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Reinhard Lelgemann, Philipp Singer u.a. (Hrsg.): Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung

Cover Reinhard Lelgemann, Philipp Singer, Christian Walter-Klose (Hrsg.): Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 275 Seiten. ISBN 978-3-17-024283-8. 29,99 EUR.
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Thema

Lange hat die Fachwelt auf ein grundlegendes Werk zu Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung gewartet. Ist es Christian Walter-Klose 2012 mit seiner Dissertation „Kinder und Jugendliche mit Körperbehinderung im gemeinsamen Unterricht“ gelungen, eine umfassende Analyse der nationalen und internationalen Bildungsforschung zum Thema vorzulegen, so nimmt das hier vorzustellende Werk einen noch weiteren und differenzierteren Blick ein. Vorgestellt werden – gemeinsam mit Kollegen des Lehrstuhls Körperbehindertenpädagogik der Universität Würzburg – Ergebnisse aus Forschungsprojekten, die neben der Literaturanalyse auf über achtzig Experteninterviews und einer breit angelegten Fragebogenerhebung an Förderschulen und im Gemeinsamen Lernen beruhen. Diese werden in der Zusammenschau vorgestellt, theoretisch und vor der historischen Entwicklung der Körperbehindertenpädagogik reflektiert und durch bemerkenswerte Beispiele der Implementierung des Gemeinsamen Lernens aus verschiedenen Regionen Deutschlands bereichert.

Der eigene Anspruch lautet, „die Vielfältigkeit der aktuellen Diskussionen wider[zuspiegeln], die sich mit dem Begriff der Inklusion verbinden.“

Aufbau

Aufgeteilt ist das Buch in fünf Teile:

  1. Körperbehindertenpädagogik und Inklusion
  2. Theorie und Praxis der Inklusion
  3. Pädagogische und medizinische Reflexionen zur schulischen Inklusion
  4. Empirische Untersuchungen zur schulischen Inklusion und ihre Bedeutung für die Schulentwicklung
  5. Inklusion: Bespiele aus der Schulpraxis und Beratung

Inhalt

Prof. Reinhard Lelgemann, Inhaber des Lehrstuhl für Körperbehindertenpädagogik der Universität Würzburg nennt den ersten, grundlegenden Beitrag „Körperbehindertenpädagogik: Exklusives Bildungsangebot in inklusiven Zeiten – Gedanken zur Geschichte, Gegenwart und nahen Zukunft.“ Hier weist er zunächst darauf hin, dass die Körperbehindertenpädagogik zwar ein kleines Fachgebiet darstellt, ihre Zielgruppe aber eine enorme Bandbreite aufweist: von Schülerinnen und Schüler mit mehrfachen und schweren Beeinträchtigungen bis zu solchen, bei denen vor allem die eingeschränkte Mobilität die Haupterschwernis für Partizipation und Inklusion darstellt.

Zunächst stellt Lelgemann die Ergebnisse der Auswertung von 81 internationalen Studien von Walter-Klose vor. Diese bilden den Ausgangspunkt, um der Frage nachzugehen, wie ein bestmögliches Bildungsangebot von Schülerinnen und Schülern im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung gestaltet werden kann. Dieser zentralen Frage des Sammelbandes und des Artikels spürt Lelgemann zunächst nach, indem er, nach einem historischen Exkurs, Studien zur Zusammensetzung der Schülerschaft vorstellt und damit die Spannbreite und Komplexität der Körperbehindertenpädagogik verdeutlicht. Eine Beschäftigung mit nahen Zukunftsaufgaben, die Lelgemann sowohl im Gemeinsamen Unterricht als auch an Förderschulen sieht, führt ihn zum Selbstverständnis der schulischen Körperbehindertenpädagogik. Er macht deutlich, dass es nicht darum geht, den Status Quo zu erhalten, sondern inklusive und inklusivere Bildungsangebote mit hohen Standards von Professionalität zu entwickeln und weiterzuführen.

