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Daniel Duben: Strategien gegen Rechtsextremismus im Fußballstadion

Cover Daniel Duben: Strategien gegen Rechtsextremismus im Fußballstadion. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2015. 430 Seiten. ISBN 978-3-631-66296-0. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 57,00 sFr.
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Autor

Daniel Duben wurde mit der vorliegenden Arbeit 2014 an der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz promoviert. Er hat Politikwissenschaft, Jura und Philosophie studiert. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte an der Universität war die Extremismusforschung. Seine maßgeblichen akademischen Lehrer waren Prof. Jürgen W. Falter und Prof. Jürgen R. Winkler. Als Experte zu Fragen der Fußballfans und ihres abweichenden Verhaltens stand Duben bereits mehrmals Radio- und Fernsehsendern Rede und Antwort.

Thema

Seit den 1980er Jahren sind Fußballstadien auch Propagandabühnen für Neonazis und andere Rechtsextremisten. Die Fußballfanszene ist ein beliebtes Rekrutierungsfeld für rechtsextreme Kameradschaften und Parteien. Die „Macht von Rechts“ im Fußball ist nach wie vor eine Herausforderung. 2013 sagte Energie Cottbus ein Freundschaftsspiel gegen Maccabi Tel Aviv ab, weil die Fangruppe „Inferno Cottbus“ antisemitische Provokationen angekündigt hatte. In Aachen haben sich die „Aachen Ultras“, eine dezidiert antifaschistische Fangruppierung, unter dem Druck von Rechtsextremisten aufgelöst. Rechtsextreme Gewaltexzesse werden aus Dresden, Braunschweig und Duisburg berichtet.

Einstellungs- und Verhaltensmerkmale des Rechtsextremismus

Nicht nur für jede Dissertation, sondern für jede ordentliche Analyse gehört es sich, mit Definitionen zu beginnen, schließlich sollte man wissen, wen und was man bekämpft, wenn es gegen „Rechtsextremismus“ geht.

Der Verfasser kompiliert aus diversen Quellen folgende Definition: „Rechtsextremismus“ wird als die Gesamtheit der Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen verstanden, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen. Man lehnt den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie und die Grundsätze der „freiheitlich demokratischen Grundordnung“, wie sie das BVerfG 1952 ausbuchstabiert hat, ab, und zwar öffentlich und mit aktiver Renitenz.

Als Einstellung und beobachtbares Verhalten gibt sich der Rechtsextremismus in Folgendem zu erkennen:

  • Sozialdarwinismus (Abwertung aller sozial Schwächeren); im Fußballstadion erkennbar: Titulierung von Spielern als „Behinderte“, „Spastis“ u. Ä.;
  • Übersteigerter Nationalismus / Abwertung anderer Nationen; im Fußballstadion erkennbar: „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt!“, Schwenken der Reichskriegsflagge u. Ä.;
  • Antisemitismus (Abwertung alles Jüdischen); im Fußballstadion erkennbar: Singen von antisemitischen Liedern („U-Bahn nach Auschwitz“), Zischgeräusche (als Ausdruck des Missfallens), die an ausströmendes Gas erinnern sollen u. Ä.;
  • Homophobie (Abwertung von Lesben und Schwulen); im Fußballstadion erkennbar: Titulierung von Spielern als „Schwuchteln“ u. Ä.;
  • Sexismus (Überbetonung des vermeintlich Männlichen, Verächtlichmachung des vermeintlich Weiblichen); im Fußballstadion erkennbar: Titulierung von Spielern als „Memmen“, „Fotzen“ u. Ä.;
  • Xenophobie und Rassismus (Angst vor und Abwertung von Fremden, „Ausländern“); im Fußballstadion erkennbar: „Ziegenficker“ für Türke; Schmähungen („Husch, husch, ab in den Busch!“) und Affenlaute („uh-uh-uh“) gegenüber dunkelhäutigen Spielern u. Ä.

