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Hermann Brandenburg, Helen Güther u.a. (Hrsg.): Kosten kontra Menschlichkeit

Cover Hermann Brandenburg, Helen Güther, Ingo Proft (Hrsg.): Kosten kontra Menschlichkeit. Herausforderungen an eine gute Pflege im Alter. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2015. 311 Seiten. ISBN 978-3-7867-3034-7. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Mit den Beiträgen dieses Sammelbandes sollen Antworten auf Fragen nach dem Menschen und dem richtigen Tun in der Gerontologischen Pflege gesucht werden. Bei der Beantwortung dieser Frage wird auf Analysen und Überlegungen zum Sozialraum ebenso zurückgegriffen wie auf Entwürfe eines notwendigen Kulturwandels in der Langzeitpflege. Dass ökonomische Anforderungen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Umgestaltung haben, wird bei den Erwägungen zu einer neuen Orientierung der Altenpflege zur Verbesserung der Lebensqualität ebenfalls thematisiert. Nicht zuletzt wird auch die Identifizierung einer pflegepolitischen Position versucht.

Entstehungshintergrund

Hintergrund für dieses Vorhaben sind die fachübergreifenden Diskussionen, die seit 2004 im „Vallendarer Kolloquium zum Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen“ stattfinden, das von der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar ausgerichtet wird. Dabei stehen der Dialog von Wissenschaft und Praxis im Vordergrund, der auch die Auswahl der Beiträge dieses Sammelbandes prägt.

Aufbau

Abgesehen von einer ausführlichen Einleitung, deren einzelne Bestandteile verdeutlichen, dass dieser Sammelband zugleich eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Sr. Basina Kloos FBMVA darstellt, gliedert sich die Sammlung von Aufsätzen in vier große Kapitel: „Teil I: Autonomie und Lebensqualität“, „Teil II: Personal- und Organisationsentwicklung“, Teil III Der Sozialraum“ und „Teil IV: Gute Pflege im Alter und die Gestaltung der Pflegeinfrastruktur“. Jeder der vier Teile wird durch einen kurzen inhaltlichen Überblick über die folgenden Beiträge eingeleitet, der auch ihren inneren Zusammenhang klar stellt. Darüber hinaus zeichnen sich die einzelnen Teile durch ein Zusammenspiel von theoretischen und berufspraktischen Perspektiven und Analysen aus.

Zu Teil I Autonomie und Lebensqualität

In diesem Kapitel geht es darum zu sondieren, wie es um die Lebensqualität von Menschen, die sich in einer Langzeitpflegesituation befinden bestellt, ist. Was macht ihre Lebensqualität aus und wie kann Pflege intervenieren, um diese zu garantieren? Das sind die zentralen Fragen, wenn denn das zentrale Ziel der Pflege von Menschen mit Demenz die Erhaltung der Lebensqualität ist. Dazu werden zwei Instrumente zur Messung von Lebensqualität vorgestellt.

Stefanie Becker erläutert das Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität demenzkranker Menschen (H.I.L.D.E.). Es stellt eine Methode dar, die das Verständnis von Lebensqualität als mehrdimensionales Konzept operationalisiert. Damit soll unabhängig vom Stadium der Erkrankung die Lebensqualität demenzkranker Menschen auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter, standardisierte Kriterien erfasst werden. Mit Hilfe dieses Assessments können angemessene Fördermöglichkeiten identifiziert werden.

Eine kritische Bewertung des Einsatzes von H.I.L.D.E. in der Pflegepraxis geben Sinje Herrenbrück und Karl-Heinz Will. Auch wenn sie sich einen größeren Erkenntnisgewinn erhofft hatten, so stufen sie das Instrument doch als äußerst praxistauglich ein, insbesondere auch deshalb weil sie es in den verschiedenen Phasen der Einführung und der weiteren Anpassung an die Anforderungen der Praxis mitgestalten konnten.

Ein anderes Messinstrument ist das Instrument zur praxisnahen Erfassung von Lebensqualität (INSEL), das Frank Oswald und Hans-Werner Wahl als ein niederschwelliges, auf pragmatische und ökonomische Anwendung gerichtet vorstellen. INSEL ist mehrperspektivisch, weil es neben der Sicht der Betroffenen auch die Perspektive der beruflich Pflegenden einbezieht. Darüber hinaus zeichnet es sich durch eine gewisse Offenheit aus, nämlich dadurch, dass in die kontinuierliche Weiterentwicklung das Miteinander von Praxiserfahrungen und wissenschaftlichem Input einfließen. In der Beurteilung von INSEL aus Sicht der Praxis zieht Peter Anfang aus der Vielzahl positiver Beobachtungen in Bezug auf die Sensibilisierung der professionell Pflegenden die Bilanz, dass INSEL zu Einstellungsveränderungen bei den Pflegenden führt. Sie bemühen sich darum, alles für die Förderung der Lebensqualität zu tun.

