socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mechthild Bereswill, Folkert Degenring u.a. (Hrsg.): Intersektionalität und Forschungspraxis

Cover Mechthild Bereswill, Folkert Degenring, Sabine Stange (Hrsg.): Intersektionalität und Forschungspraxis. Wechselseitige Herausforderungen. Verlag Westfälisches Dampfboot 2015. 232 Seiten. ISBN 978-3-89691-243-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Publikation enthält Beitrage aus unterschiedlichen Disziplinen (Rechtswissenschaften, Geschichtswissenschaften, Literaturwissenschaften, Sozial- und Kulturwissenschaften), in welchen Intersektionalität als Forschungspraxis verstanden und umgesetzt wird.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Mechthild Bereswill(Professur für Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur, Uni Kassel),
  • Folkert Degenring(wiss. Mitarbeiter Uni Kassel),
  • Sabine Stange (wiss. Koordinatorin der Forschungsschwerpunkte „Ungleichheiten in Geschlechterverhältnissen“ (2010-2013) bzw. „Normalität und Ordnung – Interdisziplinäre Perspektiven auf Geschlecht“ (seit 2013), Uni Kassel).

Entstehungshintergrund

Die Publikation geht auf eine Vortragsreiche der Universität Kassel im WS12/13 unter dem Titel „Intersektional forschen – aber wie?“ zurück. Dabei wurden in der Publikation zusätzlich zu den Beiträgen der Vortragenden noch Arbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen von Mitgliedern des Forschungsschwerpunkts „Ungleichheiten in Geschlechterverhältnissen“ (2010-2013) bzw. „Normalität und Ordnung – Interdisziplinäre Perspektiven auf Geschlecht“ (seit 2013) zugefügt.

Aufbau

Das Buch enthält zwölf Beiträge, startend mit einem Einführungsartikel der HerausgeberInnen und abschließend mit einem zusammenfassenden Beitrag der Herausgeberin Mechthild Bereswill.

Inhalt

Die Herausgebenden starten im ersten Beitrag mit einer historischen und theoretischen Einführung in die Thematik der Intersektionalität, die auch auf Widersprüche und Uneinigkeit bei der Rezeption bzw. der Anwendung und Interpretation eingeht. Den gemeinsamen Standpunkt für die vorliegende Publikation setzen sie, indem Intersektionalität als Forschungsperspektive interpretiert wird und somit „im jeweiligen Kontext der Untersuchung bestimmt und reflektiert“ (S. 11) wird.

Nora Markhard gelingt im Beitrag „Zwangsehen und Scheinehen. Intersektionalität als Analyseinstrument im Recht“ diskursanalytisch mittels vielzähligen, gut belegten aktuellen Beispielen von Gesetzesänderungen, Ausnahmeregelungen und Begründungen diverse relevante Kategorien zu thematisieren und somit einige „blinde Flecken“ der Vorannahmen beschreibbar zu machen. Ein Teil des Fazit lautet: „Die gesetzlichen Regelungen, die zum Schutz vor Zwangsehen eingeführt wurden, transportieren intersektionale Stereotype von viktimisierten traditionellen religiösen jungen Frauen und Mädchen und von mobilen, tendenziell älteren migrantischen Männern, die durch eine Zwangsehe die Frauen oder Mädchen entweder nachholen oder ihren Aufenthaltsstatus ausnutzen“ (S. 36). Abschließend schätzt sie Intersektionalität als analytisches Werkzeug ein, welches dazu beitragen könnte, darzustellen „wie welche gesellschaftliche Verhältnisse im Recht und durch Recht dar- und hergestellt werden“ (S. 37).

