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Aline Karon: Die Kunst des Verstehens

Cover Aline Karon: Die Kunst des Verstehens. Aus dem Leben einer Nichthörenden. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2015. 218 Seiten. ISBN 978-3-7347-4174-6. D: 10,90 EUR, A: 11,30 EUR, CH: 16,50 sFr.
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Thema

Die Autorin schildert die Geschichte ihres Lebens als hochgradig Schwerhörige, die lautsprachlich aufwuchs und mit 36 Jahren ein Cochlea Implantat (CI) erhielt. Als Auslöser für das Buch nennt die Autorin ein Klassentreffen, das 2009, dreißig Jahre nach ihrem Schulabschluss, stattfand und gleichsam einen „Lebensfilm“ in ihr startete.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist chronologisch aufgebaut.

  • Teil 1 behandelt die Kleinkindphase bis zum Schulwechsel der Autorin mit 13 Jahren,
  • Teil 2 die Zeit bis zum Abitur mit 22 Jahren,
  • Teil 3 die weitere Entwicklung und vor allem den Prozess hin zum CI und dessen positive Ergebnisse.

Wesentliche Abschnitte in diesen Teilen befassen sich mit der Frühförderung durch die Mutter, dem Schuleintritt und den Leiden der Autorin bezüglich Schule und Internat, dem Orts- und Schulwechsel und dessen positiven Ergebnissen, Zukunfts- und Berufsplanung, Berufsausbildung, Ehe und Kinder, CI.

Als z.T. entscheidend (z.B. für den Orts- und Schulwechsel) taucht in der Geschichte auch immer wieder der mittelgradig schwerhörige Bruder der Autorin auf, dessen Lern- und Lebensgeschichte offensichtlich ganz anders verlaufen ist als die der Autorin.

Diskussion

Das Buch stellt verschiedene Menschen bzw. ihre Haltungen und Situationen exemplarisch dar:

  • Den Kinderarzt, der die Eltern mit einer optimistischen Aussage zu beruhigen versucht, anstatt alles zu tun, um eine ordentliche Diagnose zu erhalten („das wird schon noch“).
  • Die Mutter, welche sich von Beginn an außerordentlich für die Entwicklung ihrer Tochter engagiert und - wenn auch rein lautsprachlich orientiert – möglichst frühzeitig alle Fördermöglichkeiten der Visualisierung und des Lautsprachtrainings einsetzt, auch durch frühes Lesen (ab dem 3. Lebensjahr) eine zweite, visuelle sprachlich-kognitive Ebene nutzt (zum Vergleich mit einer anderen, bilingualen Orientierung siehe https://research.gallaudet.edu). Auf diese Weise kam in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine Frühförderung zustande, die damals leider nicht viele hochgradig hörbehinderte Kinder erfahren haben.
  • Eine brutal oralistische (= rein lautsprachlich) orientierte Schule mit den Anfang der 70er Jahre noch aktuellen Anteilen „schwarzer“ Pädagogik, ausgeführt von kirchlichen Organisationen in Internatsform (eine noch wenig aufgearbeitete Geschichte; man sieht hier deutlich die Parallelen zur – wahrscheinlich noch schlimmeren – Geschichte der ebenfalls kirchlichen Schwerhörigen- und Gehörlosenschulen Irlands).
  • Erfahrungen mit den verschiedenen Hörgeräten und ihren technischen Möglichkeiten.
  • Die Situation einer schwer hörbehinderten Heranwachsenden in einer z.T. wenig rücksichtsvollen hörenden Gesellschaft, aber auch die Erfahrungen mit positiv (heute würde man sagen: „inklusiv“) handelnde Menschen.
  • Die damals fehlenden Ansätze zu Integration/Inklusion (hör)behinderter Menschen (z.B. Filme ohne Untertitel, viele andere unzugängliche Information).
  • Die – von der hörenden Gesellschaft weidlich ausgenutzte – weitgehend unausgesprochene Segregation zwischen lautsprachorientierten und gebärdensprachorientierten hörbehinderten Menschen.
  • Die große Uninformiertheit hörender über die Situation und Lebenswelt schwerhöriger – aber auch gehörloser – Menschen

Diskussion

Die Autorin schwankt in der Darstellung ihrer Hörbehinderung in einer irritierenden Art und Weise: Einerseits spricht sie von der „Diagnose Taubheit“ (S. 12 und 176), schreibt einmal sogar „ich als Gehörlose“ (S. 204), andererseits berichtet sie über ihr „Restgehör“ und die – anscheinend dauernde – Verwendung eines Hörgeräts auf dem linken Ohr (auf dem rechten Ohr führte die Verwendung von Hörgeräten offensichtlich zu unerträglichen Belastungen, sodass die Autorin hier ein Hörgerät jeweils nur kurzzeitig verwendete). Auch berichtet sie über Hörübungen, die sie von der Schallquelle abgewendet erlebte (S. 19f), sowie darüber, dass ihr ständig vorhandenes (möglicherweise allerdings sich verschlechterndes) „Restgehör“ für die positive ärztliche Entscheidung über ein CI wesentlich war.

