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Lisa Herzog, Axel Honneth (Hrsg.): Der Wert des Marktes

Rezensiert von Prof. Dr. Wilfried Hosemann, 28.12.2015

Cover Lisa Herzog, Axel Honneth (Hrsg.): Der Wert des Marktes ISBN 978-3-518-29665-3

Lisa Herzog, Axel Honneth (Hrsg.): Der Wert des Marktes. Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2014. 670 Seiten. ISBN 978-3-518-29665-3. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

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Thema

Über Marktwirtschaft und Märkte wird wieder gestritten. Die Finanzmärkte, der Ölmarkt und die Agrarmärkte sind Reizworte an denen sich gesellschaftliche Auseinandersetzungen festmachen und Vorstellungen über Freiheit und Verderben ins Spiel kommen.

Lisa Herzog und Axel Honneth haben sich vorgenommen, die aktuellen Diskussionen einzubetten in die Debatten über den Markt seit dem 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die breit geführten Diskussionen über Möglichkeiten und Grenzen von Märkten sollen durch eine ausgewogene Auswahl von profilierten Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Ausrichtungen sachlich unterstützt werden.

Herausgeberin und Herausgeber

Lisa Herzog, seit 2013 Postdoc am Institut für Sozialforschung und am Exzellenz Cluster »Normative Ordnungen« der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Axel Honneth, Direktor des Instituts für Sozialforschung (ISF) und Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt sowie für Humanities an der Columbia University in New York.

Honneth und Herzog realisieren aktuell das DFG Projekt: Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt. Bedingungen der Entstehung, Aufrechterhaltung und Verbreitung moralischer Normen im Wirtschaftssektor.

Aufbau

Das Buch bildet mit 25 Originalbeiträgen Brücken zum ökonomisch-philosophischen Diskurs über den Markt. Es ist gegliedert in:

Teil I: Rechtfertigung

  • Einleitung Lisa Herzog: Die Verteidigung des Marktes vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
  • Mit Beiträgen von: Bernarnd de Mandeville, David Ricardo, Friedrich August von Hayek, Gary S. Becker, Rose und Milton Friedman

Teil II: Kritik

  • Einleitung Axel Honneth: Die Kritik des Marktes vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
  • Mit Beiträgen von: Louis Blanc, Karl Marx, Rosa Luxemburg, John Ruskin, Karl Polanyi, Gearld A. Cohen, Michael Albert

Teil III: Vermittlung

  • Einleitung L. Herzog und A. Honneth: Versuche einer moralischen Einhegung des Marktes vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
  • Mit Beiträgen von: Georg Friedrich Wilhelm Hegel, John Stuart Mill, Emile Durkheim, Amartya K. Sen, Samuel Bowles, Steven Lukes, Albert O. Hirschman, Jens Beckert, Albena Azmanova, John E. Roemer, Eric Olin Wright

Inhalt

Herzog zeichnet in ihrer Einführung zum Teil I nach wie die "unsichtbare Hand" des Marktes entdeckt wurde, sich die Mathematisierung der Ökonomie entwickelte und die österreichische Schule Selbstorganisation und den Aspekt in den Vordergrund rückte, dass Preise dezentral Informationen weiter geben können. Im Anschluss an die Darstellung der Chicagoer Schule fasst sie als stärkste Argumente die Koordinierungsleistung des Marktes und die individuelle wirtschaftliche Freiheit – offen bleiben die Fragen nach den Lebensbereichen, die von den Mechanismen des Marktgeschehens frei gehalten werden sollen und nach den Kriterien, die im Markt die Besonderheiten der Ware "menschliche Arbeitskraft" berücksichtigen. Dazu böte sich u.a. eine kritische Diskussion an, die die Realitätsnähe mathematischer Modelle in den Blick nimmt (26).

Honneth geht in seiner zusammenfassenden Darstellung zum Teil II der nachfolgenden Autoren auf die Marktkritik im Frühsozialismus ein und stellt Marx und die marxistische Tradition vor. Aber ebenso von dieser theoretischen Richtung unabhängige Autoren wie John Ruskin und Karl Polanyi, die grundlegende Kritiker kapitalistischer Märkte waren. Die Kontroversen „um den sozialen Wert und die moralischen Grenzen“ des Marktes werden aktuell und sicherlich auch in der Zukunft weiter geführt, wobei Gleichheitsprinzipien eine bedeutende Rolle spielen gerechtigkeitstheoretische Einwände zu erheben (172 f).

Herzog und Honneth beschreiben als dritten Weg in Teil III die moralische Einhegung des Marktes und die Versuche eine Balance zwischen den Argumenten der Befürworter und der Kritiker zu finden. Unter dieser Perspektive sammeln sich die meisten Beiträge. Herzog und Honneth beginnen mit den Fragen zur "Zähmung" des Marktes, hinterfragen den Erfolg der Marktwirtschaft und fächern die zeitgenössische Debatte auf. Zum Schluss ihres Beitrages diskutieren Herzog und Honneth anhand von drei Fragen alte und neue Herausforderungen (178):

  1. Wie kann der Markt eingegrenzt werden, so dass er nicht die gesamte Gesellschaft strukturiert?
  2. Wie können egalitäre Prinzipien in der Marktgesellschaft hoch gehalten werden?
  3. Wie entfalten sich inhärente Moralprinzipien im Markt und ethische Grundsätze der Marktteilnehmer?

Als Hinweis auf ein moralisches Wertproblem von Märkten wird von den Autoren die Frage verstanden, wie Probleme verringert werden können, "…die durch die Selbstbeschädigung einiger Akteure und deren Ausnutzung durch andere Akteure in unregulierten Märkten entstehen können" (379)?

Ein weiteres Thema, betrifft den Einfluss von Märkten (Marktlogiken) auf Bereiche der Lebenswelt und der Privatsphäre. Herausragend sind des weiteren die Einflüsse auf politische Prozesse, siehe Finanzkrisen, und die folgenreichen Ungleichheiten bezüglich Einkommen und Vermögen. Der drastische Anstieg der Ungleichheiten steigert auch „das Risiko eines Übergreifens von ungleichen Machtverhältnissen aus dem ökonomischen in den politischen Bereich“. Die extreme Machtungleichheit auf globalen Märkten gefährdet selbst grundlegendsten moralischen Standards (380).

Weltweit sind die größten – weil folgenreichsten – Probleme wohl darin zu sehen, wie die unvermeidlichen Kosten für die Ressourcenschonung und den Klimawandel in Marktpreisen abgebildet werden können. Die soziale Dimension des Marktgeschehen ist unübersichtlich.

Diskussion und Fazit

Das Buch ist wie eine geordnete Schatzkiste. Man kann sich freuen, was man findet, oder je nach eigener Perspektive vermissen, was man sich gewünscht hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit häufen sich nach der Lektüre die Enttäuschungen über das Niveau vieler Wortmeldungen zu Markt und Freiheit.

Es hilft grundsätzlichen Fragen nachzugehen wie: ob sich Produktion und Verteilung trennen lassen, welche Güter an Märkten gehandelt werden sollen oder welche Funktionen Märkte als Koordinations- und Anreizsysteme haben?

„Der Wert des Marktes“ von Lisa Herzog und Axel Honneth ist im besten Sinne des Wortes ein Grundlagenwerk.

Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Es gibt 25 Rezensionen von Wilfried Hosemann.

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ISSN 2190-9245