Heimspiel für Rechtsextremisten

In gewisser Weise hat der Rechtsextremismus im Fußballstadion ein „Heimspiel“, denn er findet zahlreiche „Anknüpfungspunkte“ für seine Ideologie sowohl im Spiel auf dem Platz als auch in der Masse der ganz normalen Zuschauer auf den Tribünen. Einige Stichworte dazu:

  • „Sozialdarwinismus“: der agonale Wettkampf auf dem Platz trägt sozialdarwinistische Züge; es geht ums Gewinnen und Verlieren; der, der siegt (nicht immer der Stärkere, oft der Glücklichere) nimmt alle Punkte mit und lässt dem Unterlegenen nichts übrig.
  • „Nationalismus“: „Steh auf, wenn du Deutscher bist“ wird bei Länderspielen von Zehntausenden gesungen und in bester Laune praktiziert, ohne dass sich Kritik regt, im Gegenteil, ein „gesunder Patriotismus“ wird gefeiert.
  • „Homophobie“: In der Männergesellschaft des Fußballstadions ist es ein Massenvergnügen, mit Sprüchen und Gesängen gegen Schwule zu sein. Zur Rede gestellt, beteuern die, die es tun, unter ihren besten Freunden befänden sich auch Schwule, die allerdings den Spaß verstünden.
  • „Rassismus“: Dunkelhäutige Fußballspieler rassistisch zu beschimpfen, ist im Stadion ein Kavaliersdelikt, mehr nicht. Zur Rede gestellt, beteuern die, die es tun, es sei doch „nicht ernst gemeint.“

Darüber hinaus dominieren im Fußballstadion viele rechtsaffine Denk- und Verhaltensmuster, von denen im Buch ein halbes Dutzend angesprochen und hier nur zwei hervorgehoben werden sollen:

  1. „Freund vs. Feind“: Jedes Fußballspiel ist auch eine Feier des Freund-Feind-Schemas. Denn es sind nicht Freunde und Kollegen, die sich gegenüber stehen, weder auf dem Platz die Mannschaften, noch auf den Rängen die Anhänger beider Mannschaften.
  2. „Sloganismus“: Die Fans im Stadion pflegen sich einfach und kurz auszudrücken, in Rufen, Sprüchen, auf Bannern etc. Auf solche „Slogans“ greifen auch Rechtsextreme gerne zurück, um einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben, „Arbeit nur für Deutsche“, „Ausländer raus“ etc. Ganz normale Fans und politische Extremisten teilen also die intellektuelle Ebene der Schlichtgeistigkeit. – Wenn Neonazis „Deutschland den Deutschen!“ rufen und die andere Seite mit „Nazis raus!“ antwortet, bewegt man sich auf einem gemeinsamen Niveau.

Kultur der Niedertracht

Das Fußballstadion ist ein besonderer öffentlicher Ort in unserer Gesellschaft. Hier gelten viele Regeln und Konventionen des täglichen „Selbstzwangsgefüges“ (Norbert Elias) nicht, und dem Publikum ist es gestattet, sich durch wüste Beschimpfungen, Hasstiraden und andere Unflätigkeiten zu entschlacken, um – so die Hoffnung der Katharsis-Theoretiker - geläutert ins gesittete Leben zurückzukehren. Das Fußballstadion als Ort temporärer Entsublimierung pflegt eine Kultur der Niedertracht, also des folgenlosen Rückfalls in verbale Barbarei. In dieser Eigenschaft steht das Stadion, auch ohne dass Neonazis und Nationaldemokraten anwesend sind, für ein ziemlich reaktionäres Mentalitätsklima.

Wie soll in diesem Biotop antifaschistische Arbeit gelingen?

Seit 1993 das „Nationale Konzept Sport und Sicherheit“ (NKSS) in Kraft getreten ist, hat der (sozial)pädagogische und ordnungspolitische Umgang mit jener besonders aktiven und intensiven Zuschauer-Rolle, die sich „Fußballfan“ nennt und in der Regel jung und beeinflussbar ist, eine solide Grundlage. Das NKSS macht die Einrichtung von ordentlich finanzierten „Fanprojekten“ in den Bundesligen obligatorisch und weist diesen u. a. die Aufgabe zu, am „Abbau extremistischer Orientierungen“ mitzuwirken. Seither hat man mit den „Fanprojekten“ einen wirkmächtigen Akteur. Die Frage ist, was soll er tun.

