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Siegrun Höhne: Vitalisierung in der Praxis

Cover Siegrun Höhne: Vitalisierung in der Praxis. Projektbeispiele aus Sachsen-Anhalt. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. 111 Seiten. ISBN 978-3-89974-972-4. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Das Buch behandelt ausgewählte Aspekte der Entwicklung ländlicher Räume – vornehmlich die in Ostdeutschland. Dabei sollten spezifische Entwicklungserschwernisse und Herausforderungen thematisiert und Perspektiven einer zukunftszugewandten „Revitalisierung“ ländlicher Regionen entwickelt werden. Die Autorin fordert dazu auf, die spezifischen Entwicklungspotenziale ländlicher Räume zu identifizieren und gezielt für eine Zukunftsgestaltung, unter Einbindung aller Akteursgruppen, zu nutzen.

Autorin

Frau Dipl.-Ing. Siegrun Höhne ist Studienleiterin an der Evangelischen Akademie in Sachsen-Anhalt in Wittenberg sowie Beauftragte für den ländlichen Raum und Umweltfragen der Evangelischen Landeskirche in Mitteldeutschland.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Schrift steht im Zusammenhang mit dem Verbundprojekt der Evangelischen Akademie Thüringens, Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts. Dieses Verbundprojekt ist Teil des Bundesprojekts „Zusammenhalt durch Teilhabe“. Die in dem Projekt gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse sollen aufgegriffen und in einem theoretischen Rahmen reflektiert werden. Mittels Praxisbeispiele sollen neben einer Veranschaulichung ein Beitrag zum Verständnis ländlicher Räume in ihrer Vielgestaltigkeit geleistet werden.

Aufbau

„Vitalisierung in der Praxis“ ist in zwei Hauptteile untergliedert. Der erste Teil befasst sich in zunächst grundsätzlicher Absicht mit den speziellen Daseinsbedingungen ländlicher Räume in Ostdeutschland. Dabei geht es um deren Innovationsfähigkeit und um Möglichkeiten einer Dynamisierung von Entwicklungsverläufen. Zugleich wird das Metropolregionskonzept kritisch hinterfragt und auf dessen Eignung für die nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume geprüft. Der zweite Teil des Buches thematisiert zeitgemäße Herangehensweisen mit Blick auf eine Sicherung der Zukunftsfähigkeit dieser Räume. Hierzu bedürfe es eines an den Entwicklungsbedürfnissen ländlicher ausgerichteten Problembewusstseins.

Inhalt

Dem vielfach anzutreffenden Stereotyp, ländliche Räume seien weitestgehend invariant, stellt Höhne ihre Version einer regionsspezifischen Innovationsfähigkeit entgegen. Ob die in Deutschland intensiv diskutierte Energiewende auch für ländliche Räume Impulswirkung entfaltet, wird sodann in Kapitel 2 erörtert. Dabei verweist die Autorin auf einige Vorläuferbedingungen, die sicherzustellen sind. Insofern das Metropolregionskonzept als modellhaft für eine nachhaltige Regionalentwicklung behauptet wird, verweist die Autorin in der Ziffer 2.2 auf eine anders geartete Realität. Trotz der Attraktivität des Konzepts, könnten Metropolregionen keineswegs per se als gelungen verstanden werden. Nicht wenige seien unter schwierigen Konstitutionsbedingungen entstanden, leideten unter fehlender Akzeptanz und Interessenskonflikten und erwiesen sich in ihrem Erhalt nicht selten als recht kostenintensiv, so die Autorin. Bei kritischer Betrachtungsweise müssen, so Höhne, die politisch gewollte und forcierte „Metropolisierung“ auch in ihren „…Irrationalitäten, Paradoxien, Widersprüchen und diskursiven Verschiebungen in den Blick genommen werden.“ (S. 44)

Der zweite Teil des Werks plädiert für ein Problembewusstsein bzw. Herangehensweisen, die an den Besonderheiten der ländlichen Räume orientiert sind. Dabei müssen ländliche Räume auch als soziales System, ausgestattet mit spezifischen Entwicklungsgeschichten und darauf gerichteter Wissensbestände und Erfahrungen verstanden werden. Regionales Wissensmanagement und die Integration lokaler Akteursgruppen wären daraus die logische Konsequenz. Regionalkontexturiertes Wissen und regionale Kompetenz müssten konsequent zur Basis erfolgreicher Regionalentwicklung gemacht und dabei kontinuierlich weiterentwickelt werden. Mit der Entwicklung integrierter regionaler Entwicklungskonzepte als Kernstrategie, könnten regionale Entwicklungsprobleme gemeinsam mit allen Akteursgruppen fokussiert und angegangen werden. (S. 77 ff.)

Damit ländliche Räume für junge Menschen als Lebensmittelpunkt interessant bleiben, bedarf es eines vertieften Verständnisses für die Lebenssituation dieser Personengruppe in peripheren ostdeutschen Regionen. Dabei werden dann besondere wirtschaftliche und soziale Herausforderungen deutlich, die zusammen mit defizitären Strukturen im sozio-kulturellen Bereich und eingeschränkten beruflichen Perspektiven durchaus den „Tatbestand“ einer Benachteiligung begründen. Die daraus resultierende Perspektivlosigkeit führe entweder zur Abwanderung oder zu „…einem mentalen Ausstieg“ der sich in Gleichgültigkeit und Passivität ausdrückt, so die Autorin. (S. 87-88) Hier rücke das „Konzept der „Lebensbewältigung“ in den Fokus der Betrachtung, welches „…die Entwicklung von Lebensorientierungen und Lebensperspektiven, d.h. das Finden neuer Wege und Möglichkeiten zwischen Tradition und Moderne“ postuliert. (S. 88). Dabei müsse bedacht werden, das „…Jugendliche in peripheren Regionen Ostdeutschlands (…) besondere Schwierigkeiten beim Aufbau einer Lebensperspektive [haben]“. (S. 95) Insofern bedürften sie einer auf die Eigenart des Raumes zugeschnittenen lebensphasenspezifischen Unterstützung. Dabei helfe eine vielfältig gestaltete soziokulturelle Landschaft bei der Entwicklung eines „positiven Regionalgefühls“. (S. 102)

