socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bernd Kammerer (Hrsg.): Was ist offene Jugendarbeit?

Bernd Kammerer (Hrsg.): Was ist offene Jugendarbeit? Materialien und Konzepte für die Jugendhilfeplanung. emwe-Verlag (Nürnberg) 2015. 319 Seiten. ISBN 978-3-932376-74-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.

Mitherausgeber: Projektgruppe Jugendhilfeplanung.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es zählt zur Eigentümlichkeit der (offenen, kommunalen wie verbandlichen) Kinder- und Jugendarbeit, sich (aus naheliegendem fachlichen Antrieb) immer wieder vor Augen führen zu wollen, wer ihre Zielgruppen sind, was diese (sich schnell wandelnd) auszeichnet, worin ihre aktuellen Ziele bestehen und wie sie diese zu verwirklichen trachtet. Seit 1964, als C. W. Müller, Helmut Kentler, Hermann Giesecke und Klaus Mollenhauer mit den von ihnen vorgelegten vier Versuchen „Was ist Jugendarbeit?“ zur Standortbestimmung von Jugendarbeit als kritischem, emanzipatorischem Projekt beitrugen, zählt die Beantwortung der Fragestellung geradezu zu den alltäglich-charakteristischen Aufgabenstellungen. Und in Anbetracht der Fragilität der Kinder- und Jugendarbeit als angeblich „freiwilliger Leistung“, wie vielerorts geradezu gebetsmühlehaft durch die kommunalen „Auftraggeber/inne/n“ behauptet wird, entsteht dort auch ein innerer Handlungsdruck, diese Frage legitimierend zu beantworten und Transparent über Ansprüche und Möglichkeiten sowie Ressourcen und (methodisch-praktische) Probleme herzustellen.

In Nürnberg fielen 2014 beide Zugänge zusammen: Einerseits die Erinnerung an die vor 50 Jahren formulierte Fragestellung, andererseits der aktuelle Handlungsanspruch, die offene Kinder- und Jugendarbeit zeitgemäß weiterzuentwickeln. Die vorliegende Publikation kündet davon.

Herausgeber

Bernd Kammerer ist Bereichsleiter im Jugendamt der Stadt Nürnberg (Kinder- und Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit an Schulen, Familienbildung, Erziehungsberatung). In dieser Funktion ist er auch verantwortlich für die Durchführung des alljährlichen Nürnberger Forums zur Kinder- und Jugendarbeit, die ebenso regelmäßig dokumentiert wird, zum Beispiel das 2012 unter dem Titel „Die Jugendarbeit und ihre Räume“ durchgeführte Forum (vgl. die Rezension).

Aufbau und Inhalt

Mit der vorliegenden Publikation wird das Nürnberger Forum der Kinder- und Jugendarbeit dokumentiert, das vom 24. bis 26. September 2014 unter dem Titel „Was ist Offene Jugendarbeit? Theorien und Praxismodelle für die Zukunft“ (und in Kooperation mit der Projektgruppe Jugendhilfeplanung der Stadt Nürnberg) durchgeführt wurde und dabei eingebettet war in den Gesamtprozess der Bestandsaufnahme und Analyse der weiteren Entwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Nürnberg. Ziel der Tagung war es, eine für die Praxis der Offenen Arbeit relevante Status-und Ortsbestimmung vorzunehmen – 50 Jahre nach Müller, Kentler, Giesecke und Mollenhauer zugespitzt in der Frage: „Was ist Offene Jugendarbeit?“

In seinem Vorwort verweist Bernd Kammerer darauf, dass mit der Tagung insbesondere zwei Schwerpunkte verfolgt wurden:

  1. Einerseits sei es darum gegangen, die für eine Fortschreibung der Konzeption der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Nürnberg relevanten wesentlichen theoretischen Modelle und konzeptionellen Ansätze zu vergegenwärtigen. Dazu zählte auch die Klärung der Frage, ob eine Theorie in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit überhaupt erforderlich sei. Bernd Kammerer wörtlich: „Kann es die angesichts der schier unüberblickbaren Breite und Vielfalt der Praxis überhaupt geben? Wenn auch die Zeiten der großen Auseinandersetzungen und Debatten um die richtigen Ansätze vorüber sind, hat sich doch ein Kanon an Wissensfundamenten gebildet, aus dem sich die Praxis speist, auf den sich Einrichtungskonzepte beziehen, aus dem einleitend oder herleitend Planungskonzepte entwickelt werden.“ Die Kooperation mit Schule und die Diskussion um Reichweite und Ausgestaltung des Begriffs der Bildungslandschaften habe bereits „die Profilschärfung auch und insbesondere der Offenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen forciert“.
  2. Andererseits sollten im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der offenen Kinder- und Jugendarbeit anhand von sieben identifizierten Handlungsfeldern und Praxisbeispielen der Schwerpunkt „auf relevante und repräsentative Formen der Arbeit gelegt werden, die aber immer auch den Alltag in Einrichtungen widerspiegeln sollten“ (S. 6).

