socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Astrid Schreyögg: Supervision. Ein integratives Modell

Cover Astrid Schreyögg: Supervision. Ein integratives Modell. Lehrbuch zu Theorie und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. 399 Seiten. ISBN 978-3-8100-4099-2. 49,00 EUR, CH: 84,00 sFr.

Reihe: Lehrbuch.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-17343-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in Thema, Hintergrund und Autorin

Kaum jemand hat sich so verdient gemacht um eine systematische Darstellung in Lehrbuchform der Fächer Supervision und Coaching wie die Berliner Psychotherapeutin, Supervisorin und Coach Astrid Schreyögg. Dabei stellt sie ein integratives Supervisionsmodell vor, wie es in der "Petzold-Schule" erarbeitet worden ist. (Vgl. H. Petzold, Integrative Supervision, Meta-Consulting & Organisationsentwicklung). Schreyögg war Lehrtherapeutin für Gestalttherapie am Fritz-Perls-Institut in Düsseldorf. Seit 1978 leitet sie Ausbildungsgruppen für Supervision und Coaching in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien, sie war von 1979 bis 1995 Fachbereichsleiterin für Supervision an der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit und ist seit 1995 Koordinatorin für Supervision und Coaching bei der Deutschen Psychologen Akademie des BDP in Bonn. Mit ihren schriftlichen Arbeiten hat sie entscheidend zur wissenschaftlichen Präzisierung des Faches Supervision beigetragen. Ihr Lehrbuch ist inzwischen zu einem Standardwerk geworden, das, erstmalig 1991 bei Junfermann erschienen, mittlerweile in der 4. Auflage im VS Verlag für Sozialwissenschaften vorliegt.

Aufbau und Inhalt

Schreyögg teilt ihr Buch in vier Teile ein.

Der erste Teil schildert den "konzeptionellen Rahmen des Supervisionsmodells". Und beginnt mit "Modelltheoretischen Vorbemerkungen". Ein Blick auf die Überschriften von I,1 zeigt schon, dass Schreyögg wirklich "bei null" beginnt:

  • "Der Gegenstand von Supervision",
  • "Die Gegenstandsentwicklung von Supervision",
  • "Präzisierung des Gegenstandes von Supervision",
  • "Supervision als generelle Beratungsform für Praxis".

In diesem Abschnitt wird der Begriff "Supervision" geklärt, seine Begriffsgeschichte dargestellt, die Aufgaben von Supervision umrissen etc. Gerade auf dem Hintergrund einer Begriffsgeschichte, die sich aus mehreren Quellen speist, wird die Frage nach Theorie- und Methodenwahl unausweichlich. Schreyögg reflektiert auch diese Frage vorgängig zur Präsentation ihres eigenen Supervisionskonzeptes. Ein dritter Abschnitt ist der Frage nach den "ethischen Implikationen von Supervision" gewidmet - um so erfreulicher, als genau diese Frage viel zu selten gestellt und noch seltener zufrieden stellend beantwortet wird. In I,2 stellt die Autorin ihr eigenes "Modell der Integrativen Gestaltsupervision" vor. Sie folgt dabei der von Petzold erarbeiteten "Wissensstruktur" dieses Ansatzes: Meta-Modell - Theorie-Ebene - supervisionstheoretische Ebene - Praxeologie.

Im Teil II werden "Zentrale Theorie-Ansätze des Supervisionsmodells" reflektiert, namentlich Theorien zu Organisation und Theorien zur Interaktion, darunter auch psychoanalytische Ansätze, Übertragungs-/Gegenübertragungskonzepte, Widerstandskonzepte etc.

Teil III stellt "Zentrale Methodenansätze des Supervisionsmodells" dar, namentlich die Gestalttherapie und das Psychodrama, die beiden wichtigsten methodologischen Bausteine des Schreyögg'schen Modells. Ein drittes Element stellen die "Kreativen Materialmedien in der Supervision" dar. Die Verwendung analoger Medien kennzeichnet die Arbeitsweise dieses integrativen Konzeptes, es kann also sowohl als theorieintegrativ als auch als methodenintegrativ bezeichnet werden.

