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Marie Špiláčková: Soziale Arbeit im Sozialismus

Cover Marie Špiláčková: Soziale Arbeit im Sozialismus. Ein Beispiel aus der Tschechoslowakei (1968 - 1989). Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 271 Seiten. ISBN 978-3-658-04721-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Soziale Arbeit in Ostmittel- oder Osteuropa? Gab es so etwas überhaupt vor den Revolutionen 1989/1990? Und selbst wenn, musste nicht auch diese völlig neu aufgebaut werden? Es liegt nunmehr eine kompakte, deutschsprachige Studie vor, die exemplarisch für die Tschechoslowakei der 1979er und 1980er Jahre Auskunft zu geben verspricht.

Autorin

Dr. Maria Špiláčková, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziale Arbeit an der Universität in Ostrava (Tschechien). Mit der vorliegenden Dissertation erweitert sie ihre Diplomarbeit von 2011, die sich mit der Sozialplanung in der Stadt Ostrava befasste.

Aufbau

Nach der Einleitung und methodologischen Überlegungen stellt die Autorin die Sozialpolitik in der Tschechoslowakei im Zeitraum nach dem Prager Frühling 1968 bis zur Samtenen Revolution 1989 im Überblick vor.

In den folgenden fünf Kapiteln geht sie ins Detail der sozialen Dienste für verschiedenen Zielgruppen, also der alten und der behinderten Menschen, der Kinder, Jugendlichen und Familien, der „sozial unangepassten Bürger“ und hier speziell der „Volksgruppe der Zigeuner“.

Im 8. Kapitel dokumentiert sie Interviews mit zwei Akteuren der Sozialpolitik aus der genannten Zeit, um sodann ihre Forschung zu reflektieren und zusammenzufassen.

Das Literaturverzeichnis besteht aus mehr als 120 Titeln, fast ausschließlich in tschechischer Sprache.

Inhalt

Die Autorin legt eine dezidiert historische Arbeit vor. Daher stellt sich als erstes die Quellenfrage. Diese ist insoweit klar, als sie auf die Dokumente zugreifen kann, die das Arbeits- und Sozialministerium in Prag aufbewahrt hat. In der Hauptsache ist das ein „Konzept der sozialen Dienste“, welches 1969 in diesem Ministerium angefertigt worden ist. Sie kann sich weiters auf Handreichungen und Gesetzestexte, auch auf die (überschaubare) Fach- und Forschungsliteratur aus dieser Zeit stützen.

Dem Primat der Wirtschaft entsprechend, die ja in Form von Plänen gelenkt wurde, verwendet die Autorin im Allgemeinen auch den Begriff der Sozialplanung. Gemeint sind damit zunächst staatliche Geldleistungen (Mutterschaftsgeld, Renten etc.) und Investitionen in die Infrastruktur (Wohnungsbau), dann vor allem die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Die wenigen in den Betrieben, meist an die Personalabteilung angebunden, tätigen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen konnten sich an einem Leitfaden von 1971 orientieren, der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz obenan stellte.

Im Anschluss an das genannte „Konzept“ von 1969 stellt die Autorin die sozialen Dienste vor, die alten Menschen helfen sollten, aktiv und gesellig zu bleiben, etwa sog. Rentnerklubs (Tagesstätten). Altersheime waren überaus knapp, zumal sie in ehemaligen Schlössern oder Klöstern und nicht auf die Bedürfnisse der Bewohner eingerichtet waren. Ältere Personen hätten, wie Umfragen Ende der 1970er Jahre zeigten, durchaus noch mehr die Kantinen und Wäschereien der Betriebe in Anspruch genommen. Für die aufsuchende Sozialarbeit, z.B. in der Stadt Ostrava, gab es nur wenige Personalstellen.

