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Jan Wienforth: Professioneller Habitus in der Jungen-Arbeit

Cover Jan Wienforth: Professioneller Habitus in der Jungen-Arbeit. Zwischen Reproduktion und Dekonstruktion bestehender Geschlechterkonstruktionen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 203 Seiten. ISBN 978-3-86388-097-2. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Thema

In der vorliegenden empirischen Studie stehen Orientierungen von in der Jungenarbeit tätigen Fachkräfte im Fokus.

Aufbau

Das Werk ist in fünf Kapitel gegliedert.

Das erste Kapitel fungiert gleichzeitig als Einleitung, in der knapp skizziert wird, welche Relevanz dem Thema beigemessen wird und warum (S.9-11).

Im zweiten Kapitel werden theoretische Grundlagen (darin u.a. Perspektiven auf Geschlecht, Männlichkeiten, Intersektionalität, Jungen, bestehende Geschlechterkonstruktionen u.a.m.) diskursiv erläutert (S. 13-48).

Das dritte Kapitel stellt das empirische Konzept vor (S. 49-64), während das vierte Kapitel die Auswertungslinien konturiert (S. 65-170). Im fünften Kapitel oszilliert das Fazit zwischen Reproduktion und Dekonstruktion (S. 171-177). Das Literaturverzeichnis rundet das Werk ab.

Inhalt

Jan Wienforth beschreibt und untersucht auf ca. 160 Seiten, an welchen Konzepten und Theorien, aber auch an welchen Haltungen und Rahmenbedingungen sich Fachkräfte in der Jungenarbeit orientieren. In der Einleitung wird dazu auf mangelnde bzw. unzureichende empirische Datenlage verwiesen und die Notwendigkeit der vorliegenden Studie daraus abgeleitet.

Im zweiten Kapitel werden theoretische Hintergründe diskutiert. In mehreren Unterkapiteln werden dazu folgende Leitiden in Zusammenhang mit der Jungenarbeit gebracht: (bisherige) theoretische Perspektiven auf Geschlecht, Männlichkeiten, Intersektionalität, Jungen, bestehende Geschlechterkonstruktionen, Jungenarbeit, Handlung und Handlungsorientierungen, aber auch Reproduktion bestehender Geschlechterkonstruktionen.

Im dritten Kapitel wird das empirische Design vorgestellt und erläutert. Angelegt als qualitativ-rekonstruktive Studie dient die Gruppendiskussion als Erhebungsverfahren, die dokumentarische Methode (nach Bohnsack) als Auswertungsverfahren.

Im vierten Kapitel werden Ergebnisse der Studie ausführlich vorgestellt. In 2 Clustern werden darin Jungenarbeit und Geschlecht bearbeitet, und entsprechende Habitusformen abgeleitet. Wienforth identifiziert darin 2 Gesamthabitus-Formen (Richtige Männer, Benachteiligung (deren Habitus deckungsgleich erscheinen) und Differenzierung).

Das fünfte Kapitel ist als Fazit konzipiert und changiert zwischen Reproduktion und Dekonstruktion.

Diskussion

Inhaltlich beginnt der Band mit dem 2. Kapitel und liefert darin eine theoretische Zusammenschau auf mehrere Leitideen. Wienforth fokussiert zum einen in den theoretischen Perspektiven auf Geschlecht auf Theorien wie Konstruktivismus (genauer: Sozialkonstruktivismus) und daran anschließend dekonstruktivistische Ansätze, verweist aber gleichzeitig darauf, dass andere (und in weiten Teilen der Gender Studies angewandte) theoretische Perspektiven ausgeklammert bleiben. Erklärt wird die vorgenommene Exklusion mit dem Rahmen der Arbeit, was freilich keine Erklärung (und schon gar keine befriedigende) darstellt.