Expertenbefragung

Das Buch befragt die vorhandene wissenschaftliche Literatur nach Maßnahmen gegen Rechtsextremismus im Stadion. 39 Handlungsempfehlungen werden gefunden. Diese werden dann 13 „Experten aus der Praxis“ (Polizisten, Fanprojekt-Mitarbeitern, Vereinsfunktionären) zur Bewertung vorgelegt. Den höchsten Grad der Zustimmung findet das Item „Eindeutige Positionierung der Vereine gegen Rechtsextremismus“ (Rückfrage: Fehlt es derzeit genau daran?); der niedrigste Grad der Zustimmung fällt auf das Item „Rechtsextremismus nicht direkt, sondern lieber indirekt thematisieren“.

Auf überwiegende Zustimmung stoßen auch folgende Maßnahmen:

  • Überwachungstechniken sind nützlich. Dank moderner Kamerasysteme in den Stadien haben Rechtsextreme kaum eine Chance mehr, ihre Parolen und Gesänge im Schutz der Anonymität vorzutragen und in der Masse des Publikums unterzutauchen: Rechtsextremisten sind leichter identifizierbar geworden.
  • Das neu geschaffene Ordnungsmittel der „Stadionverbote“ kann gegen sie verhängt werden.
  • Wie bereits beim FC St. Pauli geschehen, soll ein Antidiskriminierungsparagraph in Stadion- und Vereinssatzungen aufgenommen werden, der rassistische Äußerungen untersagt.
  • „Profis in die Pflicht nehmen“ – Fußballspieler sollen ihre Autorität bei den Fans nutzen und sich in der Öffentlichkeit gegen Rechtsextremismus aussprechen.

Weitergehende Überlegungen, die im Buch angestellt werden, müssen wohl ins Reich der (schlechten) Phantasie verwiesen werden, will man nicht auf rechtsextremistische Provokationen mit der „totalen Überwachung“ (die das Präventive zum Präemptiven übersteigt) antworten – und damit den Rechten einen Gefallen tun:

  • Eine Kleidungs-Ordnung soll das Tragen von „Nazi-Marken“ im Stadion verbieten; „Thor Steinar“ und „LONSDALE“ oder „LONSDAPE“ gelten als solche, letztere wegen der Buchstabenfolgen NSDA bzw. NSDAP.
  • Eine „Symbol-Ordnung“ soll sichtbar auf der Kleidung getragene Zahlenkombinationen untersagen: „88“ (= zweimal der achte Buchstabe im Alphabet = HH = Heil Hitler); „18“ (= Adolf Hitler); „1312“ (= All Cops Are Bastards) etc.

Es fällt auf, dass die repressiven Maßnahmen überwiegen, die Polizei und Ordnungskräften obliegen. Der klassisch aufklärerische und präventive Gedanke, für den doch die Fanprojekte stehen, kommt insgesamt nur selten zu Wort. Auf Seite 244 ist es ein Fanprojekt-Mitarbeiter, der ihn artikuliert: Aufgabe von Fanprojekten sei es, „Rechtsextremen den Nachwuchs streitig zu machen, indem man Fußballfans durch präventive Aufklärung für rechtsextreme Argumentationsmuster unanfällig macht“, zum Beispiel dadurch, dass man auf Widersprüche in der Ideologie der Rechtsextremisten hinweist.

Fanprojekte als antirassistische Bildungsstätten

Seit den mittneunziger Jahren lässt sich mit Recht sagen, dass die inzwischen ca. 50 „Fanprojekte“ das Rückgrat der präventiven Arbeit gegen Rechtsextremismus im Fußballstadion bilden. Das Spektrum der Unternehmungen ist vielfältig. Man organisiert Wanderausstellungen (z. B. „Tatort Stadion“); macht Bildungsreisen in ehemalige Konzentrationslager und NS-Gedenkstätten; organisiert Fußballturniere „gegen Rechts“ und bezieht Flüchtlinge und Asylbewerber in die Mannschaften ein; klärt in Info-Abenden unter dem Motto „Weißt du, was du trägst?“ über aktuelle Codierungen, Bekleidungs- und Erkennungszeichen von Rechtsextremisten auf; setzt sich unter der Überschrift „Rassismus ist kein Fangesang“ kritisch mit rechtem Liedgut auseinander; beteiligt sich unter dem Motto „Der Ball ist bunt“ an der Organisation von multikulturellen Stadionfesten. Und so weiter.

