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Frank Schulz-Nieswandt, Francis Langenhorst: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland

Cover Frank Schulz-Nieswandt, Francis Langenhorst: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland. Zu Genealogie, Gestalt, Gestaltwandel und Wirkkreisen solidargemeinschaftlicher Gegenseitigkeitshilfegruppen und der Selbsthilfeorganisationen. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2015. 145 Seiten. ISBN 978-3-428-14679-6. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Mag das Zusammenleben auf den ersten Blick noch so sehr von denjenigen geprägt sein, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigen, ihren Narzissmus ausleben und Rücksichtnahme als eine Schwäche betrachten, so sind doch bei genauerem Hinsehen durchaus auch starke auf Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zielende Kräfte auszumachen, die unser gesellschaftliches Gefüge prägen: Zu diesen auf solidarische Formen der Lebensbewältigung zielenden Einflüssen können neben Familie, Verwandtschaft und weiteren sozialen Netzwerken u. a. auch die gesundheitlichen Selbsthilfegruppen gezählt werden, in denen sich leidende und kranke Menschen zusammenfinden, um sich selbst zu organisieren und gegenseitig zu helfen. Von dieser Form des sozialen Engagements handelt die vorliegende Studie.

Autor und Autorin

Frank Schulz-Nieswandt lehrt an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln und hat sich vor allem mit dem Genossenschaftswesen und hier mit dem Prinzip der Wechselseitigkeit (Reziprozität) im Sozialstaat beschäftigt. Gesundheitsbezogene Selbsthilfe ist für ihn eine Form der sozialen Kleinstgenossenschaft. Das Literaturverzeichnis der Studie nennt allein für ihn annähernd 50 selbsthilferelevante Publikationen, die auch eine langjährige Vertrautheit mit dem Gegenstand beweisen.

Francis Langenhorst ist Diplom Gesundheitsökonomin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpolitik und Genossenschaftswesen (Prof. Schulz-Nieswandt).

Entstehungshintergrund

Das Bundesministerium für Gesundheit fördert seit 2013 ein mehrjähriges, in drei Module aufgeteiltes Forschungsprojekt unter dem Titel: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland- Entwicklungen, Wirkungen, Perspektiven (SHILD).

Das zweite Modul beschäftigte sich von Januar 2013 bis Juni 2014 mit der Struktur-und Bedarfsanalyse der Gesundheitsselbsthilfe und sah u. a. vor, dass das Seminar für Sozialpolitik der Universität zu Köln (Prof. Schulz-Nieswandt) in diesem Zusammenhang eine umfassende Literaturanalyse der nationalen und internationalen Selbsthilfeliteratur erarbeiten sollte.

Die hier vorgelegte Studie wird dem Leser als Ergebnis einer Partizipation im Modul 2-Projekt des Forschungsprojektes vorgestellt.

Aufbau

Die Herkunft der Studie aus einem Forschungsprojekt lässt sich nicht übersehen: Es gibt einige theoriegeleitete und weit ausholende Passagen, viele Aspekte werden in den einzelnen Kapiteln mehrfach angesprochen und manche Erörterungen können wohl nur als Antworten auf forschungsinterne Fragestellungen und Diskussionen verstanden werden. Kurz gesagt: Der Leser muss sich sehr anstrengen, einen roten und verlässlichen Faden zu finden.

Die Einleitung und der Schluss können diesem Mangel an gedanklicher Ordnung und Abfolge nicht abhelfen. Sieben teils längere Exkurse auf 100 Textseiten und der überdimensionierte Literaturteil lassen mich vermuten, dass diese Publikation aus vorliegenden Materialien schnell zusammengestellt wurde, jedenfalls nachrangig war. Was hat eigentlich das Lektorat gemacht? Selbst ein altgriechisches Zitat (S.9) wird falsch zitiert und transkribiert.

Bei aller Kritik bleibt festzuhalten: Zwar wird dem Leser einiges zugemutet, aber die Lektüre kann sich durchaus lohnen und gewinnbringend sein, wie ich weiter unten nachweisen will.

Gleichwohl gebe ich hier die Kapitel-Gliederung des Inhaltsverzeichnisses wieder: „Orientierende Vorbemerkungen und Darlegung des Forschungszusammenhangs“ heißt es einleitend.

Es folgen fünf Kapitel:

  1. Zugänge und Grundlagen
  2. Dimensionen und Aspekte einer Ambivalenzanalyse des Feldes
  3. Zur Wirkungsanalyse im Feld
  4. Aspekte rechtlicher Regime
  5. Das Feld als empfindsame Kulturlandschaft
  6. Zusammenfassung und Ausblick

Ein 33 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis mit circa 600 Titeln und ein Stichwortverzeichnis schließen die Studie ab.