Heike Baranzke betrachtet zum Abschluss dieses Teils die Frage nach der Lebensqualität vor dem Hintergrund des Rechts auf Selbstbestimmung als einem Menschenrecht. Damit bringt sie wichtige ethische, aber auch juristische Aspekte in die Diskussion. Sie weist darauf hin, dass das Recht auf Selbstbestimmung grundsätzlich unverlierbar ist und nicht an Kompetenzen und Leistungen gebunden werden kann. Deshalb kann die Pflicht zur Fürsorge keine Alternative zum Recht auf Selbstbestimmung sein.

Zu Teil II: Personal- und Organisationsentwicklung

Die These, die Lebensqualität von Pflegeheimbewohner_innen sei unmittelbar abhängig vom Stand der Personal- und Organisationsentwicklung, führt zu diesbezüglichen Analysen im zweiten Kapitel.

Im Kontext einer Kurzdarstellung der Situation der Pflegeberufe (quantitativ und ökonomisch), der Entwicklung der beruflichen Bildung und der Akademisierung kommen Uwe Bettig und Theresa Göppert zu einigen wichtigen Forderungen für die Zukunft. Sie sehen einen großen Bedarf an hoch qualifizierten Pflegekräften, der nur durch eine Attraktivitätssteigerung des Berufs erreicht werden kann. Eine absehbare Ausdifferenzierung innerhalb der Pflegeberufe macht ihrer Meinung nach die Neuregelung von Verantwortungs- und Kompetenzbereichen erforderlich. Außerdem sei neben einer angemessenen Vergütung ein Arbeitsumfeld zu schaffen, dass Pflegende im Beruf halten kann.

Auf die Differenzierung von Profession, Professionalität und Professionalisierung geht Manfred Hülsken-Giesler genauer ein. Nach einem Exkurs über den Professionsdiskurs in der Pflege in den vergangenen 25 Jahren und der Herausarbeitung der unterschiedlichen Ansätze verweist er darauf, dass der Diskurs auch heute vor allen Dingen aus berufspolitischen, vor allem ständischen Interessen geführt wird, aus seiner Sicht eine „äußere Professionalisierung“. Vernachlässigt sieht er dagegen Versuche, eigene Arbeitsbereiche auf der Binnenebene des Handelns zu etablieren, was jedoch Grundlage für ein nachhaltiges Selbstverständnis sei. Nur auf dem Wege über diese „innere Professionalisierung“ ist für ihn auch die „äußere Professionalisierung“ erreichbar.

Christof Heusel nimmt ergänzend dazu eine andere Perspektive ein. Er analysiert nicht, was die Pflege selbst zur Verbesserung ihrer Situation tun kann, sondern identifiziert Methoden des Personalmanagements, die das berufliche Umfeld pflegefreundlicher gestalten könnten. Schließlich sollte es im Interesse sozialwirtschaftlicher Unternehmen liegen, den Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal langfristig zu decken. Der Beitrag handelt also im Wesentlichen von Versuchen zur verbesserten Personalbindung, dem Verbleib im Beruf. Er beschreibt diverse Lösungsansätze, von der Gesundheitsfürsorge am Arbeitsplatz bis hin zur Führungskräfteentwicklung, die in verschiedenen größeren Projekten untersucht wurden. In der Konsequenz kann es nicht die eine Lösung geben, vielmehr müssen in den Unternehmen zu bewältigende Teilbereiche und Projekte durchgeführt werden, die eine Annäherung an das Ziel implizieren.

Ein abschließender Exkurs in die Geschichte der Pflege im Nationalsozialismus mit einem daran anknüpfenden Plädoyer für den Ungehorsam ist die Quintessenz des Beitrags von Helen Kohlen. Darüber hinaus fordert sie eine weitere Diskussion über die Bedeutung der Ethik in der Pflege.

