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Ulrike Helmer: Muschiland. Exkursionen in eine kulturelle Intimzone

Cover Ulrike Helmer: Muschiland. Exkursionen in eine kulturelle Intimzone. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2012. 175 Seiten. ISBN 978-3-89741-271-2. 14,95 EUR.
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Autorin und Herausgeberin

Ulrike Helmer verlegt seit 1987 Bücher. Herzensangelegenheit sind ihr die weiblichen Lebenszusammenhänge, die in romanform, mit Biografien, historischen Werken sowie Fachliteratur zur Geschlechterforschung sichtbar gemacht werden.

Entstehungshintergrund

Feministische Forschung und Gender Theorie hat sich vor allem im Wissenschaftsbetrieb etabliert was zur Folge hat, dass diesbezügliche Publikationen nur wenige Frauen erreichen. „Muschiland. Exkursionen in eine kulturelle Intimzone“ ist im Bestreben geschrieben und verlegt worden, feministische Inhalte – in diesem Fall die Thematik rund um Vulva und Vagina – in Alltagssprache zu übersetzen und so für alle zugänglich zu machen.

Das Buch will Frauen und Mädchen dazu einladen, sich ein eigenes Bild zu machen. Es will sie zu eigenen Körperbildern und Wünschen begleiten und ihnen helfen, sich nicht von Zerrspiegeln blenden zu lassen und somit auch Modeerscheinungen wie Intimfrisuren, Piercings oder unnötige Genitaloperationen kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. Und vor allem; es will benennen: Vulva, das schon lange bekannte und von Fachleuten benutzte Wort für´s äussere Genital, soll von den Frauen auch im Alltag selbstbewusst benutzt werden.

1. Körperwelten

  • Die Autorin plädiert dafür, das Wort Vulva ins Alltagsvokubalar aufzunehmen, statt weiterhin Worthülsen, Verhunzungen, Verniedlichungen zu gebrauchen.
  • Die Frauenkörper seien grenzenlos aufhübsch-/umstylebar, trainier-/verjüngbar, bleach-/bräunbar zu-/abnehmbar, enthaarbar, also zu Objekten eines allgegenwärtigen sexuell wertenden Blickes geworden. Frau sieht nur dann gut aus, wenn ihr Aussehen sie auch sexy erscheinen lässt. Im Zuge dieser Entwicklung verliere der Körper jedes Recht, so akzeptiert zu werden, wie er von Natur aus ist.
  • Ein globales Körperprojekt, massgebend ist das westliche Schönheitsideal, gemessen an dem was uns täglich vor Augen geführt wird. In Fitschi beispielsweise, entwickelten binnen drei Jahren nach der Einführung des Fernsehens 1995, nicht weniger als 11,9 Prozent der jungen Mädchen willentlich herbeigeführtes Erbrechen, um ihre Körper denen der Fernsehdarstellerinnen anzugleichen.
  • Die Autorin schlägt vor, zunächst einmal offen für die Selbstentdeckung zu sein, statt gleich auf „Optimierungskurs“ zu gehen.

2. Nackte Fakten

  • Kurze Anatomie der Vulva, des äusseren Genitales. Jede Vulva hat eine individuelle Gestalt. „Die Bandbreite des normalen Aussehens ist riesig“, schreibt Ulrike Helmer.
  • Die Autorin ruft auch wieder einmal in Erinnerung, dass die Klitoris nicht nur das sichtbare Perlchen ist, sondern sich in einem pyramidenförmigen Schwellgewebe im Körperinnern fortsetzt. Auch bedeckt die Klitoris einen grossen Teil der Vorderwand der Vagina.
  • Die Klitoris hat den Zweck ihre Trägerin zu ermutigen, ihr Sexualleben selbst in die Hand zu nehmen.
  • Die promovierte Sozialwissenschafterin und u.a. Romanautorin Eva Heller nimmt die Lesenden auf einen witzig ausführlichen Aufklärungs-Spaziergang mit. Auszug aus ihrem Roman „Welchen soll ich nehmen?“.

3. Feuchtgebiete

  • Das weibliche Genital ist nicht trocken. Es beherbergt Schweissdrüsen um Hitze abzuführen, es sondert Talg aus um die Haut geschmeidig zu halten. Das Genitalsekret besteht aus Wasser, Eiweiss, Leukozyten und Schleimstoffen und ist kein toxisches Stoffwechselprodukt wie Kot oder Urin. Mit anderen Worten: die Vagina ist ein sauberer Ort, Ausfluss ist normal und kein Grund zur Scham.
  • Eine gesunde Frau ist nicht geruchsneutral, sondern riecht nach Frau.
  • Die freie Autorin und Hippologin Brigitte Schulz liefert einen Beitrag aus ihrem gleichnamigen Buch „Slipeinlage. Das offene Buch über Sex und seine kleinen Hindernisse“. Rund ums Thema Slipeinlagen oder wie sie vor dem Sex diskret entsorgt werden oder wie der Sex zwischen Mann und Frau bis in skurrilste Details hinein geregelt ist. Ebenso humorvoll wie eindrücklich.