Inhalt

Kein Weg führt an dem genossenschaftlichen Charakter der Selbsthilfegruppen vorbei: Selbsthilfegruppen sind freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen, die Merkmale teilen und auf dieser Grundlage sich in Selbstverwaltung gegenseitig helfen, also Bedarfsdeckung auf Gegenseitigkeit praktizieren. Auf dieser Ebene liegt auch die zentrale Funktionalität der Selbsthilfegruppen: Sie dienen der gelingenden Daseinsbewältigung von Betroffenen und Angehörigen im Lebensverlauf. Gegen Vereinsamung und Verzweiflung bei Krankheit und Behinderung oder bei sonstigen gesundheitlichen Einbußen und Schicksalsschlägen helfen immer noch die im Miteinander und im Alltag vorhandenen informellen Quellen am besten.

Bei den sogenannten Wirkungsanalysen stehen zumeist klinische und gesundheitsökonomische Fragen im Mittelpunkt. Gibt es bei Gruppenbesuch weniger oder mehr Arztbesuche oder Klinikaufenthalte? Wird die Zusammenarbeit mit den Ärzten verbessert oder verschlechtert? Werden Rückfälle vermieden oder verhindert? Wie verändert sich die Medikamenteneinnahme? Selbsthilfegruppen werden verstärkt nach ihrer Dienstleistung für das Gesundheitssystem befragt. Man kann solche Untersuchungen, die nach dem gesellschaftlichen Nutzen der Gruppen fragen, durchaus anstellen, doch sollte man wissen, dass man sich hier nicht auf dem wichtigsten Wirkungs- und Untersuchungsfeld bewegt und den auf die gelingende Lebensführung gerichteten Kern der gesundheitlichen Selbsthilfe verkennt. Diese Feststellung gilt auch für die Wirkungsfrage, ob der Co-Produzenten-Status des Patienten in der Arzt-Patienten-Beziehung optimiert wird.

Die Arbeit der AA (Anonymen Alkoholiker) zeigt jedenfalls beispielhaft, dass ihr Mutualitätsgebilde kosteneffektiv arbeitet und soziale und gesundheitsbezogene Kosten einsparen hilft. Diesen wichtigen Hinweis der Autoren auf Forschungsergebnisse will ich ergänzen: Da sie überdies staatliche und auch private Zuwendungen ablehnen, bleiben sie relativ autonom und werden von bürokratischer Überformung und Funktionärstum wenig behelligt.

In der Gegenseitigkeit der Hilfe und Selbstorganisation liegt meines Erachtens ein anti-zentralistisches Element, das Autonomie und Unabhängigkeit garantieren kann: Auf dieser Basis lassen sich auch Kriterien finden, mit denen die Selbsthilfeorganisationen und Selbsthilfeverbände sowie Informations-und Kontaktstellen mit ihren an die Gruppen gerichteten oftmals überzogenen Ansprüchen und Erwartungen zurückgewiesen werden können. Auch die von den unterschiedlichen Seiten forcierten Bemühungen, die Selbsthilfe noch stärker in das Gesundheits-und Medizinsystem zu integrieren, dürften hier eine natürliche Barriere finden.

Viel Kraft wird daher von den Autoren zurecht darauf verwendet, den Genossenschaftscharakter der Gruppen festzustellen. Sie weisen u. a. nach, dass die Gruppenarbeit über eine interne Wohlfahrtsproduktion hinausgeht und gemeinwirtschaftlicher Art ist, „also eine positive externe, gesellschaftliche Wohlfahrtsleistung darstellt, die von öffentlicher Bedeutung ist.“ Aus der Geschichte des Verhältnisses von Herrschaft und Genossenschaft ist für die Selbsthilfe jedenfalls zu lernen, dass mit dem Staat als Herrschaftsapparat schlecht auszukommen ist. Wen der Staat fördert, dem nimmt er tendenziell die Autonomie. Aus der autonomen Selbsthilfe wird auch am Gängelband des staatsmittelbaren Bereiches der kollektiven Selbstverwaltung der Sozialversicherung leicht ein abhängiges Gruppengebilde. Schon mit der Erwartung einer mittelbaren oder unmittelbaren staatlichen Förderung begibt sich die Selbsthilfe selbst auf eine schiefe Ebene. Wer fördert, kontrolliert und kann letztendlich den Nachweis der Evidenz erwarten.

Natürlich darf der kritische Blick auf die Ebene der Selbsthilfeverbände nicht fehlen: Hier gibt es die zwischen einer unteren und oberen Ebene unausweichlichen Entfremdungsvorgänge, die mit der Ausbildung einer eigenen Funktionärsebene einhergehen. Sind die Verbände eigentlich Selbsthilfeaktivitäten? Das ist für die Verfasser der Studie keine rhetorische Frage, da sie die bisherige Sozialbeitragsfinanzierung im SGB V-Feld infrage stellen und für die Verbände eine staatliche Finanzierung mit dem Argument vorschlagen, Sozialbeitragsfinanzierung sollte ausschließlich an unmittelbare gesundheitsbezogene Aktivitäten gebunden sein.

Die als Demokratisierungsschub gefeierte Mitwirkung der Selbsthilfeverbände in Organen der gemeinsamen Selbstverwaltung der Krankenversicherung als Sozialversicherung hat eine Kehrseite: Einst artikulierte die Selbsthilfe die im Gesundheitssystem vorliegenden, bis heute noch keineswegs abgestellten Mängel, jetzt ist sie selbst ein Funktionsträger des medizinisch-technischen Komplexes. Cui bono?

