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Coskun Canan: Identitätsstatus von Einheimischen mit Migrations­hintergrund

Cover Coskun Canan: Identitätsstatus von Einheimischen mit Migrationshintergrund. Neue styles? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 202 Seiten. ISBN 978-3-658-08981-8. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Ausgehend von vereinfachenden ethnischen Kategorien werden jungen Menschen mit Migrationshintergrund von vielen gesellschaftlichen Gruppen, aber auch in einigen Migrationstheorien eine „Nicht-Einheimischen-Identität“ unterstellt. Diese in den meisten statistischen Vergleichsstudien angewendete Trennung von „Einheimischen“ und „Nicht-Einheimischen“ nimmt die vorliegende Arbeit als Ausgangspunkt und befasst sich mit der Identitätsbildung von Einheimischen mit türkischem Migrationshintergrund und mit der Frage, welche Konsequenzen sich daraus für die Konzeptualisierung von Migration und Integration ergeben.

Die These, die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegt, lautet: Es handelt sich bei Integrationsprozessen auch um Hybridisierungsprozesse, welche diese auflösen; vor diesem Hintergrund können Einheimische mit Migrationshintergrund als hybrid beschrieben werden und entziehen sich daher klassischen Kategoriensystemen. So wird in der vorliegenden Veröffentlichung nach einer Erklärung für die Entstehung von hybriden Identitäten gesucht und ihre Möglichkeiten als neue Identitätsmodelle beschrieben und ein Modell der ethnisch-kulturellen Hybridität für Einheimische mit Migrationshintergrund entwickelt, das anhand von empirischen Daten überprüft wird.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit wurde an der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin als Dissertation angenommenen

Autor

Dr. Coskun Canan ist Sozialwissenschaftler und derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus vier Teilen und enthält insgesamt zwölf Kapitel, sechs Tabellen und 27 Abbildungen.

Im ersten Kapitel geht es um eine Einleitung in die Thematik und Fragestellung mit einer Erklärung zur theoretischen Relevanz der Fragestellung.

Im ersten Teil des Buches werden die Integrationsdebatten in den USA und in Deutschland vor- und gegenübergestellt. Es werden zunächst die Migrationstheorien, die Neue Assimilationstheorie und die Theorie der segmentierten Assimilation skizziert, die in der Migrationsforschung in den USA gegenwärtig die wissenschaftlichen Debatten bestimmen. Es folgt die Vorstellung von drei Theorien in Deutschland, die Theorie der intergenerationalen Integration und des Transnationalismus sowie Faists Theorie der transnationalen sozialen Räume. Danach werden die in den Theorien postulierten vier idealtypischen Modelle von Identität – assimilierte Identität, institutionell-assimilierte Identität, multikulturelle Identität und transnationale Identität - als Identitätsmodelle für eine erfolgreiche Integration herausgearbeitet und besprochen. Canan hält abschließend fest, dass die ethnisch-kulturelle Hybridität außer im Transnationalismus in den Migrationstheorien explizit keine Rolle spiele.

Der zweite Teil des Buches ist dem Thema Hybridität als Selbstbeschreibungen der Personen in Form von Sowohl-als-auch-Identitäten, neuen Identitäten und Weder-noch-Identitäten gewidmet. Hier werden einige empirische Studien und theoretische Konzepte zum Thema Hybridität in Deutschland vorgestellt sowie Hybridität als Kreolisierung, als Subversion, als kulturelle Interferenzen und als switchings erläutert.

Im dritten Teil des Buches werden diese als ethnisch-kulturelle Hybridität von Einheimischen mit Migrationshintergrund zusammengeführt, und zwar als ein Modell, demzufolge hybride Identitäten sich aus dem regelmäßigen Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten entwickeln und sich in ethnisch-kulturellen und/oder ethnisch-symbolischen Formen ausdrücken. Die erste Form wird als hybride Selbstbeschreibung und die zweite Form als kohärente und inkohärente Selbstbeschreibung dargestellt. Auf der Basis dieses Modells formuliert dann der Autor schließlich vier Hypothesen:

  1. Der regelmäßige Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten führe zu hybriden Identitäten.
  2. Hybridität gehe immer mit dem regelmäßigen Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten einher.
  3. Wirkmächtige (Selbst- )Narrative könnten die alltäglichen Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten symbolisch so überlagern, dass nicht Hybridität, sondern ethnisch-symbolische Eindeutigkeit die Folge sei.
  4. Wirkmächtige (Selbst-)Narrative sorgten dafür, dass ethnisch-symbolische Hybridität ohne den regelmäßigen Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten auftreten könne.

Während die Hypothesen 1 und 2 auf die ethnisch-kulturelle Hybridität abzielen, haben die Hypothesen 3 und 4 die ethnisch-symbolische Hybridität bzw. Eindeutigkeit zum Gegenstand.