Philipp Singer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Körperbehindertenpädagogik der Universität Würzburg, versteht seinen Beitrag „Theoretischer Anspruch und praktische Wirklichkeit des inklusiven Ansatzes im pädagogischen Diskurs zu Konsequenzen der normativen Einigkeit und des Umgangs mit Fremdheit“ als Teil der vertieften Diskussion über die theoretischen Grundlagen und Prämissen des Inklusionsbegriffs. Er geht von dem durch Andreas Hinz vertretenen normativen Ansatz von Inklusion aus und diskutiert, ausgehend von dem deutschen Philosophen Bernhard Waldenfels mögliche Konsequenzen und Gefahren, die sich vor allem für schwer körperlich und geistig behinderte Menschen aus den theoretischen Annahmen des inklusiven Ansatzes ergeben können. Er verspricht damit eine differenzierte Perspektive auf Inklusion. Diesen Anspruch löst er umfassend ein. Aus Sicht der Körperbehindertenpädagogik von besonderem Interesse ist dabei der Exkurs zu „Anspruch und Wirklichkeit inklusiver Schulentwicklung im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung (kmE)“, der die weiterhin große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit verdeutlicht. Klar argumentierend macht Singer deutlich, warum die theoretischen Annahmen des Inklusionsansatzes, der auf die Vermeidung aller Fremdheit abziele, für schwerer oder mehrfach körperbehinderte sowie geistig behinderte Menschen eine gefährliche Wirkung entfalten könnte. Erfolgreiche inklusiv arbeitende Schulen pflegen einen Umgang mit Behinderung, der diese nicht nur als individuelle Verschiedenheit auffasst, sondern diese auch schätzt und als beachtenswert hervorhebt.

Der folgende Beitrag von Dr. Volker Daut, Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Körperbehindertenpädagogik der Universität Würzburg, gibt einen gelungenen Einblick in die „Pädagogische Unterstützung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Körperbehinderung in inklusiven Bildungsangeboten“. Nach einer Einführung beschäftigt sich Daut dabei im Schwerpunkt mit der zahlenmäßig größten Gruppe: Heranwachsenden mit cerebralen Bewegungsstörungen sowie Kindern mit Duchenne Muskeldystrophie. Nach der Auseinandersetzung mit diesen beiden Gruppen formuliert er anspruchsvolle Qualitätsmerkmerkmale für die pädagogische Begleitung, die sowohl Fachkolleginnen und Kollegen als auch Novizen im Feld der Körperbehindertenpädagogik als Orientierung dienen können.

Im ersten Beitrag des vierten Teils stellt Dr. Christian Walter Klose „Empirische Befunde zum gemeinsamen Lernen und ihre Bedeutung für die Schulentwicklung“ vor. Ziel ist es. Empfehlungen für die inklusive Schulentwicklung für die Schülerschaft mit körperlicher und/oder mehrfacher Behinderung abzuleiten und ein Modell vorzustellen, mit dem sich die Qualität schulischer Bildung beschreiben lässt. Dazu setzt er sich zunächst mit den, aus seiner Sicht, entscheidenden fünf Dimensionen des Inklusionsbegriffs auseinander und liefert anschließend ein Modell zu Qualität schulischer Bildungsangebote. Dann werden ausführlich und differenziert empirische Befunde zum Gemeinsamen Unterricht mit Kindern und Jugendlichen mit Körperbehinderung diskutiert. Als bedeutsame Einflussgrößen stellt Walter-Klose dabei die Schulorganisation, die Unterrichtsorganisation, die Lehrkraft sowie spezifische Angebote vor allem zur Förderung der Gesundheit, vor. Am Ende des Kapitels gibt er einen Überblick über entsprechende Anpassungserfordernisse des schulischen Bildungsangebots.

Philipp Singer stellt im zweiten Beitrag des vierten Teils „Befunde eines empirischen Forschungsprojektes zur schulischen Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung“ vor. Der gewählte Haupttitel „Heterogene Schülerschaft – heterogene Bedingungen“ enthält dabei eine wichtige Kernaussage, zu den Ergebnissen der von 2010 bis 2012 durchgeführten Studie. Forschungsziel war herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen eine gleichberechtigte Teilhabe im allgemeinen Schulsystem für Schüler mit einer Körper- und Mehrfachbehinderung ermöglicht werden kann. Im Rahmen eines triangulativen Vorgehens erfolgte eine Literaturanalyse der internationalen Literatur zum gemeinsamen Unterricht von Heranwachsenden im Förderschwerpunkt kmE, eine qualitative Interviewstudie mit 84 Schülern, Lehrkräften und Eltern aus Förderschulen und inklusiven Settings und eine quantitative Fragebogenerhebung, an der über 4000 Eltern, Schüler, Lehrkräfte und Mitarbeitende teilnahmen. Daraus ergibt sich ein umfassendes und detailliertes Bild der aktuellen Situation der schulischen Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Dabei werden die Bedeutung von Einflussgrößen wie das Elternhaus sowie der Unterstützungsbedarf und die Persönlichkeit des Schülers dargestellt. Auch der vielfach genannte Einfluss der Einstellungen zur Umsetzung schulischer Inklusion macht Singer hier deutlich. In einem Mehrebenenmodell werden Inklusionsbedingungen vorgestellt, dabei wird ein Schwerpunkt auf Haltungen und Einstellungen gelegt. Besonders interessant sind hier die wissenschaftlich analysierten Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, die aus dem gemeinsamen Unterricht in die Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung gewechselt sind.