Im Unterkapitel zu Männlichkeiten werden zwar verschiedene theoretische Konzeptionen von Männlichkeit erwähnt, diskursiv dargestellt aber ausschließlich das Connellsche Mänlichkeitskonzept. Nach dieser überaus knappen Skizzierung (und eine ausführlichre wäre hier im Sinne eines Überblicks wünschenswert gewesen) konturiert Wienforth das Konzept der Intersektionalität auf einer Seite, um dann (relativ übergangslos) zum Unterkapitel Jungen überzugehen. Wienforth nimmt hier eine Definition zu Jungen vor, die in Ansätzen tautologisch erscheint: „Jungen sind Kinder und Jugendliche, die von ihrer Umwelt und durch vereinbarte biologisch-medizinische Indikatoren als ‚männlich‘ definiert werden und/oder sich selbst – unabhängig von anderen Definitionen – (zumindest auch) als ‚männlich‘ verstehen und sich aufgrund dessen in ihrer Entwicklung in besonderer Weise mit Geschlecht und Männlichkeit resp. den gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen diesbezüglich auseinandersetzen (müssen)“ (S. 27, Hervorhebungen durch Wienforth). Mal abgesehen davon, dass Wienforth diese Definition eher als Definitionskorridor verstanden wissen will, bleibt doch erklärungsbedürftig worin die „besondere Weise“ besteht und inwiefern sich ausschließlich Jungen mit Männlichkeit auseinandersetzen müssen (oder sollen oder können oder wünschen oder …). Daran schließt sich (etwas übergangslos) als fünftes Unterkapitel zu bestehenden Geschlechterkonstruktionen an, auf das im 8. Unterkapitel zurückverwiesen wird. Weitere, darin eingeschobene Unterkapitel fokussieren Jungenarbeit, Handlung und Handlungsorientierungen. Insgesamt erscheint das 2. Kapitel als Versuch, die Vielzahl der im Begriff Geschlecht aufscheinenden und oszillierenden Perspektiven einzufangen. Eine etwas stringentere Ordnung wäre für Lesende des Buches vielleicht angenehmer.

Im dritten Kapitel wird das empirische Konzept vorgestellt. Als Erhebungsverfahren für die vorliegende Studie wählte Wienforth das Verfahren der Gruppendiskussion (nach Bohnsack), dessen theoretische Herleitung er kurz konturiert. Im dritten Unterkapitel wird das Auswertungsverfahren (die Dokumentarische Methode nach Bohnsack) kurz vorgestellt. Erst anschließend erfolgt die Darlegung des Erkenntnisinteresses der Studie, während im letzten Unterkapitel der Rekonstruktionsprozess der Studie vorgelegt wird.

Das bei weitem das umfangreichste vierte Kapitel stellt die Auswertung der empirischen Daten vor. Die befragten Fachkräfte der Jungenarbeit in heterogener Zusammensetzung wurden zu Haltungen und Meinungen befragt. Ihre Daten wurden zu 2 Clustern zusammengefasst. Im ersten Cluster erscheinen Komponenten des professionellen Habitus mit Fokus auf Jungenarbeit. Als beteiligte Komponenten wurden Jungenarbeit, Professionalität, Handeln und Veränderung und Perspektive auf Jungen identifiziert (jeweils mit eigenen Teilkomponenten). Im zweiten Cluster erscheinen Komponenten zum Komplex Geschlecht. Beide Cluster werden differenziert dargestellt nach den identifizierten Habitusformen (und den angeschlossenen Interpretationen). Im Anschluss an die Clusterdarstellung erfolgt die differenzierte Darstellung der 2 aufgefundenen Habitusformen (Richtige Männer und Benachteiligung – Differenzierung). In beiden Habitusformen werden die Cluster rekonstruiert dargestellt. Der Gesamthabitus „Richtige Männer – Benachteiligung“ ist nach Wienforths Rekonstruktion als regressiv-identitätsstärkender Ansatz einzuschätzen. „Die Habituskomponente zum Mann-Sein bestimmt die Gemeinsamkeit von Männern in biologisch männlicher Anatomie. Innerhalb dieser Kategorie kann es Vielfalt geben, allerdings nachrangig zur Biologie“ (S. 164). Wienforth ordnet zudem den Habitus der Richtigen Männer – Benachteiligung als wenig professionell ein. Diese Einordnung stützt sich auf eine (rekonstruierte) „… Vorstellung von Professionalität, die weitgehend ohne fachlich, theoretische Impulse sowie empirische Erkenntnisse auskommt … Es finden sich kaum Orientierungen, die ein methodisches, planvolles fachlich begründetes und ethisch verantwortliches Handeln umfassen“ (S. 165). In der Bewertung des Reproduktionspotenzials schätzt Wienforth mit Blick auf die heteronormative, dichotome und biologistische Perspektive das Potenzial als sehr hoch ein. Der Habitus Differenzierung unterscheidet sich hingegen vom Habitus „Richtige Männer – Benachteiligung“ durch differenziertere Betrachtungsweise auf Jungen (und deren Verhaltensweisen) mit einem klaren Fokus auf Befähigung zur Selbstdekonstruktion. Kontrastierend zum Habitustyp der „Richtigen Männer“ wird im Habitustyp „Differenzierung“ eine biologische Perspektive abgelehnt und die Prozesshaftigkeit betont. Homogenisierende Pauschalaussagen werden zugunsten intersektionaler Differenzierungen abgelehnt. Wienforths rekonstruierte Habitusform „Differenzierung“ ist letztlich durch ein hohes Maß an Professionalität gekennzeichnet, das Wienforth in Aspekten wie Genderkompetenz, Fachwissen und geringer Komplexitätsreduktion verortet.