Im vierten Teil des Buches geht es um das Forschungsdesign. Hier wird zur Überprüfung der Hypothesen ein komparatives Forschungsdesign entwickelt. Als Untersuchungsgruppe wählt der Autor die Gruppe der einheimischen Personen mit türkischem Migrationshintergrund, da diese Gruppe stark von Identitätszumutungen betroffen ist und zu ihr aufgrund ihrer Größe ein angemessener Datenpool vorliegt. Anschließend erläutert er, wie diese Gruppe sozialisiert wurde und wie ethnische Kategorien mit kulturellen Praktiken verwoben sind. Dann werden sozialstrukturelle Kernbereiche und sozialkulturelles Umfeld als die Orte anhand von quantitativen Rahmendaten beschrieben, wo kulturelle Erfahrungen gemacht werden und zwischen denen einheimische Menschen mit türkischem Migrationshintergrund regelmäßig wechseln oder gewechselt haben. Danach wird beschrieben, in welchen Formen ethnische Kategorien an diesen Orten in Erscheinung treten können. Der Autor bestimmt unter Berücksichtigung der Daten Identitätsindikatoren wie Sprache, Freunde und Medien, die auf verschiedene ethnisch-kulturelle Identitäten oder Welten verweisen. Abschließend folgt die Darstellung der Daten und Methoden, auf deren Basis die Überprüfung der Hypothesen stattfinden soll. Die Daten hat der Autor im Jahr 2010 anhand von teilstandardisierten qualitativen Interviews erhoben. Die Stichprobe bestand aus 20 einheimischen Personen mit türkischem Migrationshintergrund. Der methodische Zugang besteht aus einem Methoden-Mix (eine Fuzzy-set-Analyse – eine Variante der Qualitative Comparative Analysis – und eine Vergleichsanalyse mit illustrativen Fallbeispielen).

Der fünfte Teil des Buches enthält die empirische Analyse. Hier werden zunächst die empirischen Prüfkriterien erläutert, die bei Fuzzy-set-Analysen angewandt werden. Anschließend stellt Canan die Ergebnisse seiner Fuzzy-set-Analyse dar. Hier stellte sich heraus, dass die Hypothese 2 nicht aufrechterhalten werden kann. Hybridität gehe also nicht immer mit dem regelmäßigen Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten einher. Die Hypothese 1 (Der regelmäßige Wechsel zwischen verschiedenen ethnisch-kulturellen Welten führe zu hybriden Identitäten) konnte dahingegen bestätigt werden. Auch die Hypothesen 3 und 4 wurden bestätigt, dass einerseits unter gleichen Bedingungen unterschiedliche Selbstbeschreibungen aufgrund von wirkmächtigen (Selbst-)Narrativen auftreten können und andererseits Hybridität aufgrund von (Selbst-)Narrativen auch ohne das Praktizieren von verschiedenen ethnisch-kulturellen Identitäten entstehen kann. Am Ende des fünften Teils des Buches werden die Ergebnisse der Auswertung diskutiert und die Möglichkeit eines styles oder Habitus erörtert sowie methodische und inhaltliche Zugänge der Studie kritisch diskutiert.

Im Schlusskapitel erfolgt eine Rückschau auf die einzelnen Teile des Buches, das dann mit einem kurzen „Conclusio“ und „Ausblick“ abgeschlossen wird.

Fazit

Wer an einem theoretischen Beitrag zur gegenwärtigen wissenschaftlichen Debatte in der Migrationsforschung mit dem Schwerpunkt auf ethnisch-kultureller Hybridität von Einheimischen mit türkischem Migrationshintergrund interessiert ist, dem kann die vorliegende Veröffentlichung empfohlen werden.

In einem Satz lässt sich das Ergebnis der Studie wie folgt zusammenfassen: Ethnisch-kulturelle Hybridität als ein Ausdruck eines styles entwickelt sich aus der Partizipation der Einheimischen mit Migrationshintergrund an verschiedenen ethnisch definierten kulturellen Praktiken. Sie entwickeln Hybridität, indem sie verschiedene ethnisch-kulturelle Identitäten praktizieren und Situationen der unterschiedlichen und widersprüchlichen Identitätszumutungen bewältigen.

Die Schlussfolgerung von Canan, dass ein hybrider Mensch die Identitätszumutungen in der Situation erfüllt, aber gleichzeitig diese auch unterläuft, ist für den Rezensenten durchaus plausibel, kann er doch aus eigener Erfahrung bestätigen, dass man zwar verschiedene ethnisch-kulturelle Identitäten in unterschiedlichen Situationen praktizieren, aber diese zugleich auch infrage stellen kann, da man sich selbst nicht auf eine eindeutige Identität festlegen lassen will.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 04.09.2015 zu: Coskun Canan: Identitätsstatus von Einheimischen mit Migrationshintergrund. Neue styles? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-08981-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19149.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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