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Kikuko Kashiwagi-Wetzel, Michael Wetzel (Hrsg.): Interkulturelle Schauplätze in der Großstadt

Cover Kikuko Kashiwagi-Wetzel, Michael Wetzel (Hrsg.): Interkulturelle Schauplätze in der Großstadt. Kulturelle Zwischenräume in amerikanischen, asiatischen und europäischen Metropolen. Wilhelm Fink Verlag (München) 2015. 238 Seiten. ISBN 978-3-7705-5663-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Großstädte waren in der Geschichte immer schon Orte interkultureller Begegnung – das ist auch kein Phänomen der Moderne. Mit der zunehmenden kulturellen Heterogenität der Städte wachsen in der Moderne aber auch Spannungen und Konfliktpotentiale und die Frage ist eher, wie öffentliche Räume gestaltet werden müssen, damit alle dort ihren Platz finden. Und es stellt sich die Frage, wie sich diese zunehmende Heterogenität in den einzelnen Lebensbereichen der Menschen in der Stadt widerspiegelt, damit so etwas wie ein lokaler Lebenszusammenhang entstehen kann, also die Art und Weise, wie sich diese Lebensbereiche in der gegenwärtigen Situation der Menschen und ihrer Lebensgeschichte im Kontext der Stadt als sozialem Raum verwirklichen.

Wir wissen, dass die europäische Stadt ein anderes Verständnis dessen hat, was Öffentlichkeit ist und öffentliche Räume ausmacht – anders als dies für die amerikanische oder asiatische Stadt gilt. Und das, was wir mit Urbanität und urbanem Lebensstil umschreiben, mag für die europäische Stadt anders aussehen als für die amerikanische oder asiatische. Aber in allen Großstädten dieser Welt haben wir es mit einem grundlegenden Wandel von Urbanität und öffentlichem Leben zu tun, mit einem Wandel der Diskursmuster und der Repräsentationsformen im öffentlichen Raum, mit einem Wandel der Kommunikationsformen im Zeichen auch der Digitalisierung der Welt.

Herausgeberin und Herausgeber

  • Kikuko Kashiwagi-Wetzel ist Professorin am Institute for Foreign Language Studies der Kansai University, Osaka /Japan.
  • Michael Wetzel ist Professor für Literatur- und Filmwissenschaft am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren stammen aus den Bereichen der Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaften, der Soziologie und der Geschichtswissenschaft.

Aufbau, Vorwort und einleitendes Kapitel

Nach einem Vorwort und einem einleitenden Kapitel gliedert sich das Buch in drei große Kapitel mit mehreren Beiträgen:

  1. Schauplätze
  2. Mediale Interkulturalität
  3. Metrokulturelle Andersheit

Zum Vorwort (Kikuko Kaschiwagi-Wetzel, Michael Wetzel)

In ihrem Vorwort fragen die Herausgeberin und der Herausgeber, wie eine interkulturelle Öffentlichkeit in Großstädten entsteht, welche Rolle dabei Schauplätze spielen und wie unterschiedlich diese Prozesse in verschiedenen kulturellen Kontexten ablaufen. Immerhin hat der koloniale Blick Europas auch die Diskussion bestimmt, was eine Stadt ausmacht; und die europäische Stadt gilt immer noch als das Paradebeispiel von Urbanität, der Gestaltung des Sozialen, der räumlichen städtebaulichen Gestaltung von Plätzen und Räumen und des Charakters öffentlicher Bauten.

Diesen Fragen ging eine Tagung nach, die von der Universität Bonn in Kooperation mit der Rikkyo-Universität Tokyo und der Kansei-Universität Osaka ausgetragen wurde.

Zu: Interkulturalität und urbane Transparenz (Michael Wetzel)

Zu Beginn seiner Einleitung setzt sich Wetzel mit dem Begriff des Interkulturellen – auch im Unterschied zum Multikulturellen – auseinander. Interkulturell - folgt man den üblichen Definitionen – meint dynamische Berührungen zwischen unterschiedlichen, aber gleichwertigen Kulturen, die eine Beziehung auf höherem Niveau anstreben (13). Das erfordert auch die Fähigkeit mit den Spannungen umzugehen und diese auszuhalten, die sich aus den Differenzen der Kulturen zwangsläufig ergeben. Dies wird an Hand der Literatur nachvollzogen.