Zu Teil III Der Sozialraum

Alfons Maurer beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Bedeutung der sozialraumorientierten Hilfe, die aus dem Bereich der Sozialen Arbeit allmählich Eingang in die Konzepte von innovativer Altenpflegearbeit findet, auch wenn sie bisher noch wenig an die Arbeit mit Behinderten und Alten angepasst wurde. Wesentlich dabei ist die Einbindung der Altenpflege in die Kommune, in die Nachbarschaft, in das Quartier. Die Keppler-Stiftung in Baden-Württemberg hat erste Erfahrungen damit gewonnen und bestätigt Ergebnisse aus der Sozialen Arbeit: die Ressourcen der Umgebung können aktiviert werden wie umgekehrt die Einbeziehung der Altenpflege zu einem vielfältigeren Leben im Quartier beiträgt.

Das Problem der Ressourcengewinnung und -nutzung beschäftigt auch Katrin Schneiders, und zwar insbesondere unter den Vorzeichen der Ökonomisierung der sozialen Versorgungsleistungen. Sie analysiert die daraus resultierenden Veränderungen für den bisherigen Wohlfahrtsstaat in den Bereichen Privatisierung, Ambulantisierung und Ökonomisierung. Diese sind vor allen Dingen in der Erosion der bisherigen Akteurskonstellation zu erkennen: Der staatliche Rückzug geht einher mit einer Zunahme privat-gewerblicher Anbieter und der Etablierung hybrider Organisationen, in denen Staat Wirtschaft und frei-gemeinnützige Organisationen zusammenarbeiten. Um die dadurch bedingten Widersprüche und Konflikte lösen zu können, müssen sich die Wohlfahrtsverbände einer aktiven Modernisierungsstrategie unterwerfen.

Matthias Brünett beschreibt Versuche, den Sozialraum in der Versorgung von Menschen mit Demenz einzubeziehen, am Vergleich demenzfreundlicher Kommunen in England und Deutschland. Während in England bereits die politische Regulierung eingeführt wurde – Gemeinden können sich als „Demenzfreundliche Gemeinden anerkennen lassen –, existieren in Deutschland einzelne Modellprojekte, die Demenz auf der Grundlage zivilgesellschaftlicher und sozialer Aspekte interpretieren und als Teil der menschlichen Existenz begreifen. Im Gegensatz zum englischen Modell handelt es sich demzufolge auch nicht um einen Baustein im Versorgungssystem, sondern um einen Anstoß zur Neudefinition der Beziehung der Bürger_innen zueinander. Warum dieser Unterschied einer ums Ganze ist, macht Brünett vor dem Hintergrund des Gouvernmentalitäts-Konzepts deutlich. Denn die Umwandlung des Innovativen und Kreativen zur ökonomischen Ressource deutet Demenzfreundlichkeit nicht mehr zivilgesellschaftlich; vielmehr nimmt sie die Form eines Wettbewerbsfaktors an. Aus diesem Grunde spricht er für die nicht zentralstaatlich gestärkten Modelle in Deutschland.

Unterschiedliche Konzepte von Familie und der Abgrenzung und Öffnung dieser gesellschaftlichen Institution gegenüber dem Sozialraum im Hinblick auf die Pflege von Angehörigen sind das Thema von Helen Güther. Der Widerspruch von Privatheit – hier Familie – und Öffentlichkeit – hier Vergesellschaftung in einer sozialen Marktwirtschaft – lässt sich nach Güther nur durch immer wieder neu zu verhandelnde Kompromisse aufheben. Das soll in politischen, diskursiven Auseinandersetzungen geschehen, in denen der Wert familialer, informeller Pflege und Fürsorge der Effizienz und des Kosten-Nutz-Kalküls marktwirtschaftlicher Prinzipien entgegengestellt wird. Für sie kann damit der Funktionalisierung der Familienpflege als Versorgungsressource Einhalt geboten werden.

Am Beispiel der Entwicklung und Veränderung der Arbeit des Verbandes der katholischen Altenhilfe in den letzten 50 Jahren zeigt Hanno Heil, wie sehr sich die Vorstellungen eines „guten Lebens im Alter“ und damit auch die Wohn- und Versorgungsformen wandeln. Dass das von einem solchen Verband mitvollzogen werden kann, beruht nach Heil auf dessen christlichem Wertefundament.

