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Marlis Prinzing, Matthias Rath u.a. (Hrsg.): Neuvermessung der Medienethik

Cover Marlis Prinzing, Matthias Rath, Christian Schicha, Ingrid Stapf (Hrsg.): Neuvermessung der Medienethik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-3002-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die Medienbranche befindet sich seit Jahren in einem rasanten Umbruch. Wie Öffentlichkeit medial vermittelt hergestellt wird und welche ethischen Maßstäbe daran anzulegen sind, gehorcht nicht mehr den gewohnten Gesetzen. In dem Sammelband lenken verschiedene Autorinnen und Autoren jeweils aus ihrem Blickwinkel die Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte der notwendigen Diskussion: Welche Regeln sollen in der sich ständig verändernden Medienwelt weiter gelten, welche müssen angepasst oder neu gefunden werden? Die Ansätze reichen von theoretischen Konzeptionen bis zu praktischen Erfahrungen.

HerausgeberInnen

Das Herausgeberteam besteht aus renommierten Medienwissenschaftlerinnen und Medienwissenschaftlern: Marlis Prinzing (Macromedia-Hochschule), Matthias Rath (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg), Christian Schicha (Mediadesign Hochschule Düsseldorf) und Ingrid Stapf (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) haben die die facettenreichen Texte des Sammelbandes zusammengetragen.

Entstehungshintergrund

Die Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) sowie das Netzwerk Medienethik haben im Jahr 2013 eine Fachtagung veranstaltet. „Eine große Zahl der hier veröffentlichten Texte entstand aus den Beiträgen der Vortragenden“, heißt es im Einleitungskapitel.

Aufbau

Das Werk besteht aus einer Einleitung und insgesamt 22 Fachtexten. Die Aufsätze zur Medienethik gliedern sich in folgende Buchteile:

  • Fachgeschichte und Zukunft
  • Begriffe, Theorien und Systematisierung der Medienethik
  • Mediale Spannungsfelder und Anwendungsfelder im Fokus
  • Neuvermessung Medienregulierung
  • Theorie-Praxis-Transfer und Methoden
  • Institutionalisierung der Medienethik, Aus- und Weiterbildung

Inhalt

„Die Interviewanfragen an Medienethiker haben zweifellos zugenommen“, schreibt Rüdiger Funiok Bezug nehmend auf diverse Medienskandale der Vergangenheit. Dass solche tagesaktuellen Wortmeldungen aus wissenschaftlicher Sicht zwar interessant, aber nicht hinreichend konstitutiv für Forschung und Fortentwicklung sind, liegt auf der Hand. Der vorliegende Sammelband nimmt sich des Problems an, dass moderne Medienethik einer Ausrichtung bedarf, die dem modernen Mediengeschäft gerecht wird. Insbesondere wird die Frage aufgeworfen, welche Rolle Medien für die „Stakeholder“ (also die Nutzer) spielen und welche sie spielen sollen. Larissa Krainer widmet sich dazu beispielsweise einer Bestandsaufnahme von Fachartikeln. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass sich der medienethische Diskurs „primär als innerwissenschaftliche Debatte ohne nähere Koppelung an die Praxis“ darstelle. Sie plädiert unter anderem für eine Renaissance der wissenschaftlichen Erhebungsmethode der „teilnehmenden Beobachtung“.

Bernhard Debatin befasst sich in seinem Beitrag mit dem „disruptiven Effekt“ für den Journalismus durch die Popularisierung des Internets. Durch die Reduktion von Vielfalt, Angebot und Qualität professioneller Medien gebe es eine „erhöhte Gefahr der Kompromittierung journalistischer Standards“. Debatin wirft in diesem Zusammenhang nachhaltig die Frage nach einer künftigen Finanzierung von Journalismus auf. Stephen J.A. Ward stellt unterdessen kritisierend fest, dass Funktionslogik und Ethik von Medien bloß in einem regionalen oder nationalen Kontext gesehen wird, nicht aber in einem globalen. Jessica Heesen spricht hier von neuen Formen der Öffentlichkeit, die das durch Jürgen Habermas „etalierte normative Konzept von Öffentlichkeit als interpersonalem Diskurszusammenhang“ in Frage stellen.

