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Marius Busemeyer: Bildungspolitik im internationalen Vergleich

Cover Marius Busemeyer: Bildungspolitik im internationalen Vergleich. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2015. 178 Seiten. ISBN 978-3-8252-4409-5. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
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Thema

Wenn auch zurzeit die Debatte um Flüchtlinge und Migration das alles überlagernde Thema der politischen Debatte ist, so sind nach wie vor die Bildung und Bildungspolitik herausragendes Thema in der Bundesrepublik. Die hohe Zahl von Studienanfängern und Studierenden, der wachsende Zustrom an die Gymnasien, die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage in der dualen Berufsausbildung, die Qualität des Bildungswesens u.v.m. stellen das Bildungssystem und die Bildungspolitik weiterhin vor große Herausforderungen, obwohl seit den ersten PISA Ergebnissen viel in Bewegung geraten ist. Man denke nur an die fast geräuschlos vollzogene Umgestaltung des Kindergartens von einer Betreuungs- und Erziehungsinstanz zu einer „Vorschule“. So ist es sicherlich nützlich, jenseits aller quantitativen Vergleich einen Blick auf die Bildungssysteme und Bildungspolitik in anderen Ländern zu werfen. Dies tut Busemeyer. Die vergleichende Policy Forschung der Bildung bietet die Möglichkeit, im internationalen Vergleich Gemeinsamkeiten, Unterschiede und mögliche Entwicklungspfade zu rezipieren, zu analysieren und ein zu ordnen.

Es handelt sich hier um ein Lehrbuch. Der Stand der Forschung wird dargestellt und diskutiert, zentrale Begriffe werden in Kästen erläutert und jedes Kapitel schließt mit einer Auswahl weiterführender Literatur. So ist die Abhandlung denn auch aufgebaut.

Aufbau

Zunächst werdendie Fragestellung und der Ansatz der vergleichenden Analyse dargelegt. Daran schließt sich die Erläuterung der wissenschaftlichen Grundlagen der vergleichenden Methode in der Politikwissenschaft an.

Es folgt das deutsche System im internationalen Vergleich. Dies umfasst auch die kompakte Auseinandersetzung in drei Fallbeispielen mit den Bildungssystemen in Deutschland, England und Schweden.

Darauf folgt eine Diskussion um die Verknüpfung von Bildung und Sozialpolitik.

Bevor Fazit und Ausblick gezogen werden, greift Busemeyer noch zwei Aspekte auf: einerseits die Internationalisierung und Europäisierung, andererseits die Dezentralisierung und neuere Steuerungsformen der Bildung.

Die Frage, ob der Sozialinterventionsstaat ein Ausweg sein könne rundet das Kapitel „Neue Trends und Entwicklungen“ ab.

Inhalt

Im Kapitel „Methodologische und theoretische Grundlagen den Vergleichs“ handelt Busemeyer die Grundlagen der quantitativen und qualitativen Methoden ab. Als zweitens werden die wesentliche Erkenntnisse zur vergleichenden Policy Forschung erklärt: der Ansatz des institutionellen Vergleichs, der „akteursorientierte(n) Perspektive“ und die Machtressourcentheorie.

Die Untersuchung der Bildungssysteme stellt die quantitativen Indikatoren dar:

  • Bildungsausgaben in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Ländervergleich und im zeitlichen Verlauf differenziert nach öffentlichen und privaten einschließlich der gesonderten Listung der Ausgaben für Hochschulen;
  • Grad der Bildungsbeteiligung: Studierendenquote, berufliche Bildungsgänge unterschieden nach gesamt und duale Ausbildung; und
  • PISA Ergebnisse von 2012 und deren Veränderungen seit 2000.

Die Varianzen werden an den Zusammenhängen von BIP/Kopf und Bildungsausgaben und Frauenerwerbsbeteiligung in 2010 erläutert und deren Abhängigkeiten aufgezeigt.

Als nächstes folgt die Untersuchung der Institutionen des Bildungssystems. Diese haben einen Einfluss auf die Machtverteilung zwischen den Interessengruppen, die in Gesellschaft und Bildung involviert sind. Die „Parteidifferenztheorie“ spielt ebenfalls eine Rolle in der Analyse der Bildungspolitik, da je nach Regierungsbeteiligung ja die unterschiedlichen parteipolitischen Grundsätze ihren Niederschlag in der Umsetzung ins Bildungssystem finden. Dabei ist natürlich zu unterschieden zwischen eher zentralistischer Mehrheitsdemokratie und eher föderalen Demokratieformen. Die Kommunen sind ebenfalls in das System von Entscheidungen, Maßnahmen, Kontrolle und Investitionen eingebunden.

Die Fallbeispiele Bundesrepublik, Schweden und England stellen die konkrete Situation in den Ländern dar. Diese Auswahl ist nicht willkürlich, sondern verdankt sich dem Umstand, dass sie exemplarisch für unterschiedliche Bildungssysteme und ebenso für die o.g. Demokratieformen. Die ausführlichen Fallstudien zeichnen die gesamte Bildungswesen von Vorschule bis zur Weiterbildung auch in den wesentlichen historischen Entwicklungsschritten nach sowie die politischen Weichenstellungen. Für die Bundesrepublik ist eine große Kontinuität mit „Phasen erhöhter Reformaktivität“ fest zu halten. Für England resümiert Busemeyer erhebliche Änderungen hin zu mehr Privatisierung und Liberalisierung des Bildungswesens. In Schwedens Bildungspolitik macht sich der Zusammenhang zwischen sozial- und bildungspolitischen Zielen dominierend bemerkbar: Bildung für alle und gemeinsames Lernen.

