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Lars Branscheidt: Anwendung sozial­wissenschaftlicher Theorien und Befunde

Cover Lars Branscheidt: Anwendung sozialwissenschaftlicher Theorien und Befunde. Sozialpsychologische Reinterpretation rechtlicher Normen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 172 Seiten. ISBN 978-3-8487-2248-8. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr.

Innovative Forschung, Bd. 3.
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Thema

Der Autor will das Recht mit Hilfe der Psychologie interpretieren und die psychologische Bedeutung von Normen untersuchen. Dafür hat er in der vorliegenden Publikation eine Methodik entwickelt, mit der psychologische Zusammenhänge erkannt und sozialwissenschaftliche Theorien auf Fragen des Rechts angewendet werden können. Die Methode basiert auf den Ausführungen von Peirce zum hypothetischen Schlussfolgern und zur Abduktion, ferner der Zweistufenkonzeption Carnaps sowie dem wissenschaftstheoretischen Strukturalismus. Exemplarisch angewendet wird die Methode auf das Arbeitsrecht.

Autor

Bei der Publikation handelt es sich um die Dissertation des Autors. Über seine Person ist nichts weiter bekannt.

Entstehungshintergrund

Der Autor stellt fest, dass es bisher keine fundierte Methodik gibt, mit der sozialwissenschaftliche Theorien und Befunde wissenschaftlich gesichert Anwendung finden könnten. Lediglich auf die Entwicklung und Überprüfung von Theorien beziehe sich die Methodenlehre.

Aufbau

Die Arbeit ist wie folgt durchstrukturiert.

Im ersten Kapitel werden Grundlagen und Fragestellung, im zweiten wissenschaftstheoretische basics ausgeführt. Im dritten und vierten Kapitel geht es um die Anwendung sozialpsychologischer Theorien und Befunde, exemplarisch durchgespielt am Kündigungsschutz und der betrieblichen Mitbestimmung. Das fünfte Kapitel ist der Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse vorbehalten und endet mit einem Ausblick.

Inhalt

Zusammengefasst sollen die folgenden Punkte markiert werden:

  • Experimentelle Wissenschaften, gleichgesetzt mit erkenntnisorientierten Wissenschaften, werden der Rechtsdogmatik gegenübergestellt. Mit dieser Unterscheidung geht einher, dass Recht weder verifiziert noch falsifiziert werden kann. Angemessen ist vielmehr die Auslegung oder Interpretation, für die der Autor sozialpsychologische Theorien heranziehen will.
  • Hypothetisches Schlussfolgern bzw. selektive Abduktion nach Peirce kennzeichnet u. a. die vom Autor angewendete Methode, wonach „Neues mit bereits bekannten Regeln zu erfassen“ (S. 27) ist. Für die Studie heißt dies, dass Elemente des Rechts – „Neues“ – unter sozialpsychologische Theorien – bekannte Regeln – subsummiert werden. Sozialpsychologische Theorien werden damit als gegeben vorausgesetzt und nicht kritisch diskutiert.
  • Für beide Arbeitsrechtsbereiche Kündigungsschutz und betriebliche Mitbestimmung werden sozialpsychologische Theorien der Gerechtigkeit und der Kontrolle gleichermaßen als relevant erachtet. Kündigungsschutz wird darüber hinaus mit Theorien der Ursachenzuschreibung interpretiert, da bestimmte Kündigungen begründet werden müssen. Schließlich wird Kündigungsschutz auch mit der Selbstaufmerksamkeitstheorie beleuchtet, dies insofern, als Kündigung schriftlich erfolgen muss („Schriftformerfordernis“, S. 66). Für betriebliche Mitbestimmung wird neben Gerechtigkeits- und Kontrolltheorien die Kooperations-Konkurrenztheorie herangezogen.
  • Die angewandte Methode besteht darin, eine Reinterpretation des Rechts aus sozialpsychologischer Perspektive vorzunehmen. Dabei wird „Transdisziplinarität“ (S. 145) beansprucht, d.h. Erkenntnisse der Nachbarfächer sollen nicht einfach auf die Rechtswissenschaft übertragen werden, kennzeichnend ist vielmehr ein problemspezifischer Zugriff auf sie. Disziplingrenzen bleiben beachtet: Rechtsdogmatik soll durch Nachbardisziplinen ergänzt, aber nicht ersetzt werden. Die empirische Forschung wird jedoch „eher“ von SozialwissenschaftlerInnen als von JuristInnen kommen.
  • Der Autor formuliert abschließend die Erwartung, mit seiner Methode nicht nur das Recht, sondern auch sozialwissenschaftliche Berufe zu professionalisieren.

