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Raimund Kemper, Christian Reutlinger (Hrsg.): Umkämpfter öffentlicher Raum

Cover Raimund Kemper, Christian Reutlinger (Hrsg.): Umkämpfter öffentlicher Raum. Herausforderungen für Planung und Jugendarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 209 Seiten. ISBN 978-3-658-03436-8. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Der öffentliche Raum steht ohnehin zur Disposition, vor allem der städtische öffentliche Raum. Wem gehört er, wer kann ihn sich wie aneignen und besetzen, ihm also eine Bedeutung geben? Sind es noch wirklich öffentliche Räume oder sind sie nur noch quasi-öffentlich und nur noch für eine bestimmte Klientel zugänglich?

Wie eigenen sich Jugendliche öffentliche Räume an, auch in der – vielleicht auch konflikthaften - Auseinandersetzung mit anderen, die auch diesen Raum beanspruchen?

Nun sind ja öffentliche Räume gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie jedwedem zugänglich sind. Insofern ist die Aufenthaltsqualität nicht nur an einer Gruppe zu messen. Oder brauchen spezifische Gruppen spezifische Räume mit einer spezifischen Aufenthaltsqualität? Brauchen Jugendliche Räume für Jugendliche? Noch wichtiger ist die Frage, welchen Einfluss Jugendliche auf die Gestaltung solcher Räume haben. Eigentlich gilt dies für alle Gruppen. Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen Akteure und Gruppen auf die Planung und Ausgestaltung urbaner öffentlicher Räume und geht es bei Jugendlichen nur um die Skate-Bahn und den Bolzplatz oder um mehr, um Kommunikationsorte, Treffpunkte und um Orte unkomplizierten Beisammenseins?

Herausgeber

Raimund Kemper ist Geschäftsführer des Kompetenzzentrums für Infrastruktur und Lebensraum an der der Hochschule für Technik Rapperswil, Schweiz.

Dr. Christian Reutlinger ist Professor für Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit an der Fachhochschule St. Gallen und Leiter des Instituts für Soziale Arbeit, Abt. St. Gallen, Schweiz.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Sozialen Arbeit, der Raumplanung, der Kulturpädagogik, der Sozialgeographie, der Erziehungs- und Geschichtswissenschaft, der Architektur und Stadtplanung.

Aufbau

Nach einem Geleitwort und einem Vorwort gliedert sich das Buch in drei Kapitel:

  1. Einleitende Grundlagen
  2. Grundlagenbeiträge (2 Beiträge)
  3. Disziplinäre Perspektiven (8 Beiträge)

Zu: I. Einleitende Beiträge

Zu: Konstruktionszusammenhänge und Wirkungen des umkämpften öffentlichen Raums – eine Einführung (Raimund Kemper, Christian Reutlinger)

In ihrem umfangreichen und differenzierten einleitenden Kapitel stellen die Herausgeber den Anlass und die Intention ihres Buches vor. Anlässlich einer Tagung mit dem Titel „Jugendliche in öffentlichen Räumen – zwischen Aneignung und Planung“, auf der aus unterschiedlichen Disziplinen das Thema angegangen wurde, mahnen sie eine interdisziplinäre Perspektive der Betrachtung öffentlicher Räume an. Dazu passt dann auch das Geleitwort „Zur Bedeutung gelebter Interdisziplinarität“ des Direktors der Fachhochschule Ostschweiz, Dr. Albin Reichlin.

Kemper und Reutlinger stellen das Ziel und den Aufbau des vorliegenden Bandes vor und entwickeln dabei einige Leitfragen, die die Beiträge mehr oder weniger durchziehen. Sie gehen dann auf die Bedeutung öffentlicher Räume für Jugendliche ein, die sicher anders gelagert ist als die Bedeutung, die Erwachsene oder Kinder den Plätzen, Orten und Straßen geben, die in einer Stadt öffentlich sind, also allen zugänglich sind. Wenn es darum geht, in diesen Räumen Interessen zu realisieren und Bedürfnisse zu befriedigen, wenn es darum geht, Formen der Präsentation zu finden, die auffallen oder nicht angemessen erscheinen, die anders sind oder Erwartungen nicht entsprechen, kommt es zu Konflikten. Dies erörtern die Autoren ausführlich, zumal das Thema des umkämpften Raums hier seinen Ursprung hat.

Aber nicht nur das. Auch die Disziplinen und Institutionen haben unterschiedliche Vorstellungen von dem, was einen „ordentlichen“ öffentlichen Raum ausmacht. Und das gilt sowohl für die Stadtverwaltung, die Polizei oder andere Akteure als auch für verschiedene Disziplinen, die sich mit Städtebau, Stadtplanung und Stadtentwicklung beschäftigen und die sich mit der Gestaltung des Sozialen, der Jugendhilfe, der Jugendarbeit, überhaupt der kommunalen Sozialpolitik praktisch auseinandersetzen.

Um dem gerecht zu werden, bedarf es eines anderen Planungsverständnisses, auch eines anderen Raumverständnisses, insgesamt eines anderen Blicks auf Jugendliche in öffentlichen Räumen. Denn sie sind nicht nur Jugendliche in öffentlichen Räumen, sondern auch Jugendliche durch öffentliche Räume, geprägt durch die strukturellen und kommunikativen Rahmenbedingungen, unter denen Jugendliche sich in öffentlichen Räumen präsentieren können und ihre Bedürfnisse befriedigen können, sich also diese Räume aneignen können.

Im weiteren Verlauf der Einführung gehen die Autoren auf die einzelnen Beiträge ein.

Zu II. Grundlagenbeiträge

Zu: Aneignung öffentlicher Räume durch Jugendliche. Konflikte und Potentiale (Christian Reutlinger)

Kann man Jugendliche überhaupt davon überzeugen, dass ein öffentlicher Raum geplant werden muss, sieht man sich die Befunde von Studien an oder betrachtet man Soziale Arbeit mit Jugendlichen bzw. Jugendarbeit? Damit beginnt zunächst der Beitrag von Reutlinger und verweist auf eigene Studien. Dabei stellt sich dann auch die Frage, was öffentlich an einem Raum ist. Wenn man den Begriff der bürgerlichen Öffentlichkeit anschaut, der sich seit dem 17. Jahrhundert in den Bürgerstädten entwickelte, dann gehört zum Öffentlichen, dass jedweder Zugang zur Öffentlichkeit hat – auch Jugendliche.

Wenn man aber die Perspektive Jugendlicher einnimmt, gibt dies ein anderes Bild. Und diese Perspektive nimmt der Autor ein, indem er an Hand von fünf Thesen und drei Konsequenzen für diese Perspektive plädiert. Die fünf Thesen sind:

  1. Die Straße ist ein wichtiger Ort, um gesellschaftliche Themen ansprechbar und verhandelbar zu machen.
  2. Die Jugendfrage ist mit der gesellschaftlichen Vorstellung des öffentlichen Raums verflochten.
  3. Jugendliche brauchen für eine gelingende Entwicklung die Möglichkeit des Spiels mit der Sichtbarkeit im öffentlichen Raum.
  4. Angreifen, Grenzen austesten, eigentätig handeln, die Umwelt gestalten, kurz: Raumaneignung ist zentral für die menschliche Entwicklung, insbesondere für Kinder und Jugendliche.
  5. Die aktuellen Tendenzen der Radikalisierung von durchgeplanten und zunehmend durchregulierten resp. ordnungspolitisch strukturierten öffentlichen Räumen bedeuten den Verlust der Aneignungsmöglichkeit von Kindern und Jugendlichen.

Diese Thesen werden ausführlich diskutiert, wobei die letzte These das Fazit der anderen ist und auch eher an die gerichtet ist, die planen und meinen für Jugendliche gestalten zu müssen. Was sind die Konsequenzen?

  1. Wir brauchen ein verändertes Raumverständnis, das von einem flexiblen und damit gestaltbaren Raum ausgeht, den man sich eben deshalb auch aneignen kann, weil er den jeweiligen Interessen und Bedürfnissen „angepasst“ werden kann.
  2. Die Straße ist mit ihren Risiken und Chancen für Kinder und Jugendliche enorm wichtig, weil diese nicht nur in ihrer Funktionalität wahrgenommen wird, sondern ihre (andere) Bedeutung gerade dadurch erhält, dass sie die Möglichkeiten bietet, dort Interessen realisieren und Bedürfnisse befriedigen zu können.
  3. Es bedarf der ermöglichenden Rahmenbedingungen der Raumaneignung für bestimmte benachteiligte Gruppen, es bedarf selbstbestimmter Räume, die zugleich aber auch öffentliche Präsentation zulassen.

Zu: Sich einmischen in Raumkonflikte mit Kindern und Jugendlichen. Konzepte und Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit (Benedikt Sturzenhecker)

Der Autor führt in seinen Beitrag ein, indem er die Ziele der offenen Kinder- und Jugendarbeit benennt und diskutiert. Vor allem geht er sehr ausführlich auf die sozialraumorientierte Kinder- und Jugendarbeit ein, geht es doch um das Raumverständnis und die Art und Weise, wie Jugendarbeit hilft, dass Kinder und Jugendliche sich Räume aneignen können, also geographische Räume zu sozialen werden.

Weiter diskutiert Sturzenhecker typische Raumkonflikte und wie die Jugendarbeit darauf antwortet. Es geht um die Raumkonflikte im Jugendhaus und in Jugendeinrichtungen, also um „intrajugendliche“ Konflikte. Dann geht es aber auch um öffentliche Räume, die auch Erwachsene beanspruchen. Welche Konflikte entstehen aus den unterschiedlichen Nutzungs- und Besetzungsweisen von Jugendlichen und Erwachsenen? Aber es geht auch darum, zu verstehen, wie Kinder und Jugendliche in Räumen handeln, die auch von anderen besetzt werden, wie sie sich abgrenzen, ihre Identität dadurch sichern, dass sie sagen: „Wir sind auch hier, auch wenn wir mit euch nichts zu tun haben wollen“.

Oder sind Jugendliche doch in der Auseinandersetzung um die Definitionsmacht die Verlierer und die sozialpädagogischen Schutzobjekte? Dieser Frage geht der Autor ausführlich nach, kritisiert dabei das Verschwinden öffentlichen Raums und den Rückzug ins Private, erörtert dann zum Schluss kritisch eine Art Spielwiesen- und Wunschzettelpartizipation, was meint, dass es zu einer Scheinpartizipation und nicht zu einer wirklichen Aushandlung der unterschiedlichen Interessen mit Jugendlichen kommt.

Zu III. Disziplinäre Perspektiven

Zu: Jugendgerechte Planung und Gestaltung öffentlicher Räume (Christa Reicher)

Einleitend beschreibt die Autorin die Lebenswelten Jugendlicher in der Großstadt und die Veränderungen im Zusammenhang mit der Rolle des öffentlichen Raums, die dieser mit diesen Veränderungen auch spielt. Öffentliche Räume haben ja eine besondere Bedeutung und diese hängt auch ab von ihrer Qualität und ihrer Funktion. Der öffentliche Raum der Innenstadt hat eine besondere Funktion und damit auch eine besondere Bedeutung für die, die ihn besetzen. Kinder und Jugendliche kommen dabei eher schlechter weg. Dies wird beschrieben und den Raum- und Nutzungsmustern der Jugendlichen gegenübergestellt. Der Verhäuslichung, Verinselung und Medialisierung der Lebenswelt Jugendlicher wird der öffentliche Raum gegenübergestellt; die Autorin beschreibt das Freizeitverhalten der Jugendlichen und geht dann auf bestimmte Typen öffentlicher Räume für Jugendliche ein wie öffentliche Freiräume (Fußgängerzonen, Parks, Straßen und Plätze), institutionalisierte Räume wie Schule, Sportanlagen, Kirchen, öffentlich zugängliche verhäuslichte Räume wie Kaufhäuser oder Shoppingcenter und öffentlich zugängliche informelle Räume wie Brachflächen oder Baulücken. Diese Raumtypen werden ausführlich beschrieben und mit Bildmaterial unterlegt.

Zum Schluss zählt die Autorin eine Reihe von Erkenntnissen zur Planung und Gestaltung öffentlicher Räume auf. Ihr Fazit: Stadt für alle = Stadt mit allen.

Zu: Wofür es sich lohnt zu kämpfen. teens_open_space – Freiraumgestaltung und Planungsprozesse mit Jugendlichen (Karin Standler)

Teens_open_space ist ein europaweites Freiraumprojekt zur Jugendpartizipation im Bereich der Stadtentwicklung und der Gestaltung öffentlicher Räume. Vor diesem Hintergrund argumentiert die Autorin. Sind Jugendliche im Freiraum eher geachtet oder eher unbeachtet und missachtet? fragt die Autorin einleitend, diskutiert dabei Ansprüche anderer Gruppen wie Kleinkinder, die gesetzlich geregelt sind und fragt auch nach einer Differenzierung dessen, was Jugendliche sind. So haben die 12 -14jährigen andere Vorstellungen, was sie im öffentlichen Raum tun können und wollen als die 15 – 17jährigen oder die 18 – 20jährigen als junge Erwachsene.

Sie stellt dann das Pilotprojekt teens_open_space in den vier Phasen vor. Die Phasen sind: in&out_space, planning_space, city_line und building-space.

Sie beschreibt dann den Nutzen der Beteiligung für Jugendliche wie Identifikation mit dem Lebensraum, Kenntnisse der Qualitäten und Defizite von Freiräumen, Vernetzung und Kooperation, Innovation bei der Um- und Neuplanung von Räumen und schließlich die Implementierung der partizipativen Planung in den Kommunen. Nach der kurzen Beschreibung einiger Erkenntnisse des Projektes diskutiert die Autorin die Frage, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Sie kommt dabei auf sieben Kriterien, die sie an den Beteiligungsprozess, aber auch an die Gemeinwesenarbeit anlegt:

  1. Sichtbarmachung von Ansprüchen Jugendlicher an Freiräume
  2. Einbettung von Planungsproessen in das Stadt- und Gemeindegefüge
  3. Von neuen Ressourcen vor Ort
  4. Erkennen des Zusammenhangs zwischen fachlicher Begleitung und Qualität
  5. Beteiligung nur mit Konsequenzen
  6. Veränderung schnell sichtbar machen
  7. Nachhaltigkeit am Ende der Beteiligung

Abschließend schildert die Autorin noch Projektbeispiele, die mit Fotos unterlegt werden.

Zu: Die Stadt als Anbieterin öffentlicher Räume (Andrea Leuenberger)

Am Beispiel der Stadt Zürich diskutiert die Autorin die Frage nach der Bedeutung und Funktion öffentlicher Räume vor allem für Jugendliche, was auch heißt: für die Stadtentwicklung und für den Charakter einer Stadt. Nicht nur, dass öffentliche Räume ein umkämpftes Gut sind; noch mehr interessiert die Frage, wer diesen Kampf gewinnt und warum Jugendliche nicht zu Verlierern dieses Kampfes werden dürfen. Auf der Basis von Interviews mit Jugendarbeiter/innen und Jugendlichen fragt die Autorin nach den Integrations-und Beteiligungsmöglichkeiten Jugendlicher bei der Planung und Ausgestaltung öffentlicher Räume. Dabei stellt sie die Strategie der Stadt Zürich als Planerin vor; meist geht es um die Aufwertung von Plätzen und Orten und um die Verbesserung der Aufenthaltsqualität.

Planungen sind naturgemäß langwierig und schwierig, vor allem wenn noch andere Akteure Einfluss nehmen. Das wird am Beispiel des Projektes „FLAMA“ verdeutlicht. Die Autorin diskutiert dabei formelle und informelle Verfahren und in diesem Zusammenhang auch die Frage der Partizipation Jugendlicher an Planungsprozessen.

Weiter erörtert die Autorin strategische Beteiligungsansätze und nennt als Beispiel die Stadt Zürich. Weiter werden drei Projekte vorgestellt, die sich in diesen Kontext einordnen lassen.

Zu: Baukulturelle Bildung in Planungsprozessen. Über die Bedeutung und Gestaltung des öffentlichen Raums für Jugendliche (Päivi Kataikko, Britta Grotkamp, Simon Willemsen)

Was wissen Planer von Jugendlichen, von der Lebensphase Jugend, von den gesellschaftlichen Erwartungen an Jugendliche und von den Erwartungen, die Jugendliche an die Gesellschaft haben? Und was können Jugendliche von Planungsverfahren und -techniken, von Architektur und Städtebau wissen? Überall sind Jugendliche in öffentlichen Räumen anzutreffen, ihre Bedeutung für die Gestaltung des Öffentlichen ist unverkennbar und dennoch spielen sie in der planerischen Gestaltung des öffentlichen Raums kaum eine Rolle. Das dürfte die zentrale Aussage dieses Beitrags sein.

Von dem Autorenteam wird dieses Unwissen über die heutige Jugend beklagt und gleichzeitig wird auf die Bedeutung des öffentlichen Raums als Bildungsraum aufmerksam gemacht. Und dann ist Beteiligung nicht nur einfach Einflussnahme auf Entscheidungen, sondern ein Bildungsprozess. Dies wird unter dem Stichwort baukulturelle Bildung auch differenziert erörtert, mit Beispielen unterlegt und auch mit Bildern belegt.