Die folgenden zwei Beiträge stammen aus den Geschichtswissenschaften. Christian Koller startet mit dem Befund, dass Intersektionaliätsperspektiven in seiner Disziplin bisher lediglich wenig umgesetzt wurden. In Folge schildert er Erkenntnisse aus zwei eigenen Forschungsbeispielen, die auf die Trias der Kategorien (Klasse, Ethnizität/‚Race‘, Geschlecht) beruhen und sich mit den Bereichen der historischen Streikforschung und dem Kolonialmilitär auseinandersetzen. Kerstin Wolff und Bettina Kretschmar wenden in ihrer Forschungsperspektive einen offenen Ansatz der Intersektionalität an, wobei vielfältige Analysekategorien reflektiert werden können. Bezugnehmend werden zwei Reden zur Reglementierung der Prostitution auf einem Kongress der DGBG (Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten) in Frankfurt, im Jahre 1903 tiefergehend analysiert.

Mareike Böth demonstriert anhand einer Beispielsanalyse historischer Subjektbildungsprozesse eine intersektionelle Perspektive der Geschichtswissenschaften. Der Beitrag von Susanne Schul wird kulturhistorisch verortet und interpretiert mittelalterliche Reise-Narrative als intersektionale Erzählungen, mittels induktiver Textanalyse mit offener Kategorienbildung. Im Beitrag von Nicole Maruo-Schörder wird eine literaturwissenschaftliche Analyse zweier Texte der amerikanischen ‚slave narratives‘ mit dem Fokus auf die Kategorien ‚race‘ und ‚gender‘ vorgenommen. Folgert Degenring skizziert einzelne Figuren aus dem Roman „Capital“ des Schriftstellers John Lanchesters hinsichtlich dem Erkenntnispotential für die Literaturwissenschaft indem er eine intersektionale Perspektive mit einer Analyse der Fokalisierungsstruktur verbindet. Dabei werden in einer detaillierteren Analyse zwei gegensätzlich konstruierte Hauptfiguren näher betrachtet.

Stefan Wellgraf postuliert in seiner Analyse über Boxerposen männlicher Schüler an Berliner Hauptschulen (er benennt diese in Folge als ‚Boxerstil‘) die Herstellung von Männlichkeit, die sowohl Vorstellungen von Anpassung als auch von Widerständigkeit enthält. Dabei werden Positionen bzgl. sozialer und ethnischer Herkunft und den damit verbundenen Abwertungs- und Ausgrenzungserfahrungen der Schüler eingebracht. Wellgraf fasst in Bezug auf die analysierten Kategorien pointiert zusammen: „Die sich im Boxerstil artikulierenden Verhältnisse von Klasse, Herkunft, Geschlecht und Körper wurden zwar nacheinander beleuchtet, nicht aber als sich bündelnde oder einander abschwächende Einzelkräfte, sondern als aufeinander bezogene Dimensionen einer komplexen Formation angesehen“ (S. 169).

In Elisabeth Tuiders Beitrag zu einer dekonstruktivistischen Intersektionalitätsanalyse wird eingangs tiefergehend theoretisch begründet welche Forschungshaltung eingenommen wird und dann in Folge gegenwärtige Arbeits- und Migrationsregime eingehend und kritisch diskursanalytisch betrachtet.

Birte Siim´s Beitrag – der einzige englischsprachige Artikel der Publikation – fokussiert auf die europäische Ebene und kann differenziert aufzeigen, wie geschlechterpolitische Konzepte, Diversityansätze und politische Intersektionalität ein Spannungsfeld ergeben, welches die zukünftigen Entwicklungen demokratischer Prozesse auf nationaler und supranationaler Ebene beeinflussen wird.

Im abschließenden Beitrag der Herausgeberin Mechthild Bereswill wird eingangs auf die Breite der Beiträge, deren Disziplinen und Forschungspraxen verwiesen um u.a. die „heterogene Materialbasis“ (S. 212) nochmals zu betonen und trotz der fehlenden „trennscharfen theoretischen Ansätzen oder Modelle zu Intersektionalität“ (S. 212) doch Wesentliches aufzeigen und zusammenfassen zu können.

Diskussion

Eine zentrale Dimension innerhalb jeglicher intersektioneller Forschungsperspektive stellt der Umgang und die Bildung mit den einzelnen Kategorien dar. Dies wird entsprechend innerhalb jedes einzelnen Beitrags begründet und in Folge festgelegt. Dabei lassen sich diverse Positionen erkennen.