In mehreren Beiträgen wird der Begriff der Ethik hergeleitet, eingeordnet und für den Bereich der Analyse von Medien nutzbar gemacht. Nina Körberer setzt sich mit dem Aspekt „angewandter Ethik“ auseinander, während Saskia Sell den Aushandlungsprozess kommunikativer Freiheiten thematisiert und für anonymisierte Diskurse plädiert. Christian Schicha weist darauf hin, dass Öffentlichkeit in einem Prozess immer neu manifestiert wird. Natascha Rother beschreibt eine Zunahme medialer Skandalisierung und die Ratlosigkeit im Journalismus, wie man damit umgehen solle.

In Bezug auf eine moderne Medienregulierung wird unter anderem von Stephan Russ-Mohl der „Media Accountability“ ins Gespräch gebracht. Damit sei unter einem verhaltensökonomischen Blickwinkel die Bereitschaft der Medien zur Rechenschaftslegung gemeint, die seiner Meinung nach unzureichend ausgeprägt sei. Marlis Prinzing und Roger Blum machen auf Vorschläge einer EU-Expertengruppe zur Einrichtung nationaler „Medienräte“ aufmerksam, konkreter fordert Ingrid Stapf eine zentrale Hotline als ständige Anlaufstelle alle Bürger – diese Stelle könnte dann Medienverstöße sammeln und ahnden.

Peter Welchering beklagt, dass „das Gespräch zwischen der journalistischen Praxis und der Medienethik nie richtig in Gang gekommen ist“. Marlis Prinzing nähert sich der Praxis medienethischer Kontrolle mit Hilfe von dem, was einleitend von Rüdiger Funiok als zunehmend häufig charakterisiert wurde: Mit Hilfe von Interviews. Nachdenklich zeigen sich darin unter anderem Lutz Tillmanns (Presserat), Ruth Hieronymi (WDR-Rundfunkrat), Anton Sahlender (Leseranwalt Main-Post) und Thomas Mrazek (Deutscher Journalisten-Verband).

Diskussion

Die Suche nach einem umfassenden Konzept zur Begründung und Anwendung von Medienethik ist derzeit eine komplexe Herausforderung. Die verschiedenen Blickwinkel, die in dem Sammelband präsentiert werden, dürften in subjektiver Betrachtung mal mehr, mal weniger sachdienlich für diese Suche sein. Einige Aspekte jedoch weisen den Weg zu einer Ziel gerichteten wissenschaftlichen Diskussion, wobei zu Recht darauf hingewiesen wird, dass die Forschung über aktiven Journalismus bislang zu zaghaft in Angriff genommen wird.

Fazit

Medienethik hatte sich in der Vergangenheit mit einer übersichtlicheren Anzahl von Medienprodukten zu beschäftigen als heute. Der Anteil, den Massenmedien an der Herstellung von Öffentlichkeit haben, nimmt ab. Das wirft die Frage auf, wie man in einer konvergenten Medienwelt ethische Fragestellungen bearbeiten soll. Expertinnen und Experten beschreiben, welche Grundlagen in einer modernen Medienethik nicht fehlen dürfen. In den meisten Beiträgen bleibt es nicht bei einer bloßen Bestandsaufnahme, es werden auch konkrete Anregungen für eine Etablierung eines wirkungsmächtigen medienethischen Diskurses gegeben.


Rezensent
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 02.08.2016 zu: Marlis Prinzing, Matthias Rath, Christian Schicha, Ingrid Stapf (Hrsg.): Neuvermessung der Medienethik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-3002-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19045.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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