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Horst Siebert, Teresa Huhle: Erwachsene – lernfähig aber unbelehrbar?

Cover Horst Siebert, Teresa Huhle: Erwachsene – lernfähig aber unbelehrbar? Was der Konstruktivismus für die politische Bildung leistet. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2015. 159 Seiten. ISBN 978-3-7344-0012-4. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Titel und Untertitel des Buches beschreiben treffend, worum es geht: Das Buch widmet sich zum einen der Frage, wie Erwachsene nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft lernen und was dies für die Gestaltung von Lehr-/Lernprozessen auf Seiten der Lehrenden heißt. Dabei wird eine konstruktivistische Sicht eingenommen, deren Grundlagen einführend zusammengefasst und auch mit jüngeren neurowissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzt werden. Zum anderen wird – wie der Untertitel zeigt – die Frage erörtert, wie eine konstruktivistische Lernauffassung zur politischen Bildung passt: Was zunächst unvereinbar erscheint, wird erstmalig argumentativ verbunden. Es wird dargelegt, wie Konstruktivismus durchaus auch für das Gebiet der politischen Bildung fruchtbar gemacht werden kann.

Autor

Prof. Dr. Horst Siebert (em.) ist einer der bekanntesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung und steht für eine systemisch-konstruktivistische Position im Diskurs um theoretische Ansätze in der Erwachsenenbildung. Von 1977 bis 2007 hatte er eine Professur für Erwachsenenbildung und Jugendbildung am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung an der Leibniz-Universität Hannover inne. Seine Publikationen umfassen zahlreiche viel rezipierte Werke zur konstruktivistischen Erwachsenenbildung.

Entstehungshintergrund

Für ein Buch zur Erwachsenenbildung passend beginnt Horst Siebert das Werk mit seinem biographischen Zugang zum Konstruktivismus. Er verweist auch gleich zu Beginn auf die grundlegende Kritik, auf die sein 1995 mit Rolf Arnold zusammen verfasstes Buch zur „Konstruktivistischen Erwachsenenbildung“, insbesondere im Bereich der politischen Bildung, gestoßen ist. Kritisiert wurde eine gesellschaftstheoretische Beliebigkeit, die aus dem Konstruktivismus zu folgen schien und insbesondere der Verzicht auf Demokratie als normatives Bildungsziel. Siebert gibt weiterhin an, wie er in den darauf folgenden 20 Jahren seine konstruktivistische Sichtweise durch systemische, neurowissenschaftliche, aber auch bildungstheoretische Erkenntnisse erweitert hat. Was im Detail der Anlass war, die in diesem Buch vorgenommene „Brückenbildung“ zwischen Konstruktivismus und politischer Bildung argumentativ zu leisten, bleibt zwar unklar, aber dass er eine Verbindung geschaffen hat, belegt deutlich die einleitende Aussage, dass „der Konstruktivismus als eine Grundlage der politischen Bildung verstanden werden kann“ (S. 11).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, in denen die Argumentation zur Verbindung von Konstruktivismus und politischer Bildung entwickelt und der Text mit Exkursen, Beispielen, Zusammenfassungen und Anekdoten angereichert wird.

Vorangestellt ist ein Vorwort von Klaus-Peter Hufer, der Sieberts konstruktivistischen Position in der Erwachsenenbildung aus der Perspektive der politischen Bildung bislang kritisch gegenüber stand und die Bedeutung der nun geschaffenen Verbindung besonders gut einschätzen kann.

Im ersten Kapitel legt Siebert mit einem Überblick über die Vielfalt konstruktivistischer Positionen den Grundstein für seine Argumentation. Er erörtert den Humboldtschen Bildungsbegriff, vergleicht ihn mit Konzepten der „Volksbildung“ und führt den für die konstruktivistische Erkenntnistheorie zentralen Begriff der Autopoiesis nach Humberto Maturana und Francisco Varela ein, die „operationale Geschlossenheit lebender Systeme“ (S. 18). Im Anschluss setzt er sich mit dem Konzept der „Viabilität“ als Passung, Gangbarkeit bzw. Brauchbarkeit unter Rückgriff auf Ernst von Glaserfeld auseinander und überträgt ihn auf die Bildung.