Eine kritische Perspektive nehmen Kerstin Wolff und Bettina Kretschmar ein, indem sie abschließend zu ihrem Beitrag argumentieren, dass die reine Beschreibung lediglich ein erster, wichtiger Schritt darstelle, es aber in Folge um die Entschlüsselung der Funktion unterschiedlicher Kategorien gehe (S. 75). Ähnlich komplex schließt auch der literaturwissenschaftliche Beitrag von Folgert Degenring indem zwar nicht von einer „systematischen Überfrachtung und grundsätzlichen Überforderung“ (S. 150) durch die intersektionelle Analyse ausgegangen wird, diese jedoch zumindest als Möglichkeit in den Raum gestellt wird. Auffallend oft wird jedoch bezüglich der Kategorien entweder auf die historische Trias der ‚race‘, class, gender oder aber auf die im deutschsprachigem Raum oftmals zitierte Version von Winker/Degele zurückgegriffen, in der auch der Körper als Analysekategorie mit einbezogen wird (2009: 37f). Stefan Wellgraf geht in seinem Beitrag einen Schritt weiter und bezieht sich auf den Begriff der ‚Formation‘ anstatt des Intersektionalitätsbegriffes (S. 168f). Weitere Diskussionen zu dieser doch entscheidenden begrifflichen Veränderung würden sich m.E. anbieten und lohnende neue Aspekte in die Forschungspraxis und Theoriebildung bringen. Einen anderen Weg schlägt Elisabeth Tuider vor, indem sie sich von einer Vorabsetzung von Differenzkategorien verabschiedet und sich mit einer „Forschungshaltung der dekonstruktiven Wachsamkeit folgend erst am empirischen Material […] zu schauen welche Differenzen wie bedeutsam gemacht werden – und was ausgeschlossen bleibt“ (S. 177). Ihre Diskursanalyse versucht daraus folgend „Repräsentationen in ihrer Uneindeutigkeit zu erfassen und dem Nicht-Gesagten, den Löchern im Diskurs nachzugehen“ (S. 185). Hier würde sie sich der Einteilung von McCall folgend, einem Ansatz der anti-kategorialen Intersektionalitätsanalysen anschließen.

Eine weitere interessante Dimension der Beiträge in dieser Publikation stellen die sehr vielfältigen Forschungsmethoden dar, die einerseits mit den diversen forschenden Disziplinen verknüpft sind, aber auch die unterschiedliche Herangehensweise an mögliches Datenmaterial widerspiegeln. Enthalten sind sowohl Textanalysen von fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten, Interviewtexte als auch Feldforschung mit beispielsweise Beobachtungsprotokollen, die auf mögliche Prozesse der Herstellung eingeht.

Insgesamt beinhaltet die Publikation auch einen guten Fokus in Bezug auf Internationalität, da eine Vielzahl der Beiträge tiefergehende Analysen aus der meist englischsprachlichen Literatur und Forschung einarbeiten. Insbesondere die Textanalysen im Bereich der Literaturwissenschaften greifen dabei auf nordamerikanische oder angelsächsische Texte zurück. Dabei werden kontextspezifische Auswertungen weniger thematisiert wie bspw. die unterschiedlichen Diskurse zum Thema Hautfarbe je nach Kontinent und Geschichte (vgl. ‚slave narratives‘ oder ‚Capital‘ von John Lanchesters). Die wichtige Ebene Europas wird insbesondere im englischsprachigen Beitrag von Birte Siim eingebracht.

Einen oftmals fehlenden abschließenden, kommentierenden und insbesondere zusammenfassenden Beitrag einer derart multidisziplinären Publikation liefert die Herausgeberin, Mechthild Bereswill, indem sie auf über 20 Seiten die einzelnen Artikel intensiv miteinander vergleicht und in vier Abschnitten eingehend erläutert und kommentiert. Ein wirklicher Bonus am Ende der Publikation, der auch LeserInnen anzusprechen vermag, welche nicht das gesamte Buch lesen.