Die Familienfürsorge und die Kinder- und Jugendhilfe wurden in der Tschechoslowakei per Gesetz von 1979 administrativ zusammengeführt. Kinder, die in ihrer eigenen Familie nicht ordentlich versorgt wurden, wurden in einer Pflegefamilie untergebracht oder auch in einem „Heim des Familientyps“, also in einer Gruppe von ca. acht Kindern, die von einem Ehepaar betreut wurden und prinzipiell bis zur Volljährigkeit blieben. Führend war dabei die Stadt Ostrava, die das erste „experimentelle Heim“ 1967 startete und 1986 bereits die siebte Einrichtung eröffnete.

„Sozial unangepasste Bürger“, die eine „spezielle Aufmerksamkeit der Gesellschaft benötigen“, waren Strafentlassene, Alkoholiker, drogenabhängige oder wohnungslose Menschen. Die Fürsorge für diese Menschen lag bei den Sozialarbeitern, die von den Kommunen bestellt, auch stadtteilbezogen ihre Hilfe anboten, etwa bei der Suche nach Arbeit oder Unterkunft. Das Arbeits- und Sozialministerium hatte 1969 hierzu Richtlinien erlassen; zur Resozialisierung sollten insbesondere das Arbeitskollektiv im Betrieb, und hier wiederum ein „sog. Schirmherr“ beitragen Eine Befragung des Forschungsinstituts des Sozialministeriums brachte 1978 zutage, dass die Resozialisierung durch hohe Fluktuation des sozialarbeiterisch tätigen Personals erschwert werde, das mit den Arbeitsbedingungen, Gehalt, Prestige nicht zufrieden war.

Das 8. Kapitel ist ganz der „Zigeunerbevölkerung“ gewidmet: Laut Konzept von 1969 lebten 214.000 Zigeuner in der Tschechoslowakei, davon 52.000 im tschechischen Landesteil, weniger als 1% der Bevölkerung. Der (nicht weiter quantifizierte) „rückständigste Teil“ hatte keine feste Wohnung, die Kinder besuchten kaum die Schule. Und wenn, dann verließ die Mehrheit der Zigeunerkinder die Schule zwei Jahre vor Abschluss. In Kinderheimen wie auch bei der Familienpflege waren (1981) Zigeunerkinder überrepräsentiert, im Extremfall (Westböhmen) machten sie mehr als die Hälfte der Kinder aus, wofür die Experten „die Interesselosigkeit der Mütter“ als Grund annahmen.

Die Kommunen sollten denn auch, so meinten die Kommissionen und Experten, genau da ansetzen: mehr Kinder aus Zigeunerfamilien in den Kindergärten, in den Schulen und letztlich auch in der Berufsausbildung zu fördern, gerade auch deren künstlerische Fähigkeiten (Gesang und Tanz). Offensichtlich haben die Kinder und Jugendlichen die Plätze in Ferienlagern und Gesundheitskursen gut angenommen.Über Gruppenarbeit (Kochkurse) mit Zigeunermädchen wird positiv berichtet. Besonders bemerkenswert sei, wie die Forschung (Visek) nachgewiesen habe, dass immer mehr Roma-Kinder in den Kindergärten mitmachten, 1977 weniger als ein Drittel, 1985 bereits drei Viertel von ihnen. Dahinter stehe die neue Generation von Roma-Eltern.

Im Schlusskapitel zieht die Autorin eine auch sonst überaus positive Bilanz. Im fraglichen Zeitraum habe sich Sozialarbeit „kontinuierlich als eine Fachdisziplin sowie Methodik für die Praxis“ entwickelt.

Diskussion

Dr. Špiláčková verdient allen Respekt und große Anerkennung für die Anstrengung, diese historische Arbeit auf Deutsch vorzulegen. Sie hat auch zurecht Wert darauf gelegt, in den Begrifflichkeiten der betreffenden Zeit zu bleiben („Zigeuner“). Dennoch ist mancher Ansatz problematisch. Wenn die Übersetzung aus dem Tschechischen offizielle, bürokratische Verfügungen betrifft, kommen recht unelegante Formulierungen heraus.

