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Jürgen Sand: Soziale Arbeit mit "Straßenkindern"

Jürgen Sand: Soziale Arbeit mit "Straßenkindern". Stärkenorientierte methodische Ansätze in Deutschland und Bolivien: Ein interkultureller Vergleich mit Forschungsarbeiten in Frankfurt am Main, Köln, Berlin, La Paz und Cochabamba. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2001. 185 Seiten. ISBN 978-3-88939-590-0. 18,00 EUR, CH: 29,80 sFr.
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Der Hintergrund

Bei diesem Buch handelt es sich um die erweiterte und aktualisierte Fassung einer Diplomarbeit, die Jürgen Sand im Jahr 2000 im Rahmen des Sozialwesen-Studiums an der Fachhochschule Wiesbaden verfasste. Nachdem die Konkurrenz zwischen Verlagen, die mehr oder weniger interessante Dissertationen gegen hohe Druckkostenzuschüsse veröffentlichen, immer größer geworden ist, wurde nun vom IKO-Verlag die Marktlücke "Diplomarbeiten" entdeckt? Keine Sorge - das Buch von Jürgen Sand ist durchaus lesenswert. Und von seiner Qualität her dürfte es das meiste überragen, was als Diplomarbeiten an Fachhochschulen eingereicht wird.

So zeichnet sich das Buch z.B. dadurch aus, dass das Phänomen "Soziale Arbeit mit Straßenkindern" sowohl in Deutschland als auch in Bolivien untersucht wurde. Sand vergleicht die in beiden Ländern entwickelten methodischen Konzepte und praktischen Handlungsansätze, wobei er selbst mit deutschen und bolivianischen Straßenkindern gearbeitet und in beiden Ländern Experten interviewt hat. Außerdem war er in Projekten mit "arbeitenden Kindern" in Nicaragua tätig.

"Straßenkinder" gehören in Frankfurt am Main, Köln, Berlin, La Paz und Cochabamba zum alltäglichen Großstadtbild. Für sie ist die "Straße" die bedeutsamste Sozialisationsinstanz. Sowohl in Deutschland als auch in Bolivien wird ihre Lebenssituation seitens der Medien immer wieder thematisiert. Dadurch werden staatliche und private Maßnahmen wie die neun Projekte veranlasst, in denen Sand seine Erfahrungen sammelte. Es handelte sich um stärken- und ressourcenorientierte Projekte, die "Empowerment" der Kinder und Jugendlichen anstrebten.

Ziel und Zielgruppe

Ziel und Zielgruppe des Buches werden von Sand folgendermaßen beschrieben: "Mit dieser Studie sollen SozialarbeiterInnen, PädagogInnen und andere Interessierte in der BRD im Sinne eines Süd-Nord-Transfers die Möglichkeit erhalten, an den reichhaltigen Erfahrungen, Methoden und Arbeitsansätzen zu partizipieren, die in Bolivien zu finden sind. Die Studie zeigt zahlreiche Unterschiede auf, aber auch Gemeinsamkeiten, gemeinsame Grundhaltungen, die das Fundament bilden könnten für eine im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung und zunehmenden Migration immer notwendiger werdende interkulturelle Sozialarbeit" (S. 12).

Aufbau des Buches

Im ersten Teil der Monographie werden theoretische Grundlagen dargestellt. Kapitel zu Themen wie "Kindheiten in Lateinamerika", "Straße als Kommunikations- und Lebensraum" und "Straßenkinder" führen zu einer "neuen" Begrifflichkeit: Sand lehnt die Bezeichnung "Straßenkind" ab, da hier die Opferrolle des "Kindes" und die Endstation "Straße" betont würden. Stattdessen verwendet er für den bundesdeutschen Kontext den Begriff "Jugendliche in Straßenkarrieren": "Der Begriff betont den lebensgeschichtlichen Prozess der Kinder und Jugendlichen, aber auch den Einfluss der Straße auf ihr Leben. Er erscheint mir flexibel genug, ein weites Spektrum an Lebenssituationen und Personengruppen zu umfassen. Der Verlauf und das Ende dieses Prozesses sind offen. 'Straßenkarrieren' suggerieren m.E. das schöpferische Element der Jugendlichen, also ihre Suche nach einer Perspektive und die mögliche Übernahme von Verantwortung für ihre Zukunft" (S. 36). Für Lateinamerika verwendet Sand hingegen den Begriff "arbeitende Kinder, die auf der Straße leben", da sich viele Jugendliche selbst so bezeichnen und die Arbeit - trotz Ausbeutung - ihnen eine Perspektive und Selbstwertgefühl gibt.