Fazit

Gesamt kann angemerkt werden, dass die Beiträge trotz diverser disziplinärer Hintergründe über die Forschungsperspektive der Intersektionalität gut zusammengestellt wurden und miteinander ein differenziertes Bild derzeitiger Forschungsaktivitäten im deutschsprachigen Raum zeichnen. Dabei wird meist in den einzelnen Beiträgen eingehend erläutert, welches Verständnis von Intersektionalität eingenommen wird und auf welche Kategorien wie konkret in der Forschung Bezug genommen wurde. Erfreulicherweise sind diese Positionierungen sehr unterschiedlich und zeigen somit deutlich und forschungsspezifisch, dass Intersektionalität sowohl als Perspektive, als auch als Theorie oder Ansatz, sowohl mit festgelegten als auch mit offenen Kategorien, sowohl mit Leit-/Masterkategorie als auch ohne Festlegungen, gute Erkenntnisse in der Analyse bringen kann. Dabei stehen bei allen Ansätzen Reflexivität im Umgang mit Kategorienbildung und Analyse im Zentrum wobei die gewonnene Komplexitätssteigerung zu beachten und entsprechend zu bewerkstelligen ist.

Eine Frage, die sich jedoch am Ende der Lektüre dieses Buches stellt ist, welcher Personenkreis als LeserInnenschaft genau in Frage kommt, da die Breite der mitwirkenden Disziplinen doch sehr weit gefasst wurde. Nochmals ein kleines Beispiel der inkludierten Themenbreite: von Scheinehen in der aktuellen Rechtswissenschaft zu Textanalysen aus Mittelalterlichen Reise-Narrativen; von der Herstellung unterschiedlicher Geschlechterrollen an Schulen zur Volksgesundheit anhand der Prostitutionsfrage im Jahr 1903 zu europäischen Demokratieprozessen. Die in den einzelnen Beiträgen vorkommenden Forschungsperspektiven sind als Einzelbeiträge interessant, relevant und spannend, in der Gesamtheit jedoch thematisch derart breit gestreut, dass ein konsequentes Durchlesen wohl nur Wenigen gelingen wird.

Summary

Overall it can be observed that, despite diverse disciplinary backgrounds with regard to the research perspectives of intersectionality, the contributions have been well compiled and together they demonstrate a differentiated picture of the current research activities in the German-speaking region. Additionally, for the most part, the individual contributions illustrate in depth, which understanding of intersectionality is being employed and which categories are being referred to in the research. Fortunately these positionings are very different and therefore demonstrate, with clarity and with specific reference to research, that intersectionality can bring good analytic findings, both as a perspective as well as a theory or an approach, while using defined as well as open categories, while using guiding-/master categories as well as operating without definitions. At the same time the ability to work reflectively with the creation of categories plays a central role in all of the approaches and, in doing so, a consideration of the necessary increase in complexity needs to be confronted accordingly.

However one question that arises having read this book concerns the intended reading audience as the breadth of the contributing disciplines are very different to one another. From fictitious marriages in the current legal sciences to text analyses from medieval travel narratives, from the production of different gender roles in schools to public health with regard to the question of prostitution in the year 1903 to European democratic processes, the research perspectives that occur in the individual contributions are – as individual contributions – interesting, relevant and fascinating. However in their entirety they are thematically so broadly scattered that few will be able to read the book consistently from start to finish.


Rezensentin
Prof. (FH) Doris Böhler
MA, Hochschullehrerin für Soziale Arbeit
Homepage homepages.fhv.at/dob/kontakt.html
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Doris Böhler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Doris Böhler. Rezension vom 27.01.2016 zu: Mechthild Bereswill, Folkert Degenring, Sabine Stange (Hrsg.): Intersektionalität und Forschungspraxis. Wechselseitige Herausforderungen. Verlag Westfälisches Dampfboot 2015. ISBN 978-3-89691-243-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19152.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung