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Birgit Bütow, María Luisa Gómez Jiménez (Hrsg.): Social policy and social dimensions on vulnerability and resilience in Europe

Cover Birgit Bütow, María Luisa Gómez Jiménez (Hrsg.): Social policy and social dimensions on vulnerability and resilience in Europe. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 167 Seiten. ISBN 978-3-86649-363-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 41,90 sFr.
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Thema

Während Armut und Ungleichheit zunehmen, betont Sozialpolitik gern die Eigeninitative der Individuen, die allerdings teils verletzlich (vulnerable), teils widerstandsfähig (resilient) geworden sind.

Herausgeberinnen und AutorInnen

Birgit Bütow ist Professorin für Sozialpädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Salzburg.

Maria Luisa Gomez ist Professorin für Verwaltungsrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Malaga.

Die weiteren Autorinnen und Autoren sind als Hochschullehrer oder Forscher in Deutschland (Jena, München, Eichstätt, Duisburg-Essen), Sankt Gallen, Groningen (Niederlande), Saint-Louis (USA), Sevilla und nochmals Malaga,sowie am norwegischen Telemark College tätig.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist in einem Netzwerk von europäischen Hochschulen entstanden, die gemeinsam Seminare und ein Masterprogramm durchführen. Ausgangspunkt war ein multilateraler Workshop im Jahr 2008.

Aufbau

Auf eine kurze Einführung folgen 13 Artikel, alle in englischer Sprache und und im Umfang von 10-15 Druckseiten, wobei einige durch dichtes Seitenlayout eine enorme Textmenge unterbringen.

Die ersten vier Beiträge befassen sich mit Vulnerabilität und Resilienz, die folgenden sechs mit den Konsequenzen daraus für die Soziale Arbeit. Der dritte Teil ist mit drei weiteren Beiträgen der sozialen Gerechtigkeit gewidmet.

Inhalt

Zunächst weist Nancy Kinney auf den in den USA, im Vergleich zu Deutschland und anderen europäischen Ländern, hohen Anteil „privater freiwilliger Sozialausgaben“, gemessen am Bruttosozialprodukt, hin.

Michael Opielka plädiert für das unbedingte Grundeinkommen, wobei er aber die konzeptionellen Probleme und Umsetzungsfragen ebenso klar benennt.

M. Karlsson ist überzeugt, dass der nordische Wohlfahrtsstaat absehbare Probleme durchaus bewältigen kann („Die „Hummel fliegt“), auch wenn zunehmend Leute die Motivation zur Arbeit verlieren oder Niedrig-Lohnjobs verschmähen, weil ihnen die Sozialleistungen genügen.

Maria Gomez referiert Umfragen, die belegen, dass ältere Menschen in Spanien nur dann in einem Seniorenheim leben wollen, wenn sie sonst allein wohnen und sich versorgen müssten. Unerlässlich ist dabei jedoch, dass der Staat den Bau von Heimen (ob in privater oder öffentlicher Trägerschaft) so fördert, dass auch Personen mit geringen Einkünften Zugang haben.

Maria de las Olas Garcia skizziert die Fähigkeiten, die jedermann hat, mit den Widrigkeiten des Lebens zurechtzukommen und daran zu wachsen (Resilienz). Sie fordert die Praktiker und Praktikerinnen der Sozialen Arbeit dazu auf, nicht nur die Nutzer sozialer Dienste zu stärken, sondern auch die eigene Resilienz zu reflektieren und zu pflegen. Cristina Villalaba Quesada schließt hier an und empfiehlt der Sozialen Arbeit, individuelle Stärken und Ressourcen der Gruppe und Verwandtschaft zu nutzen.

Konkreter berichtet dann Bert Gijsbers aus der Praxis der Sozialarbeit mit sog. Multiproblemfamilen. Das Assessment soll gerade auch der Familie selbst klar machen, welche Hilfe die Familienmitglieder brauchen, aber auch welche Bedürfnisse vorrangig sind. Großeltern, Nachbarn, Freunde sollen einbezogen werden. Die eigentliche Aufgabe heißt Empowerment; Ermutigen, positives Feedback geben, aber auch Reframing (neue Selbst- und Fremdwahrnehmung) gehören dazu.

Regine Derr und Beate Galm von Deutschen Jugendinstitut in München geben einen Überblick über Kinderschutz in Schweden, Portugal, Ungarn, den Niederlanden. Danach gibt es erhebliche Unterschiede insofern, als einige Systeme dazu neigen, übervorsichtig und misstrauisch zu sein, während andere wiederum sich passiv, abwartend zurückhalten – in der Regel im Einklang mit der öffentlichen Meinung und Rechtslage, aber auch Leistungsfähigkeit der Hilfesysteme.

