Marga Rothe: Sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe
Rezensiert von Prof. Dr. Matthias Müller, 30.06.2016
Marga Rothe:Sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe. Das Arbeitsbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2015. 91 Seiten. ISBN 978-3-17-023428-4. 24,99 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-031995-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Bei der Publikation handelt es sich um das Arbeitsbuch zu dem sich mittlerweile in der 7. Auflage befindlichen Klassiker der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH), den Marga Rothe mit dem Titel: „Sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe. Eine Handlungsanleitung“ veröffentlicht hat. Das Arbeitsbuch ist neu, konkretisiert und erweitert den auch als Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe bekannten Ansatz mit vielen Strukturdiagrammen, Arbeitshilfen, Checklisten usw. für die Praxis.
AutorIn
Dr. Marga Rothe war Professorin an der Fachhochschule für Sozialwesen in Heidelberg und ist im Jahre 2012 verstorben. Sie ist im Kontext der SPFH eine Pionierin, die sich um die Qualifizierung der Hilfe bemüht hat.
Entstehungshintergrund
Ihre Pionierarbeit erkennt man schon daran, dass der Beginn der sukzessiven Entwicklung des Heidelberger Modells der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe vor 30 Jahren im Zusammenschluss der Jugendämter der Stadt Heidelberg und des Rhein-Neckar-Kreises sowie der Fachhochschule für Sozialwesen Heidelberg lag (9). Das Arbeitsbuch ist Bestandteil der Weiterbildungen, die zum Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe angeboten werden (13).
Aufbau
Das Buch gliedert sich in vier Kapitel:
- Sozialpädagogische Familienhilfe
- Familienorientierte Schülerhilfe
- Integration statt Isolation
- Praxisbegleitende Fortbildung
Inhalt
Marga Rothe leitet zunächst knapp in die die wesentlichen Leitgedanken des Hilfeverständnisses des Ansatzes ein und verzichtet – einem Arbeitsbuch entsprechend – auf umfassendere theoretische Ausführungen. Sie macht deutlich, dass sie sich an der Logotherapie nach Viktor Frankl, der initiatischen Therapie von Karlfried Graf Dürckheim, an der positiven Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian und der systemischen Familienarbeit orientiert (13). Etwas ausführlichere Erläuterungen zu den von ihr genutzten theoretischen Bezügen finden sich in der oben bereits erwähnten Handlungsanleitung. Nach dieser kurzen Einführung entfaltet sie in den nächsten Kapiteln die Sozialpädagogische Familienhilfe (Kap. 1), die Familienorientierte Schülerhilfe (Kap. 2) und den Aspekt der Integration statt Isolation (Kap. 3) anhand von Strukturdiagrammen, Arbeitshilfen, Checklisten usw.
Im 1. Kapitel zur Sozialpädagogischen Familienhilfe wird der Aufbau der SPFH zeitlich und inhaltlich differenziert in drei Phasen dargestellt (Beziehungsaufbau und Klärung des Hilfebedarfs (3 Monate), Planung und Erprobung von Veränderung (12 Monate) und Ablösung (3 Monate) (20-21)). Alle dann folgenden Arbeitshilfen orientieren und konkretisieren diese Prozessphasen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Selbsthilfeplan und den daran gebundenen Zielformulierungen liegt (26-36). Hier tauchen dann die für Hilfeplanungen mittlerweile üblichen Aspekte wie Globalziele, Teilziele und Handlungsschritte orientiert an W-Fragen auf. Das Ende des Kapitels ist dann von Auswertungsbögen für die SPFH bestimmt (37-41).
Im 2. Kapitel – der Familienorientierten Schülerhilfe – bettete Marga Rothe die schulische Förderung von Kindern und Jugendlichen in die Arbeit mit Eltern ein und verdeutlicht, wie dieses im Rahmen einer Hilfe nach § 29 SGB VIII (Soziale Gruppenarbeit) im Kontext der Hilfen zur Erziehung realisiert werden kann. Analog zum SPFH-Modell beschreibt sie drei Prozessphasen mit dem Beziehungsaufbau, der Planung und Erprobung von Veränderung sowie der Ablösung (54). Trotz dieses eher formalen Ablaufs wird aber in dem Kapitel auch deutlich, dass schulische Hilfe für Kinder und Jugendlich sowie Auszubildende eine Kooperationsleistung von Erziehungsberechtigten, Schule und Jugendamt ist (50). Die Arbeitshilfen umfassen hier Aspekte der Planung, Unterstützung von Zielformulierungsprozessen wie im Kapitel zuvor und Auswertung für die Arbeit.
Das 3. Kapitel zum Thema Integration statt Isolation greift auf, dass Familien, die Hilfen zur Erziehung bekommen, mitunter keine für sie angemessene Teilhabechance haben. Integration soll dann nach dem umfeldorientierten Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe realisiert werden (62-65). Es geht darum, die individuellen Integrationsmöglichkeiten der Familienmitglieder zu erkennen und Integration durch Passungen in der Angebotsstruktur im Gemeinwesen zu realisieren. In diesem Hilfeaspekt werden neben der sich wiederholenden Zielformulierungslogik vor allem die Netzwerk- und die Ressourcenarbeit differenzierter auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Facetten durch Arbeitsblätter dargestellt (71-75). Die Integration der Familienmitglieder wird zudem indikatorenorientiert und reflexiv abgefragt, um die Erfolge der Hilfe zu evaluieren (76-77).
Das 4. und letzte Kapitel stellt dann die praxisbegleitende Fortbildung zum Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe anhand von sechs Bausteinbeschreibungen dar (84-91).
Diskussion
Das Buch von Marga Rothe ist sehr pragmatisch geschrieben und liefert im Stile eines konzeptorientierten Qualitätshandbuches Arbeitshilfen für die Praxis. Es ist sehr toollastig und mitunter wäre etwas mehr theoriebegründete Unterfütterung der Tools wünschenswert, um in Zeiten der stärkeren Begründungsnotwendigkeit für die Praxis der SPFH auch Argumentationshilfen zu liefern. Teile der theoretischen Erläuterungen finden sich aber in der oben genannten Handlungsanleitung zum Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe. Insofern lassen sich die Bücher als einander ergänzend verstehen und sollten ggf. auch beide verwendet werden, wenn nach dem Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe gearbeitet wird.
Fazit
Fachkräfte in den ambulanten Hilfen zur Erziehung sollten das Arbeitsbuch der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe, aber auch die Handlungsanleitung der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe kennen. Beide Bücher ergänzen sich und sind wichtig, weil es sich bei dem Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe um einen Klassiker der SPFH handelt, der sehr anschaulich einige Grundlagen der Praxis in der SPFH verdeutlich. Das Arbeitsbuch macht darüber hinaus deutlich, wie die Vernetzung verschiedener ambulanter Hilfen zum Nutzen der Familien gestaltet werden kann. Es hält außerdem sinnvolle und notwendige Strukturierungshilfen für die SPFH bzw. die ambulanten Hilfen bereit. Auch wenn die Strukturierungshilfen des Arbeitsbuches mitunter sehr pragmatisch sind, so liefern sie doch für die Praxis einen Rahmen, der den Arbeitsprozess orientiert und dafür sorgen kann, dass die Hilfe für die Nutzer_innen transparent ist.
Rezension von
Prof. Dr. Matthias Müller
Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik, Hilfen zur Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg
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