Weiter geht der Autor auf die Frage ein, wie die Stadt damit umgeht. Geht es in der Stadt leichter, mit den Ambivalenzen und Widersprüchen umzugehen oder sind die Schauplätze in der Stadt einer Beschleunigung und Verdichtung derart ausgeliefert, dass Präsentation auf den öffentlichen Bühnen nicht mehr möglich ist? Im Rückgriff auf Sennett erörtert der Autor die Frage, wie man sich in der Stadt begegnet, ob im Kontext von Gemeinschaft (Aristoteles: Die Stadt entsteht aus der Freundschaft ihrer Bürger) oder als Öffentlichkeit, die aus dem Zusammenkommen und -arbeiten der einzelnen Stämme und Familien entsteht.

Was macht eine Großstadt aus, eine Metropole in der grundsätzlich kulturelle Heterogenität unter der Bedingung von Dichte und Präsentation in öffentlichen Räumen entsteht und sich entfaltet? Und: müssen interkulturelle Schauplätze unter den Bedingungen von Globalität neu vermessen werden? Werden Zwischenräume erforderlich, Zwischenräume, die die Transformation der sich begegnenden unterschiedlichen Kulturen sicherstellen?

Zu: I Schauplätze

Zu: Effiziente und gesellige Städte? (Richard Sennett)

Der größte Teil der Weltbevölkerung wohnt in Städten – wie auch immer wir Stadt definieren. Und die meisten Menschen in der Stadt wünschen sich eine effiziente und zugleich auch eine Stadt voller Leben.

Sennett geht auf die Schicht der lower middle class ein, die eine effiziente Stadt präferieren. Es ist eine Schicht, die weder bürgerlich noch arm ist: kleine Angestellte, kleine Ladenbesitzer und Verkäufer, Büroangestellte in subalternen Positionen. Dabei geht es weniger um Geselligkeit im Sinne von Feierabendkultur, als um Soziabilität im Sinne von nach außen geschlossenen Lebensführungsstilen.

„Integration geschieht an den Rändern der Gesellschaft“ sagt Sennett und Ränder sind entweder Abgrenzungen oder Grenzen.

Öffentliche Räume sind komplex in ihrer Funktionalität, je mehr Funktionen sich überlagern, desto öffentlicher ist der Raum. Wie findet unter diesen Bedingungen Integration in den öffentlichen Raum statt?

Sennet streift einige Aspekte der Integration an den Grenzen zur Desintegration.

Zu: Die sich wandelnde Bedeutung des Städtischen (Saskia Sassen)

Städte sind strategische Schauplätze, wo Normen und Identitäten geschaffen werden. Im Rekurs auf Max Weber macht die Autorin deutlich, wie die Stadt im Laufe ihrer Geschichte im Zusammenspiel sozialer Strukturen Innovation und Identität erzeugt werden.

Gilt dies noch für die moderne Stadt? Was hat sich im Zuge der Entwicklung der Industriestädte verändert? Die Geschichte gab damals auch Weber eine Antwort. Der Kampf um politische und ökonomische Fragen hat die Realität dieser Städte geprägt und zu einer neuen Form von Urbanität geführt. Mit diesen Aspekten setzt sich Sassen ausführlich auseinander.

Die Autorin geht dann weiter auf die Stadt als physischem Schauplatz ein. Sie beschäftigt sich mit besetzten und nicht besetzten Räumen in der Stadt, mit Räumen der Erinnerung und des Gegenwärtigen oder mit funktionalen Räumen. Es geht um die Frage, wie öffentlicher Raum geschaffen und zum Schauplatz wird (34). Es geht der Autorin dabei auch um den Kampf gegen Privatisierung und Bewaffnung des städtischen Raums, was sie ausführlich erörtert. Es geht ihr dabei auch um Gegenbewegungen, um eine andere Art, öffentlichen Raum zu schaffen und sie verweist auf die Occupy-Bewegung. Sie zeigt auch, wie die Straße zum Ort der Bewegung und Repräsentation werden kann, wobei die Straße von ihr zur Piazza und zum Boulevard abgegrenzt wird.

