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Martin W. Schnell, Christian Schulz (Hrsg.): Dem Sterben begegnen

Cover Martin W. Schnell, Christian Schulz (Hrsg.): Dem Sterben begegnen. 30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2015. 219 Seiten. ISBN 978-3-456-85462-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Lange waren Sterben und Tod dem Diktat ihrer Verleugnung und Verdrängung ausgeliefert. Der gesellschaftliche Wandel hat aber auch diese, dem Leben scheinbar diametral gesetzten Ereignisse und Begebenheiten erfasst – nicht radikal, aber stetig gewinnen die ‚letzten Dinge‘ an Bedeutung und eröffnen ein Paradoxon, in der der zeitgenössische Mensch sein Dasein fristet, zwischen öffentlicher Problematisierung und medialer Inszenierung des Todes bei gleichzeitiger Verdrängung des Sterbens. Gleichzeitig vergrößern mangelnde Erfahrungen im Umgang mit Sterbenden diese Entfremdung, da auch verbindliche Regeln ihre Bedeutung verloren haben. Eingebettet in das kulturelle Selbstverständnis unserer Zeit wird mehr denn je ein öffentlichen Diskurs gefordert, die Frage nach dem Verhältnis von Leben und Tod - und darin eingeschlossen die Frage nach dem Sinn von Sterben und Tod - neu zu verhandeln und zu buchstabieren. Vor allem die Sinnfrage ist zentral in diesem Buch und verlangt nach angemessener Besprechung dieser letzten Dinge. Gibt der Tod als solcher kaum Anlass zur Artikulation, kann sich auch das Nachdenken über die eigene Endlichkeit schwierig gestalten – gerade für junge Menschen, die altersbedingt den Tod vom Leben abspalten und nicht an das Sterben denken müssen. Was aber passiert, wenn sie es doch tun? Wie erleben junge Menschen Begegnungen mit Sterbenden? Welche Gedanken über die Endlichkeit des Lebens geraten in den Blick und wie verändern diese die eigene Haltung zu Sterben und Tod? Diese und ähnliche Frage werden in individuellen Geschichten junger Menschen mit Sterbenden und ihren Angehörigen besprochen und öffentlich reflektiert. Sie resultieren aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Diskurs-Projekt „30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen“, ein Versuch, eine bewusste Auseinandersetzung mit Fragen rund um Sterben, Tod und Endlichkeit zu fördern, ohne „den Sinn des Diskurses vorzugeben“ (S. 19). Damit ist gleichzeitig auf eine gesamtgesellschaftlich Tendenz verwiesen: Sterben, Tod und seine Einstellungen und Haltungen dazu neu und je eigens zu (über)denken.

Autoren und Herausgeber

Das Buch wurde herausgegeben von Martin W. Schnell und Christian Schulz unter Mitarbeit von Christine Dunger, Benjamin Philipp Paul, Nora Maria Puls und Janina Wildfeuer.

  • Univ.-Prof. Dr. Martin W. Schnell, M.A. ist Lehrstuhlinhaber für Sozialphilosophie und Ethik an der Fakultät für Kulturreflexion und das Studium Fundamentale und Direktor des Instituts für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen (IEKG) an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke. Darüber hinaus ist er Bundesvorsitzender der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. und unterhält Tätigkeiten an Universitäten im In- und Ausland.
  • Dr. med. Christian Schulz, MSc ist stellvertretender Leiter und Oberarzt am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin (IZP) am Universitätsklinikum der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er absolvierte den Master of Science in Palliative Care am King´s College, London (UK) und das Doktorat in Existentieller Psychotherapie an der New School of Psychotherapy and Counselling, London (UK).

Aufbau und Inhalt

Vorliegendes Buch ist unterteilt in fünf Hauptkapitel und wird umrahmt von einem Vorwort der Herausgeber und einem Raum für Notizen im Anhang.

Im Kapitel 1 (‚Gespräch mit einem sterbenden Menschen als öffentlicher Diskurs‘) findet eine Annäherung an die Thematik statt. Darüber hinaus schildern die Autoren die Intention des Projektes im Sinne einer „Kommunikation reflektierter Erfahrungen“ (S. 15), die bei jungen Menschen durch Begegnungen und Gespräche mit Sterbenden und ihren Angehörigen angestoßen werden. Die SchülerInnen, Auszubildenden und Studierenden sind zwischen 16 und 22 Jahre alt, in einem Alter, wie die Autoren betonen, in dem die innere Auseinandersetzung mit Themen dieser Art besonders authentisch erfolgt. Im Rahmen des Projekts führten sie Gespräche, die videographiert und in weiteren Formen und Bereichen der Öffentlichkeit präsentiert wurden. So findet sich hier auch eine (kollagenhafte) Zusammenstellung dieser unterschiedlichen Bereiche und Phasen des Projekts auf den unterschiedlichen Ebenen und Dimensionen des Diskurses entlang fotographischer Dokumente.

