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Norbert Mucksch: Trauernde hören, wertschätzen, verstehen

Rezensiert von Mag. phil. Gabriele Erlach-Stickler, 08.10.2015

Cover Norbert Mucksch: Trauernde hören, wertschätzen, verstehen ISBN 978-3-525-40255-9

Norbert Mucksch: Trauernde hören, wertschätzen, verstehen. Die personzentrierte Haltung in der Begleitung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 127 Seiten. ISBN 978-3-525-40255-9. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.

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Thema

Das Buch ist einem vertiefenden Verständnis der „Personenzentrierten Haltung“ im Kontext der Begleitung trauernder Menschen gewidmet.

Autor

Norbert Mucksch ist Diplomtheologe, Diplomsozialarbeiter, Pastoralpsychologe und Fachbereichsleiter für „Sterbe-und Trauerbegleitung“ an der Bildungsstätte Coesfeld so wie Lehrbeauftragter an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Münster. Zusätzlich ist er als Berater, Moderator und Supervisor tätig. Er widmet sich seit vielen Jahren insbesondere trauernden Menschen und gilt daher zurecht auch als Experte in dieser herausfordernden Thematik.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem kurzen Vorwort von Michael Schlechtriemen, der insbesondere auf den hohen Stellenwert einer Beziehung und Begegnung hinweist, nicht nur für Sterbende, sondern auch für Trauernde und Hinterbliebene. Es geht in dieser Lektüre also um die Begleitung derer, die weiterleben und um die heilende Kraft einer Begegnung.

Autor Mucksch erwähnt im Rahmen einer kurzen Einleitung in die Thematik, dass Trauernde keine Therapie benötigen, da sie alles andere als krank sind, sehr wohl aber wachsame, verständnisvoll-einfühlsame und wertschätzende Mitmenschen als Begleiterinnen und Begleiter. Er wendet sich mit seinem Buch an die Zielgruppe der nichtprofessionellen Trauerbegleiter und betont Rogers´ Prämisse, dass mit anderen nicht wertschätzend umgegangen werden kann, wenn nicht auch respektvoll mit sich selbst, dem eigenen Tun, umgegangen wird.
Das Buch will also dazu beitragen, das eigene Verhalten zu reflektieren bzw. sich darüber bewusst zu werden, verbunden mit der Grundhaltung nach C. Rogers.

Im 1. Kapitel „Theoretische Grundlagen“ beleuchtet Mucksch wichtige biografische Details von Carl Rogers, der 1902 nahe von Chicago geboren wurde. So verweist er auf seine streng religiöse Erziehung und auf seine Studien der Agrarwissenschaft, Theologie und Psychologie. In der Arbeit mit straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen machte Rogers die Erfahrung, dass „Menschen Experten ihrer selbst“ sein können, sofern die notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung stehen.
Der Autor geht auf das Menschenbild hinter dem personenzentrierten Ansatz von Carl Rogers ein und betont, dass der Mensch grundsätzlich aus sich heraus gut und grundsätzlich zum Guten strebt. Die von Rogers beschriebene Selbstaktualisierungstendenz ist insbesondere auch in der Trauerbegleitung bedeutsam, da davon ausgegangen werden kann, dass alles zur Heilung Notwendige in der Person selbst liegt. Die personenzentrierte Begleitung hat in diesem Sinne ein positives Klima zu schaffen um den eigenständigen Entwicklungsprozess zu unterstützen.

Ein personenzentriertes Verständnis von Trauer geht davon aus, dass diese niemals nutzlos ist, als Prozess und Durchgangssituation gesehen werden kann, in der lebenswichtige Prozesse von Wachstum und Reife stattfinden – und das nicht nur für den trauernden Menschen sondern für eine menschliche Gemeinschaft, im Sinne einer Wandlungsenergie. Mucksch verweist dabei immer wieder auf Canacakis, ein Pionier in der Trauerbegleitung.
In weiterer Folge werden die „Personenzentrierten Grundannahmen“ dargelegt um ein tieferes Verständnis für eine Beratungshaltung zu gewinnen. Zu Beginn wird der zentrale Begriff, „Persönliches Selbstkonzept“, bestehend aus Realselbst und Idealselbst erklärt, der das Merkmal der Einzigartigkeit in sich trägt und im Wesentlichen durch frühkindliche Erfahrungen geprägt wird. Die hohe Bedeutung der subjektiven Erfahrungen wird für Trauerbegleiter verständlich erklärt und es geht darum, den trauernden Menschen zunächst einmal ganz banal anzuhören. Über das Hören ist es möglich in ein tiefes Verstehen zu gelangen, das den Ausgangspunkt für die Begleitung darstellt. Dieses aktive Zuhören im Kontext des einfühlenden Verstehens ist laut Rogers eine der mächtigsten Kräfte der Veränderung.
Anschließend wird die Trias der personenzentrierten Grundhaltung erklärt: Wertschätzung / Akzeptanz, Einfühlendes verstehen / Empathie/ Berührbarkeit sowie Echtheit / Authentizität gehören und wirken zusammen, klingen stimmig und harmonisch als Dreiklang, als Akkord.
Die drei zentralen Beratungsmerkmale werden anschaulich dargelegt und als notwendige Voraussetzung begründet, die Achtsamkeit als spezifischer Ausdruck der Wertschätzung in der Trauerbegleitung wird fokussiert hervorgehoben. Es geht sozusagen um die innere Haltung der Begleitpersonen, die letztendlich auch den so notwendigen Halt geben kann, im Rahmen einer Wegbegleitung. Der Autor verweist auf sehr bedeutsame philosophische Denker wie Martin Heidegger, Soren Kierkegaard und Anselm Grün und es wird klar warum diese achtsame Hinwendung eine Grundvoraussetzung darstellt.

Das Kapitel 2 beschäftigt sich fundiert mit Fallbeispielen. Der Autor stellt im Rahmen einiger Praxisberichte Querverbindungen her zwischen theoretischen Bezügen und personenzentrierter Haltung so wie der jeweiligen ganz besonderen Herausforderung. Die Beispiele zeigen sehr anschaulich ein übergroßes Spektrum der Bedürftigkeit trauernder Menschen, ebenso die Individualität von Erleben und Reaktionen und lassen den Leser verstehen, warum es notwendig ist, sich auf jede Begegnung „neu einzulassen“.

Kapitel 3 geht der Frage, „Was macht eine personenzentrierte Trauerbegleitung aus“ nach und gibt konkrete Hinweise für begleitende Menschen.

Es geht dabei um konkrete Handlungsempfehlungen für die Praxis, aufbauend auf theoretischen Grundlagen, die vor allem als Angebote gesehen werden können. Der Autor weist darauf hin, dass es sich dabei keinesfalls um Rezepte handelt sondern um ein Reflexionsinstrument für sich selbst. Ebenso soll dadurch keinesfalls die fachliche Begleitung und eine Supervision ersetzt werden.

Hervorgehoben werden eingangs grundlegende Prämissen einer Begleitperson, die als Qualität und Ressource in der Begleitung dienlich sind:

  • Das Bewusstsein von Unwissenheit („dumm“)
  • Zurückhaltung („faul“)
  • Zugewandtes Interesse („neugierig“)

Im Rahmen der Trauerbegleitung ist das Einnehmen einer „absichtslosen Aufmerksamkeit, einer achtsamen Offenheit“ und „ziellosen Achtsamkeit“ von großer Bedeutung. Das genaue Hinhören, Hinschauen und Hinspüren ermöglichen eine Absichtslosigkeit und Bewertungsfreiheit die letztendlich auch für den Begleitenden eine gewisse Entlastung darstellt.

Im dritten und praxisorientierten Teil wurde vermittelt, was Begleitende mitbringen müssen.

Im Anschluss daran, werden mögliche Fehlerquellen in der Gesprächsführung aufgezeigt – Muksch lehnt sich dabei an Wilfrid Weber an. Diese teilweise inadäquaten Verhaltensweisen erscheinen überspitzt formuliert, dies ist jedoch beabsichtigt – in einer Karikierung tritt das Unangemessene deutlicher in Erscheinung. Außerdem trägt diese katalogartige Fehler-Auflistung zur Selbstreflexion bei, die ja wiederum ein wesentliches Qualitätsmerkmal in einer begleitenden personenzentrierten Haltung darstellt. Der sogenannte „Lasterkatalog“ nach Weber (1996) enthält auszugsweise folgende Begriffe: Dirigieren, Debattieren, Generalisieren, Bagatellisieren, Moralisieren, Projizieren. Schwerpunktmäßig werden einige Begriffe im Anschluss näher erklärt und ermöglichen somit ein vertiefendes Verständnis für Begleitende.

Abschließend geht der Autor auf die Thematik Supervision in Verbindung mit Selbstsorge ein und verweist zusammenfassend nochmals auf die Bedeutung der „Berührbarkeit“ der begleitenden Menschen. Diese wiederum können sich im Rahmen einer Supervision oder internen (kollegialen) Fallbesprechungen einerseits hinterfragen und auch selbst schützen. Es geht also darum, Verantwortung für eine gute Balance zwischen Fürsorge und Selbstsorge zu übernehmen.

Was Trauernde wirklich benötigen, wird in Anlehnung an Schärer-Santschi dargelegt, Wünsche wie: einen geschützten Rahmen finden, angenommen werden, individuell gesehen und gehört werden aber genauso einmal ablehnend und vorwurfsvoll agieren dürfen.

Als Abschluss folgt ein Märchen für Trauerbegleitende aus der Sammlung der Gebrüder Grimm, verbunden mit einer sehr schönen und schlüssigen Interpretation dieser herausfordernden und wertvollen Begleitung.

Diskussion und Fazit

Dieses Buch habe ich mit Interesse und Neugierde gelesen! Der besonders feine und wertschätzende Schreibstil des Autors hat immer wieder ein Innehalten veranlasst, in dem die eigenen gemachten Erfahrungen mit den Textpassagen in Verbindung gebracht wurden. Es konnten so manche wertvollen Inhalte wiederum aus anderen Perspektiven wahrgenommen werden.

Besonders hervorzuheben ist, dass dieses anschauliche und leicht zu erschließende Buch für alle Menschen die sich in „Begleitsituationen“ befinden, wunderbar geeignet ist, ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Es eignet sich einerseits als Grundlagenwerk und andererseits als vertiefende Ergänzung zu einer Fachliteratur.

Rezension von
Mag. phil. Gabriele Erlach-Stickler
Diplomierte Gesundheits-und Krankenschwester; Pflegepädagogin; Studium der Pflegewissenschaften mit FK Bildungswissenschaften und Sonder- und Heilpädagogik an der Universität Wien; Praxisbegleiterin für Basale Stimulation in der Pflege; Dozentin für Mäeutik; derzeit tätig als Pflegepädagogin in unterschiedlichen Arbeitsfeldern und Aufgabenbereichen, in Theorie und Praxis.

Es gibt 3 Rezensionen von Gabriele Erlach-Stickler.

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Zitiervorschlag
Gabriele Erlach-Stickler. Rezension vom 08.10.2015 zu: Norbert Mucksch: Trauernde hören, wertschätzen, verstehen. Die personzentrierte Haltung in der Begleitung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-40255-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19092.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


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