Anschließend analysiert Sand die Straßenkarrieren von Jugendlichen in Deutschland, wobei er vor allem auf Veröffentlichungen des Deutschen Jugendinstituts (München) zurückgreift. Er beschreibt verschiedene methodische Ansätze in der Sozialen Arbeit mit auf der Straße lebenden Kindern und Jugendlichen, die in Lateinamerika und Europa entwickelt wurden. Ferner geht er auf die Organisationen arbeitender (auf der Straße lebender) Jugendlicher ein, die in den letzten Jahren in Lateinamerika entstanden sind. In diesem Zusammenhang setzt er sich mit dem Begriff "Empowerment" auseinander.

Im zweiten Teil des Buches stellt Sand das Design seines Forschungsprojekts dar: die zu untersuchenden Thesen und Forschungsfragen, die Auswahl der Projekte und die verwendeten Methoden aus der qualitativen Sozialforschung (insbesondere offene Leitfadeninterviews und teilnehmende Beobachtung).

Im dritten Teil werden wesentliche Aspekte der sozioökonomischen Lage der Menschen in Deutschland und Bolivien beschrieben. Dabei geht es in erster Linie um eine Darstellung der gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. Im Mittelpunkt steht die Situation in Großstädten, in denen ja die meisten "Straßenkinder" leben.

Im letzten Teil der Monographie werden die Forschungsergebnisse präsentiert: Sand informiert über die Projekte und ihre Mitarbeiter/innen, die institutionellen Rahmendaten (z.B. Personalschlüssel, Finanzierung, Kooperationspartner), die betreuten Kinder und Jugendlichen (Lebenssituationen, Stärken, Schwächen; Probleme wie Prostitution, Schwangerschaft, Drogenkonsum, Kriminalität) und die methodischen Ansätze (z.B. Straßensozialarbeit, Krisenintervention, Überlebenshilfen, Angebot von Wohngelegenheiten, Beratung, Beziehungsarbeit). Er beschreibt, wie versucht wird, den Kindern und Jugendlichen den Ausstieg aus der Szene zu ermöglichen, welche Schwierigkeiten dabei auftreten, wie auf die Kompetenzen und Ressourcen der Klienten zurückgegriffen wird und inwieweit sie mitbestimmen können.

Fazit

In seinem interessanten und gut lesbaren Buch arbeitet Jürgen Sand Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Vorgehensweise deutscher und bolivianischer Streetworker heraus. Letztere überwiegen wohl - auch in folgender Hinsicht: "Trotz unterschiedlicher kultureller Hintergründe ist Empowerment in den beschriebenen Projekten in beiden Nationen eine unerlässliche Arbeitsphilosophie: Die Soziale Arbeit wendet den Blick ab von den Schwächen und orientiert sich an den Stärken und teilweise verschütteten Kompetenzen der Menschen, um neue Fähigkeiten zu entdecken und zu fördern. Sie akzeptiert die eigenwilligen Lebensentwürfe der Kinder und Jugendlichen und sucht über konkrete Hilfen den Weg zu einem zukunftsgerichteten Dialog" (S. 172).


Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 08.04.2002 zu: Jürgen Sand: Soziale Arbeit mit "Straßenkindern". Stärkenorientierte methodische Ansätze in Deutschland und Bolivien: Ein interkultureller Vergleich mit Forschungsarbeiten in Frankfurt am Main, Köln, Berlin, La Paz und Cochabamba. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2001. ISBN 978-3-88939-590-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/191.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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