Kapitel 2 (‚Gespräch mit einem sterbenden Menschen – zwei Jahre danach‘) beinhaltet 18 individuelle Erfahrungsberichte, die im Zuge der Auseinandersetzung mit Fragen der Endlichkeit des Lebens entstanden sind. Die jungen Menschen wurden gebeten, Fragen zu beantworten und diese im Lichte ihrer Begegnung mit den Sterbenden rückblickend zu reflektieren. Den Geschichten vorangestellt sind Fotographien der ErzählerInnen; auch sie zeigen illustrativ die Veränderungen im Lichte der Geschehnisse. Nora Maria Puls und Christine Dunger schließen das Kapitel mit ausführlichen Beschreibungen und Gedankengängen zum Projekt, reflektieren ihre Entwicklung der Auseinandersetzung mit der Endlichkeit zu unterschiedlichen Themen und Gefühlen und schildern den Prozess der Verarbeitung der Erfahrungen und den Weg der Bedeutungsfindung für das eigene Leben. In den folgenden Kapiteln 3 (‚Palliative Care – Diversität am Lebensende‘) 4, (‚Diversität am Lebensende – Erforschung des Phänomens‘) und 5 (‚Philosophie und Kulturwissenschaft‘) wird das aus der Konfrontation mit der Endlichkeit erlangte Erfahrungswissen konzeptuell vorgestellt und Konsequenzen für Palliative Care, Existenzphilosophie und die Öffentlichkeit in Hinblick auf eben jene Perspektiven dargelegt.

Der Schwerpunkt in Kapitel 3 liegt auf der Darstellung und Erörterung des Konzeptes ‚Diversität am Lebensende‘, das sich in der „Sorge um das Sterben des Anderen im Eingedenken der Diversität zu realisieren“ (S. 149) vermag. Thematisiert werden sowohl Aspekte ‚sprechender Medizin‘ angesichts des Todes, dem ein dialogisches Prinzip von Ich und Du (vgl. Victor von Weizsäcker) grundgelegt ist. Hier geht es darum, dass Sterben nicht allein auf Etwas reduziert werden darf, sondern immer im Angesicht von Jemand, der stirbt und wirft damit gleichzeitig die Frage auf, wie dieser Dialog im Lichte dieser Anforderungen zu gestalten ist. Des Weiteren wird erläutert, was Diversität am Lebensende bedeutet und wie diese von Krankheit und Alter abzugrenzen ist. Das Kapitel endet mit Ausführungen zu einer angemessenen ‚Sterbebegleitung im Zeichen der Diversität‘ (3.5.).

Kapitel 4 zeigt Überlegungen zu einer empirischen Testung des Modells, da sich das Konzept auch als Grundlage der Versorgung und Behandlung von Sterbenden im Sinne von Palliative Care bewähren soll. Die praktische Plausibilität wird im Rahmen einer qualitativ angelegten Pilotstudie getestet, dessen Studiendesign, Ziele und Forschungsfragen, Datenerhebung und erste Ergebnisse in den folgenden Seiten des Kapitels vorgestellt werden. Zusammengefasst geht es um die „Darstellung der Erlebenswelt von Palliativpatienten in der Begegnung zwischen Sterbenden und ihren überlebenden Begleitern“ (S. 165).

In Kapitel 5 werden sowohl ‚Der philosophische Diskurs der Endlichkeit‘ (S. 183) besprochen als auch die diskursspezifische Verarbeitung von Inhalten (‚textuelles Tun‘, S. 196) in unterschiedlichen Formen (Kurzfilme, Dokumentarfilm, Facebook) aus den Erfahrungen im Rahmen des Projekts ‚30 junge Menschen‘ erörtert und im Zusammenhang mit der neuen sozialen Nutzungspraxis diskutiert. Die philosophische Reflexion versucht, die Haltungen zur Endlichkeit der TeilnehmerInnen in einem Zusammenhang mit dem Nachdenken über den Menschen im Allgemeinen zu bringen. Ausgehend von unterschiedlichen philosophischen Sichtweisen auf das Thema Endlichkeit (Jean-Paul Sartre, Immanuel Kann, Epikur, Martin Heidegger, Emmanuel Levinas) werden Motive junger Menschen, ein Gespräch mit einem sterbenden Menschen führen zu wollen, vorgestellt. Diese Erfahrungen und ihre reflektierte Haltungen werden schließlich in acht Thesen resümiert (S. 194).

