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Armin Wöhrle: Beratung unter Bedingungen des Umbruchs sozialer Organisationen

Rezensiert von Dr. Petra Gregusch, 10.08.2015

Cover Armin Wöhrle: Beratung unter Bedingungen des Umbruchs sozialer Organisationen ISBN 978-3-86219-938-9

Armin Wöhrle: Beratung unter Bedingungen des Umbruchs sozialer Organisationen. Plädoyer für eine forschende Haltung. Kassel University Press (Kassel) 2015. 8 Seiten. ISBN 978-3-86219-938-9. D: 5,00 EUR, A: 5,20 EUR, CH: 7,90 sFr.

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Thema

Die Publikation greift ein Spannungsfeld auf, das aktuell wohl jede Berufsgruppe im Non-Profit -Sektor beschäftigt: Wie kann professionelle Arbeit unter den aktuellen Strukturbedingungen in sozialen Organisationen realisiert und weiterentwickelt werden? Der Artikel beleuchtet die Thematik im Kontext der Beratung sozialer Organisationen und fokussiert auf den Beitrag, den Organisationsberatung dafür leisten kann.

Autor

Prof. Dr. rer. soc. Armin Wöhrle ist Dipl. Sozialarbeiter und Dipl.-Pädagoge und Inhaber des Lehrstuhl Erwachsenenbildung, Beratung und Sozialmanagement an der Hochschule Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit.

Entstehungshintergrund

Bei der Broschüre handelt es sich um eine Beilage zur Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Supervision, die unter dem Titel Positionen zweimal jährlich erscheint. Positionen liefert Beiträge zur Beratung in der Arbeitswelt, deren mitunter provokativer Charakter beabsichtigt ist.

Aufbau und Inhalt

Der Artikel ist in vier Abschnitte gegliedert.

Der erste Abschnitt „Zunahme von Komplexität durch Reduktion von Komplexität oder Der Versuch einer Neuordnung wird als Chaos erlebt“ skizziert einschneidende Veränderungen in sozialen Organisationen infolge der Reform der öffentlichen Verwaltung in den 1990er Jahren sowie die Folgen der ab diesem Zeitpunkt bestehenden Anforderung sozialer Organisationen als Wirtschaftsunternehmen und als gewachsene gesellschaftliche Instanzen zugleich: Soziale Organisation haben seither zusätzliche, vielfältige und widersprüchliche Aufgaben zu bewältigen; sie sind mit zahlreichen Anspruchsgruppen konfrontiert, denen sie Rechenschaft ablegen müssen. Auf zunehmende Unübersichtlichkeit reagieren sie mit der Reduktion von Komplexität. Dass dieses Prinzip jedoch nicht die erwünschte Wirkung verbesserter Übersicht haben kann, zeigt Wöhrle in seiner Analyse der Beziehung zwischen sozialen Organisationen und europäischen und nationalen Sozialwirtschaften auf. Indem Letztere in unterschiedlichem Mass sozialstaatliche Komplexität reduzieren bzw. ein an der Marktlogik orientiertes Soziales Unternehmertum (Social Entrepreneurship) befördern, steigert sich die Komplexität einer Organisation um eine Mehrfaches, der sie sich nicht entziehen kann.

Im zweiten Abschnitt „Die Schlüsselrolle von Mitarbeitenden als Enrtepreneure oder Personen zwischen grösseren Gestaltungsmöglichkeiten und Überforderung“ greift Wöhrle gängige Strategien sozialer Organisationen zur Handhabung von Komplexität und deren Folgen für die Beschäftigten auf. Zuerst erfolgt eine kurze Beschreibung des modernen Managements und daran gebundene Aufgaben, die in aller Kürze als "Management zum Selbstmanagement" oder als "Steuerung zur Selbststeuerung" zusammengefasst werden können. Weiter wird auf die veränderten Erwartungen an die einzelnen Mitarbeitenden hingewiesen, die sich in neoliberaler Manier nicht nur als Fachpersonen sondern auch als Mitunternehmer definieren sollen. In diesem Zusammenhang werden zunächst Qualifikationsvoraussetzungen und Motivation für eine solche Selbstdefinition thematisiert. Die Soziale Arbeit als Berufsgruppe findet in der Erfüllung der Qualifikationen besondere Erwähnung, da sie Themen der Planung, Steuerung, und Führung in den in ihren Studiengängen verstärkt integriert und darüber hinaus zahlreiche Masterstudiengänge in Sozialmanagement etabliert habe. Sodann diskutiert Wöhrle das Phänomen zunehmender Überforderung der Beschäftigten. Kritisch stellt er sich zur Herstellung eines Zusammenhangs zwischen hochqualifizierten Personal und Überforderung. Vielmehr zieht er den Schluss, dass Fachkräften der Sozialen Arbeit der Selbststeuerungsansatz und die damit einhergehende Teamarbeit aufgrund ihres kooperativen Arbeitsverständnisses sehr entgegenkommt.