Im fünften Kapitel werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten dargestellt, Konsequenzen für Theorie und Praxis der Jungen_arbeit vorgestellt und auch Konsequenzen für das Verständnis von Jungen_arbeit aufgezeigt. Wienforth bezeichnet als entscheidendes Ergebnis der Studie, dass professionelle Orientierungen zum und im Feld der Jungen_arbeit großes Potential zur Reproduktion bestehender, heteronormativer Geschlechterkonstruktionen haben können, aber auch eine Gegenposition dazu beziehen können. „Aus den Ergebnissen folgt für die Fachkräfte in der Praxis die Notwendigkeit, sich mit ihren eigenen impliziten und expliziten Orientierungen auseinanderzusetzen und diese (selbst-)kritisch zu reflektieren“. Problematisch daran mag erscheinen, dass sich die Angehörigen des Habitus der „Richtigen Männer und Benachteiligung“ selbst möglicherweise als reflexiv einschätzen, die Aufforderung also möglicherweise wirkungslos verpufft. Die von Wienforth angerissenen Fragen und Anknüpfungspunkte zu weiterer Praxisforschung erscheinen dennoch dabei ambivalent. So wird zum einen angefragt, ob Jungenarbeit nur von Männern geleistet werden kann – diese Frage scheint aber bestehende (implizite) Geschlechterkonstruktionen, Stereotypen und Klischees (die sehr wohl wirkmächtig in der Praxis erscheinen – die empirische Studie belegt das) zu stützen als explizit zu hinterfragen. Wienforth selbst verneint das vorsichtig: „Ausgangspunkt ist hierbei, dass Jungen_arbeit sich nicht (mehr) durch ein Setting (Männliche Fachkraft arbeitet mit einer Gruppe Jungen) und nicht mehr durch die persönlichen Motive männlicher Fachkräfte definieren darf“ (S. 174).

Fazit

((bitte hier eine Rückübersetzung des Summary ins Deutsche – Fazit und Summary sollten sich entsprechen.))

Summary

Jan Wienforth analyses male social workers´ professional habitus when working with boys. His empirical study can be categorized along the lines of critical male studies while prompting advances: Male social workers should reflect on their motivation (and thus influencing boys) and the theoretical / practical field of social work for and with boys could (and maybe should) include more perspectives among the areas of diversity studies. His study is recommended for use in teaching gender studies as well as for practical use.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 12.05.2016 zu: Jan Wienforth: Professioneller Habitus in der Jungen-Arbeit. Zwischen Reproduktion und Dekonstruktion bestehender Geschlechterkonstruktionen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-86388-097-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19056.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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