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Marie-Luise Conen: Zurück in die Hoffnung („Multiproblem­familien“)

Cover Marie-Luise Conen: Zurück in die Hoffnung. Systemische Arbeit mit „Multiproblemfamilien“. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. 304 Seiten. ISBN 978-3-8497-0072-0. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Autorin

Marie-Luise Conen, Diplom-Psychologin und Master of Education ist Familientherapeutin / Systemische Therapeutin der ersten Stunde. Seit vielen Jahren ist sie Förderin und „Funktionärin“, Praktikerin und Theoretikerin, Beraterin / Therapeutin, Dozentin und Supervisorin in Sachen Familientherapie / Systemische Therapie. Sie ist Gründerin und Leiterin von „context – Institut für systemische Therapie und Beratung“ in Berlin (www.context-conen.de/) und eine Frau mit stets eigenem Sinn, radikal in des Wortes ursprünglichem Sinne: den Dingen an die Wurzel gehend.

Einem breiten Leserkreis ist sie bekannt geworden durch drei ebenfalls bei Carl-Auer erschienene und wiederholt aufgelegte Bücher:

  1. „Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden“ (5. Aufl. 2011; socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/451.php),
  2. (zusammen mit Gianfranco Cecchin) „Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden?“ (3. Aufl. 2014; socialnet-Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/5143.php), „Ungehorsam – eine Überlebensstrategie“ (2. Aufl. 2014; socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/12396.php)
  3. sowie ihre bei Lambertus (Freiburg) publizierte Streitschrift „Kinderschutz. Kontrolle oder Hilfe zur Veränderung?“ (2014; socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/18152.php).

Wiederholte Auflagen eines Buches zeugen von verstärktem Interesse, ohne dass doch schon ausgemacht wäre, dass dies auf ausgewiesene Fachlichkeit hinwiese. Betrachten wir daher, welches Gewicht die Autorin in der einschlägigen Fachliteratur hat. Ein gewichtiges! Zur Illustration: In Iris Winkelmanns 2014 ebenfalls bei Carl-Auer erschienenem Buch „Systemisch-ressourcenorientiertes Arbeiten in der Jugendhilfe“ ist im Literaturverzeichnis niemand öfter vertreten als Marie-Luise Conen.

Thema

Neben den genannten Büchern hat Marie-Louise Conen Artikel veröffentlicht und (unveröffentlichte) Vorträge gehalten, die in ihrer Breite aber nur wenigen bekannt sein dürften, da die publizierten Arbeiten über verschiedene Zeitschriften mit unterschiedlichem Leserkreis verstreut sind und nur wenige Zuhörer(innen) ihrer Vorträge waren. Im vorliegenden Buch sind an Bei- und Vorträgen die versammelt, die nach Urteil der Autorin die besten sind.

Entstehungshintergrund

Nach Angaben im Vorwort entstand die Idee zu diesem Buch, als die Autorin anlässlich ihres 65. Geburtstages (Oktober 2014) Überlegungen anstellte, eine Best-of-Sammlung der ihr wichtig erscheinenden eigenen Aufsätze heraus zu bringen, was sie denn auch getan hat. Eine echte Alternative zu einer „Festschrift“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei mit römischen Ziffern gekennzeichneten Kapiteln mit insgesamt 17 Beiträgen, die in den Jahren 1988 – 2014 als Vorträge (2) oder als Zeitschriftenartikel bzw. als Sammelschriftbeiträge (die übrigen 15) der Öffentlichkeit bekannt wurden.

Diesem Buchkern voran steht ein kurzes Vorwort, das Hinweise zur Entstehungsgeschichte des Buches, Auswahlkriterien für die vorliegende Sammlung sowie Hinweise zu einzelnen Beiträgen bietet. Den Abschluss bilden ein Verzeichnis der in den voran stehenden Beiträgen verwendeten Literatur, das Quellenverzeichnis der Originalartikel sowie eine kurze Notiz Über die Autorin.

Kapitel I. Ideen enthält acht Beiträge; die Originale waren in den Jahren 1988 – 2005 publiziert worden. Unter den Beiträgen finden sich jene vier, die die Autorin im Vorwort eigens hervorhebt:

  • „Wenn Heimerzieher zu nett sind“ (1996),
  • „Sexueller Missbrauch aus familiendynamischer Sicht“ (1997),
  • „‘Unfreiwilligkeit‘ – ein Lösungsverhalten“ (1999) und
  • „Familien (sich) Veränderungen zutrauen“ (2005).

Die weiteren vier Beiträge sind

  • „Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) am Wendepunkt“ (1993),
  • „Systemische Aspekte der Kooperation der SPFH“ (1990),
  • „Ablösung und Beendigung in der SPFH“ (1988) sowie
  • „Aufsuchende Familientherapie, eine Hilfeform bei Problemkarrieren“ (1999).