Bereits 2012 präsentierten Lelgemann et al. eine Handreichung zu Qualitätsbedingungen schulischer Inklusion. Dr. Christian Walter-Klose stellt im letzten Kapitel des vierten Teils „Die Schule vom Kind aus denken – Ein Leitfaden für die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit körperlicher Beeinträchtigung“ nun deren Weiterentwicklung vor. Dieser beruht auf den zuvor vorgestellten Forschungsprojekten und bündelt diese mit einem Umfang von zehn Seiten sinnvoll und praxisnah. Wenngleich daran erinnernd, geht der Leitfaden damit über eine klassische Förderplanung deutlich hinaus, in dem er neben dem Unterricht auch die Schulorganisation und gesundheitsbezogene Aspekte einbezieht.

Der fünfte Teil „Inklusion: Beispiele aus der Schulpraxis und Beratung“ stellt sechs gelungene Beispiele vor. Lehrkräfte, Schulleiter und Mitarbeitende von Beratungsangeboten, die über umfangreiche Erfahrungen des Gemeinsamen Lernens bei körperlicher und mehrfacher Behinderung verfügen, berichten über diese. Dabei wird wiederum die Vielfältigkeit und Komplexität der Schülerschaft, wie auch der Schul- und Beratungslandschaft deutlich. Gemeinsames Lernen gelingt bei den Beispielen aus Bayern (von Irene Roth) anders als in Nordrhein-Westfalen (von Manfred Palm), Niedersachsen oder Schleswig Holstein. Gymnasien haben dabei völlig andere Ausgangsbedingungen als Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt kmE, die zeigen, dass Inklusion auch andersherum gelingen kann (Guido Vendt & Helmut Kirsch). Dass auf dem Weg zur Inklusion ein hoher Beratungsbedarf besteht und wie diesem sinnvoll begegnet werden kann, machen eindrucksvoll die Beiträge von Arno Grothus sowie Rainer Dräger und Tobias Schubert deutlich.

Diskussion

Im Zeitalter der Inklusion, in dem der Heil- und Sonderpädagogik gemeinsam mit den allgemeinen Bildungswissenschaften in einer Schule für Alle eine generelle Zuständigkeit für alle Schülerinnen und Schüler zugemessen wird, gelingt es den Autorinnen und Autoren deutlich zu machen, welche spezifischen Bedürfnisse Kinder und Jugendliche mit Körperbehinderungen haben und über welche spezifischen Kompetenzen Fachleute im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung verfügen müssen. Damit kann es bereits etablierten Kolleginnen und Kollegen als Medium der Selbstvergewisserung dienen und Neueinsteigern einen umfassenden Überblick geben.

Fazit

Lelgemann, Singer und Walter-Klose werden ihrem eigenen Anspruch, die Vielfältigkeit der aktuellen Diskussionen, die sich mit dem Begriff der Inklusion in der Körperbehindertenpädagogik verbinden, widerzuspiegeln, gerecht. Wenngleich die einzelnen Kapitel bei einem Sammelband naturgemäß unterschiedliche Herangehensweisen an das komplexe Thema und unterschiedliche Reflexionsgrade aufweisen, so ist das Buch in seiner Gesamtheit wie auch die einzelnen Kapitel als theoretisch fundierte Grundlage für jede Praktikerin und jeden Praktiker und als praxisorientiertes Werk für jede Wissenschaftlerin und jeden Wissenschaftler in der Körperbehindertenpädagogik zu empfehlen.


Rezension von
Jun. Prof. Dr. Ingo Bosse
Leitung des Lehrgebiets körperliche und motorische Entwicklung der Fakultät Rehabilitationswissenschaften an der TU Dortmund
Homepage www.kme.tu-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ingo Bosse. Rezension vom 08.01.2016 zu: Reinhard Lelgemann, Philipp Singer, Christian Walter-Klose (Hrsg.): Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-024283-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19129.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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