Margreth Pohl-Menninga, Holger Küls et al.: Lernfelder Sozialpädagogik
Rezensiert von Dr. Anke Meyer, 21.09.2004
Margreth Pohl-Menninga, Holger Küls, Petra Moh: Lernfelder Sozialpädagogik. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2004. 350 Seiten. ISBN 978-3-427-80000-2. 26,50 EUR.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Thema
Die "Rahmenvereinbarung zur Ausbildung und Prüfung von Erziehern/Erzieherinnen" der Kultusministerkonferenz vom 28.1.2000 zielt auf einen lernfeldorientierten Unterricht, der nun per Ländererlass seinen Einzug in den Fachschulen und -akademien findet. Dabei sollen sich die schulischen Inhalte weniger an den Fachwissenschaften als an den zukünftigen Praxisfeldern ausrichten und gleichzeitig soll es eine engere Verzahnung zwischen schulischer und praktischer Ausbildung geben. Dies stellt die Gestaltung der ErzieherInnenausbildung vor neue Herausforderungen, denen das Buch "Lernfelder Sozialpädagogik" begegnen möchte.
Aufbau und Inhalt
Das Buch beginnt mit einem Informationsteil für SchülerInnen und LehrerInnen, in dem auf die Lernfelddidaktik und auf den Umgang mit dem Buch eingegangen wird. Den Großteil des Buches macht die ausführliche Ausarbeitung von vier Lernsituationen aus. Es folgen 21 weitere Lernsituationen, die nur kurz angerissen werden. Den Abschluss des Buches bildet ein umfangreicher Teil mit Methoden und Arbeitstechniken, die das selbstständige Arbeiten der SchülerInnen unterstützen können.
Die AutorInnen haben sich vier Lernsituationen überlegt, die für die SchülerInnen von exemplarischem Wert sein sollen. Die Lernsituationen sind jeweils so aufgebaut, dass zunächst eine fiktive Praxissituation dargestellt wird, aus der sich ein zu bearbeitendes Problem ergibt. Die SchülerInnen werden dazu angeleitet, das Problem zu benennen und zu analysieren, Ziele ihres Lernprozesses zu formulieren, ihren Lernprozess zu strukturieren und auszuführen, die Ergebnisse zu präsentieren und zu dokumentieren und den gesamten Lernprozess schließlich zu evaluieren. Im Anschluss an diese Strukturierung des Lernprozesses folgen Fachtexte, die die AutorInnen passend zur Problemstellung selbst geschrieben haben. Die fachlichen Inhalte, die sich die SchülerInnen bei der Bearbeitung der Lernsituationen aneignen sollen, bewegen sich in der Regel auf mehreren Ebenen. So werden psychologische, soziologische, pädagogische und rechtliche Fragen miteinander verwoben und mit biografischen Ansätzen verbunden.
- Anhand der ersten Lernsituation "Lisa kommt in den Kindergarten - Aufbau pädagogischer Beziehungen", sollen die SchülerInnen den von ihnen selbst zu vollziehenden Schritt von der/dem Erzogenen zur/zum Erziehenden reflektieren. Fachlich sollen sie sich mit dem dem pädagogischen Handeln zugrunde liegenden Bild vom Kind, und dem Phänomen Erziehung beschäftigen und psychologische Kenntnisse über die Entstehung von Urvertrauen oder Urmisstrauen erwerben.
- In der zweiten Lernsituation "Max will in die Schule - Beobachtung und Schulfähigkeit" geht es um die Wahrnehmung beim pädagogischen Handeln, um verschiedene Beobachtungsmethoden und die Erarbeitung eines auf die Lernsituation bezogenen Beobachtungskonzeptes und um entwicklungspsychologische und rechtliche Grundlagen der Schuleignung.
- In der dritten Lernsituation "Zu Hause sprechen wir Türkisch - Sprachentwicklung und Sprachförderung" sollen die SchülerInnen ein Sprachförderkonzept für fremdsprachige Kinder entwickeln. Als Grundlagen hierfür dienen Texte zu Kommunikation, Sprachentwicklung und Zweitspracherwerb.
- In der vierten Lernsituation "Frischer Wind in der Kindertagesstätte Sonnenweg - Qualitätsentwicklung der Kindertagesstätten" werden die Hintergründe des Qualitätsmanagements im Bereich der Kindertagesstätten beleuchtet und verschiedene Konzepte vorgestellt.
Es folgen 21 weitere Lernsituationen, die sich auf eine ca. einseitige Beschreibung der Situation und einen kurzen Problemabriss beschränken. Thematisch werden auch sozialpädagogische Praxisfelder jenseits des Kindergartens angesprochen.