Das Lokale neu denken, die soziale Verortung in lokale Lebenszusammenhänge begreifen vor dem Hintergrund der Globalisierung und Digitalisierung der Stadt ist ein weiteres Anliegen von S. Sassen, was sie zum Schluss entfaltet.

Zu: Public Crying: Zur Wiederkehr öffentlichen Trauerns auf den Straßen der europäischen Städte (Sigrid Weigel)

Public viewing – ursprünglich im Englischen die öffentliche Ausstellung von Leichen; heute die öffentliche Beteiligung an Fußballspielen – hat offensichtlich wieder eine Bedeutung für die Menschen. Sie wollen öffentlich trauern, ihre Trauer öffentlich darstellen, um zu zeigen, dass sie teilnehmen am Geschehen. Da entsteht ein neues Ritual – so die Autorin. Der Platz des Geschehens hat plötzlich eine Bedeutung. Der Platz wird zum Ort. Dies wird ausführlich diskutiert. Es geht nicht mehr nur um Staatsbegräbnisse und Staatsakte für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, es geht um das auch öffentlich Unfassbare, was schockiert, was dann auch zum Trauern und Weinen führt. Dies wird auch an Hand aktueller trauriger Ereignisse dargestellt und belegt. Und es berührt sogar die Politik – auch das wird begründet.

Eine für die westeuropäische Moderne und die für die europäische Stadt typische spannungsgeladene und konstitutive Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit eine neue Erfahrung. Zum Schluss des Beitrags werden mit einigen Bildern die Argumente unterlegt.

Zu: Nostalgisch nach New York (Sabine Sielke)

Nostalgie ist ein Phänomen der Moderne, auch der modernen Metropole und Großstadt, für die New York paradigmatisch steht, so die Autorin zu Beginn ihres Beitrages. Quintessenz der amerikanischen Kultur, Ort der Sehnsucht nach einer Zeit, die es nie gab und ein Ort des immer wieder neu Auszuhandelnden. Diese These wird ausführlich entfaltet, bevor von S. Sielke New York neu kartiert wird. Dabei zitiert sie die Literatur. Auf der Basis grundlegender Glaubenssätze und Werte wie Rechtsstaatlichkeit, der Wert des Gemeinwesens, Dissens als moralische Inspiration, ein enger Verbund zwischen Vorstellungen von Individualität, einer liberalen Wirtschaftsordnung, Kommodifizierung und der beständigen Integration von Immigranten hat sich New York zu einem Städtemuster entwickelt, das Realität und Sehnsucht versöhnt.

Die Grundlage der Argumentation sind Film und Literatur, verbunden mit persönlichen Erfahrungen, Eindrücken und Erinnerungen der Autorin, die wunderbar verbunden werden, erstaunen und auch ein bisschen traurig machen.

Zu: Zur modernen Großstadt (Peter Rosei)

P. Roseis kurzer Beitrag besteht aus Textauszügen zum Thema Großstadt, die allesamt seiner Feder entstammen. Es geht um die Großstadt Wien und Rosei zitiert aus dem Roman Metropolis Vienna und aus seinen Studien zur Stadt: Das große Töten, Geld! Und Madame Stern. Der erste Text ist eine Charakterisierung der Stadt und ihrer geographischen Lage, sowie ihrer inneren Struktur. Es sind eher Milieuschilderungen, die einen einbinden.

Früher war Wien anders, so der zweite Text. Klar gegliedert nach unterschiedlich ausgestatteten Wohnquartieren präsentierte sie sich als Stadt der Industrie und des Handwerks, mit den entsprechenden Gebieten und Vierteln der Arbeiter und der besser Gestellten. Heute ist alles eher vermischt und verwischt, die Grenzen nicht mehr sichtbar.

Der dritte Text beschreibt kurz die Simmeringer Hauptstraße und der vierte Text beschäftigt sich mit dem modernen Wien, das auch all das hat, was andere Großstädte auch haben: Autobahnbrücken, überbrückte Spazierwege, Parks werden begrenzt von Schrebergartensiedlungen etc.

