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Ines Boban, Andreas Hinz (Hrsg.): Erfahrungen mit dem Index für Inklusion

Cover Ines Boban, Andreas Hinz (Hrsg.): Erfahrungen mit dem Index für Inklusion. Kindertageseinrichtungen und Grundschulen auf dem Weg. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 180 Seiten. ISBN 978-3-7815-2039-4. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin und der Herausgeber haben 2003 den englischen Index for Inclusion für die Schule übersetzt und veröffentlicht.

Herausgeberin und Herausgeber

Ines Boban ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Andreas Hinz Professor für Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik; beide an der Martin-Luther-Universität Halle. Die Mitautorinnen und Mitautoren sind Lehrerinnen und Lehrer, Beratungsfachleute für Inklusion und Wissenschaftler.

Thema

Der Band stellt einen Erfahrungsbericht über den Zeitraum von 2003 bis heute dar mit dem Ziel, die aktuelle Reichweite des Inklusionsprozesses für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen zu beschreiben und zu analysieren. Diese beiden Einrichtungen haben jeweils einen eigenständigen Index, die durch einen dritten Index für kommunale Angelegenheiten ergänzt werden.

Aufbau

Der Band mit 14 Beiträgen ist in fünf Kapitel gegliedert, aus denen im Folgenden unterschiedliche Gesichtspunkte zum Inklusionsprozess herausgearbeitet werden.

Zu 1. Grundlagen

Ines Boba und Andreas Hinz machen darauf aufmerksam, dass die Frage ob eine Schule bereits eine inklusive Schule sei, nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden kann. Vielmehr stellt der Index und die dortigen Indikatoren und Fragen die Basis für differenzierte Entwicklungsmöglichkeiten dar. Insofern ist Inklusion als Prozess zu verstehen mit dem Ziel, „dass es in der Bildung für alle Menschen Barrieren für Lern- und Partizipationsprozesse abzubauen gilt – und das ist das explizite Anliegen des Index für Inklusion“ (S. 17). Der Index bezieht sich in diesem Sinne auf alle relevanten Dimensionen von Heterogenität. Kritisch wird auf diesem Hintergrund die aktuelle Inklusionsdebatte und Inklusionspraxis in Deutschland gesehen, die sich nahezu ausschließlich auf den sonderpädagogischen Förderbedarf konzentriert und damit dem Anspruch z.B. auf ethnische Vielfalt nicht gerecht wird. Die deutsche Situation ist dann eigentlich nicht mehr als eine „Integration plus“.

Des Weiteren beschäftigt sich das Einführungskapitel mit der Umsetzung des Index in die schulische Praxis und schließt mit dem Abschnitt „Kern inklusiver Pädagogik: Lernprozesse gestalten“ (S. 33).

Zu 2. Erfahrungen – Schwerpunkt Kindertageseinrichtungen

Im Mittelpunkt der drei Beiträge steht der Index für Inklusion für Kindertageseinrichtungen (nicht zu verwechseln mit dem Index für Schulen). Beschrieben und analysiert werden Entwicklungsverläufe im Prozess der Inklusion. „Willkommenskultur“, „Teilhabe“ und ein Projektbericht zum Thema „Inklusion, Qualifikation, Assistenz und Netzwerk“ ergeben das Themenspektrum der Beiträge.

In dem Projektbericht von Jo Jerg, Sabine Kaiser und Stephan Thalheim wird auch die Form externer Begleitung und Moderation des Inklusionsprozesses dargestellt. Zehn Leitsätze im Sinne von pädagogischen Kommentaren stellen das Projektergebnis dar. Leitsatz 7: „Das Arbeiten mit dem Index regt dazu an, eine andere Perspektive einzunehmen. Es ermöglicht auch eine positive Wertschätzung für das, was an guten Ansätzen in der Einrichtung schon da ist, und hilft, vorhandene Grenzen zu überwinden“ (S. 69). Leitsatz 9: „Die Arbeit mit dem Index und die nachhaltige Umsetzung von entwickelten Lösungsansätzen benötigen Prozessbegleitung und Moderation von außen, um die Prozesse der Inklusionsorientierung in Gang zu halten, sie nicht durch alltägliche Herausforderungen aus dem Blick zu verlieren und kleine Schritte systematisch und kontinuierlich entwickeln zu können“ (S. 71).

Zu 3. Erfahrungen – Schwerpunkt Grundschule

Das Kapitel zur inklusiven Grundschule umfasst sieben Beiträge.

Dargestellt wird die Arbeit in Inklusionsgruppen, Arbeitsgemeinschaften und damit zusammenhängenden Verantwortlichkeiten. Aus Bremen wird eine Kinderschule (freie Alternativschule) von Philine Schubert und Johanna Germer vorgestellt mit einer Orientierung an Maria Montessori. Der Index wird dort als Schulentwicklungsinstrument eingesetzt und als Orientierung gebender „Nordstern“ bewertet. Tagungen zum Thema Inklusion setzen Akzente und führen zu vielfältigen Projekten.