Störend ist, dass im Text neben der Lebensgeschichte unrichtige „Lehrmeinungen“ einer ausschließlich lautsprachlich orientierten Förderung hörbehinderter Kinder erscheinen: „Ein normal hörendes Kleinkind nimmt ganz automatisch gesprochene Wörter und Sätze sowie alle möglichen Geräusche ganz nebenbei, und vor allem von alleine über das Gehört auf. Diese Möglichkeit ist bei einem völlig tauben Kind nicht gegeben. Es besteht die Gefahr, dass in der so wichtigen frühen Zeitspanne versäumt wird, dem Kleinkind die Sprache zu vermitteln. Man spricht in dem Fall von so genannten „Lernfenstern.“. Wird ein „Lernfenster“ nicht rechtzeitig genutzt, wird das Kind den altersgerechten Wortschatz niemals erlernen können. Versäumtes kann nicht mehr in vollem Umfang nachgeholt werden.“ (S. 15)

Eine solche Feststellung setzt voraus, dass nur eine gesprochene Sprache als solche gewertet wird und ignoriert die Möglichkeit gebärdensprachlicher Kommunikation, welche als besser zugängliche schnellere Lernerfolge zeitigt (man vergleiche dazu auch die Bewegung des „baby sign“ für hörende Kinder; http://www.uni-klu.ac.at/zgh/downloads/2012_dotter_babysign_kompr.pdf).

Aus dem Mund einer Beraterin in einer Gehörlosenschule (besucht im Jahr 1965) liest sich das so: „Die Frage meiner Mutter ob ich jemals die normale Sprache lernen würde und später auch Bücher lesen könnte, verneinte sie bedauernd. Nein, denn von Geburt an Gehörlose würden niemals in vollem Umfang in die Sprache hineinkommen können, geschweige denn Bücher lesen und die gelesene Sprache verstehen können. Das sei einfach zu schwierig für sie.“ (S. 13)

Hier finden wir die in den 1960er Jahren übliche, heute ganz und gar überholte negative Einschätzung der kognitiven Fähigkeiten hochgradig schwerhöriger und gehörloser Kinder durch lautsprachorientierte PädagogInnen.

Grundsätzlich ist allerdings festzustellen, dass die Autorin zur Gebärdensprache und der Gebärdensprachgemeinschaft eher die Haltung einer „freundlichen Fremden“ einnimmt (man vergleiche die Aussagen zur oralistischen Schule S. 28f und insbesondere die Seiten 202-208). Diese Tatsache verfälscht der vom Verlag gestaltete Klappentext in Richtung ausschließlich „Hören“.

Die Autorin scheint ja versucht zu haben, über einen Volleyballclub Gehörloser Kontakt zur Gebärdensprachgemeinschaft herzustellen. Es wird aus dem Text nicht ganz klar, aber es ist zu vermuten, dass die Gehörlosengemeinschaft der nicht gut Gebärdenden den Kontakt nicht gerade leicht gemacht hat.

Fazit

Wie in anderen Fällen von Lebensgeschichten (hör)behinderter Menschen muss in jedem Fall die Bewunderung für deren trotz widriger Umstände erfolgreiche „Lebensleistung“ (in diesem Fall auch für das Bemühen der Eltern, insbesondere der Mutter) im Vordergrund stehen. Wir dürfen im Rückblick keine Entscheidung, keine Situation mit der Aussage „das hätte man doch besser machen können“ versehen; es ist eben passiert. Auch wenn sich die Zeiten nun geändert haben, sind das Durchhaltevermögen, die Motivation der Beteiligten auch für heute ein Beispiel. Dass die Autorin ihre eigene Entwicklung durchaus auch mit Distanz sehen kann, zeigt der Schlussabschnitt („Der Kreis schließt sich“). Auf jeden Fall lesenswert, will man mehr von hochgradig schwerhörigen Menschen verstehen.

English summary

This is the life story of a severely hard of hearing woman, brought up in exclusive spoken language context in the 1960 by an extremely engaged mother doing mostly right things in the furtherance of her daughter. The author presents showcases for typical situations in which hard of hearing people come, especially in situations related to an old-fashioned autoritarian pedagogy, and the ignorance of the hearing environment. Despite putting some outdated statements of oral pedagogy against hard of hearing and deaf children, the author is in principle tolerant towards sign languages and their users. As it is the case with similar life stories, her efforts and achievements are admirable and have to be accepted as they are. The book is recommendable for everyone who wants to know details about people in a comparable situation and context.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 13.10.2015 zu: Aline Karon: Die Kunst des Verstehens. Aus dem Leben einer Nichthörenden. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2015. ISBN 978-3-7347-4174-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19105.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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