Zu: Berlins neue Internationalität und die kulturellen Aufbruchsentwicklungen nach der Vereinigung: Kosmopolitische Schauplätze in Stadtleben und Literatur (Susanne Ledanff)

Der Beitrag will die Entstehung der kreativen Stadt Berlin mit einigen neuartigen Facetten kultureller Diversität im Stadtleben und in der Literatur nachzeichnen. Schließlich muss sich Berlin nach der Vereinigung neu erfinden, es entstand nach 1990 eine neue Internationalität und Berlins Mitte wurde zu einem „cultural market place“ wie die Autorin das nennt. Sozialstrukturelle Veränderungen „von einer geteilten zu einer gespaltenen Stadt“ (Häußermann/Kapphan) machen deutlich, dass es wir es noch lange mit zwei Teilen zu tun haben, die sich zwar gegenseitig zu Kenntnis genommen haben; aber der Prozess bis zur Einheit ist noch nicht abgeschlossen. Dies wird ausführlich erörtert, bevor Überlegungen zur kosmopolitischen „Local Scene“ angestellt werden. Ethnische Vielfalt und Diversität werfen Fragen auf, denen nachgegangen wird und dann geht die Autorin auf interkulturelle Orte ein wie das Dong Xuan Center, die Oranienburger Straße (Allah trifft Buddah) sowie der in Kreuzberg stattfindende alljährliche Karneval der Kulturen.

Welchen Blick fremde Autoren auf die Stadt haben, wird an drei Beispielen verdeutlicht: Stefan Maus, Alles Mafia. Eine Gangsta Rhapsodie, Wladimir Kaminer, Berlinportraits und Marc Svetov, Truman Plaza Germany.

Zu: Lust an Orientierung: Bernard Rudofsky und Roland Barthes auf Ortssuche in Tokyo (Walter Ruprechter)

Die europäische Stadt ist anders als die asiatische, speziell die japanische – das stellen europäische Japanbesucher sicher auch zuerst fest.

Nach einer ausführlicheren Erörterung dieses Arguments – unterlegt mit Literatur – stellt der Autor die beiden Protagonisten seines Beitrags vor: Roland Barthes und Bernard Rudofsy.

R. Barthes hat 1966 Japan besucht und die Reflexionen und Erfahrungen dieses Besuchs in seinem Buch „Das Reich der Zeichen“ publiziert. Man findet so schnell keine Adresse und die Leute dort beschreiben einem den Weg dorthin mit Orientierungsskizzen. Der europäische Besucher stellt fest: Die Strukturiertheit der europäischen Stadt fehlt, man ist in eine Wirklichkeit scheinbar „unlogischer übermäßig komplizierter und merkwürdig disparater Systeme“ hineingeworfen – so Barthes. Scheinbar deswegen, weil sie dem Japaner durchaus ein- und durchsichtig sind.

Der Architekt Bernard Rudofsky war bereits 1905 in Japan. Mit seiner Welterfahrung – er lebte in New York, war in Brasilien und hat überall in der Welt gebaut – hat er Japan besucht, weil er auch das japanische Haus faszinierend fand. Seine Erfahrungen und Reflexionen hat er in seinem Buch „The Kimono Mind“ niedergeschrieben. Und er schildert die gleiche Erfahrung wie Barthes, bindet diese aber in einen Sketch ein, in dem man einem Taxifahrer eine Adress-Skizze gibt, die der Adressat vorher für seinen Gast angefertigt hatte – und es funktionierte.

Der Autor schildert die Erfahrungen der beiden Protagonisten und reflektiert sie auch in Blick auf die Veränderungen heute und die Schwierigkeiten, z. B. Tokyo auf einen Stadtplan darzustellen.

Zu: II. Mediale Interkulturalität

Zu: E. T. H. Hofmanns Berlin: Wahrnehmung – Beobachtung – Darstellung (Gerhard Neumann)