Teil IV schließlich ist der "Handhabung von Mehrpersonen-Settings im Supervisionmodell" gewidmet. Das mag irritieren, da die Gliederung bis zu diesem Punkt recht stringent dem "tree of science" (Petzold) folgt (Modelltheorie - Supervisionstheorie - Methodologie - Praxeologie), nun aber abweicht und sich Fragen des Settings zuwendet. Ich lese dieses Kapitel als einen besonderen Beitrag zum Thema "Praxeologie", denn Praktiker der Supervision wissen nur zu gut, dass Mehrpersonen-Settings wie Gruppensupervision und (mehr noch!) Teamsupervision ihre ganz eigene Dynamik haben, die mit einer dyadischen Supervisionsform nicht zu verrechnen ist. Im Abschnitt über Teamsupervision hat das Werk denn auch die deutlichste Erweiterung gegenüber der 3. Auflage erfahren, nachdem sich Teamsupervision als Beratungsform zunehmend durchgesetzt hat, aber gleichwohl manch eine Falle birgt, wenn man unreflektiert an sie herangeht. Einige Standorte für Fallen seien markiert:

  • der in diesem Zusammenhang übliche Dreiecksvertrag zwischen Supervisor - Supervisanden - auftraggebende (und zahlende) Instanz kann zu einem schwer zu durchschauenden Interessengemenge führen.
  • Im Team sitzt außerdem immer die Organisation mit in der Beratung: wie ist das Verhältnis zwischen Teamsupervision und Organisationsberatung zu sehen?
  • Bedeutet Teamsupervision in erster Linie Fallsupervision oder dürfen die Beziehungen innerhalb des Teams Thema werden?

Diese und andere Frage machen das spannende letzte Kapitel des Buches aus.

Zielgruppen

Astrid Schreyögg selbst nennt in ihrem Vorwort zur 4. Auflage drei Personengruppen, die das Buch bislang geschätzt haben: "Das sind zum einen berufstätige Supervisoren, die sich hier Anregungen holen, wie sie ihre Arbeit diagnostisch und methodisch erweitern können. Eine andere Gruppe von Lesern sind Diplomanden oder Doktoranden aus der Psychologie, Pädagogik oder Personalwirtschaft, die das Buch als konzeptionelle Folie nutzen, um ihre eigenen Gedanken zu entfalten. Eine dritte Gruppe schließlich sind Ausbilder von Supervisoren und ihre Ausbildungskandidaten." (S. 11) Das kann ich nur bestätigen. Für mich als Supervisor ist es immer wieder hilfreich, den Band als systematisch aufbereitetes Nachschlagewerk zu nutzen: "Wie war das noch mit den Widerstandskonzepten? Was waren noch mal die Grundannahmen des Psychodramas? etc." Außerdem schadet ein schlüssiges Theoriekonzept der praktischen Arbeit nur selten... Im wissenschaftlichen Diskurs über Supervision kommt man an Schreyöggs Standardwerk nicht vorbei. Für Ausbildungszusammenhänge liegt hier ein wunderbares Lehrbuch vor, das seinen Namen wirklich verdient - hilfreich für Ausbilder und Auszubildende gleichermaßen.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Damit ist zugleich das Urteil über die Tauglichkeit angedeutet: die steht meines Erachtens an keiner Stelle in Frage, ebenso wenig wie die Nützlichkeit. Ich kenne kein anderes Lehrbuch, das so systematisch und didaktisch gut gegliedert das Fach Supervision darstellt, auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau (was "in der Szene" nicht immer selbstverständlich ist) und mit einem hochrelevanten Literaturverzeichnis, das zu mancher Weiterarbeit einlädt. (Wobei in der neuen Auflage eben auch die aktuelle Literatur eingearbeitet ist, denn die fachliche Entwicklung von Supervision ist recht rasant) Was könnte man an einem so bewährten Buch kritisieren? Vielleicht dieses: die didaktische Aufbereitung bringt eine gelegentlich etwas zwanghafte Gliederung mit sich. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, Schreyögg sage alles mindestens dreimal, was daran liegt, dass sie zuerst ankündigt, was das nächste Kapitel bringen wird, es dann dort entfaltet und am Schluss noch einmal zusammenfasst. So viel Redundanz nervt hier und da - andererseits: wenn man sich nicht nerven lässt, hilft's dem Lernen!

Was noch? Vielleicht dieses: dass sich gelegentlich die Vertreter der von ihr (auch wohlwollend) dargestellten Positionen nicht gut verstanden fühlen, z.B. die des Psychodramas. Aber solche Kritik mündet schon in den wissenschaftlichen Diskurs und sprengt den Rahmen einer Rezension. Also bleibt es dabei: Tauglich, lesbar, nützlich, im theoretischen Entwurf und in der methodischen Konkretion sehr spannend.

Fazit

Gibt es eigentlich Supervisoren, die nicht irgendeine Auflage davon im Bücherschrank haben?


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 122 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 19.10.2004 zu: Astrid Schreyögg: Supervision. Ein integratives Modell. Lehrbuch zu Theorie und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8100-4099-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1909.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kinderbetreuer/in (m/w/d), Sankt Augustin

Abteilungsleitung (w/m/d) Berufliche Bildung, Wuppertal

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung