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Peter Filzmaier, Peter Plaikner u.a. (Hrsg.): Jugend und Politik

Cover Peter Filzmaier, Peter Plaikner, Christina Hainzl, Karl A. Duffek (Hrsg.): Jugend und Politik. Generationendialog oder Gesellschaftskonflikt? Facultas Verlag (Wien) 2015. 177 Seiten. ISBN 978-3-7089-1037-6. D: 19,40 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 26,50 sFr.
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Thema

Ein psychosoziales oder kulturelles Moratorium, aber auch ein Lebenskonzept, eine Kampfzone und Alltagswelt, aber auch ein leicht brennbarer Stoff (Žarko Petan), eine Kontroll- und Steuerungskategorie, aber auch „nur ein Wort“ (Pierre Bourdieu). Wer ‚die Jugend‘ untersucht, steht in einem weitverzweigten Feld und damit auch vor der Erfordernis, den Gegenstand zwischen einer makrotheoretischen Perspektive – Jugend als soziokulturelles und wissenschaftliches Konstrukt – und einer eher mikrotheoretischen Perspektive – Jugend als Abfolge verschieden gerahmter Sozialisations- oder Übergangsphasen – zu verorten. Thematische Referenzen, im Fall dieses Bandes ‚Politik‘, führen zu Anschlusserfordernissen: Welche(r Teil der) Jugend ist gemeint? Von welchen Formen, Dimensionen, Vorstellungen und Richtungen von Politik ist die Rede?

Entstehungshintergrund

Der unter der Herausgeberschaft von fünf Personen entstandene Band zu ‚Jugend und Politik‘ versammelt 18 Autor/innen und 13 Beiträge, davon vier in englischer Sprache. Seine Entstehung verweist auf das internationale und interuniversitäre Netzwerk netpol, zu dem Forschende aus Österreich, Ungarn, Deutschland und Rumänien gehören. Der Sammelband greift die o.g. Fragen in großer Bandbreite auf und wirft Schlaglichter auf Orientierungen, Praxen und Bedingungen politischen Handelns, sowie auch auf Zusammenhänge zwischen Medien und Politik(vermittlung und -gestaltung). In den Blick genommen werden dabei unterschiedliche europäische Länder, in einem Fall auch das außereuropäische Ausland.

Aufbau

Die einzelnen Beiträge sind drei logischen Blöcken zugeordnet:

  1. Unter der Überschrift und inhaltlichen Klammer „Teilhabe und Meinungen“ beschäftigen sich zunächst zwei Beiträge mit subjektiven und strukturellen Grundierungen politischen Handelns. Ihnen folgen drei Beiträge, die sich mit politischen Orientierungen Jugendlicher in Österreich beschäftigen als auch dort existierende, auf Jugendliche bezogene, institutionelle Partizipationsstrategien darstellen.
  2. Ein zweiter Block fasst unter der Überschrift „Jung und zornig“ fünf Fallbeispiele politischen Handelns in Kolumbien, Spanien, Ungarn, Rumänien und Irland zusammen.
  3. In einem dritten abschließenden Block werden unter der Überschrift „Jugend und Popkultur“ das Verhältnis Jugendlicher zum Journalismus sowie Zugänge Jugendlicher zum Medium Film behandelt.

In dieser Anlage entsteht ein in mehrfacher Hinsicht vielgestaltiges Bild: zum einen hinsichtlich des erfassten geographisch-politischen Raumes, zum anderen in Bezug auf die jeweilige Bedeutung und inhaltliche Füllung politischen Handelns bzw. ‚des Politischen‘.

Inhalte

Die ersten beiden Beträge können hierbei als Grundlegungen verstanden werden. Ralph Schöllhammer stellt die Bedeutung von Emotionen für politische Partizipation heraus, wobei Bezüge zur Protest- und Bewegungsforschung zwar hergestellt werden, nicht aber unbedingt im Mittelpunkt stehen, während spezifische Logiken ‚jugendtypischer‘ Vergemeinschaftung keine nähere Berücksichtigung erfahren.