Zu Teil IV Gute Pflege im Alter und die Gestaltung der Pflegeinfrastruktur

Die Bedeutung der Freien Wohlfahrtsverbände, mit besonderer Hervorhebung der kirchlichen Verbände, von ihren Anfängen bis in die Gegenwart zeichnet Karl Gabriel nach. Der Fokus liegt dabei auf dem widersprüchlichen Verhältnis von Verbänden und staatlicher Sozialpolitik, in dem die Verbände eine konfliktreiche Vermittlungsleistung zwischen Individuum und Staat übernehmen. Auch in dem aktuellen Spannungsfeld von Staat, Markt und informeller Hilfe gibt es demnach noch Optionen für die Verbände, zu denen vor allen Dingen die Anwaltschaft für die 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung gehört, die heute in die Armut abgedrängt werden. Für diese Aufgabe zeigten sich die privaten Dienste weder motiviert noch geeignet, so dass darin die Zukunft der Freien Wohlfahrtsverbände liege. Allerdings sieht Gabriel eine weitere notwendige Aufgabe der konfessionellen Verbände darin, angesichts neuer religiöser Konflikte die Kooperation der Konfessionen voranzutreiben.

Eine vergleichende Analyse der Vermarktlichung der Pflegeinfrastruktur und der De-Institutionalisierung der stationären Versorgung in Schweden und Deutschland stellt der Beitrag von Hildegard Theobald dar. Trotz einiger Gemeinsamkeiten der neuen Marktorientierung (keine Kostenreduktion und keine verbesserte Pflegequalität) gibt es auch deutliche Differenzen. So ist in Schweden der Anteil kommerzieller Dienstleister geringer als der in Deutschland, wobei große Anbieter eindeutig den Markt dominieren. Die De-Institutionalisierung stationärer Angebote, z.B. in Wohngruppen, Hausgemeinschaften, ist in Schweden zum Regelangebot geworden und hat zu einer größeren Akzeptanz der stationären Pflege geführt.

Die geringe Akzeptanz stationäre Altenpflege führt Andreas Kruse vor allen Dingen darauf zurück, dass der Anblick schwerpflegebedürftiger oder demenzkranker Personen für viele Menschen eine große Belastung bedeutet. Die Begegnung mit der „Ordnung des Todes“ gilt vielen als Indiz schlechter Pflege. Diesem Urteil setzt er entgegen, dass wir diese Ordnung akzeptieren müssen und außerdem lernen müssen auch im Pflegeheim die „Ordnung des Lebens“ zu erkennen – das gilt auch für Pflegekräfte. Dazu bedarf es einer fachlich wie ethisch anspruchsvollen Pflege, die nur möglich ist, wenn in den Institutionen eine pflegefreundliche Kultur geschaffen wird.

Angesichts der vielfältigen Veränderungen der Rahmenbedingungen für die stationäre Altenhilfe fordern Ingo Bode, Hermann Brandenburg und Burkhard Werner insbesondere für die konfessionellen Trägerverbände eine Neuorientierung. Auch sie sind den Prinzipien der Ökonomisierung unterworfen. Wenn es ihnen nicht gelingt, ihre christlichen Leitbilder in der Praxis zu bewahren, werden diese Wertebekenntnisse zu einer bloßen Hülle, die nur noch legitimatorischen Charakter hat. Die Autoren fordern deshalb den Eintritt in eine radikalisierte gesellschaftspolitische Debatte, und zwar unter der Voraussetzung, die Rolle auch der Leistungsanbieter bei der Übernahme einer unhinterfragten Marktgläubigkeit zu reflektieren. Dafür skizzieren sie eine Reformagenda, die eine deutlichere Profilierung und eine neue Sorgekultur ebenso enthalten wie eine Neuausrichtung der Qualitätssicherung.

Wie eine solche Reformagenda in der Praxis umgesetzt werden könnte, erläutern Claudia Gerstenmaier und Alfons Maurer am Beispiel der Keppler-Stiftung. Diese geht bei der Neudefinition von Altenpflege davon aus, sich auf die „eigentlichen“ Aufgaben zurück zu besinnen. Das heißt, das Wohl der Menschen, die die Dienstleistungen in Anspruch nehmen als vordringliche Aufgabe zu sehen; das Wohl der Mitarbeiter zu fördern; zum Gemeinwohl beizutragen; die ökonomische Basis für die kirchlichen Unternehmen zu sichern.