Über die Aufgaben der Kontakt-und Informationsstellen für Selbsthilfe besteht bei den Autoren Ungewissheit, die wir leicht beheben können: Sie sollen das Klima für eine Selbsthilfeförderung in der Kommune stärken, Gruppengründungen veranlassen und begleiten, bei der Bewältigung jedweder Schwierigkeiten helfen, den Zusammenhalt der Selbsthilfe fördern und Netzwerkarbeit leisten; natürlich gehört auch die Koordination der finanziellen Förderung zu ihren Aufgaben. Bei alledem ist es wichtig, dass die Mitarbeiter der Kontaktstellen sich für die Selbsthilfe einsetzen, ohne sich an deren Stelle zu setzen und sich selbst als Bevollmächtigter zu verstehen; sie stehen in einem Spannungsverhältnis zwischen Förderung und Bevormundung.

Diskussion

Als eine wesentliche Forschungslücke wird in der Studie u. a. die Untersuchung der Selbsthilfe im Sozialraum kommunaler Daseinsvorsorge bezeichnet. Es liege kein systematisches Wissen über die Mitwirkung der Selbsthilfe in der Netzwerkarbeit zur Gewährleistung von Versorgungsketten und der Erarbeitung von Caring Communities vor. Hier möchte ich widersprechen: In meiner mehr als dreißigjährigen Arbeit bei der Stadt Herne haben wir mit Beginn des Modellprogramms Psychiatrie Anfang der 80er Jahre systematisch die Selbsthilfe in das kommunale Versorgungsgeschehen einbezogen. Der auf vielen Versorgungsbereichen fragmentierten Versorgung haben wir unter Einbezug der gesamten Gesundheitsselbsthilfe eine im kommunalen Netzwerk abgestimmte, auf bestimmte Versorgungsbereiche bezogene und unter allen Beteiligten koordinierte Konzeption entgegengesetzt; für die Umsetzung dieser Konzeptionen standen jeweils eigene Haushaltsmittel zur Verfügung. Es entstand u. a. ein eigenständiges Modell einer Gesundheitskonferenz, das u. a. den späteren Gesundheitskonferenzen in NRW Vorbild war. Prof. Dr. Christian von Ferber hat uns über ein ganzes Jahrzehnt bei dieser schwierigen Aufgabe wissenschaftlich begleitet und auch darüber mehrfach publiziert; mein Kollege Klaus Winkler und ich haben auch darüber einiges veröffentlicht. Überdies haben wir in Herne eine Vielzahl von sorgfältig erarbeiteten Dokumentationen aufgelegt, die noch bis vor kurzem im Internet zugänglich waren. Ich muss immer wieder feststellen, dass solche direkt aus der Arbeit fließenden Publikationen nicht oder nur unzureichend wahrgenommen werden, weil sie dem Wissenschaftsbetrieb fern liegen und wohl keinen wissenschaftlichen Mehrwert versprechen. Ohne die Aufarbeitung dieser kommunalen Literatur wird man allerdings kein realistisches Bild der Selbsthilfe-Landschaft entwerfen können.

Es ist in der Arbeit viel von Ambivalenzen die Rede und auch die klassische Definition der Tragödie ist nicht zu schade, dafür herbeizitiert zu werden. Doch warum eigentlich muss man sich von Krankenkassengeldern oder anderen Finanzierungsquellen abhängig machen und sich in den angeblich unauflösbaren Widerspruch von Förderung und Kontrolle begeben? Kann man hier von den AA lernen? Auch andere Ambivalenzen liessen sich mit ein wenig sozialer Phantasie durchaus auflösen?

Solidarische Selbsthilfe ist unseren Autoren zufolge von anthropologischer Reichweitenbedeutung. Damit sei auch das Bedürfnis nach demokratischer Verfassung der menschlichen Führung des Zusammenlebens und des praktischen Miteinanders archetypisch auf den Punkt gebracht. Warum aber Demokratie statt Herrschaftslosigkeit sagen, wenn die Gedanken schon so weit tragen?

Fazit

Trotz der infolge mangelhafter Textaufbereitung fehlenden Lesefreundlichkeit bleibt die Lektüre empfehlenswert. Die Autoren behandeln ihr Thema innovativ, werfen interessante Fragen auf, haben unkonventionelle Sichtweisen und viele neue Gedanken und Überlegungen. Dass die Anwendung des Modells der Genossenschaft auf die Selbsthilfe durchaus produktiv ist, beweist die Studie.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 25.08.2015 zu: Frank Schulz-Nieswandt, Francis Langenhorst: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland. Zu Genealogie, Gestalt, Gestaltwandel und Wirkkreisen solidargemeinschaftlicher Gegenseitigkeitshilfegruppen und der Selbsthilfeorganisationen. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2015. ISBN 978-3-428-14679-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19036.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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