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Hans Thiersch: Soziale Arbeit und Lebenswelt­orientierung

Cover Hans Thiersch: Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung. Konzepte und Kontexte : Gesammelte Aufsätze Band 1. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 426 Seiten. ISBN 978-3-7799-3263-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung ist eine auf zwei Bände hin angelegte Veröffentlichung. Die Bände umfassen ausgewählte und neu zusammengestellte Texte, die Hans Thiersch über den Zeitraum von 1962 bis 2014 geschrieben hat. Es handelt sich dabei um Expertisen, Abhandlungen und Vorträge, die publiziert wurden, mittlerweile aber oft nicht mehr zugänglich sind. Freunde und seine Frau Renate, so Hans Thiersch im Vorwort, haben ihn gedrängt, wichtige Texte zusammenhängend herauszugeben, „damit die Breite in seinen vielfältigen Zugängen, Assoziationen, internen Differenzierungen und praktischen Konkretisierungen deutlich werden kann“ (S.7).

Mit der gewählten Zusammenstellung ist der Anspruch verbunden, das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, entgegen der verkürzten Darstellungen als bloßes Handlungskonzept, „in seiner Entwicklung im Horizont gesellschaftlich-sozialer Konstellationen und allgemeiner Fragen seiner wissenschaftlichen und sozialethischen Fundierung, in Konkretisierungen des Rahmenkonzeptes für vielfältige Problemlagen und für Aufgaben in der Praxis und gerahmt durch sozialpädagogisch orientierte Skizzen zu Lebensstufen“ (S.7) darzustellen.

Autor

Hans Thiersch, Jahrgang 1935, war bis 2002 Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen und hat die lebensweltorientierte Ausrichtung der Sozialen Arbeit in Theorie und Praxis geprägt.

Aufbau

Der Sammelband ist in 6 Kapitel mit insgesamt 20 Texten untergliedert.

  1. Zur Theorie der Sozialen Arbeit (3 Texte, 100 Seiten),
  2. Zur Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit (2 Texte, 41 Seiten),
  3. Moral und Soziale Arbeit (6 Texte, 75 Seiten),
  4. Abweichendes Verhalten (3 Texte, 51 Seiten),
  5. Alltag und Lebensweltorientierung (3 Texte, 84 Seiten),
  6. Lebensweltorientierung und Bildung (3 Texte, 31 Seiten).

Die Texte innerhalb der Kapitel sind chronologisch geordnet (die frühesten Beiträge zuerst, die spätestens zuletzt), so dass beim Lesen des gesamten Kapitels Entwicklungslinien erkennbar sind. Die Herkunftsnachweise der Beiträge sind im Anhang jeweils angegeben und um Hinweise auf ergänzende Arbeiten angereichert. Die abgedruckten Texte sind dem Erstdruck gegenüber unverändert und haben unterschiedliche Formate (Abhandlung, Essay, Referat). Die Gliederung ergibt sich aus den Sachkomplexen, zu denen Hans Thiersch und Laufe seines Arbeitens immer wieder gearbeitet hat und „die die Stränge bilden, aus denen sich der Zopf meines Arbeitens gebildet hat“ (S. 10).

Inhalt – Überblick

Die Texte sind jeweils mit ihrer Entstehungszeit ausgewiesen und auch als „Zeitdokumente“ zu verstehen. Sie sind jeweils in die im Vorwort beschriebenen Phasen der Sozialpädagogik einzuordnen:

1. Die Phase der Kritik und des Aufbruchs. In dieser Phase fand die Sozialpädagogik, nach den Jahren der pervertierten und entfremdeten Sozialpädagogik im Faschismus und nach der bleiernen, restaurativen Nachkriegszeit, zu einer neuen Gestalt. Dies war verbunden mit der radikalen Kritik an stigmatisierenden Definitionen der Verwahrlosung und von totalen Institutionen in der Erziehungspraxis. Es ging um die Erkenntnis der gesellschaftlichen Bedingtheit sozialer Probleme und sozialen Elends im Kontext herrschender Macht- und Disziplinierungsinteressen sowie um die Öffnung in neue, interdisziplinäre und empirisch gestützte Zugänge.