Ein Ereignis ist traumatisch, wenn es lebensbedrohend ist und Gefühle der Furcht, Leere, Hilflosigkeit hervorruft. Bütow setzt diesen Sachverhalt in Verbindung mit Resilienz: Selbstwertgefühl, Ich-Kontrolle, Stressbewältigung einerseits, Bindungen in Familie und sozialen Netzwerken andererseits können dagegen wirken. Gerade Kinder sollten nicht als Opfer, sondern als aktive Überlebende gesehen werden.

Auxiliadora Duran Duran befasst sich ausführlich mit dem Burnout-Syndrom, das nach einer Umfrage in der EU das viert häufigste Gesundheitsproblem darstellt. Gerade auch soziale Berufe sind davon betroffen, dass Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Dies liegt weniger an den Personen, sondern meist an den Bedingungen am Arbeitsplatz.Offene Kommunikation ist oft ein wirksames Gegenmittel.

Karl August Chassé erinnert an die Erosion des sog. Normalarbeitsverhältnisses durch Befristung, Leiharbeit etc., auch an die „working poor““, die als „Aufstocker“ Hartz IV-Leistungen brauchen. Auf die Soziale Arbeit wirkt sich dies insofern aus, als sie Hilfe in prekäre Lebenslagen erbringen, d.h. Bürgerinnen und Bürger dazu anhalten soll, sich an die Anforderungen eines Arbeitsmarktes anzupassen. Das Problem der Massenarbeitslosigkeit bleibt, wird aber individualisiert.

Kessl/Reutlinger erörtern die soziale Segregation, Trennung der Milieus in urbanen Räumen, die sich letztlich auch in Gemeinwesenarbeit abbildet.

Im Abschlusskapitel von Birgit Bütow werden einige inhaltlichen Linien, auch kritisch (etwa zum Grundeinkommen) zusammengefasst. Sie pointiert soziale Gerechtigkeit dahingehend, dass Menschen selbst bestimmen können, was für sie „gutes Leben“ bedeutet.

Diskussion

Es ist natürlich eine Leistung, die Beiträge von vierzehn Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern und auf Englisch zusammenzubringen. Es ist aber ein Problem, wenn darunter die Aktualität so massiv leidet: Vom letzten Beitrag abgesehen geben die Beiträge die Daten und den Diskussionsstand von maximal 2010 wider. Die Wohnungsfrage in Spanien hat z.B. seither eine dramatische Entwicklung genommen, da Tausenden Arbeitslosen die Zwangsräumung drohte, aber schließlich einigermaßen abgewendet werden konnte. Die Harz IV-Debatte in Deutschland von damals ist hinlänglich bekannt.

Manche Beiträge bleiben recht vage: Daten und Fakten zur behaupteten Segregation oder Ghettobildung in deutschen Städten fehlen.

Manche Ausführungen sind zumindest missverständlich: So wird z.B. nicht klar, dass die Prozentsätze von Armutsrisiken in EU-Mitgliedstaaten, da sie jeweils auf diese bezogen sind, nur ein Maß für die soziale Schichtung im jeweiligen Land und die Umverteilungswirkungen nationaler Sozialpolitik sein können. Über die Wohlstandsniveaus (d.h. Kaufkraftbereinigtes Prokopfeinkommen, Lebensqualität und übrigens auch Zufriedenheit der Bevölkerung) machen sie keine Aussagen. Ungeklärt bleibt z.B. auch, was „Private Voluntary Social Spending“ sein könnte.

Der Beitrag zum Kinderschutz ignoriert ähnliche Zusammenstellungen (z.B. Weightmann/Weightmann in Scandinavian Journal of Social Welfare 4/1995). Zugleich verweist er zwar auf Arbeiten von Hetherington, die eine vortreffliche Methodologie des internationalen Vergleich entwickelt hat, nämlich die Fall-Vignette, wendet diese aber nicht an.

So interessant sprachlich sonst nicht zugängliche Originalbeiträge aus verschiedenen Ländern auch sein mögen: Vergleiche sind erst dann ergiebig, wenn sie von den gleichen Leitfragen ausgehen.

Fazit

Mit englischsprachigen Artikeln bietet der Band der deutschen Leserschaft interessantes Material zur Sozialen Arbeit und Sozialpolitik in Spanien, den Niederlanden, Norwegen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 28.09.2015 zu: Birgit Bütow, María Luisa Gómez Jiménez (Hrsg.): Social policy and social dimensions on vulnerability and resilience in Europe. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-86649-363-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19061.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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