Diskussion

Mit vorliegender Publikation verbindet sich ein nachvollziehbarer Anspruch, für die eigene Wissenschaftsdisziplin relevante Erkenntnisse anderer Wissenschaften problemspezifisch zu nutzen. Transdisziplinär zu verfahren ist so neu nicht. Die Diskussion darüber wird seit vielen Jahren beispielsweise in der Sozialarbeitswissenschaft geführt. Innovativ erscheint aber die Gesamtheit der vorgelegten Methode, bestehend aus selektiver Abduktion, Carnaps Unterscheidung von beobachtbaren und theoretischen Begriffen sowie den Erkenntnissen des wissenschaftstheoretischen Strukturalismus, dargelegt im Kapitel Methode (S. 26-51). Diese dreifache Differenzierung der Methode beachtet der Autor bei jeder Theorie, die er auf das Recht anwendet.

Lesenswert findet die Rezensentin insbesondere das Kapitel, in dem Methode und Wissenschaftstheorie dargelegt werden. Dieser Abriss trägt zur Auffrischung des Wissens bei. Lesenswert auch für Nichtjuristen ist die Beschreibung der Arbeitsrechtsbereiche Mitbestimmung und Kündigungsschutz. Die strikt durchgehaltene methodische Darstellung jeder Theorieanwendung bringt jedoch vielfache Redundanzen mit sich.

Manche Fragen stellen sich, einige seien im Folgenden genannt:

  1. Eine Eingrenzung des Einzugsbereichs nimmt der Autor nicht vor. Englisches Recht unterscheidet sich beispielsweise von deutschem Recht fundamental: Hier gilt das „Fallrecht“, es gibt keine obersten Rechtsnormen. Hätte in diesem Fall die entwickelte Methode ebenfalls Geltung?
  2. Sozialpsychologie wird in einer Engführung nur als Teildisziplin der Psychologie verstanden, während darin auch eine Teildisziplin der Soziologie zu sehen ist, nämlich dann, wenn sie stärker Gruppenprozesse und weniger das Individuum fokussiert. Branscheid bezieht sich auf das traditionelle Selbstverständnis der psychologischen Sozialpsychologie, die v. a. naturwissenschaftlich orientiert ist und experimentell arbeitet. Insofern stellt Branscheid der Rechtsdogmatik experimentelle, sprich empirische Wissenschaften gegenüber. Empirische Wissenschaften führen allerdings nicht generell Experimente durch. U. a. sprechen ethische Bedenken mitunter dagegen.
  3. Ist das vom Autor gezeichnete Bild des lediglich von seiner Lebenserfahrung urteilenden und über menschliche Verhaltensweisen nur spekulierenden Richters (S. 21) tatsächlich realistisch? Ist er gegenüber politischen Interessen und Lobbyisten immun? Wäre er es, wenn er, wissenschaftlich aufgeklärt, Recht spräche? Kann die wissenschaftliche Methode der sozialpsychologischen Reinterpretation vor wirtschaftlicher bzw. politischer Einflussnahme auf Gesetzgebung und Gesetzesanwendung schützen? Oder handelt es sich hier eher um unrealistische, wissenschaftsgläubige Annahmen?
  4. Am Rande sei ein vergleichsweise sorgloser Umgang mit Begriffen an manchen Stellen erwähnt. So wird Sozialpsychologie und Verhaltenswissenschaft als Synonym verwandt (S. 21). Siehe auch Punkt 2 hierzu.

Fazit

Ein durchaus interessanter Ansatz, Transdisziplinarität zu entwickeln, ist stringend aufgebaut, lässt inhaltliche Stringenz aber mitunter vermissen.


Rezensentin
Prof. Dr. Erika Steinert
Prof. i. R., Hochschule Zittau/Görlitz
Homepage www.erika-steinert.de
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Zitiervorschlag
Erika Steinert. Rezension vom 06.11.2015 zu: Lars Branscheidt: Anwendung sozialwissenschaftlicher Theorien und Befunde. Sozialpsychologische Reinterpretation rechtlicher Normen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2248-8. Innovative Forschung, Bd. 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19025.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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