2. Die Phase der Normalisierung im sich konsolidierenden Sozialstaat. In dieser Phase stellte sich die Frage, wie sich die Kritik an den gesellschaftlichen Machtstrukturen und der in ihr geprägten sozialen Arbeit mit den realen Gestaltungsmöglichkeiten im Sozialstaat verbinden konnte. Ein Verbundsystem von differenzierten Angeboten expandierte, getragen von einem neuen Professionalisierungskonzept und sekundiert vom neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz.

3. Die Phase der Neuvermessung der politischen und fachlichen Möglichkeiten und Grenzen sozialer Arbeit. Diese dritte Phase, so Hans Thiersch, geriet seit den 90er Jahren in die neoliberale Leitideologie der Markt- und Konkurrenzinteressen einhergehend mit neuen Exklusionen. Im Zeichen der diese Phase bestimmenden Verunsicherung, ist Reflexivität das bestimmende Moment der sozialpädagogischen Berufsidentität.

Ausgewählte Beiträge

Aus den 20 Texten wähle ich – durch meine eigenen Interessen geleitet – zwei aus, auf die ich genauer eingehen werde. Zwischen den beiden Beiträgen liegen 47 Jahre.

Soziale Arbeit in den Herausforderungen des Neoliberalismus und der Entgrenzung von Lebensverhältnissen (2014). In diesem Beitrag geht Thiersch zunächst davon aus, dass sich Soziale Arbeit und ihre Positionsbestimmungen heute unübersichtlich zeigen, dass jedoch Grundmuster ihrer Konkretisierung herausgearbeitet werden können. Die Situation der Sozialen Arbeit stelle sich zunächst in einem Widerspruch von Vorder- und Hinterbühne dar. Auf der Vorderbühne erscheine Soziale Arbeit als selbstverständlicher Bestandteil kommunaler Infrastruktur. Auf der Hinterbühne zeigen sich jedoch neue Zonen der Exklusion bei gleichzeitiger Zurücknahme und Einschüchterung Sozialer Arbeit. Davon ausgehend skizziert der Autor vier Grundbestandteile der Gesellschaft der zweiten Moderne und bettet darin die Aufgabe der Herstellung sozialer Gerechtigkeit sowie die Rolle Sozialer Arbeit ein: „Soziale Arbeit sieht Menschen in ihren Ressourcen und Kompetenzen der Lebensbewältigung, sie versteht Probleme als Versuche, in schwierigen Verhältnissen mit dem Leben zurande zu kommen und ist parteilich für sie in ihren Entwicklungs-, lern- und Bildungsaufgaben im Horizont sozialer Gerechtigkeit“ (S. 95). Die Tendenzen der neoliberalen Verkürzung Sozialer Arbeit und die damit einher gehenden Dethematisierungen (Verkürzungen auf Selbstzuständigkeit, Enteignung des präventiven Paradigmas etc.) erschweren bzw. behindern die Umsetzung. Soziale Arbeit, so das Fazit aus den Erläuterungen, „braucht Sicherheit in ihrem sozialpädagogischen Denken, sie braucht Entschiedenheit in ihrer Position eines eigenständigen Zugangs zu den Adressatinnen und zu Unterstützungskonzepten. Nur so kann sie sich gegen die gesellschaftlichen Zumutungen im „War of Professions“, also in den Okkupationsansprüchen anderer Institutionen und Professionen behaupten und sich souverän auf neue Formen der Kooperation einlassen“ (S.101).