Im dritten Abschnitt „Nicht gut umstrukturiert oder Es stimmt etwas grundsätzlich nicht“ legt Wöhrle seine Hypothesen für das zunehmende Überforderungsphänomen dar und führt dieses zurück auf a) einen unprofessionell geführten Strukturumbau, der sich in unzureichenden Analysen der Struktur, der Steuerung, Führung und Kultur der Organisation zeigt oder auch in der Delegation von Aufgaben durch Leitungskräfte, ohne dass diese den Mitarbeitenden partizipative Gestaltungsräume eröffnen, sondern Zukunftsentscheidungen top down fällen. Wöhrle spricht von einem "hektischen Stillstand" (S. 5), der durch damit verbundenen Widerstand und Machtkämpfe entsteht, viel Energie verbraucht und Überlastung und Frustration der Mitarbeitenden zufolge hat. Das Überforderungsphänomen könne jedoch auch in b) unangemessene Beschäftigungsbedingungen in der Sozialwirtschaft begründet sein. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf Bedingungen, wie vergleichsweise schlechte Bezahlung von Sozialarbeitern und - arbeiterinnen, insbesondere aber auch prekäre, ungeschützte und tariflich ungebunden Anstellungsverhältnisse, die keine gesicherte Existenz ermöglichen. Ein nachvollziehbarer Zusammenhang mit dem Überforderungsphänomen wird an dieser Stelle nicht hergestellt. Ebenso wenig findet sich ein klarer Bezug hierzu in den anschliessenden Ausführungen über den Fachkräftemangel in der Sozialwirtschaft.

Der vierte Abschnitt „Die forschende Haltung über den Auftrag hinaus“ befasst sich schliesslich mit dem Beratungshandeln angesichts der Veränderungen in Organisationen. Sein Plädoyer zur forschenden Haltung leitet Wöhrle mit der Beschreibung seines langjährigen und vielseitigen Erfahrungshintergrundes als Mitglied und als Berater von Organisationen und skizziert im Weiteren sein Verständnis professionellen Handelns, wonach Fachlichkeit immer auch einen politischen Kontext zu beachten habe. Auf diesem Hintergrund beinhaltet die Beratung von Organisationen auch Versuche der Einflussnahme auf diesen Kontext. Die forschende Haltung steht für ein Angehen der Probleme sozialer Organisation, die von einer Haltung stetigen Noch- Nicht-Wissens ausgeht und keine fertigen Lösungen anbietet. Gewarnt wird vor dem Rückgriff auf Dogmen und Königswege. Stattdessen sollten Abweichungen vom Bekannten als "Glücksstunden empfunden werden, da hieraus ein Lernzuwachs entstehen kann" (S.7). Beispielhaft wird dargelegt, wie Organisationsberatung auf verschiedenen sozialen Ebenen Erfolge erzielen kann. Mit Überlegungen über künftige Ziele und Aufgaben der Beratung zur Unterstützung verbesserter Rahmenbedingungen in sozialen Organisationen schliesst der Artikel ab.

Diskussion

Wie im Titel zum Ausdruck kommt, verfolgt der Autor mit dem Artikel das Ziel, für eine forschende Haltung im Bereich der Organisationsberatung zu werben. In Verbindung mit dem neoliberalen Umbaus sozialer Organisationen erwartete man hier eine vertiefte Auseinandersetzung mit Problemstellungen, vor die Organisationsberatung in diesem Zusammenhang gestellt ist, sowie mit Beratungszielen und -konzepten, die einer forschenden Haltung dienlich sind. Erwartungen dieser Art werden jedoch nicht erfüllt. Die Ausführungen zur forschenden Haltung beschränken sich auf Allgemeinplätze, die in jeder Debatte professionellen Handelns zu finden sind. Tatsächlich befasst sich der Artikel nicht mit Problemstellungen von Beratung, sondern mit jenen sozialer Organisationen, die Veränderungsgegenstand unterschiedlichster Berufsgruppen und Tätigkeiten sind. In diesen Kontext gestellt liefert der Artikel pointierte Analysen bestehender Herausforderungen an soziale Organisationen und an ihr Sozialmanagement sowie der Schwierigkeiten, diese zu bewältigen. So interessant und wertvoll die Analysen und Argumentationen im Einzelnen sind – wie etwa, dass die sich im „hektischen Stillstand“ äussernden Schwierigkeiten nicht einfach als Anpassungsdefizite der Beschäftigten gedeutet werden, sondern als ein Professionalisierungsdefizit im Bereich der Managements in den Organisationen – fällt es jedoch sowohl schwer, das eigentliche Anliegen des Autors zu erkennen als auch der Argumentation durchwegs zu folgen. Zu abrupt sind die Wechsel der Analyseeinheiten, die vom Mitarbeiter und von der Mitarbeiterin im Allgemeinen und Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen im Besonderen, über das Sozialmanagement, bis zur Gesamtorganisation und zur Sozialwirtschaft reichen.

Insgesamt scheint es Wöhrle darum zu gehen, Lesern und Leserinnen eine Vielzahl von Anregungen zum Verstehen heutiger sozialer Organisationen mitzugeben. Etwas mehr Systematik im Analysevorgehen und eine präzisiere Darlegung des Lösungsansätze täte dem Text zur besseren Verständlichkeit gut.

Fazit

Mit seinem Anregungscharakter liest sich die Broschüre gewinnbringend für alle in und mit sozialen Organisationen Beschäftigten, die nach Analyseansätzen für aktuell häufige Probleme in den Organisationen suchen.

Rezension von
Dr. Petra Gregusch
Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Departement Soziale Arbeit
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Es gibt 8 Rezensionen von Petra Gregusch.

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Zitiervorschlag
Petra Gregusch. Rezension vom 10.08.2015 zu: Armin Wöhrle: Beratung unter Bedingungen des Umbruchs sozialer Organisationen. Plädoyer für eine forschende Haltung. Kassel University Press (Kassel) 2015. ISBN 978-3-86219-938-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19172.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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