Der Beitrag von Raymund Elfring und Georg Hermanns „Pädagogik der Vielfalt als Entwicklungschance – auf dem Weg zum gemeinsamen Lernen in Stolberg“ beschreibt diesen Weg als Weg zu einer inklusiven Schullandschaft. Getragen und begleitet wird dieser Prozess von der Regionalen Bildungsinitiative Stolberg zu der zehn Grundschulen, die Stadt Stolberg und die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft gehören. „Ziel des Projektes ist, die Teilhabe und Chancengerechtigkeit aller Kinder und Jugendlichen in ihren Schulen zu steigern“ (S. 110). Austausch, Unterstützung, Fortbildung, Evaluation, Ressourcennutzung und Ideenfindung waren und sind Aufgaben, die in diesen Regionalnetz gelöst wurden.

Der Beitrag „Der Index für Inklusion in Schulen, Schulbegleitung und Fortbildung in Schulen im Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“ in Brandenburg“ von Dörte Fandrey, Britta Funda, Petra Gutsche, Corrina Havenstein und Christiane Winter-Witschurke stellt ein 80 Grundschulen umfassendes Großprojekt vor. Die wissenschaftliche Begleitung hat die Universität Potsdam übernommen, die fachliche Unterstützung und Förderung kommt vom Landesinstitut für Schule und Medien. Strukturgebend für das im Mittelpunkt stehende Fortbildungscurriculum sind die drei Dimensionen des Index: Inklusive Kulturen, (z.B. wertschätzende Zusammenarbeit mit Eltern), inklusive Kulturen etablieren (z.B. kollegiale Unterrichtshospitation) und inklusive Praktiken (z.B. Lernentwicklungsplanung). Die Autorinnen berichten auch von Überlastungs- und Überforderungsängsten bei Fortbildungsgruppen, von Kooperationsproblemen zwischen beteiligten Berufsgruppen und von einem zu schnellen „Läuft alles. Gibt keine Probleme“ (S. 126). Angemahnt wird in diesem Projekt eine Fortführung der Inklusion in die Sekundarstufe.

Zu 4. Der Index für Inklusion als Basis für Qualifizierung und Unterstützung

Dieses Kapitel beginnt mit dem Beitrag „Externe Prozessbegleitung mit dem Index für Inklusion – wie lernt man das?“ von Barbara Brokamp. Diese Autorin begründet die Notwendigkeit externer Prozessbegleitung und stellt eine Qualifizierung für Beraterinnen und Berater vor. Qualitätskriterien dieser Fortbildung sind z.B.: Heterogenität und Vielfalt, der Index für Inklusion und die Bedeutung der dortigen Fragen, Vernetzung als Basis der Weiterentwicklung und Erhöhung von Verantwortungsübernahme.

Der Folgebeitrag von Robert Kruschel und Andreas Hinz skizziert ein solches Fortbildungsprojekt aus Schleswig-Holstein (InPrax – Inklusion in der Praxis). Auch hier bestätigt sich bei den Moderationstandems die Bedeutung des Index, wobei auch kritische Anmerkungen zu finden sind wie z.B. der Hinweis auf die hohe Komplexität des Index für Inklusion.

Zu 5. Zusammenfassung

Das letzte Kapitel fasst die einzelnen Beitrage zusammen und geht auf die jeweiligen Schwerpunkte ein. Boban und Hinz mahnen, den Index nicht zu einer statistisch auswertbaren Checkliste werden zu lassen und mahnen ebenso, nicht immer speziellere und kontextbezogene Fassungen des Index zu produzieren. „Insgesamt zeigt der Band, dass der Index für Inklusion ein breites Spektrum von Vorgehensweisen, Konstellationen, Blickrichtungen, Schritten und Aussagen ermöglicht (…)“ (S.175).

Diskussion

Die vorgelegte Zwischenbilanz zum Prozess der Inklusion kann durchaus als erfolgversprechend bewertet werden. Für Akteurinnen und Akteure im Inklusionsfeld ist dieses Fachbuch deshalb ermutigend auch oder gerade weil gelegentlich auf „Stolpersteine“ aufmerksam gemacht wird. Fortbildung, Vernetzung und externe Moderation sind wichtige Merkmale, die sich in den vergangenen zwölf Jahren herausgebildet haben. Bei dieser insgesamt positiven Bewertung muss doch kritisch angemerkt werden, dass in Deutschland zwei Inklusionsprozesse ablaufen. Die Inklusion behinderter Kinder und Jugendlicher, die sich in den öffentlichen Medien deutlich niederschlägt einerseits und der von Boban und Hinz beschriebene Umsetzungsprozess einer Pädagogik der Vielfalt andererseits. Diese eigentümliche Parallelität ist wenig inklusiv. Des Weiteren fehlt in dem Buch die Bearbeitung des schulischen Kerngeschäftes, nämlich des Unterrichts. Jedenfalls kommen diesbezügliche Analysen deutlich zu kurz. Offensichtlich ist auch noch ein erheblicher Forschungsbedarf vorhanden.

Fazit

Eine wichtige Veröffentlichung für Akteurinnen und Akteure in Kindertagesstätten sowie in der schulischen Inklusionspraxis. Dies gilt aber auch für Studierende für das Lehramt sowie für Studierende in sozialen Berufen, die sich auch auf die Schule und Kindertageseinrichtungen ausrichten.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 21.09.2015 zu: Ines Boban, Andreas Hinz (Hrsg.): Erfahrungen mit dem Index für Inklusion. Kindertageseinrichtungen und Grundschulen auf dem Weg. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2039-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19071.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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