Für den deutschen Leser verwirrend ist es, wenn ohne weitere Erklärung ein „narodni vybor“, auch auf der Kreisebene, zum „Nationalausschuss“ wird: Gemeint ist die formell gewählte Volksvertretung auf allen politischen Ebenen, die die Exekutive legitimierte, die Verwaltung kontrollierte, Kommissionen bildete (Einzelheiten s. z.B. Karel Vodicka: Politisches System Tschechiens. Münster 1996). Ein ähnliches Problem bereitet das Unterkapitel 4.4., das im Schlusskapitel allgemeiner wiederholt wird: Es handelt von den „Ankündigungsdiensten“. Was kann das sein? Kommissionsmitglieder waren beauftragt oder Bürger allgemein dazu aufgerufen, Handlungsbedarf zu melden oder anzuzeigen („ohlasit“), ob es sich nun um hilfebedürftige Senioren oder Personen handelte, deren Verhalten „unwürdig“ war, z.B. Obdachlose. Da war der Schritt zur Denunziation nicht weit.

Verschiedentlich erwähnt die Autorin auch Freiwillige, die etwa im Rahmen des tschechischen Roten Kreuzes tätig waren. Es wäre gut, mehr zu darüber zu erfahren, auch welche Spielräume gesellschaftliche Kräfte, etwa die Kirchen hatten.

Inhaltlich wie auch in der Gliederung folgt die Studie sehr weitgehend dem „Konzept für Soziale Dienste“ von 1969, ohne dass dessen Herkunft und Status durchleuchtet wird. Die Interviews mit zwei Ministerialbeamten geben dazu gar nichts her; sie sind später eingetreten, kennen das Konzept überhaupt nicht. Die von der Autorin bemühte „Triangulation“ ist leider etwas hochstilisiert.

Die Autorin versucht, zur Theorie und Praxis der sozialen Arbeit vor 30, 40 Jahren Zugang zu finden. Dass sie dabei amtliche Quellen und Forschungsarbeiten, die letztlich auch im Auftrag der Regierung erstellt wurden, als Zugang nutzt, ist verständlich. An manchen Stellen gelingt doch ein kritischer Blick (so wie ja das Konzept von 1969 auch kritisch auf die Vorjahre schaut). Dennoch ist diese Studie weit davon entfernt, sozialhistorisch vorzugehen, die reale Lebenslage der Bevölkerung zu beschreiben, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen.

Was der Buchtitel sonst noch verspricht, löst die Studie nicht ein: dass diese sozialen Dienste in einem staatssozialistischen Regime erdacht und erbracht wurden, bleibt weitgehend außen vor. Kindesvernachlässigung, Kriminalität, Alkoholismus – war es denn ideologisch so einfach, abweichendes Verhalten „zu erklären“?

Dennoch ist der tschechischen Kollegin zu danken für diese wichtige Studie, die hoffentlich viele dazu anregt, Sozialarbeitswissenschaft über nationale Grenzen hinweg zu betreiben.

Fazit

Dr. Marie Spilackova rekonstruiert Soziale Arbeit in der Tschechoslowakei in den 20 Jahren vor der Samtenen Revolution und dem Zusammentuch des kommunistischen Regimes.

Sie stützt sich dabei auf amtliche Veröffentlichungen und zeitgenössische Forschungsarbeiten. Diese belegen, dass soziale Dienste für die klassischen Zielgruppen der sozialen Arbeit (Kinder, Familien, alte und behinderte Menschen, Strafentlassene) konzipiert und gestaltet wurden. Die Lebenslage von Roma wird – in den Begriffen der damaligen Zeit – pointiert beschrieben.

Die vorliegende Studie verdient Aufmerksamkeit und Beachtung bei jenen, die Sozialarbeit als Wissenschaft und Profession jenseits staatlicher Grenzen und in historischen Dimensionen verstehen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 31.07.2015 zu: Marie Špiláčková: Soziale Arbeit im Sozialismus. Ein Beispiel aus der Tschechoslowakei (1968 - 1989). Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04721-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19028.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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