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Daniela Tausch, Lis Bickel: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen

Cover Daniela Tausch, Lis Bickel: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erziehende. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2015. 175 Seiten. ISBN 978-3-451-61310-4. D: 14,99 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Vorliegender Band ist die überarbeitete Neuausgabe, die 1994 erstmals im Herder-Verlag erschienen ist. In diesen zwanzig Jahren hat sich vieles in der Literatur zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer bei Kindern verändert. Das betrifft nicht nur die Erkenntnis, dass Kinder anders trauen; auch in Bezug auf das Todesverständnis ist man sich einig, dass Kinder nur dann Bewältigungsstrategien entwickeln können, wenn man sie nicht von solchen Situationen fernhält, sondern es ihnen erlaubt, den Tod beim Namen zu nennen. Gerade das fällt jedoch vielen Erwachsenen schwer. Unterstützt wird diese Haltung durch eine gesellschaftliche Entwicklung, die den Tod als immer zum falschen Zeitpunkt kommend degradiert und Trauer als eine Krankheit bewertet, die irgendwann vorüber geht. Nicht nur trauernde Menschen können bei ihren Mitmenschen Irritationen auslösen; wenn Kinder nach dem Sterben fragen, kann das eine ähnliche Wirkung erlangen. Umso wichtiger sind Begleitbücher wie diese, die behutsam helfen, Antworten auf Fragen in schier ausweglosen Lebensmomenten zu finden.

Autorinnen

Daniela Tausch ist diplomierte Psychologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie ist Initiatorin und langjährige Sprecherin des Hospiz-Dienstes (bis 1997) in Stuttgart sowie anerkannte Autorin und Referentin im Bereich Trauerarbeit und Sterbebegleitung. Gemeinsam mit der Malerin und Kunsttherapeutin Lis Bickel, Mitarbeiterin des Stuttgarter Hospiz-Dienstes, verfasste sie bereits mehrere Bücher zum Themenkomplex Sterben, Tod und Trauer, unter anderem „Jeder Tag ist kostbar“, „Spiritualität der Sterbebegleitung“ und „Die letzten Wochen und Tage“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch richtet sich an unterschiedliche Adressaten und möchte ermutigen, sich auf die Themen Sterben, Verlust und Trauer auch kindgerecht einzulassen. So gliedert sich der Band in zwei Teile:

  1. Der erste Teil des Buches spricht Erwachsene an, Eltern, Lehrer, Erziehende und begleitende Erwachsene, und lädt sie ein, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen, eigene Erfahrungen zu resümieren, sich Ängsten zu stellen und Fragen nach dem Sinn von Leben und Sterben nachzugehen.
  2. Die Kapitel des zweiten Teils des Buches hingegen richten sich an Kinder unterschiedlicher Altersstufen, die unmittelbar mit dem Verlust eines Angehörigen oder Freundes konfrontiert sind und Begleitung benötigen.

Um Kinder in Aufrichtigkeit begegnen zu können, ist es Voraussetzung, sich als Erwachsener auf die Unbekannten Sterben und Tod in innerer Begegnung einzulassen. Im ersten Teil versuchen die Autorinnen im ersten Kapitel „Ein Leben nach den Tod?- Mögliche Antworten“ Anregungen und Impulse für die Suche nach Antworten im Umgang mit der eigenen Endlichkeit zu geben. Dabei wird auch der Gedanke nach Unsterblichkeit aufgegriffen und mithilfe verschiedener Blickwinkel beleuchtet.

Die beiden Kapitel „Die Zeit der Trauer – Schwierigkeiten und Hilfen auf dem Weg“ sowie „Die Situation in der Familie – Eine belastende Zeit für alle“ bieten Hilfe und Begleitung in Zeiten eigener Trauer sowie Anregungen zur Begleitung von Kindern in dieser belastenden Lebenssituation. Dabei betonen die Autorinnen, dass auch Erwachsene nicht immer eine Hilfe sein können, dass es aber wichtig sei, wenn Kinder Liebe und Aufrichtigkeit in allen Absichten und Handlungen spüren.

Das anschließende Kapitel „Wie erleben Kinder den Tod? – Neue Wege und Möglichkeiten miteinander finden“ beschreibt, wie Kinder unterschiedlichen Alters den Tod wahrnehmen und begreifen, erleben und reagieren, zeichnet darüber hinaus unterschiedliche Bilder kindlicher Vorstellungen von ‚Himmel‘ und ‚Hölle‘ und versucht auch Antworten auf Fragen nach dem Recht auf Selbsttötung zu beantworten.

