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Esther Matolycz: Altenarbeit. Ein Lehrbuch für Sozialbetreuungs­berufe

Cover Esther Matolycz: Altenarbeit. Ein Lehrbuch für Sozialbetreuungsberufe. Facultas Verlag (Wien) 2015. 128 Seiten. ISBN 978-3-7089-1235-6. D: 19,40 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Erklärte Absicht des Lehrbuches ist es, „… eine Einführung in die Grundlagen der Altenarbeit (zu) bieten“ und „…ist für den Unterricht im Rahmen der Ausbildung in den Sozialfachbetreuungsberufen (…) gedacht…“ (S. 9)

Autorin

Die Autorin ist Lehrerein für Gesundheits- und Krankenpflege und in der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Pflege- und Sozialbereich tätig. Sie einschlägig ausgewiesen im Themengebiet Alter und Pflege, z.B. mit folgenden Publikationen: Fallverstehen in der Pflege von alten Menschen (2013), Basiswortschatz Pflege (2015), Pflege von alte Menschen (2011) und Kommunikation in der Pflege (2009).

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch ist in vier, ungleich große Kapitel aufgeteilt.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit „Altenarbeit als Beruf“. Auf vier Seiten werden im Wesentlichen die Aufgaben und Tätigkeitsbereiche einer Fach-Sozialbetreuerin in der Altenarbeit aufgelistet, so wie sie in den entsprechenden „Rechtsvorschriften für Sozialbetreuungsberufe“ zu finden sind. Zentrale Botschaft an die zukünftigen „Helferinnen und Helfer“: „die Situation – und nicht den Menschen zu ändern“ (S. 14).

Das zweite Kapitel thematisiert auf 52 Seiten die „Lebenswelt im Alter“. Hier wird zunächst der „Prozess des Alterns“ aus unterschiedlicher disziplinärer Sicht skizziert, dann einige Vorstellungen von Lebensphasen referiert. Ein längerer Abschnitt (12 Seiten) setzt sich mit der Macht von Altersbildern und Etikettierungen auseinander. „Aufgaben des Alters“ werden vor allem mit Rückgriff auf die entwicklungspsychologischen Konzepte von Erikson und Havighurst beschrieben. Auf die Frage, wie Altern bewältigt wird bzw. werden kann rekurriert die Autorin vor allem auf das von Baltes und Baltes entwickelte SOK-Modell (Selektion, Optimierung, Kompensation) sowie auf Brandstetters Modell der Assimilation und Akkommodation.

Kapitel drei („Interventionen auf altersabhängige Veränderungen abgestimmt gestalten“) entwickelt Grundbegriffe wie Aktivierung und Re-aktivierung, Lernen, Ressourcenerhalt, Anleitung und Beratung. Im Großteil der 47 Seiten dieses Kapitels werden konkrete Methoden (Gruppenarbeit), Übungen (Gedächtnistraining) und Spiele (Würfelspiele, Sprichwörter ergänzen etc.) vorgestellt.

In Kapitel vier („Unterstützung bei der Alltagsbewältigung“; fünf Seiten) konzentriert sich Autorin auf die Bedeutung der Biografiearbeit im Rahmen der Altenarbeit und verweist diesbezüglich vor allem auf den Erhalt von Lebensrollen und die Anwendung des Normalitätsprinzips.

Diskussion

Vorauszuschicken ist, dass das Lehrbuch für die Ausbildung einer Berufsgruppe konzipiert ist, die sehr stark auf österreichische Verhältnisse zugeschnitten ist. Dies warf die Frage auf, wie der Rezensent – in der deutschen und angloamerikanischen Sozialwissenschaft sozialisiert und in der Bundesrepublik Deutschland in Forschung und Lehre tätig – ein solches Buch einschätzen kann.

Das Buch führt in etliche wesentliche Aspekte des Berufsfeldes „Altenarbeit“ durch Einbeziehung relevanter Theorietraditionen ein. Allerdings ist ein starker Schwerpunkt auf Theoriebestände der Pflegewissenschaft und Psychologie zu konstatieren; soziologische Theorien etwa finden sich kaum. Dies schlägt sich auch in der einbezogenen Literatur wieder: Knapp die Hälfte der Quellen sind eindeutig der Pflege und Psychologie zuzuordnen. Auch ist eine gewisse Überalterung der einbezogenen Literatur festzustellen: Knapp die Hälfte der Texte ist älter als zehn Jahre alt. Bezüge zu aktuellen Diskursen in den Sozialwissenschaften und der Sozialen Arbeit fehlen völlig: So werden z.B. die Begriffe „Lebenslage“ und „Lebenswelt“ als zentrale eingeführt – ohne auch nur mit einem Wort auf die einschlägige Bearbeitung und Konzeptionierung für die Soziale Arbeit durch Lothar Böhnisch und Hans Thiersch einzugehen. Andere – für die Soziale Arbeit insgesamt und die Soziale Altenarbeit im Besonderen – relevante Begriffe und Diskurse fehlen ebenfalls völlig, etwa: Dienstleistungsorientierung, Bildung, Teilhabe, Gemeinwesenorientierung, Adressatenorientierung, Freiwilligenmanagement, Netzwerkarbeit, Geschlechterreflexive Arbeit (auf diesen letzten Aspekt wird an einer Stelle eingegangen, aber nur im Sinne einer traditionelle Geschlechterbilder bestätigenden perspektive: „Nicht zu unterschätzen ist grundsätzlich auch die Bedeutung der Geschlechterrollen (.). Lippenstift und Parfum für die Frauen bzw. die Bezugnahme auf ‚männliche‘ Tätigkeiten oder Interessen bei Männern erleichtern ihre Wahrnehmung.“ (S 121)

Fazit

Das vorgelegte Lehrbuch führt verständlich in einige sozialwissenschaftliche Grundlagen, die sich mit dem Alter beschäftigen ein. Es ist sehr lesefreundlich konzipiert (durch ein ansprechendes Lay-out) und weist zu einzelnen Theoriebezügen jeweils interessante Beispielrubriken auf. Auch die Fülle der konkreten Übungen und Spiele ist anschaulich. Das theoretische Gesamtkonzept ist aber insgesamt sehr unbefriedigend, da die Auswahl der Theoriebezüge sich stark an – z.T. veralteten – Konzepten von Pflege und Psychologie orientiert und moderne Diskurse einer Sozialen Altenarbeit völlig fehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 20.08.2015 zu: Esther Matolycz: Altenarbeit. Ein Lehrbuch für Sozialbetreuungsberufe. Facultas Verlag (Wien) 2015. ISBN 978-3-7089-1235-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19170.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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