Im ersten Kapitel sind Arbeiten der Autorin versammelt, die sie als Impulse verstanden wissen wollte – und bei manchen auch so auch so gewirkt haben. Exemplarisch dafür steht der Beitrag „Unfreiwilligkeit – ein Lösungsverhalten“. Der war 1999 in der honorigsten deutschsprachigen Zeitschrift für Familien- und Systemischen Therapie, der „Familiendynamik“ veröffentlicht und 2008 im einem „Familiendynamik“-Sonderheit als einer von 13 richtungsweisenden Artikeln wieder abgedruckt worden. Völlig zu Recht. Denn was Marie-Luise Conen hier behandelt, sind Grundfragen jeder Form „Helfender Beziehung“ (Psychotherapie, Soziale Arbeit u.a.m.): Kann man mit „unmotivierten“ Klient(inn)en überhaupt arbeiten? Ist Arbeit in „Zwangskontexten“ denn möglich?

In II. Gegenrede sind sieben Beiträge versammelt, von denen der erste und letzte auf Vorträgen aus den Jahren 2013 bzw. 2014 beruhen, die übrigen fünf auf Publikationen der Jahre 2000 – 2012. Deren gemeinsamer Geist ist mit „Gegenrede“ gekennzeichnet und was es mit dieser Kennzeichnung auf sich hat, vermittelt prägnant gleich der erste Beitrag „Aufsuchende Familientherapie – Bilanz und Versuch einer Neujustierung“, der auf dem die context-Tagung 2013 eröffnenden Vortrag „Aufsuchende Familientherapie – Fragen und Antworten?!“ beruht und der Autorin nach ihren Ausführungen in der Einleitung besonders am Herzen zu liegen scheint:

„Meine schon lange bestehende Kritik an den Entwicklungen in der Aufsuchenden Familientherapie habe ich in einem neuen, umfangreichen Beitrag ausgeführt. Mir bereitet es große Sorge, was aus einem einstmals innovativen Modell inzwischen nicht nur aufgrund der erschwerenden Rahmenbedingungen, sondern auch aus Unkenntnis der ursprünglichen Intentionen gemacht wurde. Daher möchte ich hier ganz besonders pointiert meine Gegenrede einbringen, mit der ich mich als deutsche ‚Begründerin‘ zur Wehr setzen möchte gegen die Vereinnahmung meines Arbeitsansatzes in von mir nicht-gewünschte Richtungen.“ (S. 11)

Die nachfolgenden sechs Beiträge sind ganz im Geiste solcher „Gegenrede“ verfasst: „‘Aus paritätischen Gründen suchen wir einen männlichen Kollegen‘ – Eine Idee, die Frauen in sozialen Berufen diskriminiert und auch nicht systemisch gedacht ist“ (2000), „Zum gegenwärtigen und vergangenen Nutzen und Missbrauch von Genogrammen“ (2006). „Therapeutisierung der Sozialarbeit“ (2006), „Was ist los in der Jugendhilfe“ (2006), „Was ist los in den Jugendämtern?“ (2012) und „Alles systemisch?“ (2014).

Unter III Rekonstruktionen finden sich zwei Beiträge: „Systemische Familienrekonstruktion“ (1993), in dem die Autorin ihre spezifische Variante der Familienrekonstruktionsarbeit vorstellt und „Deutsche Familiengeschichten – deutsche Vergangenheiten“ (2002), wo Marie-Luise Conen, die selbst keine Jüdin ist und in ihrer Familiengeschichte keine jüdischen Spuren findet, am Beispiel ihrer eigenen (Familien-)Geschichte vor Augen führt, was es heißt, im Land der Täter Familienrekonstruktionsarbeit zu betreiben.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist eine Sammlung der – nach Eigeneinschätzung - bedeutsamsten Schriften einer profilierten deutschen Vertreterin eines systemischen Zugangs zur Sozialen Arbeit und einer engagierten Verfechterin einer nachhaltig wirksamen Arbeit mit mehrfach belasteten Familien („Multiproblemfamilien“), zu denen Soziale Arbeiter(innen) mit üblichen Methoden und auf ausgetretenen Pfaden schwerlich Zugang finden („Hard to Reach-Familien“). Die Zahl solcher Familien steigt mit jedem Flüchtlingstreck, der unser Land erreicht. Als die Autorin das vorliegende Buch konzipierte, waren diese noch nicht denkbar; sie haben dem Anliegen des Buches eine unerwartete Brisanz gegeben.