Diskussion

Schon seit jeher werden Erfahrungen und Wissen in Form von Geschichten ausgetauscht und tradiert. Erfahrung ist wohl auch etwas, das angesichts des Sterbens von Menschen bei Jugendlichen und jungen Menschen nicht ohne weiteres angenommen werden kann. Wenn uns in diesem Buch nun Erlebnisse erzählt werden, dann spiegeln sich darin nicht nur die erlebte Praxis aus Leben und Sterben wider, sondern immer auch implizites Wissen über Sterben und Tod, die der Artikulation bedürfen. Existentiellem wird auf Basis von Ethik und Reflexion in einem Prozess der Entwicklung einer eigenen Haltung gegenübergetreten und diese im Lichte der neuen Erfahrungen bewertet – immer jedoch in dem Wissen, das es die anderen sind, die sterben.

Den Kern dieses Buches bilden wohl die Zeugnisse der jungen Protagonisten – auch wenn diese in der Fülle der Details und Informationen, die im Drumherum auf die LeserInnen einströmen, untergehen können. Sie sind Basis und Ausgangspunkt weiterer, eigener Überlegungen und sollten auch so gesehen werden. Denn im gewissen Sinne ist das Buch überehrgeizig angelegt – es möchte zu viel und lässt gleichzeitig wenig Raum, sich auf die einzelnen Erzählungen einzulassen. Verwirrend ist es allemal, wenn dann plötzlich von einem anderen Projekt die Rede ist oder von empirischer Prüfung des Konzepts ‚Diversität am Lebensende‘. Davon sollte man sich jedenfalls nicht beirren lassen und sich auf den Kern des Buches zurückversinnen, der da heißt: Dem Sterben begegnen. Dass es dann trotzdem gelingen kann, zeigt ja, wie authentisch diese Geschichten sind und welche Identifikationsmöglichkeiten mit den Protagonisten vor allem bei jungen Menschen möglich sind. Das ist bereits ein entscheidender Verdienst dieses Buches, der sich vor allem an junge LeserInnen richtet; das Aufzeigen von Wegen und Möglichkeiten, sich mit der Endlichkeit des Lebens zu befassen, ist ein weiterer Pluspunkt, der das Buch auszeichnet. Auch kann es in der alltäglichen Praxis des Sterbens wertvolle Anstöße für die (professionelle) Sterbebegleitung wie auch gesellschaftspolitische Diskussion darüber geben, wie wir sterben wollen.

Fazit

Das Buch beschreibt, wie im Diskurs um die Begegnung mit sterbenden Menschen eine Haltung der Endlichkeit des eigenen Lebens sinnhaft entwickelt und reflektiert werden könnte. Protagonisten sind junge Menschen, die aufgrund ihrer Lebensphase kaum über Sterben und Tod nachdenken und diese artikulieren. Kommunikationsanreize bieten deshalb Gespräche mit sterbenden Menschen oder deren Angehörigen und damit auch gleichzeitig die Chance, eine Haltung auszubilden, die weder durch Krankheit noch durch Alter vorbelastet ist. In gewisser Weise erhebt das Buch den Anspruch, Sterben zu lernen, sich bewusst zu werden, dass jedes Leben endlich ist und in diesem Bewusstsein das eigene Leben zu gestalten.

Das Buch ‚Dem Sterben begegnen‘ wird seinem hohen Anspruch gerecht, wenn man sich auf die Intention, eine Haltung zum Sterben und der Endlichkeit zu entwickeln, besinnt. Aufgrund der Originalität des Unterfangens und der Eröffnung unterschiedlicher Blickwinkel auf die Thematik Sterben und Tod ist das Buch aber auch für eine breite Leserschaft empfehlenswert.


Rezension von
Dr. Doris Lindner
Institut Forschung & Entwicklung
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 07.01.2016 zu: Martin W. Schnell, Christian Schulz (Hrsg.): Dem Sterben begegnen. 30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2015. ISBN 978-3-456-85462-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19137.php, Datum des Zugriffs 27.01.2022.


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