4. Ein Bild von einer Frau

  • Der klitorale Sinn liegt darin, Lust wie auch das Fehlen von Lust anzuzeigen. Schon junge Mädchen sollten lernen auf ihr persönliches Lustbarometer zu achten und das was sie bemerken auch zu respektieren.
  • Doktorspiele wie früher seien out, heute hätte Körperentdeckung unmittelbar und unvermittelt mit dem Geschlechtsakt zu tun.
  • Schon Kinder, Mädchen ebenso wie Knaben, werden durch die allgegenwärtigen Bilder darin geprägt, was Sex haben heisst: Performen von jeder emotionalen Beteilung losgekoppelt, statt zuerst zu empfinden.
  • Vorspielen von Sexyness will geübt sein: Drei und vier jährige Mädchen üben sich in Pole Dance. Solcherart können Mädchen kein natürliches aus sich selber geschöpftes Selbstbewusstsein erlangen, sondern es geht darum, wie sie aufgeilen, bzw. sich passend verhalten, bewegen und posen.
  • Die Intimzone ist nicht mehr für dich und mich in ihrer vertrauten Gestalt einfach da, sondern muss für taxierenden fremden Blick hergerichtet werden, so dass sie anmacht und sexy ist.

5. Schmuck an der Perle?

  • Von rund 3200 Befragten, die sich gerne piercen lassen würden, wünschte sich die Hälfte aller Frauen in den Vierzigern ein Brustwarzenpiercing, drei Prozent der Frauen zwischen 20 und 29 ein Genitalpiercinng. Die Bereitschaft, sich ohne Not einer schmerzhaften Prozedur zu unterziehen steigt, stellt die Autorin fest. Tatoos und Piercings seien eine Verletzung der natürlichen Körpergrenze, oder eine Form der Autoaggression.
  • Helmer stellt fest: Frauen, die über die Genialität ihrer Genitalien Bescheid wissen und sie lustvoll selbst geniessen, können stolz auf ihren „puren“ Körper und seine Einzigartigkeit sein.

6. Alles machbar

  • Das gerade aktuelle Ideal der kindlhaften Vulva, lässt Genital-OP´s boomen und zeigt damit gleichzeitig eine erschütternde Unsicherheit der Frauen auf, was ihr eigenes Genitale anbelangt. „Wie könnte eine an ihrem eigenen Leib derart verunsicherte Frau auf die Idee kommen, diejenigen, die ihre Intimausstattung nicht porno finden, als unter ihrer Würde zu betrachten und sie schlichtweg in die Wüste zu schicken?“ fragt die Autorin.
  • Verunsicherte Frauen suchen seit jeher das Problem vorwiegend bei sich selbst, nicht in den Fremdbildern und Zumutungen, die andere an sie herantragen.
  • Die heutigen Operationsmöglichkeiten entfernen Frauen noch weiter von der Selbstbestimmung über ihre Sexualität als alle bisherigen erotischen Zerrbilder und techniklastigen Sextipps zusammen.

7. Lustwüsten

  • Ulrike Helmer greift ein tabuisiertes Paradoxon auf: Der Westen verurteilt die weibliche Genitalverstümmelung/Beschneidung, aber gleichzeitig boomen hierzulande die unnötigen Genital-OP´s.
  • Die Ärztin Fana Asefaw promovierte und publizierte zum Thema „Genitalbeschneidung“. In ihrem Beitrag Beschnittene Migrantinnen und psychisches Leiden“ schildert sie Beschneidungspraktiken und -folgen und ordnet sie in kulturelle und soziale Kontexte ein.

8. Hymenkult

  • Selten liege die medizinische Unsinnigkeit einer Operation klarer auf der Hand als bei der Hymenrekonstruktion.
  • Wenn das Hymen zum Gradmesser für sexuelle Unberührtheit avancierte, obwohl die Hälfte der Frauen bei ihrem ersten Mal nicht bluten, so zeige sich darin die Erfolgsgeschichte eines Mythos. Mit fatalen Folgen für Millionen von Frauen, deren Status, Ehre, körperliche Unversehrtheit, ja deren Leben von der Interpretation einer Hautfalte abhängig gemacht wurde und bis heute davon anhängig ist.

9. Neue Frauenbewegungslust

  • Die Zeiten ähneln sich mehr als man ahnt. Nicht erst heute sollen Frauen mehr als hübsch, nämlich auch sexy sein, und sich entsprechend aufbrezeln. Schon in den sechziger Jahren wurde diese Art der Sexualisierung mit sexueller Befreiung verwechselt.
  • Als weiterer Lese-Leckerbissen aus Eva Hellers Roman „Welchen soll ich nehmen?“, zeichnet die Autorin die weibliche Genitalanantomie plastisch auf – anhand eines Wegwerffeuerzeugs.

