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Michael Weis, Maria Luisa Mariscal de Körner u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch migrations­pädagogische und rassismus­kritische Jugendarbeit

Cover Michael Weis, Maria Luisa Mariscal de Körner, Stefan Lutz-Simon (Hrsg.): Praxishandbuch migrationspädagogische und rassismuskritische Jugendarbeit. Konzepte und Best-Practice-Beispiele aus Würzburg. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. 238 Seiten. ISBN 978-3-7344-0067-4. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Das Praxishandbuch ist weitaus mehr, als dieser Titel verspricht. Es ist aus der Praxis der migrationspädagogischen und rassismuskritischen Jugendarbeit in Würzburg entstanden, enthält aber auch einige theoretisch weiterführende Beiträge, mit denen wissenschaftlich beschlagene und qualifizierte PraktikerInnen den aktuellen Diskurs zwischen Interkultureller Pädagogik, Migrationspädagogik, Integrationspolitik und Inklusionspädagogik kritisch befragen und inhaltlich und perspektivisch weiterführen.

Aufbau

Das Buch beginnt mit zwei theoretischen Teilen zur Begründung und Einordnungsmöglichkeit für die anschließenden Praxiskonzepte: zum Verhältnis von Theorie und Praxis in Migrationspädagogik und antirassistischer Jugendarbeit sowie zur Konzeption und Weiterentwicklung des neuen, gegen die bisherige interkulturelle Pädagogik gesetzten, Ansatzes einer Migrationspädagogik, die wesentlich von Paul Mecheril (Universität Oldenburg) begründet worden ist.

Dem folgen Darstellungen von Praxisbeispielen aus Würzburg, von Qualifikationsangeboten für MultiplikatorInnen sowie ausgewählte ungewöhnliche Konzepte, etwa einer Pädagogik der Shoah, die in engem Bezug zur Thematik stehen und Anregungspotenzial für eine antirassistische Jugendarbeit und Migrationspädagogik haben.

Inhalt

Im ersten Kapitel werden Brücken zwischen Theorie und Praxis in Aussicht gestellt, und zwar durch Hinführungen zur migrationspädagogischen und rassismuskritischen Jugendarbeit. Das beginnt mit einem Beitrag des Mitherausgebers Michael Weis, der sowohl in der praktischen Jugendarbeit und Jugendpolitik in Würzburg verankert ist, als auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Würzburg an der Weiterentwicklung der diese Praxis orientierenden theoretischen Konzepte der Migrationspädagogik arbeitet. Der Ansatzpunkt ist hier, wie auch bei anderen Beiträgen, die Sprache und das Zur-Sprache-Bringen von Alltagsrassismus. Das sei die Basis für die notwendige und auch leistbare Dekonstruktion von Deutungsmustern, mit denen ein solcher Rassismus im Alltag ausgrenzt und abwertet. Maria Luisa Mariscal de Körner berichtet von einem Projekt der Universität Würzburg, interkulturelle Kompetenz in der Qualifizierung von AkademikerInnen lehrbar zu machen, und dabei die emigrationsorientierte Überlebensfähigkeit als extrafunktionaler Kompetenz zu transzendieren und zu interkultureller Toleranz voranzuschreiten.

In einem Kapitel über theoretische Exkurse folgen Beiträge über das Verhältnis der Interkulturellen Pädagogik, wie sie Georg Auernheimer vertritt, zu der neu eingeführten Migrationspädagogik von Paul Mecheril (Arzu ?ice?/Saphira Shure), entstanden in der diskursiven Auseinandersetzung mit den beiden Autoren, die zu Vorträgen nach Würzburg gekommen waren. Gerd Schmitt setzt sich mit der Integrationshilfe auseinander, die Georg Auernheimer im Kontext seines Konzept von Interkultureller Pädagogik für nötig und unerlässlich hält, und stellt dem den dekonstruktiven Ansatz der Migrationspädagogik von Paul Mecheril gegenüber. Manuel Peters skizziert eine „postfundamentalistische“ Migrationspädagogik im Paradigma von Postmoderne und Poststrukturalismus. Es folgen Praxisberichte aus der interkulturellen und antirassistischen Jugendarbeit aus Würzburg und Umgebung sowie Darstellungen von Qualifizierungsangeboten für MultiplikatorInnen. Das letzte Kapitel versucht einen Blick über den Tellerrand. Dort thematisiert Marina Miksch einen neuen Rechtsextremismus unter Russlanddeutschen. Batsheva Dagan fragt, ob es eine Pädagogik der Shoah gebe.

Diskussion

Die Beiträge sind durchweg sehr informativ und auch innovativ, leider aber alle so kurz gehalten, dass viele Fragen offen bleiben müssen. Gern hätte man dazu jeweils noch mehr und Detailreicheres gelesen, wozu sich auch in den Literaturhinweisen nicht mehr viel finden lässt. Das allerdings scheint ein Grundproblem aller HerausgeberInnen zu sein, die sich mühen, PraktikerInnen zum Aufschreiben ihrer Praxis zu bewegen. Gute und sehr gute Praxis gibt es mehr, als gemeinhin vermutet wird, aber davon wird nur selten und wenig publiziert, weil es den PraktikerInnen zu Recht wichtiger ist, gute Praxis zu machen statt darüber zu reden oder gar zu schreiben, was ihnen mühselig ist und bleibt. Die hier versammelten Praxisbeiträge geben deshalb einen seltenen Einblick in die vielfältigen Bemühungen, die theoretisch anspruchsvollen und abstrakten Konzepte von migrationspädagogischer und antirassistischer Jugendarbeit in die Praxis umzusetzen, und immer wieder beeindruckt die reiche Phantasie der PraktikerInnen, mit der das realisiert wird.

Fazit

Der Sammelband versucht, Theorie und Praxis von Migrationspädagogik in der Jugendarbeit und antirassistischer Jugendarbeit zusammenzuführen. Die Beiträge sind durchgehend informativ und innovativ, lassen jedoch in ihrer Kürze jeweils Fragen offen.

Die theoretischen Beiträge tragen zu einer Weiterführung des Diskurses über Migrationspädagogik als dekonstruktives Paradigma gegen Gruppenzuschreibungen bei.

Die Praxisbeiträge berichten von anspruchsvollen Konzepten der antirassistischen Jugendarbeit. Bei einigen Berichten stellt sich die Frage, was ihr Konzept von den üblichen Ansätzen einer Demokratieerziehung – mit ihren Anliegen des Aufbaus von Offenheit und Toleranz – im Sinne der theoretisch skizzierten Migrationspädagogik unterscheidet.

Durchgängig fehlen Hinweise auf die Wirksamkeit der Ansätze und die Verfahren, mit denen diese gegebenenfalls erfasst wurde oder werden könnte.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Nieke
Universität Rostock, Philosophische Fakultät
Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik


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Zitiervorschlag
Wolfgang Nieke. Rezension vom 19.11.2015 zu: Michael Weis, Maria Luisa Mariscal de Körner, Stefan Lutz-Simon (Hrsg.): Praxishandbuch migrationspädagogische und rassismuskritische Jugendarbeit. Konzepte und Best-Practice-Beispiele aus Würzburg. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-7344-0067-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19179.php, Datum des Zugriffs 03.04.2020.


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