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Wolfgang Krieger (Hrsg.): Soziale Arbeit im Ost-West-Vergleich

Cover Wolfgang Krieger (Hrsg.): Soziale Arbeit im Ost-West-Vergleich. Soziale Probleme und Entwicklungen der sozialen Arbeit in Deutschland, Russland, Armenien und Kirgisistan. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2015. 486 Seiten. ISBN 978-3-89918-238-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Beiträge mit Übersetzungen deutsch-russisch und russisch-deutsch.
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Thema

In Nachfolgestaaten der Sowjetunion hat sich Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession etabliert, je nach politischem und kulturellem Kontext spezifisch, mit Bezügen und Unterschieden auch zur westeuropäischen Welt. Der Vergleich kann alle Beteiligte zur Reflexion anregen.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Der Herausgeber Dr. Wolfgang Krieger ist Professor für Erziehungswissenschaften am Fachbereich für Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Ludwigshafen. Von ihm und sechs Mitgliedern des Kollegiums stammen acht Beiträge.

Kolleginnen und Kollegen von den Staatlichen Universitäten in Bishkek (Kirgisistan) und in Eriwan (Armenien) haben je zwei Beiträge eingebracht, aus zwei Hochschulen in Kasan (Republik Tatarstan, Russland) sind es zusammen vier, aus Tomsk (Russland) ebenfalls vier.

Entstehungshintergrund

Mit den insgesamt 20 Beiträgen wird eine Konferenz dokumentiert, die 2014 mit Unterstützung des DAAD in Ludwigshafen stattfand. Für die Übersetzungen Russisch-Deutsch und Deutsch-Russisch sorgten im Wesentlichen Larissa Bogacheva und Anna Voroshilova, die in Ludwigshafen tätig sind.

Aufbau

Die Beiträge umfassen in aller Regel 7-10 Seiten. Sie sind in vier Themenbereiche zusammengefasst. Nach der Einleitung sind dies folgende:

  1. Prävention in der Sozialen Arbeit
  2. Institutionalisierung der Sozialen Arbeit
  3. soziale Konflikte, religiöse Situation
  4. kompetenzorientierte Ausbildung

Jeder Beitrag ist in deutscher und russischer Version abgedruckt.

Inhalt

In der Einleitung stellt Krieger die Entwicklung in Nachfolgestaaten der Sowjetunion ausführlich dar (27 Seiten). Die sozialen Probleme sind demnach, bezogen auf Russland, Armenien und Kirgisistan, vor allem:

  • Arbeitslosigkeit und Armut, letztere extrem in Armenien und Kirgisistan
  • Jugendarbeitslosigkeit, Alkoholmissbrauch, Beschaffungs- und Bandenkriminalität
  • Verarmung und Vereinsamung alter Menschen
  • Ausgrenzung behinderter Menschen
  • Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte (nach Russland), interethnische Spannungen, Rassismus.

Von dieser Einleitung abgesehen sind die Beiträge aus Ludwigshafen darauf angelegt, Übersichten für die Bundesrepublik zum Kinderschutz (Pfeil), zu Kinderrechten (Lorenz), zur Kinder- und Jugendhilfe (Weiler), Religionssoziologie (Dallmann), Konfliktmanagement (Krieger) und Kompetenzvermittlung im Bachelorstudium (Krieger) herzustellen

Über Armenien berichten J. Melkumyan und A. Khachatryan. Da der Staat vor allem Leistungen für Neugeborene und Kleinkinder gewährt, leben viele kinderreiche Familien davon, können den Kindern aber wenig Bildung und Förderung bieten. Pflegefamilien gibt es zu wenige, sodass weiterhin die Heimunterbringung dominiert. In den Schulen ist die Inklusion behinderter Kinder vorangekommen, es fehlt aber an Fachkräften. Soziale Arbeit ist weit davon entfernt, gesellschaftlich akzeptiert und angemessen finanziert zu werden.

Makienko/Fadeeva (Tomsk) weisen daraufhin, dass – nicht allein wegen des niedrigen Rentenniveaus – Menschen im Rentenalter (Frauen über 55, Männer 60 Jahre) weiter arbeiten wollen und können. Es gibt dafür weder Einschränkungen noch besondere Schutzbestimmungen. Die Unternehmen müssen sich allerdings erst einmal darauf einstellen. Die gleichen Autorinnen arbeiten die wissenschaftlichen Grundlagen der sozialen Rehabilitation heraus, die ja darauf abzielt, dass die betroffenen Menschen ihr Leben weitgehend selbständig führen und gestalten können. Allerdings ist die Mobilität in Tomsk, wie die Studierenden in einem Projekt herausgefunden haben, stark eingeschränkt; es fehlt vielfach, ob im Bahnhof, zum Konzertsaal, vor Wohnheimen, an Rampen für Rollstuhlfahrer.

Die Millionenstadt Kasan ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan (innerhalb der Russländischen Föderation) und gilt als Zentrum des Islam in Russland. R. Zinurova referiert Umfragen, die auch die Republiken Baschkortistan und Udmurtien miteinbeziehen. Danach hat in Tatarstan die Mehrheit der befragten Russen und Tataren keine Diskriminierung wegen ihrer ethnischen Zughörigkeit erfahren, jedoch ca. 30 % schon (Beleidigungen etc.). Gerade unter Jugendlichen, die der Titularnation angehören, gibt es ein aggressives Potential. Während die Tataren auf dem Land, wie A.Tuzikov darlegt, klar die Mehrheit bilden, gibt es in manchen Städten nur noch knappe Mehrheiten, in Kasan selbst leben etwas mehr Russen als Tataren. Zinurova plädiert für Trainingsprojekte vor Ort, allen voran sollen Sozialarbeiter den “Dialog der Kulturen”aufnehmen.

J. Rybasova, ebenfalls aus Kasan, schlägt vor, dass angehende Sozialarbeiter eine “kulturelle Schlüsselkompetenz” erwerben sollen, und das vor allem in einer sog. Master-Klasse (kreative Kleingruppenarbeit unter Förderung eines Dozenten).

Mit Bezug zu Kirgisistan stellt die Soziologin P. Aitbaeva aus Bishkek die gesetzlichen Bestimmungen zur Sozialen Arbeit vor. Kinder, ältere Bürger, behinderte und obdachlose Menschen sollen besonders Schutz und Zuwendung des Staates erhalten. Sie stellt den staatlichen Programmen die Tradition des Landes gegenüber: Historisch ausgeprägt ist ein System von Verwandtschaftsbeziehungen. Die “Schaamat” ist die Vereinigung einer Gemeinde, eines Stadtteils, die kulturelle Veranstaltungen durchführt, aber auch Hilfeleistungen unter den Gemeindemitgliedern organisiert. In den Bräuchen und Traditionen verankert sind die Verehrung der Älteren, Hilfsbereitschaft, Schutz und Fürsorge für Kinder und Frauen. Inzwischen auch (wieder) gesetzlich bestätigt sind die “Gerichte der Ältesten”, die Konflikte innerhalb des Dorfes regeln. Nichtsdestoweniger gewinnt Soziale Arbeit an Status, sofern sie zwischen dem (schwachen) Staat und der Gesellschaft vermittelt (Zuteilung von Medikamenten, Lebensmittel etc.).

B. Maltabarov arbeitet dazu heraus, dass sich die Kirgisische Republik als säkularer Staat versteht, während sich mehr als 90% der Bevölkerung zum sunnitischen Islam bekennen und seit 1991 über 1700 Moscheen eingerichtet bzw. gebaut wurden. Allerdings zeigen Befragungen auch, dass nicht mehr als ein Viertel der Muslime alle religiösen Vorschriften strikt beachtet, insbesondere tun dies junge Männer. Muslime sind auch die ethnischen Usbeken, etwa 15 % der Bevölkerung. Die 8% der Bevölkerung, die christlich-orthodox sind, sind mit der russischen Minderheit deckungsgleich. Insgesamt sind die interethnischen Beziehungen angespannt, Gleichberechtigung und Repräsentativität (etwa auch der Strafverfolgungsbehörden) noch nicht erreicht.

Diskussion

Der vorliegende Band ist zwar voluminös, der Text reduziert sich indes sofort auf die deutschsprachige Hälfte. Nicht erforderlich ist m.E., dass der Literaturnachweis des jeweiligen Originalbeitrags für die Übersetzung nochmals abgedruckt wird.

Der Einführungsartikel von W. Krieger zur sozialen Lage in Kirgisistan, Armenien und Russland ist eine vorzügliche Bestandsaufnahme. Allerdings müsste hier und einigen anderen Beiträgen deutlicher zwischen sozialer Sicherung (Transfereinkommen) und sozialen Diensten (auch Sozialpädagogik) unterschieden werden.

Die anderen deutschsprachigen Beiträge sind Standardtexte, die dem deutschen Publikum nichts bringen; ob sie den ausländischen Kolleginnen und Kollegen nützlich sein können, ist nicht sicher. Manche Passagen sind arg formalistisch, die Liste mit den zwölf Titel des SGB zum Beispiel (S. 174) ist nutzlos. Es fehlt die Anschauung, das Beispiel. Vielleicht wären für die ausländischen Gäste Prinzip und Praxis von SpFh (wozu jede Information fehlt) interessant gewesen?

Bei einem Beitrag von Krieger erkennt man die Botschaft wohl (Kompetenzen in der Bachelorausbildung). Ist sie angekommen? Nach den Vorschlägen von Krieger zur Konfliktregelung würde man gerne erfahren, wie diese im Lande angewendet werden könnten: Was sagen die Kollegen in Kirgisistan und Tatarstan dazu?

Unergiebig sind zwei kurze Beiträge aus Tomsk, die sich mit Burnout befassen bzw. dafür plädieren, dass Sozialarbeiter auch über Wissen in Physik und Chemie verfügen sollten (das sei “interdisziplinär”).

Damit kann sich der deutsche Leser auf etwa ein Viertel des Textes konzentrieren, eben die Artikel, die inhaltlich bereits oben zusammengefasst worden sind: gutes, interessantes, herausforderndes Material! Es legt nahe, dass Soziale Arbeit in einem Kontext steht, der sie verändert, wo die westlichen Theorien und Routinen nicht mehr passen. Wie kann Soziale Arbeit in einer muslimischen Gesellschaft, in traditionellen, aber unter Modernisierungsdruck stehenden Stammesgesellschaften aussehen, im Machtbereich der Clans, Patriarchen, Oligarchen? Menschenrechtsprofession!

Krieger und die ausländischen Kollegen haben eine wichtige Debatte vorbereitet: Wer führt sie jetzt?

Fazit

In der Einführung von W. Krieger und etlichen Beiträgen von Lehrenden aus Russland, Kirgisistan und Armenien werden die sozialen Probleme sichtbar, die sich nach dem politischen Ende der Sowjetunion und im Übergang zu Marktwirtschaften ergeben. Alle Ansätze der Sozialen Arbeit (und die Bachelorstudiengänge hierzu) haben dabei allerdings postsowjetische Einstellungen und volkskulturelle, auch religiöse Traditionen zu beachten.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 28.08.2015 zu: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Soziale Arbeit im Ost-West-Vergleich. Soziale Probleme und Entwicklungen der sozialen Arbeit in Deutschland, Russland, Armenien und Kirgisistan. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2015. ISBN 978-3-89918-238-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19182.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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