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Bianca Meise: Im Spiegel des Sozialen (Social Network Sites)

Rezensiert von Dr. Rolf Frankenberger, 05.02.2016

Cover Bianca Meise: Im Spiegel des Sozialen (Social Network Sites) ISBN 978-3-658-06244-6

Bianca Meise: Im Spiegel des Sozialen. Zur Konstruktion von Sozialität in Social Network Sites. Springer VS (Wiesbaden) 2015. 248 Seiten. ISBN 978-3-658-06244-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Facebook ist mit inzwischen mehr als einer Milliarde registrierten Nutzern eines der größten sozialen Netzwerke im Internet. Eine ähnliche Reichweite haben beispielsweise die Seiten google+ und Orkut. Insgesamt existiert eine Vielfalt sozialer Netzwerk-Seiten im so genannten Web 2.0, die sich hinsichtlich der Größe, Offenheit, Reichweite und der vorwiegenden Themen unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen, dass die Nutzer miteinander kommunizieren und im virtuellen Raum auch interagieren können. Das Phänomen der webbasierten Sozialen Netzwerke ist ein vergleichsweise junges Phänomen, sowohl hinsichtlich seiner Entwicklungsgeschichte als auch seiner Nutzer. Dabei hat das Web 2.0 in den letzten 10 Jahren einen enormen Bedeutungsgewinn erfahren und wurde zu einem zentralen sozialen Ort der Selbstdarstellung, Kommunikation und Kontaktpflege. Basierend auf 14 Interviews, die im Zeitraum von April 2009 bis Oktober 2011 durchgeführt und entlang der Methodologie der Grounded Theory ausgewertet wurden, beschäftigt sich der vorliegende Band mit der Frage, wie sich Sozialität innerhalb dieser virtuellen sozialen Netzwerke vollzieht. Sozialität wird dabei als amorphes und vielschichtiges Konzept definiert, bei dem im Zentrum steht, dass „Menschen grundlegend sozial verwiesene wesen sind“ (S.22) und Sozialität als Symbolsystem und Kommunikationsmuster auf den ebenen Individuum, Gesellschaft und Gemeinschaft verstanden werden kann.

Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. Bianca Meise ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften an der Universität Paderborn sowie im BMBF-Projekt „Zentrum Musik – Edition – Medien. Musik und nicht-textuelle Objekte im Kontext digitaler Editionen“ Die vorliegende Publikation ist die Druckversion der Dissertation von Bianca Meise, die sie 2013 an der Universität Paderborn eingereicht hat.

Aufbau

Der vorliegende Band ist in zwölf Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung (S.9-18)
  2. Sozialität als zentrale Forschungsfrage: Theoretische Konzeption (S.19-24)
  3. Grounded Theory Methodologie (S.25-28)
  4. Social Network Sites (S-29-42)
  5. Forschungsdesign (S.43-60)
  6. Die theoretischen Perspektiven zur Datenanalyse – drei zentrale Heuristiken (S.61-108)
  7. Auswertungsergebnisse (S.109-198)
  8. Resümee der bisherigen Ergebnisse (S.199-204)
  9. Raum, Ort und Sozialität (S.205-218)
  10. Sozialität in Social Network Sites (S.219-222)
  11. Limitationen der Studie (S.223-226)
  12. Fazit und Ausblick (S.227-232)

Inhalt

Bianca Meise leitet ihre Studie mit einer theoretischen Konzeption der Forschungsfrage nach Sozialität im Web 2.0 (Kapitel 2) und einer knappen Schilderung des Forschungsprogramms der Grounded Theory als Methodologie der in der empirischen Erfahrung verankerten Theoriebildung (Kap. 3) ein. Darauf aufbauend definiert und verortet Bianca Meise das Forschungsfeld der Social Network Sites (im Folgenden abgekürzt als SNS) und grenzt diese zu anderen Plattformen und Diensten ab (Kap. 4). „SNS sind so gesehen Internetplattformen, die es den Nutzern ermöglichen, persönliche Profile anzulegen, um dort in einem öffentlichen bis eingeschränkt öffentlichen Rahmen Kontakt zu Freunden aufzunehmen, zu pflegen und anderen Nutzern die eigenen sozialen Kontakte zu zeigen“ (S.35). Diese Abgrenzung ergänzt die Autorin um eine kurze Geschichte der SNS als ein zentrales kulturelles Phänomen des 21. Jahrhunderts. In Kapitel 5 erläutert Bianca Meise ihr Forschungsdesign. Dazu gehört die theoretische Grundlegung der Studie im Symbolischen Interaktionismus nach George Herbert Mead ebenso wie die Verortung in den Cultural Studies und deren Verbindungen. Als konkrete Forschungsmethodologie wählt die Autorin die Grounded Theory, welche als theorie- und typenbildendes Verfahren geeignet erscheint, die identifizierten Forschungslücken hinsichtlich der Sozialität in SNS zu schließen. Als Erhebungsmethode wählt die Autorin narrative Leitfadeninterivews, welche die nötige Offenheit gegenüber Thema und Befragten ermöglichen. Die jeweils sieben männlichen und weiblichen InterviewpartnerInnen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren wurden entlang der mit der Grounded Theory eng verbundenen Methode des theoretischen Sampling ausgewählt. In Kapitel 6 legt die Autorin die theoretischen Perspektiven der Datenanalyse dar und entwickelt drei Auswertungsheuristiken: Selbstthematisierung, Sozialbezug und Mediale Bezüge. „Diese bieten in ihrer je spezifischen Auslegung Anknüpfungspunkte, um die Sozialität der Plattformen zu erschließen“ (S.61).