10. Kulturgeschichte

  • Vom unverstellten Bewusstsein der Fruchtbarkeit und der Kraft der Vulva aus kultureller Sicht.
  • Die Philosophin und Kultur- und Gesellschaftsforscherin Heide Götter-Abendroth beschreibt in ihrem Beitrag „Inanna und der Gott der Weisheit“ die Geschichte von Inanna und wie sie die Herrin über Sumer wurde.

11. Lesben

  • Ulrike Helmer schreibt, dass vorwiegend Lesben die Wegbereiterinnen für die Wiederinbesitznahme des weiblichen Körpers waren und sie meint dass Lesben den Heteras einiges voraus waren, eine selbstbestimmte weibliche Körperlichkeit und Sexualität zu entdecken.
  • Helmer fragt, wie Lesben heute über ihre Körper und sexuelle Betätigung reden und zitiert aus einer Untersuchung von Regine Nössler und Claudia Gehrke.

12. Was benannt ist, wird auch sichtbar

  • Frauen und vor allem Mädchen brauchen klare Worte für ihr Geschlecht, wenn sie es angemessen wahrnehmen und sich darüber verständlich mitteilen möchten. „Wir sollten unseren Töchtern selbstverständlich und sogar mit Stolz sagen können, wie ihr Genital heisst.“

13. Das Beste zum Schluss

  • Ein Witz mit überraschendem Ausgang.

Diskussion

Ein wunderbares Buch für jede Frau. Ein Buch, das Mut macht, den eigenen Körper und seinen Ausdruck kennen und ernst nehmen zu lernen. Früher wie heute – wenn auch unterschiedlich motiviert – fehlte und fehlt bereits im Kindesalter weitgehend die wertschätzende und unterstützende Spiegelung von Aussen. Kommen später all die unsäglichen sexualisierten Bilder dazu, baut Frau darauf auf, statt auf dem Eigenerleben. So kann im Erwachsenenalter nur aufgrund von Selbsterfahrung und wertschätzenden weiblichen Spiegelungen Selbst-Bewusstsein und Selbst-Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper und mit der Sexualität entwickelt werden.

Ein Buch, das Männer darin bestärkt, (ihre) Frauen weiterhin mit liebevollem und wertschätzendem Blick, losgelöst von den zunehmenden Zerrbildern, zu betrachten. Männer sind meiner Erfahrung nach, meist nicht so lieblos und kritisch wie die Frauen selber. (bei adoleszenten Männern geht der Trend leider in eine andere Richtung). Wenn Männer die Zusammenhänge kennen, wie die Frauen sexualisiert werden, können sie noch mehr Verständnis für das ewige Gemecker der Frauen an Ihren Körpern aufbringen und sie darin unterstützen, diese fatale Unfreiheit zu durchbrechen und sich wirklich zu emanzipieren.

In diesem Zusammenhang verstehe ich das Kapitel „Lesben“ nicht ganz. Wer nun mehr Verdienst hat am wieder aneignen der Frauenkörper, ob es lesbisch oder heterosexuell lebende Frauen waren oder sind, scheint mir in diesem Zusammenhang etwas gesucht zu sein. Die Wahrnehmung dessen hat wohl eher mit dem Umfeld zu tun, in dem Frau sich bewegt. Diese Klassifizierungen wirken auf mich – und viele meiner Klientinnen – nach wie vor ausschliessend. Manche heterosexuell lebende Frau hat Hemmungen sich zu entdecken, weil irgendwo gespeichert ist, dass das lesbisch lebende Frauen tun. Und umgekehrt schreckt vaginale Selbstentdeckung Lesben ab, weil sie irgendwo gespeichert haben, dass die Vagina nur für Heteras von Wichtigkeit ist. Lasst uns doch diesbezüglich einfach Frau sein. Selbst-Bewusst und Selbst-Sicher; unsere Körper sind ein wunderbares Geschenk in ihrer ganzen Vielfalt in ihren breiten Empfindungsmöglichkeiten. Und lasst uns vor allen die Sprache unserer Körper verstehen statt um jeden Preis sexy sein zu wollen.

Fazit

„Muschiland“ zeigt die fatale Verwechslung von Sexualisierung und sexueller Befreiung auf und ermutigt Frauen selbstbewusst zu hinterfragen, selbstbestimmt zu handeln und sich selbstsicher über ihre Körper zu freuen.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 07.08.2015 zu: Ulrike Helmer: Muschiland. Exkursionen in eine kulturelle Intimzone. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2012. ISBN 978-3-89741-271-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19075.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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