Bildung findet nicht nur auch den Hintergrund sozialer Faktoren statt sondern wirkt ebenso auf sie zurück. Der Zusammenhang zwischen sozialer Stellung und Bildungs-Outcome ist hinlänglich dokumentiert. Hieß es in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, das katholische Arbeitermädchen vom Lande ist benachteiligt, so steht heute das Migrantenkind aus „bildungsfernen Schichten“ aus der Stadt exemplarisch für Bildungsbenachteiligung. Wenn es aber diese Wechselwirkung zwischen Bildung und sozialem Status gibt, wie gehen die verschiedenen Modelle wohlfahrtsstaatlicher Prägung damit um? Der Umgang wird gemessen an dem Maß von Dekommodifizierung und Stratifizierung in dem sozialdemokratischen, dem liberalen und dem konservativen Modell oder Regime. Je nach Regime ist der Verknüpfung lockerer oder loser. Das zeigt sich besonders im Sektor des Arbeitsmarktes und seines Bezugs zum Bildungssystem. Was sich auch an den institutionellen Zuständigkeiten der verschiedenen Akteure nach weisen lässt. In Bezug auf die „Outcomes“ bildungspolitischer Anstrengungen ist festzuhalten, dass das Bildungssystem und seine Struktur wesentlichen Einfluss auf die angestrebten Ziele haben. Das System kann dazu beitragen, sozial unterschiedliche Ausgangslagen nicht zu zementieren sondern gleiche Bildungschancen zu ermöglichen.

Die Zusammenhänge der verschiedenen Bildungssektoren mit der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik werden an den Modellen kapitalistischer Gesellschaften – koordinierte und liberale Marktwirtschaft – durch dekliniert. Dieser VoC Ansatz (Varieties of Capitalism) erklärt den funktionalen Zusammenhang von Sozialstaat und Berufsbildungssystem: ein ausgebauter Sozialstaat geht einher mit einem ausgebauten Berufsbildungssystem.

Eine internationale und europäische „Dimension“ ist „schleichend“ oder offensichtlich schon seit längerem zu konstatieren. Schon vor Bologna und PISA u.a. gab es internationale Vergleiche und Programme; als Beispiele sein hier aufgeführt deutsch-französischer Jugendaustausch oder Programme des DAAD im Hochschulwesen. Supranationale Institutionen wie die EU haben über den Europäischen Sozialfond und Programme wie Erasmus indirekt Einfluss genommen auf nationale Entwicklungen. Dieser Trend hat sich insofern beschleunigt, als diverse bildungs- bzw. arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ergriffen wurden. Exemplarisch stehen hierfür: Der Europäische Qualifikationsrahmen und der deutsche auf der Basis von ersterem, Bologna Prozess, Maßnahmen im Bereich der Steuerung, Qualität und Entwicklung des Bildungswesen sind nicht zuletzt angestoßen durch PISA, TIMSS und andere stehen hier als wesentliche Meilensteine für die Entwicklungen der letzten Jahre. Neue Steuerung im Schul- und Hochschulwesen und Dezentralisierung von Kompetenzen und mehr Wettbewerb sind Maßnahmen, Qualität im Bildungswesen zu befördern. Fazit dieses Kapitels ist, dass die internationalen Trends und Regelungen zurückwirken auf die nationalen Bildungsakteure, sie in ihren Reformbemühungen befördern. Sie andererseits aber ermöglichen, ihre eigenen Vorstellungen zu internationalisieren (deutsche duale Ausbildung als Exportmodell!). Die internationale Perspektive trägt zum Transfer und zur Diffusion von Politikansätzen im Bildungssektor bei.

Schließlich wird das Modell des Sozialinterventionsstaates verglichen mit dem neoliberalen Modell. Die aktivierte Sozialpolitik setzt auf Anreize und Strukturen, soziale Gerechtigkeit zu realisieren. Sozialpolitik ist nicht mehr Kostenfaktor. Sozialpolitik ist Investition in die Zukunft: frühe und hohe Investitionen in Bildung vermeiden soziale Folgekosten und erwirtschaften hohe Bildungsrenditen. Bildungsinvestitionen als das Mittel zur Behebung sozialer Probleme: kann das funktionieren? Jedenfalls ist die Frage nicht eindeutig theoretisch zu beantworten, denn es stehen ja nicht nur weitere soziale und wirtschaftliche Herausforderungen an, die mit Ausgaben im Bildungsbereich konkurrieren. Busemeyers Ausblick ist da optimistisch: längerfristige Reformstrategie können durch die Internationalisierung „Rückenwind“ bekommen und umgesetzt werden.

Fazit

Busemeyer liefert einen kompakten Einstieg und Überblick über den Gegenstand: vergleichende Policy Forschung auf dem Gebiet der Bildungspolitik und des Bildungswesens. Für Studierende sozial- wirtschaftlicher und erziehungswissenschaftlicher Studiengänge ebenso geeignet wie für sonstige Interessierte, die sich mit dem komplexen Thema Bildungspolitik, ihrer Institutionen, Strukturen, Akteuren, internationalen Bezügen und den Zusammenhängen mit anderen Sektoren der Politik aus einander setzen wollen oder müssen.


Rezensent
Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Karl-Ludwig Kreuzer. Rezension vom 18.01.2016 zu: Marius Busemeyer: Bildungspolitik im internationalen Vergleich. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2015. ISBN 978-3-8252-4409-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19050.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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