Diese Verknüpfung oder Kontrastierung von Theorie einerseits und Praxis andererseits sollte für Anregungen sorgen, die der Fortschreibung der Planung, insbesondere im Blick auf Bedarfs-und Angebotsentwicklung, dienen könnten.

Der Aufbau der Veröffentlichung folgt der Zweiteilung der Tagung:

  1. Im ersten Teil des Bandes, der mit der wiederholt zu stellenden Frage „Was ist Offene Jugendarbeit?“ übertitelt ist, werden zunächst theoretisch-konzeptionelle Grundfragen der Offenen Jugendarbeit behandelt. Nach Gerhard Frank, der „Streifzüge“ durch aktuelle Jugendtheorien unternimmt und sich einige „launige Anmerkungen“ über „die“ Jugend „von heute“ erlaubt (S. 21 - 43), kommen drei „Granden“ zu Wort, die über lange Jahre die offene Kinder- und Jugendarbeit durch ihre Beiträge angeregt haben: Benno Hafeneger reflektiert zunächst zentrale Aspekte einer Geschichte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit nach 1945 (S. 45 – 70). Anschließend diskutiert Albert Scherr die von ihm auch begrifflich-konzeptionell geprägte Subjektorientierte Jugendarbeit als eine „immer noch aktuelle Programmatik für die Jugendarbeit“ (S. 71 – 82) und Lothar Böhnisch reflektiert die Offene Jugendarbeit als Ort Politischer Bildung (S. 83 – 96). Weitere Beiträge (S. 97 – 160) kommentieren und vervollständigen diese Überlegungen: Titus Simon („Ganztagsschule, Nerds und andere Stubenhocker – Konsequenzen für sozialräumliche, mobile und aufsuchende Ansätze in der Offenen Jugendarbeit“), Melanie Plößer („Unterschiedlich verschieden? – Gender und Diversity als Orientierungen in der Offenen Jugendarbeit“), Margit Auer („Bedürfnisse, Interessen und Lebensweltorientierung – Impulse für die Offene Jugendarbeit“), Mike Seckinger („Implizites sichtbar machen – Bildungs- und kompetenz-orientierte Ansätze in der Offenen Jugendarbeit“) und Martin Windisch („Standards in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – Fakten, Entwicklungen und Perspektiven“) runden den Theorieteil der Veröffentlichung ab.
  2. Im zweiten Teil des Bandes werden Überlegungen zu Handlungsfeldern der Offenen Kinder- und Jugendarbeit vorgestellt, so zum Beispiel durch Simone Herold und Anja Prölß-Kammerer Aspekte der kulturellen, technischen, medialen und politischen Bildung (S. 163 – 180). Beate Meyer und Walter Teichmann reflektieren Spiel, Sport und Geselligkeit in der offenen Kinder- und Jugendarbeit (S. 181 – 209), während Hans-Jürgen Fischer und Simone Herold sich schul- und arbeitsweltbezogener Kinder- und Jugendarbeit widmen (S. 211 – 238). Den Familienbezug und Peerbezug in der Offenen Jugendarbeit stellen Lena Friedrich und Detlef Menske (S. 239 - 261) in den Mittelpunkt ihres Praxisbeitrages, während Menske in einem weiteren Artikel der Relevanz von Beratung, Begleitung, Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungsarbeit reflektiert (S. 303 - 318).

Zielgruppen

Der vorliegende Band richtet sich Praktikerinnen und Praktikern der (offenen) Kinder- und Jugendarbeit, wie er auch tauglich für Verantwortliche in Jugendamt und Jugendpolitik sein dürfte. Bei Letzteren könnte er dazu beitragen, das eine oder andere Missverstehen und Missverständnis in Bezug auf Aufgaben und (Leistungs-) Möglichkeiten der Kinder- und Jugendarbeit aufzuklären.

