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Ruth Michalek: Elternsein lernen

Cover Ruth Michalek: Elternsein lernen. Zur Bedeutung des Normalisierens bei transformativen Lernprozessen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 367 Seiten. ISBN 978-3-8474-0659-4. D: 43,00 EUR, A: 44,30 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Thema

Die Autorin befasst sich in diesem Werk eingehend mit dem Elternsein auf einer eher abstrakteren Ebene; und zwar insbesondere fokussierend auf den Punkt, wie Eltern ihr Elternsein lernen.

Autorin

Dr. Ruth Michalek ist Erwachsenenbilderin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat nach dem 1. Staatsexamen für das Realschul-Lehramt Diplom-Pädagogik studiert, an der PH Freiburg promoviert, Lehraufträge in Bozen und Toronto ausgeführt und ist seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft an der PH Freiburg.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch beschreibt die Methodologie und Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, bei welcher es um die Frage geht, wie Eltern ihre Elternschaft erlernen. Hier hat die Autorin Eltern befragt und aus den teilstrukturierten narrativen Interviews und aus über einen längeren Zeitraum geführten Elterntagebüchern entsprechende Rückschlüsse gezogen; und zwar auf der Grundlage der Grounded Theory Methodology von Anselm Strauss und Juliet Corbin.

Aufbau

Das Werk ist in insgesamt fünf Teile untergliedert.

  1. Studie – Einleitung
  2. Das Lernen von Eltern – Inhalte
  3. Formen des Lernens mit Normalisieren
  4. Funktionen des Normalisierens
  5. Elternlernen und Elternbildung – Zusammenschau der Ergebnisse

Es enthält dabei insgesamt neunzehn Abschnitte, welche wiederum kleingliedrig in zahlreiche Unterpunkte strukturiert sind. Zum Schluss wird das Transkriptionssystem beschrieben und ein siebenseitiges Literaturverzeichnis vorgelegt. Neben den Textausführungen gibt es eine Reihe an Abbildungen, Tabellen und Graphiken sowie Auszüge aus den Interviews, welche die Analyse der Autorin unterstützen.

Inhalte

Zu Beginn stellt Ruth Michalek sehr gut Elternschaft in den aktuellen gesellschaftlichen Kontext und schafft es dabei, ihren Forschungspunkt hinsichtlich seines Bedarfs treffend zu beschreiben. Sie erläutert ausführlich ihre Forschungsfragen und beschreibt, dass sogenannte habits – d.h. Fertigkeiten, Verhaltensdispositionen, Einstellungen und Haltungen, die in der Interaktion mit der Umwelt erworben werden – Einfluss auf die Elternschaft haben. Die habits seien sensible Impulse, die Väter und Mütter für spezielle Anregungen zugänglich machen, ohne dass dies den Eltern direkt bewusst ist. So müssten Eltern zu Beginn ihrer Elternschaft erst einmal lernen, „in welchen Umgebungen Elternsein welche Bedeutungen enthält“ (S. 52). So konnte Ruth Michalek in ihrer Untersuchung herausstellen, dass Eltern ihre Elternschaft tatsächlich als total neue Erfahrung einschätzen und diese vor allem im Kontrast zur Berufstätigkeit setzen.

Des Weiteren würde den Eltern deutlich werden, dass Elternschaft nicht mehr rückgängig zu machen sei und sie sich immer wieder auf fremde Situationen einstellen müssen. So müssten auch Tätigkeiten zeitlich neu strukturiert werden und erhielten eine ganz neue Dominanz. Demnach verändert sich nicht nur der zeitliche Rhythmus, sondern auch die Tätigkeiten an sich. Prägnant sei, dass man als Eltern weniger Zeit für sich persönlich als auch für sich als Paar zur Verfügung habe. Man komme in eine Doppelrolle, dass man sowohl selbst viel als Eltern lernt, die persönlichen Erfahrungen neu ordnen muss und zugleich die Kinder zu führen hat.

Die immer wieder an Eltern herangetragene Verantwortung für die Kinder stelle ein besonderes Phänomen dar. Anhand einer Dreieck-Graphik verdeutlicht Dr. Ruth Michalek, dass Eltern immer drei Punkte im Fokus haben müssen;

  1. sie haben sich ein Bild von ihrem Kind zu machen,
  2. sie müssen ihr Selbstbild als Eltern entwerfen und
  3. schließlich sollten sie Repertoire an Handlungsmöglichkeiten und -routinen entwickeln.

Dabei – und das ist der Kern des Buches – kommt es immer wieder zur Strukturierung, ob etwas als normal angesehen wird oder eben nicht. So können Einschätzungen von sich als Eltern, vom Kind oder auch von Handlungsmöglichkeiten dazu führen, dass man meint, man müsse etwas dazu lernen oder aber man sieht es als normal an und sieht dann keine Veranlassung dazu, etwas zu verändern. Dies könne dann besonders hinderlich sein, wenn man die Erfahrungen über Elternschaft in der Kindheit nicht in Frage stellt.

Des Weiteren stellt Dr. Ruth Michalek überzeugend heraus, dass das Normalisieren auch dazu führt, dass ein Lernen in der Elternschaft verhindert wird. Andererseits könne Normalisieren auch als Ressource verstanden werden, wie die Autorin im vorletzten Kapitel eingehend beschreibt. Denn Normalisieren reduziere die Komplexität und die Last eines Problems, es gibt Orientierung, es steigert das Selbstvertrauen und schützt gegenüber anderen. Hier nutzt Dr. Ruth Michalek auch vortrefflich ein klarstellendes Schaubild, ehe sie im abschließenden Teil des Werks herausstellt, welche Anregungen sich aus der Studie für die Elternbildung in Deutschland ergeben.

Ihre qualitative Studie stellt Dr. Ruth Michalek auf Basis der pragmatistischen Lerntheorien von Dewey und die Theorie des transformativen Lernens von Mezirow auf.

Diskussion

Dieses Werk ist beeindruckend gut gegliedert und theoretisch fundiert, wobei schon aufgrund des Hineinnehmen der Transkriptionen in die Diskussion ein klarer Praxisbezug bestehen bleibt. Die Ausführungen von Dr. Ruth Michalek erfordern eine konzentrierte Lektüre und sind wissenschaftlich ausgesprochen fundiert. Bei einigen Graphiken bzw. Tabellen wäre es gut gewesen, wenn die Darstellung beim Abdruck größer und klarer gewesen wäre.

Fazit

Im Gesamten ist dieses Buch ein gründliches, wissenschaftliches Werk, das den Grat zwischen Wissenschaftlichkeit und Hilfe für pädagogische bzw. psychologische Fachkräfte sorgfältig zu beschreiten versteht. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema wird sprachlich auf sehr hohem Niveau geführt. Möge diese Arbeit - neben dem zweifelsohne vorhandenen, weiteren Forschungsbedarf - Anstöße geben, in den pädagogischen Handlungsfeldern die Hintergründe und Komplexität des Lernens von Elternschaft mehr in den Fokus zu stellen und bei der Initiierung von Problembewältigungsstrategien und Unterstützungsangeboten fundierte Forschungsergebnisse einfließen zu lassen.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 18.03.2016 zu: Ruth Michalek: Elternsein lernen. Zur Bedeutung des Normalisierens bei transformativen Lernprozessen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0659-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19058.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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