Im zweiten Kapitel unterlegt Siebert seine Argumentation durch lernpsychologische und neurobiologische Erkenntnisse. Insbesondere die „Neuroplastizität“ steht im Mittelpunkt, die dafür sorgt, dass der Mensch bis ins hohe Alter lernen kann. Weiterhin ergänzt er das auf das Individuum fokussierte Konzept der Autopoiesis durch das systemische Konzept der „strukturellen Kopplung“ nach Maturana und Varela, das soziale Systeme, in denen Individuen sich bewegen, mit in den Blick nimmt. Siebert spannt seine Argumentation in einem weiten Bogen über die Bedeutung von Emotionen für Lernen und Gedächtnisleistung, die neuen Rollen der Lehrenden aus konstruktivistischer Sicht, die Bedeutung von Meditation und Achtsamkeit, bis hin zum Einfluss sozialer Milieus auf Lernen und (Weiter)Bildungsteilhabe. Am Schluss dieses Kapitels stellt er auf sieben Seiten in einem Zwischenfazit zusammen, „[w]as wir über das Lernen Erwachsener zu wissen glauben“ (S. 88-94).

Im dritten Kapitel werden die Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen für ein angemessenes didaktisches und methodisches Vorgehen vorgestellt. Wenn Bedeutungen „eigensinnig“ entstehen, scheinen besondere Prinzipien bei der Gestaltung von Lehr-/Lernsituationen wie Reflexivität, Metakognition, Anschlussfähigkeit, Situiertheit, Reframing oder Visualisierung wichtig zu sein. Als weitere Methoden nennt er biographieorientierte Ansätze sowie Coaching und Beratung und geht auch auf die computergestützten Möglichkeiten des Lernens und Lehrens ein – bei letzterem erfolgt ausschließlich ein Blick auf mögliche Gefahren der Digitalisierung.

Das vierte Kapitel widmet sich der politischen Bildung und überträgt die bislang herausgearbeiteten konstruktivistischen Ideen auf dieses Handlungsfeld: Nach einem kurzen historischen Rückblick werden zentrale didaktisch-methodische Konzepte wie das „exemplarische Lernen“ nach Oskar Negt oder das alltagsorientierte Lernen Dirk Langes vorgestellt und ihre „Anschlussfähigkeit“ zu konstruktivistischen Ansätzen herausgearbeitet. Abschließend werden die Überlegungen in einer „konstruktivistischen Politikdidaktik“ zusammengeführt.

Das kurze fünfte Kapitel rundet die Gesamtargumentation ab und fasst wichtige Meilensteine auf dem Weg dorthin zusammen. Die festgestellte Neuroplastizität des Gehirns zeigt zunächst, dass Erwachsene quasi unabhängig vom konkreten Alter lernfähig bleiben, allerdings ist ihr Lernen durch erworbene „Deutungsmuster“ eingefärbt oder „strukturdeterminiert“ und wie jedes Lernen beeinflusst von sozioökonomischem Status, soziokulturellen Gegebenheiten und Geschlecht. Die Annäherung des Bildungsziels „Emanzipation“ in der politischen Bildung und des konstruktivistischen Konzepts der „Viabilität“ erfolgt – verkürzt wiedergegeben – durch ein erweitertes Verständnis von Viabilität: „Viabilität als pragmatische Zweckmäßigkeit kann auch auf die Gesellschaftlichkeit bezogen werden“(S. 132). Ein Projekt der politischen Bildung wie „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ kann unter diesem Blickwinkel nach Siebert durchaus mit konstruktivistischen Prinzipien verbunden werden.

Diskussion

Siebert stellt in diesem Buch, einen weiten Bogen spannend, erstmals eine Verbindung zwischen dem Konstruktivismus und der politischen Bildung her. Die einzelnen Bausteine seiner Argumentation sind überaus kenntnisreich ausgearbeitet und vernetzen in beeindruckender Weise unterschiedlichste Ansätze und Wissensgebiete. Der Gedankengang ist, ganz im Sinne von Sieberts konstruktivistischer Grundposition, anregend mit Exkursen, biographischen Erinnerungen, Anekdoten und anderen Ergänzungen gestaltet. Die Argumentation wie auch der gesamte Aufbau des Buchs sind dabei zwar plausibel und überzeugend, aber nicht immer logisch stringent gehalten. Die große Bandbreite an „gestreiften“ Themen führt teilweise zu Verkürzungen. Vor allem überrascht innerhalb der einzelnen Kapitel manchmal die Reihung der Unterthemen. Die Frage liegt nahe, ob Horst Siebert hier bewusst als „Irritationsagent“ (S. 63, unter Rückgriff auf Bernhard Pörksen) agiert, eine der Rolle von Lehrenden aus konstruktivistischer Sicht, oder ob es der breiten Themenpalette und eines Schreibstils geschuldet ist, der auf jegliche Orientierungen zum Aufbau oder andere „Lesehilfen“ verzichtet.

Andererseits gewinnt das Buch gerade durch diese souveräne Zusammenschau verschiedenster Denktraditionen (bis hin zu Meditation und Buddhismus) und auch durch die Integration verschiedenster Textsorten an Lesbarkeit und Lebendigkeit. Der Autor lädt die Lesenden sozusagen auf eine Reise ein und schildert unterschiedlichste Reiseeindrücke, die mit Sicherheit – „strukturdeterminierte“ – Spuren bei den Lesenden hinterlassen werden, u.a. weil Sieberts eigene Begeisterung für das Thema klar zu spüren ist.