Diskussion

Es liegt ein Werkstattbericht vor, der die eingangs erwähnte und für die Entwicklung der (auch offenen) Kinder- und Jugendarbeit geradezu alltäglich-charakteristische Aufgabenstellung verdeutlicht, immer wieder neu deutlich zu machen, wofür Kinder- und Jugendarbeit steht, wie sie ihre Ziele im sozialen Wandel und im Lichte sich ändernder jugendkultureller Entwicklungen neu justiert und nach methodischen Arrangements sucht, sie zu erreichen. Dabei werden zwei Aspekte deutlich:

  1. Einerseits scheint die Theoriediskussion zu, über und mit (auch offener) Kinder- und Jugendarbeit zu wenig Neues zu bieten zu haben. Der Rückgriff auf die ja bekannten Positionierungen der im ersten Teil des Bandes zu Wort kommenden Autorinnen und Autoren erweckt jedenfalls den Eindruck. In der Summe ist nur wenig zu spüren von einem „Aufbruch“, der anschließt an den kritisch-emanzipatorischen Impuls, den Müller, Kentler, Giesecke und Mollenhauer 1964 formuliert – vielleicht auch nur beschwört – haben. Vielleicht macht die Dokumentation aber auch nur deutlich, dass es „an der Zeit“ ist, sich von solchen Ansprüchen „der“ Kinder- und Jugendarbeit zu verabschieden? So recht will dies freilich nicht einleuchten, verlangen doch die zweckgebundenen Einhegungen von „Jugend“ als möglichst kurzer und zu verkürzender Passage auf dem Weg zu aktivierender Einmündung in Beruf und Reproduktion und die Drangsalierungen der Kinder- und Jugendarbeit für Zwecke von Prävention und Schule nach angemessenen kritischen Antworten.
  2. Andererseits bleiben die Reflektionen weitgehend auf das Beispiel einer deutschen Großstadt beschränkt. Vielleicht wäre es zu großgeschrieben, von einer „Nabelschau“ der Kinder- und Jugendarbeit in Nürnberg zu sprechen, die sich in den zahlreichen Praxisbeispielen darstellt. Die Dokumentation der zeitgerechten Ansätze, Konzepte und Praxen ist durchaus vorzeigbar, zudem in weiten Teilen auch illustrativ gelungen. Aber Nürnberg ist eben nicht Beispiel für das, was zum Beispiel in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt in der Fläche, in den Klein- und Mittelstädten als (offene) Kinder- und Jugendarbeit entwickelt werden muss. Auch die aus der Perspektive Nürnbergs formulierten Praxisbeispiele sind daher nur sehr bedingt übertragbar. Das sei festgestellt, nicht kritisiert.

Fazit

Gleichwohl: Ja, dieser Werkstattbericht liest sich interessant, auch wenn die theoretischen Reflexionen nicht neu sind und die „Granden“ Hafeneger, Scherr und Böhnisch nicht wirklich Überraschendes zum über Nürnberg hinausführenden Diskurs beizutragen haben. Auch der (in Anbetracht des dort selbst gegebenen Klärungsbedarfes) zwingende Fokus auf Nürnberg erleichtert nicht immer die Übertragbarkeit; allerdings können die zahlreichen Beispiele, die in die Praxisbeiträge eingebunden sind, durchaus Ideen enthalten, die auch anderenorts zum Einsatz kommen könn(t)en. Auch eine Differenz zwischen theoretischen Imperativen und den Mühlen einer um Zeitgemäßheit und Zielgruppenangemessenheit bemühten Praxis wird sichtbar. Nicht immer folgt die Praxis der Theorie, erkennbar wird die Notwendigkeit, Anschlüsse zwischen (einer aktualisierten) Theoriediskussion und praktischer Bemühung herzustellen. Gleichwohl: Die Dokumentation ist hilfreich, weil sie Unterstützung und Anregung dabei darstellen kann, an der Formulierung der klärungsbedürftigen Fragen zu arbeiten, was Jugendarbeit vor Ort bedeuten muss. Manches kann als Denkhilfe und -anregung dienen, einiges ist als streitbarer Beitrag zur kommunalen Positionsbestimmung adaptionsfähig. Nicht die Botschaft ist das Entscheidende, sondern der lokale Diskurs.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
E-Mail Mailformular


Alle 90 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 12.01.2017 zu: Bernd Kammerer (Hrsg.): Was ist offene Jugendarbeit? Materialien und Konzepte für die Jugendhilfeplanung. emwe-Verlag (Nürnberg) 2015. ISBN 978-3-932376-74-0. Mitherausgeber: Projektgruppe Jugendhilfeplanung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19121.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!