E. T. H. Hoffmann wir gebeten, an einem neuen Journal mitzuwirken, das „Der Zuschauer“ heißt. Und die Zuschauerrolle gefällt ihm; es gefällt ihm an einem Beobachtungsorgan mitzuwirken, das er in die Tradition des 1711/12 erschienen Londoner „The Spectator“ stellt. Die Frage, welche deutsche Großstadt – vergleichbar mit London – sollte er beobachten und er kam nach längerem Überlegen auf Berlin. Und er entwickelt dazu eine Methode, dank derer Verstand und Phantasie zusammenwirken sollen, um die Dynamik großstädtischen Lebens darstellen zu können. Der Autor beschreibt dann sechs Bedingungen, die Hofmann aufstellt, damit eine solche Darstellung gelingt. Zuerst ist es die Spaltung in eine Sprach- und Bildhälfte. Dann ist wichtig, einen Beobachter-Posten zu konstruieren, der Distanz und Fokussierung zugleich ermöglicht; weiter meint Hofmann, sei Beobachtung und Fokussierung nur dann möglich, wenn sie zugleich auch vergrößert wird. Und dann muss man der Inhomogenität der Masse Rechnung tragen und fünftens ist wichtig, das prekäre Verhältnis der Großstadt-Masse zur Individualität herauszuarbeiten und das mit verschiedenen Medien. Und schließlich ist darauf zu schließen, dass das Verhältnis von anonymer Masse und Individualität ein Ineinander von Sichtbarem und Unsichtbarem enthält.

Die damit verbundenen Fragen der Wahrnehmung der Großstadt werden vom Autor ausführlich beschrieben und mit Experimenten untermauert.

Zu: Bildung auf interkulturellen Schauplätzen in Großstädten: Zur Rehabilitierung der Bildungsidee an japanischen Hochschulen (Teruaki Takahashi)

Der Autor beschäftigt sich einleitend mit dem Gründungsgeist an japanischen Hochschulen, der in seiner inhaltlichen Ausrichtung auch an westeuropäischen Hochschulen zu finden ist: Menschenbildung durch Wissenschaft oder auf christlicher Grundlage.

Danach setzt sich Takahashi mit dem Wandel der Bildungsidee und den Hochschulreformen in Japan auseinander. Bildung im Sinne der abendländischen Tradition wird dabei ebenso diskutiert wie der Begriff der culture. Beide Begriffe gehen in das japanische Bildungsverständnis ein. Das wird auch deutlich, wenn der Autor die Bildung zur Multikulturalität erörtert.

Zu: Geliebte Ferne und vergessene Nähe: Nähe und Ferne in der multikulturellen Literaturszene in Korea (Yun-Young Choi)

Die Autorin setzt sich zunächst mit dem Wandel von Nähe und Ferne im Allgemeinen auseinander Mit Rekurs auf Georg Simmel und Ulrich Beck beschreibt sie den gesellschaftlichen Wandel und dessen Einfluss auf die Wahrnehmung von Nähe und Distanz und sie beschreibt den Wandel zu einer digitalen Gesellschaft, die anders kommuniziert und damit auch das Verhältnis zum jeweils anderen sich verändert. Sie geht dann auf die koreanische Kulturszene ein und wie sich das Verhältnis von Nähe und Ferne in der koreanischen Literatur widerspiegelt. Weiter beschreibt sie, wie sich in Korea multikulturelle Räume entwickelt haben, was sich z. B. an der Entwicklung kulturell spezifischer Quartiere wie Chinatown in Seoul zeigen lässt.

Die Autorin macht dann ihre Überlegungen an Romanen fest wie am Roman Namaste von Bumshin Park oder an Goodbye von Un-Young Cheon.

Zu: Eine fröhliche Großstadtzugewandtheit: Ihre geistige Voraussetzung, exemplifiziert an den Filmen von Doris Dörrie (Ihmku Kim)

Die Großstadt zunächst ein Moloch? Dieser Frage geht der Autor zunächst nach. Die Stadt als Fokus von Lärm, Dreck, Belästigung, Dichte und all dem, was wir mit Großstadtleben seit der Großstadtkritik des 19. Jahrhunderts verbinden.

Der Autor möchte an zwei Filmen von Doris Dörrie zeigen, wie man eine menschliche, sinnvolle Existenz in der der von Anonymität, Distanz und sozialen Brüchen charakterisierten Großstadt trotzdem führen kann, wie ein gutes Leben auch in der Großstadt gelingt. Die Filme sind: „Erleuchtung garantiert“ (1999) und „Kirschblüten“, „Hanami“ (2007). In beiden Filmen wird Japan als Refugium und Sinnreservoir vorgestellt. Beide Filme werden ausführlich dargestellt und erörtert.