Verwahrlosung (1967). Der Beitrag ist einer der ältesten/frühesten Beiträge in der Textsammlung. In einem ersten Teil werden zwei ineinander greifende Stränge skizziert, die „landläufige Meinung“ zu Verwahrlosung, hier verstanden als störendes, auffälliges Jugendverhalten, und Erkenntnisse aus den Handlungswissenschaften Psychiatrie, Psychologie, Soziologie und Kriminologie. Die landläufige Meinung setzt sich aus Restriktion, Abwehr und einem ingroup-outgroup-Schema zusammen: „verwahrloste Jugendliche sind Versager, also Fremde, Outlaws, mit denen man letztendlich nichts gemein zu haben glaubt“ (S.227). In den Handlungswissenschaften wird Verwahrlosung primär als Indiz des Versagens der Gesellschaft analysiert. Es wird angenommen, dass ein Unterschied zwischen „Verwahrlosten“ und „Normalen“ durch benachteiligende Strukturen entsteht, die es zu verändern gilt: „Indem Verwahrlosung so aber nicht nur vom Individuum, sondern auch von der Gesellschaft aus gleichsam als der eigene Schatten, als das schuldhaft Versäumte erscheint, wird es selbstverständliche Pflicht, die benachteiligenden Umstände zu ändern und zu helfen“ (S. 227). Thiersch akzentuiert, dass die Fürsorge selbst von Unwillen, Apathie und Verständnislosigkeit angesteckt erscheine und dass daraus „der teils imposante, teils aber auch beschämend deprimierende Zustand unserer derzeitigen Jugendfürsorge“ erwachse (S.227). Ausgehend von dieser Analyse werden Theoriebestände zur Genese von Verwahrlosungsphänomenen erläutert und die Verantwortung der Pädagogik für die real existierenden Verhältnisse thematisiert. Plädiert wird dafür, von Dissozialität oder sozialer Auffälligkeit zu sprechen, da diese zwar auch Sammelbegriffe seien, jedoch das Nichtwissen akzentuieren. Dissozialität müsse dabei nicht nur in der Horizontalen, sondern in der Vertikalen der Lebensgeschichte analysiert und verstanden werden: sie ist immer Ergebnis einer Entwicklung, eines Prozesses. Dissozialität als Erscheinungsbild muss also als Ergebnis der Biografie, der Erfahrung in den verschiedenen Lebensetappen (Familie, Schule, Freunde/Umwelt etc.) und nicht zuletzt von Armut verstanden werden. Im Hilfesystem seien jedoch bislang notwendige Glieder unzureichend ausgebildet: „Arbeit mit den Eltern ist noch sehr selten und es gibt zu wenig „Jugendhorte“, die die beginnende Dissozialität vielleicht auffangen und dadurch eine Heimeinweisung überflüssig machen könnten oder auch denen, die aus dem Heim entlassen werden, sich wieder zurechtfinden helfen“ (S. 240). Im letzten Teil werden Konsequenzen für die Ausbildung formuliert, die ihre wissenschaftliche Repräsentation steigern und sich in ihrer politischen Funktion verstehen lernen müsse.

Diskussion

Der Sammelband ist der erste Teil eines zweibändigen Werkes, das Veröffentlichungen von Hans Thiersch über die Jahrzehnte hinweg zusammenfügt und thematisch ordnet. Hans Thiersch hat den Diskurs um Sozialpädagogik in Deutschland insbesondere seit den 1970er Jahren über einen langen Zeitraum kontinuierlich mitgeprägt. Der Sammelband ist als Teil seines Nachlasses, seines Denkens, seiner Produktivität, seiner „Einmischung“ anzusehen. Eingelöst wird das, was der Autor zu Beginn erläutert, nämlich dass die Auswahl der Beiträge und ihre Untergliederung der Kapitel seinen Schwerpunkten entsprechen. Der Band ist damit wie ein roter Faden einer aus der Perspektive der Lebensweltorientierung erfolgten Analyse über einen Zeitraum von knapp 50 Jahren. In der Unübersichtlichkeit der theoretischen Welt Sozialer Arbeit hält der Autor damit an einem Grunddenken und Grundprämissen fest und erläutert diese in den Bewegungen, Anforderungen und Entwicklungen der Zeit.

Die Einsortierung in drei Phasen der Sozialen Arbeit im Vorwort ist interessant und als Orientierung für die Leserinnen und Leser wichtig und hilfreich. Ggf. wären weitere Rahmungen oder Kommentierungen innerhalb der einzelnen Kapitel noch lesefreundlicher gewesen und würden insbesondere für jüngere Generationen den Gehalt der Beiträge in der Einbettung der jeweiligen Zeit bzw. über die Zeit hinweg verdeutlichen. Ich gehe davon aus, dass die Bände bzw. dieser erste Band vor allem in der Ausbildung von Studierenden sehr hilfreich sein und breite Verwendung finden wird.

Fazit

Denjenigen, die Hans Thiersch zu der Zusammenstellung ausgewählter Aufsätze ermuntert haben, sei Dank. Es handelt sich um über die Zeit hinweg wichtige Texte für die theoretische Grundlegung Sozialer Arbeit. Sie werden sicherlich insbesondere in der Ausbildung junger Menschen in sozialpädagogischen Denken und Handeln auch zukünftig bedeutsam sein und – hoffentlich - reichlich Verwendung finden.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 11.01.2016 zu: Hans Thiersch: Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung. Konzepte und Kontexte : Gesammelte Aufsätze Band 1. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3263-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19041.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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