Auch der Beitrag von Daniel Hausknost kann als Versuch gelesen werden, die folgenden Beiträge theoretisch zu rahmen. Seine Diagnose einer „Krise der politischen Partizipation“, die so grundlegend ausfällt, dass in der „Postdemokratie“ auch der Protest von einer Logik der Entpolitisierung durchherrscht ist, bleibt allerdings – trotz luzider Ausführung – eher allgemein. Hausknost beschreibt, dass mit pragmatischen Interventionen und erlebnisoriertem Aktivismus zwei Formen eines ‚politisch entleerten‘ politischen Handelns vor Formen institutionalisierter Partizipation gerückt sind. Allerdings werden die erwähnten Fluchtlinien und Sollbruchstellen nicht tiefergehend behandelt. So entsteht nicht nur ein eher tristes Bild der Möglichkeiten zur (Re)Politisierung politischen Handelns. Vor allem verhalten sich die folgenden Beiträge zu diesem Befund z.T. eher kontrastiv oder behandeln politische Partizipation auf anderen Abstraktionsniveaus, so dass der Zusammenhang zwischen theoretischer Grundlegung und Empirie eher unklar bleibt.

Dies gilt bereits für die von Peter Filzmaier u.a. vorgelegten Befunde der auf Österreich bezogenen Einstellungsforschung, die mit Hausknosts Beitrag noch verbindbar erscheinen, umso mehr aber für die dann folgenden Beispiele, die mehrheitlich ja gerade von spezifischen Politisierungsprozessen handeln.

Diese Beiträge unterscheiden sich nicht nur in ihren inhaltlichen Schwerpunktsetzungen, sondern auch analytischen Perspektiven und Tiefen z.T. stark voneinander. Auf der einen Seite werden kollektive Akteure (zumeist Studierende) beschrieben. Hier bleibt Melani Barlais Beitrag zu Entstehung und Attraktivität der rechtsextremen Jobbik-Partei in Ungarn letztlich deskriptiv, beschreibt das politische Handeln junger Menschen vor allem in ‚konventionellen‘ (Partei)Bezügen und kann allenfalls Hinweise darauf geben, warum die extreme Rechte hier (nicht nur) unter jungen Menschen Erfolg haben kann, während bspw. in Rumänien, wie Marc Stegherr ausführt, vor allem Politikverdrossenheit dominiert und in Spanien eine selbstorganisierte Bewegung von unten politische Repräsentation einfordert und im Rahmen informeller Vernetzung aktiv herstellt. Auf der anderen Seite werden strukturelle Bedingungen und institutionelle Strategien behandelt. Adam Baird beschreibt auf anschauliche Weise die Entwicklung von Jugendarbeit und Jugendpolitik im Kontext „chronischer Gewalt“ in Kolumbien, während Christina Griessler am Beispiel Irlands den Diskurs verschiedener Stakeholder zur Einführung des Wahlrechts ab 16 Jahren darstellt.

Ein schließlich noch größeres Bild machen die im letzten Block zusammengefassten Beiträge auf. Unter dem letztlich irreführenden Verweis auf „Popkultur“ wird hier zunächst behandelt, auf welche Weise klassischer Journalismus jugendbezogene Zugänge und Bindungen zu generieren versucht. Ein weiterer Beitrag befasst sich mit Kinofilmen als Instrument der politischen Integration europäischer Jugendlicher. Während beide Beiträge auf unterschiedliche Weise also institutionelle bzw. organisationale Strategien thematisieren, gelingt es letztlich nur Nataliia Kuzminas Beitrag konkretere Bezüge zum weitgefassten Topos „Popkultur“ herzustellen, indem sie sich mit Roma-Jugendlichen als Akteuren einer mediengestützten Form eigensinniger politischer Partizipation beschäftigt.

Diskussion

Im Gesamtbild bietet „Jugend und Politik“ wenig Grundsätzliches, dafür umso mehr ein Kaleidoskop von Fallbeispielen, die ihren Fokus allerdings sehr unterschiedlich setzen. So instruktiv und gehaltvoll die einzelnen Beiträge ausfallen, sind einige Aspekte kritisch hervorzuheben:

Der konzeptionelle rote Faden ist dem Rezensenten insgesamt leider nicht deutlich geworden. Ein einleitender Beitrag, der spezifische Logiken, Verständnisse, Ebenen und Formen von Politik und politischem Handeln (Jugendlicher) identifiziert und auf diese Weise die verschiedenen Beiträge ins Verhältnis zueinander setzt, wäre hier mglw. hilfreich gewesen. Auch hätte ein resümierender Beitrag herausstellen können, dass die empirische Wirklichkeit facettenreich ist, von einer in der Einleitung behaupteten Tendenz zu einem „konsumorientierten“ Politikverständnis bei Jugendlichen jedenfalls nicht pauschal die Rede sein kann. Deutlicher heraus sticht der an vielen Stellen geäußerte Befund einer ‚Entinstitutionalisierung‘ politischen Handelns (bei besonders aktiven jungen Menschen), die jedoch – so ein anderer zentraler Befund – nicht von einer generellen Abkehr von institutionalisierten und ‚konventionellen‘ Partizipationsangeboten gerahmt wird. Wenn bestimmte Formen eines außerinstitutionellen politischen Handelns damit aber Phänomene artikulationsstarker Minderheiten bleiben, wäre vor allem interessant zu erfahren, unter welchen Bedingungen sich solche Artikulationen in konkreten (nationalen) Handlungsräumen entfalten (oder eben auch nicht) und warum sie mal in diese, mal in jene Richtung weisen, welche Rolle dabei „Emotionen“, wie zum Beispiel „Zorn“ oder (ggf. konsumgerichteten) ‚Popkulturalisierungen‘ zukommt, aber auch unter welchen Kriterien die Länderbeispiele ausgewählt wurden. Auf diese Weise wären auch analytische Bezüge zur Protest- und Jugendforschung hergestellt, die in diesem Band allerdings blass bleiben, obwohl doch gerade diese Forschungsrichtung umfassende Erkenntnisse über ‚jugendtypische‘ Logiken politischen Handelns bereitstellt.

So allerdings muss die Auseinandersetzung mit der immerhin im Untertitel aufgeworfenen Frage, ob mehr auf der Achse des „Generationendialogs“ oder mehr auf der Achse des „Gesellschaftskonflikts“ zu denken ist, im Bereich des Impliziten bleiben, so wie auch die Frage nach dem (Spannungs)Verhältnis zwischen sog. ‚konventioneller‘ und sog. ‚unkonventioneller‘, zwischen formaler und informeller Partizipation, nicht systematisch behandelt wird. Im Ergebnis bestätigt sich damit auch der oben genannte Befund, dass ‚Jugend‘ bei fehlender Präzisierung des Gegenstandes doch nicht viel mehr ist als: „ein Wort“.

Fazit

Der Sammelband „Jugend und Politik“ bietet ein Kaleidoskop von z.T. instruktiven Fallbeispielen verschiedener Formen und Dimensionen politischen Handelns und politischen Interesses bei jungen Menschen und stellt an weiteren Beispielen institutionelle Partizipationsofferten in unterschiedlichen Ländern dar. Hilfreich gewesen wäre eine konzeptionelle Schärfung, die es ermöglicht hätte, die (analytische und thematische) Breite der Beiträge in konkreten Fragestellungen nach Mustern und Entwicklungstendenzen institutioneller wie außerinstitutioneller politischer Partizipation zu bündeln.


Rezensent
Dr. rer. pol. Nils Schuhmacher
Wiss. Mitarbeiter Universität, Hamburg Kriminologische Sozailforschung
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Zitiervorschlag
Nils Schuhmacher. Rezension vom 10.11.2015 zu: Peter Filzmaier, Peter Plaikner, Christina Hainzl, Karl A. Duffek (Hrsg.): Jugend und Politik. Generationendialog oder Gesellschaftskonflikt? Facultas Verlag (Wien) 2015. ISBN 978-3-7089-1037-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19110.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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