Zu III. Metrokulturelle Andersheit

Zu: Interkulturalität in der „Authentischen Stadt“: Chicago, New Orleans und New York als Beispiele eine neuen Urbanität (Frank Eckhardt)

Der Autor beschreibt zunächst den bereits mit der Schrift von Manuel Castell 1977 eingeleiteten Wandel zu einer „New Urban Sociology“, die dann in der Los Angeles School weiterentwickelt wurde, die sich von der klassischen These der Chicagoer Schule abgewandt hat, dass das städtische Wachstum Folge der Immigration und Akkulturation bzw. Segregation sei. Die L. A. School setzt auf kultur-philosophische Aspekte der postmodernen Stadt. Multikulturalität und kulturelle Heterogenität werden zu zentralen Themen der Stadtforschung. Der Autor bezieht sich dabei auf Mike Davis. Und neuerdings hat Sharon Zukin die Transformationsprozesse der New Yorker Stadtteile Harem und Williamsburg analysiert.

Was ist eine authentische Stadt? fragt dann Eckhardt weiter in Anschluss an Sharon Zukin. Sie hat etwas mit einer historischen Identität zu tun, was der Autor am Beispiel von New York schildert. Stadtteile haben den ihnen eigenen Charakter verloren. Dies wird auf der Grundlage von Zukins Analyse ausführlich beschrieben.

Dann geht der Autor auf Chicago ein, eine Stadt, die wie keine andere den Zusammenhang von Immigration und industrieller Entwicklung verkörpert.

Weiter beschreibt der Autor die authentische Stadt New Orleans. Diese Stadt bezieht ihre Identität vor allem aus dem touristischen Interesse; sie litt auch in ihrem Selbstverständnis unter dem Hurrikan 2007 und unter De-Industrialisierungsprozessen, die auch zu einem Bedeutungsverlust des Hafens führte – eines der wesentlichen Merkmale der Stadt.

Zum Schluss geht Eckhardt auf die Konturen der „authentischen Stadt“ ein und deutet einen Begriff des Authentischen an; dies wird ausführlich begründet.

Zu: Das Sony-Center als Phantasmagorie des Interkulturellen: Vergangenheit und japanische Digitalgegenwart im Zeitalter des Global-Kapitalismus (Rolf J. Goebel)

Das Sony-Center am Potsdamer Platz in Berlin. Tokyo in Berlin. Der Autor charakterisiert dieses Phänomen und setzt sich damit auseinander, indem er die These vertritt, dass „das Sony Center als symbolische Verortung postmoderner Kulturhybridität und dritter Räume gelesen werden kann“. Dabei greift der Autor auf Walter Benjamin und sein Passagen-Werk zurück, in dem dieser der modernen Großstadttopographie und ihrer hochkapitalistischen Lebensformen die Selbst-Repräsentation in einer universellen Phantasmagorie nachweisen will (161).

Damit setzt sich der Autor sehr ausführlich und gründlich auseinander, geht auf die Geschichte des Begriffs ein, meint auch, dass der Begriff übertragen werden kann auf andere Geschichts- und Kulturräume, wie Paris, der Hauptstadt des Kapitalismus.

Berlin stellt sich dann nochmal anders dar, vor der Wende anders als nach der Wende mit seinen Neubauten und postmodernen Charakteristika der öffentlichen Bauten. Am Potsdamer Platz als einem Ort der Verbindung vom Verlangen nach historischer Identität und interkultureller Hyperrealität befindet sich das Sony-Center mit Zitaten fernöstlichen Ambientes in einer spätkapitalistischen Globalgesellschaft. Auch dies wird ausführlich erörtert und mit Literatur unterlegt.

Zu: Ess-Schau in der Großstadt: Mahlzeiten als metropolitane Erfahrung (Kikuko Kashiwagi-Wetzel)

Zunächst beschreibt die Autorin die Mahlzeit als Symbol des Schlachtaktes in der hässlichen Großstadt. Sie geht dabei auf den Zeichner George Grosz ein, der Alltagsszenen Berlins zwischen den beiden Weltkriegen gezeichnet hat, Menschen die essen und trinken, auch zu viel essen und trinken - etwas, was der Logik des Kapitalismus entspricht, so Kracauer.