In der Gesamtschau ergänzen sich die einzelnen Abschnitte trotz der manchmal beliebig anmutenden Reihung zu einem überzeugenden Ganzen und Siebert gelingt der intendierte „Brückenschlag“ zwischen Konstruktivismus und politischer Bildung.

Eine Detailkritik sei erwähnt: Die Aufzählung möglicher Gefahren der Digitalisierung in der Bildung ist einseitig und erscheint nicht auf dem neuesten Stand. Gerade die Unterstützung des selbst gesteuerten Lernens, die erleichterte Personalisierung sowie die „Demokratisierung von Bildung“, z.B. durch die freie Verfügbarkeit von computergestützten Hochschulkursen zu einer Vielzahl von Themen (Massive Open Online Courses, MOOCs) hätten auch als weitere „Brückenbildung“ zur politischen Bildung diskutiert werden können.

Fazit

Der bekannte Erwachsenenbildner Horst Siebert stellt in diesem Buch erstmalig einen „Brückenschlag“ zwischen Konstruktivismus und politischer Bildung im Rahmen der Erwachsenenbildung her. Er argumentiert überzeugend für eine Verbindung von konstruktivistischer Pädagogik und politischer Bildung, zwei Bereiche, die bislang eher als unvereinbar galten. In seine Gesamtargumentation integriert er eine Vielfalt an relevanten Themen und ebenso eine Vielfalt an Textsorten. Der wissenschaftliche Text ist u.a. ergänzt durch Exkurse, Gedichte, Anekdoten, Beispiele und biographische Erinnerungen, was die Lektüre besonders anregend macht. Sieberts Begeisterung für das Thema und sein souveräner Umgang mit den unterschiedlichsten für die Erwachsenenbildung relevanten Wissensgebieten und Denktraditionen (wie Erkenntnistheorie, Lernpsychologie, Neurowissenschaft, Gedächtnisforschung bis hin zu Mediation und Buddhismus) beeindrucken und machen das Buch für die unterschiedlichsten Zielgruppen lesenswert.

Wer einen zugänglich geschriebenen Text sucht, der den aktuellen Erkenntnisstand zum Lernen Erwachsener beinhaltet, wird das Buch genauso wertvoll finden wie diejenigen, die auf der Suche nach einem gut lesbaren Einstieg in die Anwendung der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus auf Lehr-/Lernsettings, auch unter Einbeziehung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, sind. Diejenigen, die sich speziell für die Verbindung von Konstruktivismus und politischer Bildung interessieren, werden die Lektüre voraussichtlich als besonders gewinnbringend erleben. Lediglich eine vertiefte Darstellung zur politischen Bildung innerhalb der Erwachsenbildung allgemein sollte in diesem Buch nicht erwartet werden.

Summary

In this book the well-known adult education specialist Horst Siebert links constructivism to political education within the arena of adult education. He argues convincingly for a conceptual bridge between both areas that hitherto appeared rather incompatible, at least in the German speaking discourse. Within the framework of his line of argument he touches on several relevant topics. At times the selection of topics and even more so the order in which they are dealt with appear somewhat randomly chosen – yet they integrate well in the end. Moreover, he uses different text genres: poems, anecdotes and biographical memories are added to the academic text – a fact that makes reading his book especially inspirational. His own enthusiasm for the topic emanates from the text and his competent involvement with many different disciplines and schools of thought (knowledge theories, learning psychology, neuroscience, memory science and even meditation and Buddhism) are impressive and make the book valuable for many different audiences.

Someone looking for an accessible text that summarizes what we presently know about adult learning will find the book as useful as someone who is interested in the consequences of constructivism and recent results of neuroscience on designing learning environments. Those who particularly want to learn about the connection between constructivism and political (adult) education will also benefit from the book. However, readers who expect a detailed treatment of political education as such might be disappointed as priorities within the book are set differently.


Rezensentin
Prof. Dr. Patricia Arnold
Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften | Hochschule München. Lehrgebiet Sozialinformatik, E-Learning, Erwachsenenbildung
http://patriciaarnold.wikispaces.com/Home
Homepage www.sw.hm.edu/die_fakultaet/personen/professoren/ar ...


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Zitiervorschlag
Patricia Arnold. Rezension vom 12.02.2016 zu: Horst Siebert, Teresa Huhle: Erwachsene – lernfähig aber unbelehrbar? Was der Konstruktivismus für die politische Bildung leistet. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2015. ISBN 978-3-7344-0012-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19100.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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