Zu: Die Beteiligung Jugendlicher als Gewinn für die Qualität von Planungsprozessen (Michael Bänninger, Philipp Kutter)

Worin besteht der Gewinn, wenn Jugendliche an Planungsprozessen beteiligt sind und für wen ist es ein Gewinn? Die Autoren beschreiben auf der Grundlage eines Projektes in der Kleinstadt Wäderswil „Platzda – Aneignung von Räumen durch Jugendliche“ das Ziel der Stadt Wäderswil, Räume für die alltägliche Nutzung durch Jugendliche zu schaffen, indem sie diese an Planungsprozessen beteiligt, ihr Expertenwissen nutzt und damit eher präventiv als reaktiv auf die Problemlagen eingeht.

Dazu werden Interviews mit Jugendlichen, anderen Nutzern und Schlüsselpersonen durchgeführt und Ortsbegehungen organisiert. Es gibt eine Ergebniskonferenz und einen Mitwirkungstag, den die offene Jugendarbeit organisiert. Die Erkenntnisse der Befragungen werden unter folgenden Aspekten diskutiert und vorgestellt:

  • Wie werden die Plätze genutzt?
  • Wie zufrieden sind die Nutzenden der öffentlichen Räume?
  • Was wird positiv bewertet?
  • Besteht ein Interesse an Beteiligung und Mitwirkung?

Auch die beteiligten Akteure aus Politik und Verwaltung haben Erkenntnisse gewonnen: Das Engagement der Betroffenen war groß, das gegenseitige Verständnis, Toleranz und Rücksichtnahme sind gewachsen, Jugendliche lernen, wie Demokratie funktionieren kann und es kommt zur Realisierung konkreter Maßnahmen. Daraus ergeben sich eine Reihe von Erfolgskriterien jugendgerechter Planungsprozesse, wie die Beteiligung auf Augenhöhe, der erforderliche politische Rückhalt, die Lebensweltorientierung, ein überschaubarer Zeitrahmen, die Umsetzung von Beteiligungsergebnissen und die notwendige frühzeitige Beteiligung.

Zu: Prinzipien einer jugendgerechten Planung öffentlicher Räume (Raimund Kemper, Viktoria Herzog)

Einleitend beklagen die Autorin und der Autor die fehlenden Möglichkeiten Jugendlicher, sich in Planungsprozesse einzubringen. Sie beschreiben dann den Charakter und die Bedeutung öffentlicher Räume als gesellschaftliche Orte, gehen auf die Barrieren der Beteiligung ein wie die ungleichen Machtverhältnisse und Mitspracherechte, das jugendferne Partizipationsverständnis und die fehlenden Rahmenbedingungen für Beteiligung Jugendlicher und die fehlenden Methodenkenntnisse. Außerdem verweisen Kemper und Herzog auf die institutionellen Barrieren, wie strukturelle und organisatorische Hindernisse. Sie verweisen dann auf die – nach mehreren Beiträgen inzwischen selbstverständliche? – Notwendigkeit jugendgerechter Beteiligungsverfahren und kommen dann zu Partizipationsgrundsätzen, wie Eigenverantwortung stärken, das Erkennen der Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit von Beteiligung, Wertschätzung von Jugendlichen als Experten ihrer Lebenswelt, an der sich Planung orientieren sollte, der Einbezug der Öffentlichkeit und die klare Rollenzuschreibung im Planungsverfahren. Weiter geht es um die Befähigung Jugendlicher, um die Qualifizierung der Akteure und um die Herstellung von Zugangsgerechtigkeit.

Kemper und Herzog beschreiben dann bereits bekannte Aspekte des Partizipationsprozesses und kommen dann zu Planungseffekten für die Jugendlichen, die Gesellschaft und die Kommune.

Zu: Jugendarbeit in der Stadtentwicklung – ein Erfolgsmodell! (Ralf Heusser)

Auf der Grundlage der Erfahrungen mit der Stadtentwicklung in der Großstadt Winterthur analysiert der Autor den Zusammenhang von Stadtentwicklung und Jugendpolitik bzw. Jugendarbeit, vor allem aber auch die damit verbundenen Herausforderungen, die an die Jugendarbeit herangetragen werden, wenn sie sich in die Stadtentwicklungspolitik einmischt. In der Tat haben wir es mit unterschiedlichen Denk- und Handlungsansätzen in der Stadtentwicklung und der Jugendarbeit zu tun, die vielleicht auch noch von gegenseitigen Missverständnissen und Vorurteilen begleitet werden, welche aber auch zum großen Teil schon überwunden sind. Der Autor beschreibt dann die Rolle der Jugendarbeit im öffentlichen Raum und die damit verbundenen Chancen, die die Stadtplanung und -entwicklung nutzen sollte. Der Autor kommt dann zu Erfolgsfaktoren der Beteiligung in der Praxis wie kooperatives und interdisziplinäres Planen und Handeln, das Erkennen von Querschnittsfunktionen und die Vernetzung der unterschiedlichen Akteure, die Lebensweltorientierung, die Schaffung von nutzungsoffenen Räumen, die die Selbständigkeit der Aneignung fördern, die Gestaltung von Mitwirkung, eine offene Kommunikation, zeitnahe Realisierung von Planung und frühzeitige Beteiligung.