Für eine neue Kultur der stationären Altenpflege plädieren zum Abschluss des Bandes Hermann Brandenburg und Frank Schulz-Nieswandt. Dazu definieren sie, welche Merkmale einen solchen Wandel ausmachen und von welchen Haltungen und Strukturen dieser abhängig ist. Sie betonen, dass es nur um eine konzeptionelle Neugestaltung gehen kann und nicht um die Reform einzelner Teile. Meilensteine für ein Neukonzept sollen sein: ein eigenes Profil der stationären Langzeitpflege, eine neue Sorgekultur, die Öffnung der Heime, weg von einer Monokultur der Bereuung und Versorgung und eine Wende in der gesellschaftlichen politischen Diskussion.

Diskussion

Dieser Sammelband präsentiert mit Auszügen aus den Diskussionen des „Vallendarer Kolloquiums zum Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen“ einen umfassenden Überblick über die aktuelle christlich-pflegewissenschaftliche Auseinandersetzung über die Altenpflege. Dabei werden ausgewählte aktuelle Ansätze zur Verbesserung der Versorgung älterer, pflegebedürftiger Menschen aus der Perspektive christlicher Wertevorstellungen vorgestellt.

Überhaupt geht es in den unterschiedlichen Beiträgen um eine Rückbesinnung auf christliche Werte in den konfessionellen Trägerverbänden der Altenpflege. Zwar gibt es wenig offene Kritik am Verhalten dieser Verbände als vielmehr ein implizites Verständnis davon, dass auch die kirchlichen Institutionen dem Ökonomisierungsdruck nicht standhalten können. Genau deshalb scheinen die Herausgeber und die Beitragenden auf eine innerkirchliche Selbstverständigung zu setzen, die sich zum einen auf christliche Werte besinnt und zum anderen Wertediskussionen und pflegewissenschaftliche Ansätze nicht kirchlicher Institutionen integrieren könnte. Die Re-Animation christlicher Werte inklusive einer Modernisierung derselben (Die Bezüge zu einigen ausgewählten Ansätzen der säkularen Diskussion vor allen Dingen in der Sozialarbeit plädieren dafür.) bleibt jedoch nicht allein auf die Ausprägung einer veränderten Pflegekultur und Versorgung beschränkt. Es geht auch um die Interessen der Kirchen in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. In einigen Beiträgen zur Arbeit kirchlicher Verbände und Institutionen wird deutlich, dass über die modernisierte Altenpflegearbeit auch die gesellschaftliche Position der Kirchen erneuert werden könnte.

Ob und mit welchen Konsequenzen eine solche Strategie erfolgversprechend sein wird, hängt nicht nur vom Reformwillen der Verbände ab. Es ist auch abhängig davon, ob ein eher konservatives Bild von Subjekten und Gesellschaft, wie sie in verschiedenen philosophisch ethischen Aufsätzen dieses Sammelbandes durchscheinen, tatsächlich geeignet sind, die Erfahrungen, die Pflegende in der Alltagspraxis mit eben jenen Subjekten, Gruppen und der Gesellschaft insgesamt gewinnen, spiegeln kann.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die philosophisch ethische Debatte, die sich hier wiederspiegelt, durchaus interessante Aspekte einer anderen Versorgungsstruktur bereithält. Diese werden allerdings auch in anderen kritischen Diskursen zur Ökonomisierung des Gesundheitswesens behandelt. Die Berücksichtigung solcher Diskurse hätte die hier vorgenommene Selbstreflexion durchaus bereichern können.

Fazit

Ansätze, die zu einer „Guten Pflege im Alter“ führen können, werden in diesem Buch unter philosophisch-ethischen und religiösen Vorzeichen dargestellt. Für alle, die in den Zusammenhängen konfessioneller Träger, Institutionen und Netzwerke arbeiten und forschen, bietet der Sammelband viele neue und kritische Ansätze, die zu einer Modernisierung im „guten Sinne“ beitragen können. Es werden neben einer Kritik an der Ökonomisierung, an der die frei gemeinnützigen Verbänden durchaus mitarbeiten, auch Vorschläge und Modelle einer veränderten Pflegekultur vorgestellt, zu eine Reform der kirchlichen Arbeit in der Altenpflege befördern könnten.


Rezensentin
Dr. Eva-Maria Krampe
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Zitiervorschlag
Eva-Maria Krampe. Rezension vom 08.01.2016 zu: Hermann Brandenburg, Helen Güther, Ingo Proft (Hrsg.): Kosten kontra Menschlichkeit. Herausforderungen an eine gute Pflege im Alter. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2015. ISBN 978-3-7867-3034-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19111.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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