Den weitaus größten Raum nehmen in der Studie die Auswertungsergebnisse (Kapitel 7 und 8) ein, bei denen die Analyse der „komplexen Verbindung“ zwischen Individuum und Selbstthematisierung, die soziale Bezugsgruppe und die Plattformen, welche die Sozialität prägen. Dabei untersucht Bianca Meise die Aspekte Einstieg in die Plattformen, Nutzungsentwicklung und Netzwerkentwicklung, Selbstbeschreibung und Selbstthematisierung, Sozialbezug, und mediale Bezüge. Die Befunde werden dabei jeweils ausführlich mit Textstellen aus den Interviews hinterlegt, so dass eine unmittelbare Nachvollziehbarkeit gewährleistet ist. Dabei kann die Autorin insbesondere die Mechanismen der Selbstbeschreibung in den angelegten Profilen, Statusmeldungen und sozialen Zugehörigkeitsbekundungen aufzeigen, denn „grundsätzlich stellen die Profile nicht nur eine Speicherung der Selbstbeschreibung dar, sondern ebenso der sozialen Verbindungen. Mit dieser Form der Selbstthematisierung ist zudem der Entwicklungsgedanke des Individuums verbunden, so dass Aktualisierungen aufgrund Veränderungen im Leben obligatorisch sind und erwartet werden“ (S.201). Nicht zuletzt entstehe durch die SNS eine spezifische Form der Öffentlichkeit, welche aus „Persistenz, Sichtbarkeit und Beobachtung“ resultiere, welche ihren eigenen Regeln folge. So sei etwa das Ablehnen von Freundschaftsanfragen das Äquivalent des bewussten „Wegschauen beim Grüßen auf der Straße“ (S.203).

In Kapitel 9 abstrahiert die Autorin Bruchstellen in den Forschungsergebnissen und verweist auf den engen Zusammenhang von Sozialität im Rahmen von Netzwerken und im „offline-Leben“ und betont dabei die Rolle von SNS als ergänzungs- und Kompensationsräume: „Die Netzwerke stellen einen Ergänzungsraum zur unmittelbaren sozialen Bezugsgruppe dar und ermöglichen so einen umfassenderen Kontakt (…). Die permanente und überdauernde Beziehungspflege aller sozialen Kontakte kann offline weder in der Quantität noch in der Kontinuität bewältigt werden. In diesem Sinne gehen die Netzwerke, obwohl sie maßgeblich durch die Offline-Kontexte geprägt werden, durch die Möglichkeit Sozialität kontinuierlich zu gestalten über diese hinaus“ und „erlauben einen kompensatorischen Blick auf das, was physisch nicht mehr existent und in seiner Komplexität kaum abzubilden ist“ (S.218).

Diskussion

Insgesamt stellt der vorliegende Band eine hoch spezialisierte und – was von einer Dissertation auch zu erwarten ist – hoch wissenschaftliche Studie dar. Dies impliziert einige für die LeserInnen relevante Konsequenzen. Wer eine im Duktus und in der Darstellung leicht zugängliche, an empirisch unmittelbar verwertbaren Informationen reiche Lektüre erwartet, wird mit diesem Buch sicherlich nicht vollständig glücklich. Wer sich aber auf eine nach den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis erstellte Forschungsarbeit einlassen will und bereit ist, die theoretischen Fundierungen, die methodische Herangehensweise und die komplexe Argumentation nachzuvollziehen, wird hier mit einer Reihe von grundlegenden und in der Empirie fundierten Erkenntnissen zum Vollzug von Sozialität in SNS belohnt. Dennoch könnte der Leseeindruck auch für ein wissenschaftliches Fachpublikum noch ein wenig verbessert werden. So sucht man im ganzen Band vergeblich nach einer wirklich konzisen Definition von Sozialität jenseits der Gegenüberstellung einzelner Aspekte, die man im Rahmen einer Dissertation durchaus erwarten könnte. Auch fehlt die für die Grounded Theory typische Darstellung und Zusammenfassung von Forschungsergebnissen durch Diagramme und Schaubilder. Dies würde die Lesbarkeit und die Zugänglichkeit der entsprechend der Methodologie doch sehr komplexen Befunde deutlich erhöhen. Auch wäre es angesichts der deutlich divergierenden Zeitpunkte der Datenerhebung und der Publikation vielleicht angezeigt gewesen, nochmals stärker auf die Übertragbarkeit der Befunde einzugehen. Positiv ist hingegen die empirische Reichhaltigkeit und die gründliche theoretische Fundierung der Arbeit hervorzuheben, durch die es der durchaus Autorin gelingt „grundsätzliche Strukturen des Sozialen in computervermittelten Sphären“ (S.224) herauszuarbeiten.

Fazit

Mit dem vorliegenden Band untersucht Bianca Meise „grundsätzliche Strukturen des Sozialen“ in Social Network Sites. Sie kann dabei mit ihrer am Symbolischen Interaktionismus und der Grounded Theory ausgerichteten qualitativen Studie die Bedeutung von Selbstdarstellung, sozialer Bezugnahme und mediale Bezügen für den Vollzug von Sozialität im Web 2.0 aufzeigen.

Eine fundierte, vor allem an ein wissenschaftliches Fachpublikum gerichtete, Arbeit.

Rezension von
Dr. Rolf Frankenberger
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Es gibt 21 Rezensionen von Rolf Frankenberger.

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Zitiervorschlag
Rolf Frankenberger. Rezension vom 05.02.2016 zu: Bianca Meise: Im Spiegel des Sozialen. Zur Konstruktion von Sozialität in Social Network Sites. Springer VS (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-06244-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19150.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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