Lob des DFB

Nicht verschwiegen werden soll, dass der Deutsche Fußball-Bund seit der Präsidentschaft Theo Zwanzigers die lange vermisste „Kante“ zeigt und nicht nur die Fanprojekte stärkt, sondern etliche Maßnahmen gegen Diskriminierung und Menschenverachtung unternommen hat (z. B. die Stadion-Kampagne „Zeig´ Rassismus die rote Karte!“). Vor allem hat der DFB ein flächendeckendes Meldesystem eingeführt, das rechtsextreme Vorkommnisse bei den ca. 80.000 Fußballspielen registriert, die wöchentlich unter seiner Regie in Deutschland stattfinden. So kann man zeitnah auf Vorfälle reagieren. Das ist Repression, die präventiv wirkt.

Zielführende und nicht-zielführende Maßnahmen

Einige aus den wissenschaftlichen Expertisen stammende Handlungsempfehlungen sind in der Praxis umgesetzt worden oder sind dabei, umgesetzt zu werden. Anderen Empfehlungen wird nicht gefolgt. Warum? Die Arbeit deckt drei Motive auf: der politische Wille fehlt; auf der Seite der Ausführenden ist man inhaltlich nicht restlos überzeugt; schließlich sind es finanzielle Probleme, die der Realisierung im Wege stehen.

Interessanter noch ist die Frage, warum in der Praxis Maßnahmen umgesetzt werden, die von den Experten als sinnlos eingestuft wurden. Die Erhöhung des Polizeieinsatzes im Umfeld der Stadien zum Beispiel wird von der Mehrheit der Experten als nicht zielführend bei der Extremisten-Bekämpfung angesehen. Dennoch aber wird sie flächendeckend praktiziert. Könnte es sein, spekuliert die Arbeit, dass „die Innenpolitiker der Bundesländer über den verstärkten Einsatz der Polizei sich gerne als Law and Order-Politiker profilieren“ möchten? Wäre es so, obsiegte der politische Wille zur Eitelkeit sowohl über die inhaltlichen Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahme als auch über die finanziellen Bedenken angesichts ihrer hohen Kosten.

Fehlanzeigen

Das erste Fanprojekt in Deutschland wurde 1981 in Bremen ins Leben gerufen; ihre öffentliche Aufgabenzuschreibung und Wertschätzung erfahren Fanprojekte seit 1993, seit dem Inkrafttreten des NKSS. Gerne hätte man über die Wirksamkeit ihrer sozialpädagogischen Arbeit in der Extremismusbekämpfung Genaueres erfahren. Immerhin liegen gut 30 Jahre Erfahrung vor. Die Arbeit begnügt sich damit, Fanprojekte für unverzichtbar zu erklären, statt sich an einer (Erfolgs-)Bilanz ihrer Arbeit zu versuchen. Ein Evaluations-Defizit.

Wiederholt taucht in der Arbeit eine Einstellung auf, die rechte und linke Fans, gemäßigte und extremistische, miteinander teilen. Gemeint ist die generelle „Anti-Polizei-Haltung“ der Fanszene. Eine vertiefende Analyse dieser Feindbild-Kameradschaft über alle ideologischen Gräben hinweg fehlt allerdings.

Fazit

Die Arbeit versteht sich als der erste systematische Überblick über alle Strategien gegen Rechtsextremismus im Stadion, der wissenschaftlichen Kriterien standhält. Sie bringt eine so noch nicht gekannte Ordnung in Handlungsfelder und Akteure, Zielsetzungen und Maßnahmen bei der Bekämpfung des politischen Rechtsextremismus im Fußball. Insofern ein Pionierbuch!


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 24.08.2015 zu: Daniel Duben: Strategien gegen Rechtsextremismus im Fußballstadion. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2015. ISBN 978-3-631-66296-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19157.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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