Der letzte Abschnitt des Buches befasst sich mit der augenblicklichen Verfasstheit kommunaler Realität. Der „Geist einer Kommune“, so Höhne, müsse dafür sorgen, dass ihre Mitglieder „…so gelenkt [werden], dass die betreffende Gemeinschaft genau das zu leisten und weiterzuführen imstande ist, was sie zusammengeführt hat.“ (S. 105) Dabei thematisiert die Autorin das „Band gemeinsamer Interessen“ (S. 106) und beschreibt die Kommune als „Problembewältigungsgemeinschaft“ (S. 107) sowie „Besitzstandswahrungsgemeinschaft“ (S. 108), wobei letztere sich nicht immer als Impulsgeber für Veränderungsprozesse erweist. Deshalb müsse die Frage nach der Sinnhaftigkeit und der Bedeutung kommunalen Zusammenlebens, die Suche nach der Identität einer Kommune und die Wiederherstellung ihrer Attraktivität wieder in den Vordergrund von Revitalisierungsbemühungen rücken.

Diskussion

Das Werk stellt eine durchaus interessante Verbindung von „Vor-Ort-Überlegungen“ mit theoretischen Grundfragen dar. Der Titel ist gut gewählt; er macht neugierig. Allerdings ist er letztlich etwas missverständlich. Wer nämlich Praxisbeispiele sucht, wird in diesem Werk kaum fündig. Auch erschließt sich die Logik der Aneinanderreihung einiger Fragestellungen, die Entwicklung des ländlichen Raums betreffend, für den Leser nicht ohne weiteres. Hier hätte sich eine stärkere inhaltliche Verschränkung sowie eine klarere Fokussierung auf die Absicht einer Vitalisierung angeboten. Wie denn nun Vitalisierung konkret erfolgen soll, erfährt der Leser nur in Umrissen. Die Forderung nach Einbindung aller Akteursgruppen in Diskussionsprozesse oder Projekte ist nun wirklich keine Novität mehr. Gleiches gilt für die Entwicklung eines spezifischen Problembewusstseins für den zu betrachtenden Raum. Die erwarteten „Best-Practice-Beispiele“ werden leider nicht geliefert. Eine neue Perspektive für die Frage der Entwicklung ländlicher Räume gewinnt der Leser somit nicht.

Es gefällt, dass Frau Höhne nicht einer „musealen Rettungsideologie“ das Wort redet, wenn es um die Zukunftsgestaltung ländlicher Räume geht. Innovation und Weiterentwicklung müssten auch in ländlichen Räumen attraktive Begriffe sein, so die Autorin. Gleichwohl bedürfe es hierzu eben einer regionsspezifischen Ausgestaltung unter Einbezug aller. Ein Stakeholderansatz, der unter Rückgriff auf regionale Kompetenzen Zukunft für sich selbst zu gestalten versucht. Dem kann nur zugestimmt werden. Jedoch gibt es auch Beispiele für Fehlsteuerung, die sich zumindest zu Beginn auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung stützen konnte. Und schließlich, wie lässt Revitalisierung sich konkret bestimmen oder messen? Was sind die Kriterien für ein erfolgreiches regionales „Unterwegs-Sein“? Mit Blick auf zu findende Antworten bietet das Buch dann doch zu wenig Hilfestellung. Auch vermisst der Leser Hinweise darauf, welche Art von Eigenleistung oder von Eigenengagement bzw. Bereitschaft, die eigenen Dinge in die Hand nehmen zu wollen, von den Bewohnern ländlicher Räume erwartet werden oder gar eingefordert werden können. Der Verweis auf strukturelle oder andere (vermeintliche) Benachteiligungen befreit die Akteure ja nicht vom Anspruch der Selbsthilfe und Selbstverantwortung. Dies gilt sicher auch für Akteure jugendlichen Alters.

Fazit

Das Buch greift wichtige Zukunftsthemen und relevante Fragestellungen für eine dynamische, zukunftszugewandte Entwicklung ländlicher Räume auf. „Einsteiger“ erhalten erste Einblicke in den komplexen wie vielgestaltigen Sachverhalt. Zugleich liefert die Schrift wichtige Denkanstöße und macht neugierig für eine weitergehende Beschäftigung. Für ein vertieftes Problemverständnis ist sie dann doch zu knapp bzw. zu allgemein gehalten. Für Experten dürften weitergehende Einsichten und Erkenntnisse sowie der Bezug auf nationale wie internationale Dimensionen der Regionalentwicklung (auch ländliche Regionen sind nicht für sich allein entwickelbar) fehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Raphael Breidenbach
Hochschule Koblenz, Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Homepage www.imts.institute
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Rezensentin
Dr. Daniela Majerčáková
Comenius Universität Bratislava, Slovakei. Leiterin der Forschungsabteilung, Fakultät für Management
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Zitiervorschlag
Raphael Breidenbach/Daniela Majerčáková. Rezension vom 05.08.2015 zu: Siegrun Höhne: Vitalisierung in der Praxis. Projektbeispiele aus Sachsen-Anhalt. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-89974-972-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19097.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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