive angegangen. Im theoretischen Teil wird ein sauber definierter Begriffsteppich ausgelegt, und es wird auf der Basis einer interdisziplinären Literaturanalyse ein differenziertes Verständnis von Vertrauen in individuelle Akteure, Organisationen und Systeme entwickelt. Die durchgeführte Inhaltsanalyse von Printmedien erbrachte eine Reihe von sehr interessanten Einzelbefunden. Die weiterhin durchgeführte explorative qualitative Befragung von 17 Personen wurde genutzt, um ein differenziertes Prozess-Modell zu entwickeln, das die analytische Folie für eine tiefere Analyse der Forschungsfrage abgibt. Aufgrund der geringen Fallzahl und der relativen Beliebigkeit bei der Auswahl der Interviewpartner lassen sich allerdings aus der qualitativen Studie nur in geringen Maße inhaltliche Aussagen treffen.

Zielgruppen

Zielgruppen sind sowohl Lehrende, Forschende und Studierende der Kommunikations- und Medienwissenschaft, der Soziologie und Politologie als auch Journalisten und Redakteure sowie Ärzte und Akteure im Gesundheitsmanagement und in der Gesundheitspolitik.

Fazit

Das Buch liefert zunächst eine fundierte Bestandsaufnahme der allgemeinen sozialwissenschaftlichen Vertrauensforschung und beschäftigt sich dann mit dem Vertrauen der Bürger in das deutsches Gesundheitssystem. Es enthält eine kleine qualitative Befragung und eine breiter angelegte Inhaltsanalyse von Printmedien. Der Leser erfährt, wie das deutsche Gesundheitssystem, die vielfältigen gesundheitspolitischen Reformen der letzten 25 Jahre und die wichtigsten Akteure in der Gesundheitspolitik in den Printmedien dargestellt werden und welche Vertrauensfaktoren und Diskrepanzen dabei eine Rolle spielen.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe

Es gibt 101 Rezensionen von Uwe Helmert.

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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 05.08.2015 zu: Patricia Grünberg: Vertrauen in das Gesundheitssystem. Wie unterschiedliche Erfahrungen unsere Erwartungen prägen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04349-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19010.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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