Die Autorin beschreibt dann die blühende städtische Gastwirtschaft; auch unter dem Druck des Arbeitsalltags geht es um schnelles Essen und um Mobilität. Die Gastronomie wird zum neuen Schauplatz eines urbanen Lebensstils. Essen muss schnell sein und zugleich für breite Schichten der Arbeiterschaft demokratisch organisiert sein, was die Autorin am Beispiel der Restaurantkette Aschinger oder am Automatenrestaurant verdeutlicht. Die Gastwirtschaft als Ort der Kommunikation, als Ort der Vermittlung von Öffentlichkeit und Privatheit hat seine Bedeutung verloren – so kann man den Beitrag der Autorin lesen.

Zu: Im Reich der Stäbchen: Einverleibungen „Japans“ bei Yoko Tawada und Christoph Peters (Anne-Rose Meyer)

Welche Bedeutung Essen und Kochen in interkulturellen Kontexten zukommt, wird zuerst beschrieben. Diese Bedeutung ist unzweifelhaft und sie macht Unterschiede im kulturellen Verständnis deutlich, was Nahrungsaufnahme und Esskultur angeht.

Die Autorin geht dann auf die Schriftstellerin Yoko Tawada ein. Ihre Darstellungen der Esskultur werden zur Basis der Reflexion über Eigenes und Fremdes, über Unüberbrückbares und Differentes.

Auch bei Christoph Peters spielt Unüberbrückbares eine Rolle. Essen als hermeneutische Erfahrung, die dann doch nicht gelingt, weil man nicht in die Rolle des Japaners schlüpfen kann, wenn man japanisch isst. Diese Überlegungen werden breit entfaltet, mit Zitaten unterlegt. Deutlich wird, wie sehr der deutsche städtische Raum und seine Gestalt dann doch das Japanische prägt.

Zu: Lesen im Müll der Metropole: Urbaner Abfall im Spannungsfeld von Interkulturalität und kultureller Ausgrenzung (Christian Moser)

Die Mülldeponie als interkultureller Schauplatz der Großstadt, genauso differenziert, komplex, kulturell heterogen und sozialstrukturell ungleich wie die Großstadt selbst. Alles andere wären Vorurteile: der Abfall als undifferenzierter und ungeordneter Haufen. Und er ist nicht überflüssig. Wer das behauptet, entzieht dem Abfall seine kulturelle Bedeutung. Müll ist das Symbol einer Praxis der Ausgrenzung des Schlechten vom Guten, des Verwertbarem vom Unwerten.

Dies wird an Hand der Literatur nachgezeichnet. Der Autor versteht seinen Beitrag als eine Fortschreibung und Vertiefung einer literarischen Anthropologie des Abfalls

(201).

An Hand der Literatur wird die Geschichte der Müllverwertung und ihre Bedeutung für die Stadt und ihre Potentiale nachgezeichnet und wie sich das in der Literatur widerspiegelt.

Zu: Literarische Inszenierung von Museen als Ort der Erinnerung in der Großstadt: Eine „interkulturelle Spurenlese“ im Museum der Unschuld von Orhan Pamuk (Lale Vatan)

„Museum der Unschuld“ ist ein Roman des wohl bekanntesten türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk. Dieser Roman und Essays sind Grundlage für die Überlegungen der Autorin. Weiter will die Autorin an Hand von Großstadttheorien und Diskursen der Erinnerung zeigen, wie ein privates Museum literarisch inszeniert wird und eine Form interkultureller Überschneidungen mit anderen Museen darstellt und wie das Museum zwischen Privatem und Öffentlichem, Realem und Fiktivem quasi intermediäre Räume besetzt. Erinnerung wird zum Schlüssel für die Sichtweisen und Wahrnehmungen und die Großstadt wird zur Folie auf der sich Erinnerungen spiegeln – wie in einem realen Museum auch.

Die Autoren setzt sich sehr detailliert und mit viel Kenntnis mit dem Roman auseinander und sie hat dabei immer auch die Perspektive interkultureller Orte der Großstadt als reale Räume und als virtuelle gleichermaßen.

Zu: Die Stadt als Rhizom: Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (Julia T. Scho)

Alfred Döblins Roman erschien 1929 und beschreibt die Situation einer wachsenden Großstadt in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und sein Protagonist, Franz Biber steht dieser sich mehr und mehr ausbreitenden Großstadt und ihrer vielfältigen Schauebenen und -plätzen als einer gegenüber, der mit der einfachen Sprache, dem Dialekt und seiner einfachen Kommunikations- und Handlungsebene von der Dynamik dieser Stadt getrieben wird.