Das abschließende Kapitel „Eltern und Kinder in der Begegnung – Achtung und Wertschätzung“ des ersten Teils zeigt deutlich auf, wie wichtig es ist, Kindern aufrichtige Anerkennung ihrer Gefühle und Fragen zuteilwerden zu lassen und vermittelt Impulse für den Dialog zwischen Erwachsenen und Kindern auf Augenhöhe.

Der zweite Teil des Bandes startet in den „Einführenden Gedanken“ mit Anregungen zum Gebrauch der unterschiedlichen Angebote und Materialien in der Arbeit mit Kindern in den unterschiedlichen Altersstufen. Daran anknüpfend folgt der Zeichen- und Malteil für Kinder von fünf bis elf Jahren, der sich illustrativ und skizzenhaft Sterben und Tod aus unterschiedlichen Perspektiven in zahlreichen Abbildungen nähert. Dabei werden vor allem Kinder angesprochen, die unmittelbar vom Tod eines nahen Mitmenschen betroffen sind. Die Autorinnen weisen jedoch darauf hin, dass dieser Buchteil sich auch dafür eignet, mit Kindern und Jugendlichen über Sterben, Tod und Trauer ins Gespräch zu kommen. Das Buch endet mit einer Auswahl an weiterführender Literatur zur Thematik sowie Empfehlungen von Internet- und postalischen Adressen, an die man sich hilfe- und ratsuchend wenden kann.

Diskussion

Mit der sich etablierenden Entdeckung von Kindern als zentrale Akteure in der Gestaltung von Prozessen und Entwicklungen in Forschung, Theorie und Praxis wendete sich auch die Sichtweise, das Kind und seine Erfahrungen mit gesellschaftlichen Bedingungen, die es zu verarbeiten und mit denen es in Beziehung tritt, als Ausgangspunkt des Interesses in der Sterbe- und Trauerforschung in den Mittelpunkt zu rücken. Nach wie vor scheint vor allem die Nachfrage an praxisorientierter Literatur ungebrochen zu sein und allen voran die Frage, wie Kinder im Erleben von Trauer und Verlusterfahrungen altersadäquat begleiten werden können. Die eigene Unsicherheit, die im Angesicht von Sterben und Tod oft in Sprachlosigkeit mündet, aber auch Ängste, etwas falsch zu machen, verstärken die Suche nach Antworten, die nicht leicht zu finden sind.

In diesem sehr praxisnahen und verständlich erklärten Begleitbuch versuchen die Autorinnen, Sterben, Tod und Trauer als selbstverständliche Teile des Lebens zugänglich zu machen. Dabei gewinnt das Buch vor allem durch das Zusammenführen unterschiedlicher Sichtweisen, Bilder und Traditionen im Umgang mit diesen Fragen, die in der Adressierung unterschiedlicher Zielgruppen münden. Wichtig sei an dieser Stelle zu betonen, dass vorliegendes Buch nicht als klassische Ratgeberliteratur zu begreifen ist, vielmehr die Intention hat, Impulse und Anregungen zu geben, etwa für die eigene, innere Auseinandersetzung mit Bildern und Vorstellungen über den Tod, als Hilfe zum Gesprächseinstieg mit Kindern und Jugendlichen, die Verluste erlitten haben oder als Nachlesewerk, wie Kinder in den verschiedenen Altersstufen den Tod begreifen, bewältigen und Trauer erleben.

Unterstrichen wird die Intention durch anschauliche, realitätsnahe Erzählungen und einen gut strukturierten Teil mit Malvorlagen, Texten und Fragen, die zur Auseinandersetzung, Gesprächen und Arbeiten mit Kindern einlädt. Was diese Arbeit anders macht, ist nicht eine Neuauflage bisheriger Einsichten, sondern die vielen und nuancenreichen Denkanstöße auf interpersonaler und personaler Ebene, die durch das Lesen und Arbeiten mit dem Buch zum Nachdenken anregen.

Fazit

Insgesamt liegt mit diesem Buch eine gut nutzbare Quelle an Anregungen vor, deren Wert vor allem darin liegt, praxisnah und anschaulich mögliche Antworten auf Fragen nach dem Sterben von Kindern zu eröffnen, um sowohl Kindern als auch Erwachsenen in schwierigen Situationen eine Stütze sein zu können.


Rezension von
Dr. Doris Lindner
Institut Forschung & Entwicklung
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 30.07.2015 zu: Daniela Tausch, Lis Bickel: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erziehende. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-451-61310-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19142.php, Datum des Zugriffs 27.01.2022.


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