Welche einzelnen Beiträge bei unterschiedlichen Leser(inne)n – und bei denen auch durch wechselnde Interessensschwerpunkte schwankend – von größerem Interesse sind als andere, hängt vom Einzelfall ab. Für mich stachen zwei Beiträge hervor. Einmal „Deutsche Familiengeschichten – deutsche Vergangenheiten“, was wohl daher rührt, dass ich mit der Autorin eine hohe Wertschätzung einer (experienziellen) Familienrekonstruktion teile, wir beide vergleichbaren Jahrgangs sind und ein gesundes Interesse auch an unserer eigenen Familiengeschichte haben. Zum Anderen: Den Beitrag „Aufsuchende Familientherapie – Bilanz und Versuch einer Neujustierung“ halte ich, der ich mich um die Thematik ebenfalls gekümmert habe (vgl. Heekerens, 2008a, 2008b, 2009, 2011, 2012; Heekerens & Ohling, 2007), für hoch bedeutsam: Ohne seine Kenntnis kann jede zukünftige Diskussion für die hiesige Aufsuchende Familientherapie nicht mehr auskommen.

Für eine weitere Auflage, die dem Buch nur zu wünschen ist, gibt es zwei Veränderungsvorschläge. Der erste gilt bestimmten Passagen der Einleitung. Dort weist die Autorin auf Beiträge im Buch hin, ohne dass in jedem Falle eindeutig wäre, worauf sich ein Hinweis tatsächlich bezieht; eine Präzisierung wäre hilfreich. Der zweite Hinweis betrifft die „Umbauarbeiten“. In der Einleitung notiert die Autorin ja: „Mir hat es sehr viel Freude bereitet, die Aufsätze dahin gehend zu betrachten, wie weit sie heute noch Bestand haben, und diese umzubauen, wenn sie nicht mehr neueren Entwicklungen entsprachen.“ (S. 10)

Diese „Umbauten“ sind selbst aufmerksamen Leser(inne)n mit einiger Vorkenntnis nicht immer klar erkennbar. Das führt zu Informationsverlust. Würden die „Umbauten“ klar markiert sein (wofür es mehrere einfache Möglichkeiten gibt), wäre der Gewinn ein doppelter. Einmal könnte man die Beiträge in ihrer Originalität wahrnehmen, als Produkt ihrer Entstehungszeit, ihres „Kontextes“ lesen – und damit abschätzen können, was ihr jeweiliger historisch bedeutsamer Beitrag war. Zum anderen wäre es möglich, angesichts der von der Autorin vorgenommenen „Umbauarbeiten“ einzuschätzen, welche Entwicklungen nach ihrer Bewertung denn nun tatsächlich „neu“, und zwar bedeutungsvoll „neu“ sind.

Fazit

Wer auch nur eines der eingangs genannten Bücher der Autorin mit Interesse und Gewinn gelesen hat, sollte das vorliegende Buch zur Hand nehmen und mit der Lektüre des sie / ihn vom Titel her am stärksten ansprechenden Beitrages beginnen. In Bibliotheken von Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit darf das Buch nicht fehlen. Ist schon zumindest eines ihrer früheren Bücher vorhanden, so ist das neue eine gute Ergänzung. Und wo ihre Schriften bislang fehlten, wäre Gelegenheit zu einem guten Start.

Literatur

  • Heekerens, H.-P. (2008a). Aufsuchende Familientherapie. Eine Herausforderung für die Erziehungsberatung. Informationen für Erziehungsberatungsstellen, 2008, H. 2/08, 15-23.
  • Heekerens, H.-P. (2008b). Effektivität aufsuchender Familien-fokussierter Interventionen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 57, 130-146.
  • Heekerens, H.-P. (2009). Möglichkeiten aufsuchender Formen von Familientherapie durch Erziehungsberatungsstellen. Erziehungsberatung aktuell – Mitteilungen der LAG Bayern, H. 1/2009, 23-35.
  • Heekerens, H.-P. (2011). Wirksamkeit und Kosteneffektivität aufsuchender familienbezogener Arbeitsweisen bei Problemlagen von Kindern und Jugendlichen. In M. Müller & B. Bräutigam (Hrsg.), Hilfe, sie kommen. Systemische Arbeitsweisen im aufsuchenden Kontext (S. 28-40). Heidelberg: Carl-Auer.
  • Aufsuchende familienbezogene Vorgehensweisen und Gemeindepsychologie – historische und systematische Betrachtungen. Forum Gemeindepsychologie, 2012, 17(1) (www.gemeindepsychologie.de/fg-1-2012_03.html).
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2007). Die Aufsuchende Familientherapie: eine eigenständige Hilfe zur Erziehung. Neue Praxis, 37, 502-515.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 20.10.2015 zu: Marie-Luise Conen: Zurück in die Hoffnung. Systemische Arbeit mit „Multiproblemfamilien“. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. ISBN 978-3-8497-0072-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19073.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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