Rhizome sind eigentlich Wurzelgeflechte, eigentlich ohne Stamm und ohne klar definierten Ursprung. So muss man sich wohl auch die Situation von Franz Bibers Berlin vorstellen: Orientierungslos, vielleicht auch unstrukturiert nimmt er die Stadt in sich auf. Wer Einheitlichkeit und Überschaubarkeit braucht, muss die Großstadt als irrwitzigen Moloch empfinden, der alles verschlingt.

Die Autorin beschreibt diese Situation Franz Bibers in Berlin luzide und begründet ihre Überlegungen mit weiteren Literaturverweisen.

Diskussion

Die Frage ist nicht so sehr, wie sich der Einzelne in der Großstadt darstellt, als vielmehr die, wie sich die Großstadt präsentiert. Und die europäische Stadt tut dies auch über ihre öffentlichen Bauten, ihre Plätze und Orte der Repräsentation.

Aber diese Muster verändern sich in dem Maße, wie sich der Charakter der Öffentlichkeit verändert und auch wie sich das Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit wandelt, das ja auch seit Hans Paul Bahrdt das Charakteristikum des Urbanen ist. Für die amerikanische Stadt und vielleicht noch mehr für die asiatische Großstadt stellt sich das, was wir Öffentlichkeit nennen, ganz anders dar und das trifft auch auf das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit zu.

Der Titel „Interkulturelle Schauplätze in der Großstadt“ verweist auf einen anderen Blickwinkel auf die Stadt. Und die zentrale Frage der Stadtforschung wird in der Tat sein, die Integrationspotentiale der Großstadt und ihre Ausgrenzungs- und Integrationslogik unter den Bedingungen kultureller Vielfalt und Interkulturalität neu auszuloten. Und dies gilt für alle Großstädte der Welt. Es geht dann vielleicht nicht nur um kulturelle Zwischenräume, die sich als Nebenschauplätze und Nischen etablieren. Vielmehr geht es darum, dass interkulturelle Räume die zentralen öffentlichen Räume sind, die die Urbanität einer Stadt ausmachen. Und wo soll dies sonst passieren, wenn nicht in den Metropolen und Großstädten?

Die hier aufgeschlagenen Facetten von interkulturellen Schauplätzen machen deutlich, dass diese Schauplätze nicht nur in der Literatur und im Film entstehen und bestehen, sondern auch wirklich sind, dass sie urbane Wirklichkeit sind.

Fazit

Das Buch geht einerseits auf sehr unterschiedliche Aspekte der Großstadtwirklichkeit ein, andererseits enthält es Darstellungen der Großstadt und auch Fiktionen der Großstadt. Man kann sich die Großstadt nach dem Lesen auch nicht mehr als einen monokulturell geprägten Ort vorstellen, wenn sie das überhaupt in ihrer Geschichte je war. Mit einer auch vergleichenden Perspektive der europäischen, der asiatischen und der amerikanischen Stadt wird auch deutlich, dass das Stadtverständnis und das Präsentationsverständnis der unterschiedlichen Städte auch sehr unterschiedlich ist, was auch zu einer interkulturellen Diskussion über die Stadt als urbane Lebensform anregt.

Summery

This book discusses on the one hand very different aspects of reality of big cities and metropolises. On the other hand we find there pictures and fictions of the metropolis. The metropolis is no mono-cultural place – and historically: there was no time, in which we can say, the city is mono-culturally shaped.

The book is bases on a comparative perspective of the European, the Asian and the American city. This comparison makes clear not only clear that the understanding of this what we call a city depends from the specific cultural background of society and social life. This comparison makes also clear, that the discussion in the urban theory and urban research was shaped by the European understanding of the bourgeois city and the development of the bourgeois society sins the 17th century.

The question remains, which logic of integration and exclusion cities develop and which integration potentials the city needs under the condition of its intercultural heterogeneity. And this question is here focussed on the question after the intercultural public spaces as public scenes.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 14.01.2016 zu: Kikuko Kashiwagi-Wetzel, Michael Wetzel (Hrsg.): Interkulturelle Schauplätze in der Großstadt. Kulturelle Zwischenräume in amerikanischen, asiatischen und europäischen Metropolen. Wilhelm Fink Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-7705-5663-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19151.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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