Im letzten Teil des Buches werden Methoden- und Arbeitstechniken vorgestellt. Ihre Sortierung entspricht der Strukturierung der Lernprozesse. So gibt es Einstiegsmethoden, Planungs- und Entscheidungsmethoden, Ausführungs- und Durchführungsmethoden, Dokumentations- und Auswertungsmethoden und Reflexions- und Auswertungsmethoden. Dabei werden sowohl kognitiv-analytische als auch emotional-einfühlende Methoden und unterschiedliche Sozialformen berücksichtigt.
Tauglichkeit für potenzielle LeserInnen
Bei dem Buch handelt es sich um ein Lehrbuch für SchülerInnen, die je nach Bundesland unterschiedliche Fachschulen oder -akademien besuchen, um ErzieherIn zu werden. Das Lehrbuchkonzept ist allerdings nicht konsequent durchgehalten. Zwar werden die SchülerInnen bei den ersten vier Lernsituationen hilfreich an die Hand genommen, um sie nach dem altbewährten Montessori-Motto "Hilf mir, es selbst zu tun" zu befähigen, ähnliche Problemstellungen zukünftig selbstständig bearbeiten zu können. Die Lerninhalte sind gut mit Anweisungen zum methodischen Vorgehen verschränkt, der Übergang zur vollständigen Selbstständigkeit in Form der kurz angerissenen Lernsituationen erscheint mir indes abrupt. Gab es zuvor noch schülerInnenförmige Fachtexte, gibt es auf einmal nicht mal mehr Literaturangaben, die bei der Bearbeitung des Fachproblems weiterhelfen würden. Diese Lernsituationen können eigentlich nur als Anregungen für Lehrkräfte verstanden werden, die diese dann noch entsprechend ausarbeiten. Auch der Methodenteil eignet sich zum Großteil mehr als Fundus für Lehrkräfte als für SchülerInnen, die nur schwer beurteilen können, welche Methoden jeweils angemessen sein könnten.
Aufgrund der Umstellungen in der ErzieherInnenausbildung sind schulische Ausbildungskräfte an einem Leitfaden interessiert, der ihnen bei der Neukonzeption ihres Unterrichts hilft. Ist das Buch hierzu geeignet? Die vier ausgearbeiteten Lernsituationen kann man meiner Einschätzung nach gut im Unterricht einsetzen. Sie bauen sinnvoll aufeinander auf und beziehen sehr unterschiedliche Lerninhalte in praxisrelevanter Weise aufeinander und geben einen guten Einblick in den professionellen Erziehungsalltag. Im ersten Schritt geht es um die Selbstwahrnehmung der SchülerInnen als Erzogene und Erziehende, daran knüpft die Fremdwahrnehmung eines einzelnen Kindes an und geht zur Entwicklung eines Konzeptes für eine Gruppe von Kindern über. Den Abschluss bildet der bewertende Blick auf Erziehungskonzepte und die Wahrnehmung und Weiterentwicklung des Gesamtkonzeptes einer Einrichtung. Obwohl dieser letzte Schritt durchaus logisch wirkt, erscheint er mir für die Ausbildung etwas hoch gegriffen. Zumal diese Lernsituation, wenn man den Aufbau des Buches als Lehrbuch ernst nimmt, ziemlich am Anfang der Ausbildung stünde. Auch gelingt hier die Verschränkung unterschiedlicher Lerninhalte nicht mehr so wie bei den vorhergehenden Lernsituationen. Auch die Lernsituationen des folgenden Fundus wirken vergleichsweise eindimensional in ihren Problemstellungen.
Insgesamt etwas fraglich finde ich den Einführungsteil für die Lehrkräfte. Für diejenigen, die sich schon mit Lernfelddidaktik auseinandergesetzt haben, bring er nichts Neues, für die anderen bleibt er zu oberflächlich. Der Einführungsteil für die SchülerInnen hätte völlig ausgereicht. Auch der Methodenkatalog erscheint mir unnötig, da Methodenleitfäden zurzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Wer will, könnte ein solches Buch fächerübergreifend einführen. Stattdessen wäre eine Ausarbeitung von weiteren Lernsituationen wünschenswert gewesen. Oder auch die Entwicklung von Projektideen, in denen sich schulische und praktische Ausbildung sinnvoll miteinander verzahnen lassen.
Fazit
Ein im Kern sinnvolles Buch für die Ausbildung von ErzieherInnen - weniger als Lehrbuch denn als Anregung für Lehrkräfte - leider mit einigem Beiwerk, das man sich auch hätte sparen können, um andere Teile weiter auszubauen.
Rezension von
Dr. Anke Meyer
Lehrerin am Berufskolleg,
Fachleiterin für Sozialpädgogik in der LehrerInnenausbildung
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