Zu: Der öffentliche Raum ist (k)ein Problem (Caroline Fritsche, Christian Reutlinger)

Einleitend fragen sich Fritsche und Reutlinger, wie sicher die Gemeinde ist und ob sie genug unternimmt, um sich sicher und sauber zu halten, wie man mangelnden Respekt, gegenüber Erwachsenen und Ordnungskräften, Littering und Vandalismus in den Griff bekommt, was man tun muss, um zu vermeiden, dass eine Gruppe Jugendlicher am Bahnhof rumhängt und ob die baulichen Maßnahmen ausreichen, damit bestimmte unerwünschte Verhaltensweisen unterbunden werden.

Ist also – insgesamt gesehen – der öffentliche Räum ein Problem? Die Autorin und der Autor diskutieren hier Ergebnisse eines Forschungsprojektes „Maßnahmen im öffentlichen Raum. Eine vergleichende Analyse kommunaler Strategien im Umgang mit aktuellen Formen der Unordnung“.

Im Dreieck von Problematisierung/Thematisierung, Phänomenen und Maßnahmen, die im öffentlichen Rahmen der Kommune diskutiert werden, liegen die Erkenntnisinteressen. Was wird wie in einem bestimmten öffentlichen Kontext als Problem formuliert und diskutiert, welches Phänomen verbinden die Diskursteilnehmer damit und welche Maßnahmen folgen daraus? Dazu wurde in den einzelnen Gemeinden eine Arbeitsgruppe installiert, die eine zentrale Stellung in diesem Beziehungsgeflecht einnimmt. Die Ergebnisse werden ausführlich geschildert und diskutiert. Interessant ist dabei die Deutung des öffentlichen Raums einmal als Abbild der städtischen Gesellschaft und als Gut, auf das man ein Recht hat (Recht auf Stadt!); zum anderen wird der öffentliche Raum, als Standortfaktor verstanden und als Gesicht des Dorfes gesehen; die für den öffentlichen städtischen Raum typische Anonymität und Urbanität wurde abgelehnt. Im dritten untersuchten Standort ist der öffentliche Raum als solcher nicht vorhanden. Man verweist auf das zum Dorf gehörende Gemeindegebiet, das wie früher die Allmende insofern öffentlich ist, als dass sie allen gehört und doch keinem. Damit setzen sich Fritsche und Reutlinger ausführlich auseinander, um dann die Frage zu diskutierten, was eigentlich der richtige Knopf ist. Oder haben wir es mit dem Begriff des öffentlichen Raums weniger mit einem Problem zu tun als mit der Unsicherheit, was er eigentlich ist und mit daraus erwachsenden Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten, die allenthalben dem Urbanen anhaften? Wenn öffentliche Räume ohnehin das Ergebnis von Konstruktionen sind – wie kann man sich dann auf bestimmte Probleme des öffentlichen Raums verständigen und welche Probleme, die Einzelne haben, machen auf welche Weise die Karriere eines sozialen Problems, das eine signifikant große Gruppe trifft und dem bestimmte Reaktionen abverlangt werden? Diese Fragen klingen zumindest in den Überlegungen der Autorin und des Autors an.

Diskussion und Fazit

Öffentliche Räume sind umkämpft und bei Kämpfen gibt es Sieger und Verlierer, wenn sie nicht unentschieden ausgehen. Wie kann eine Planung und Gestaltung öffentlicher Räume aussehen, in der sich die unterschiedlichen Akteure mit ihren unterschiedlichen, ja auch widersprüchlichen Erwartungen und Interessen begegnen, ohne dass es Verlierer und Gewinner gibt? Es muss zu Aushandlungsprozessen kommen, in der die Akteure sich freiwillig und auf Augenhöhe begegnen und akzeptieren können, dass jedes Argument – auch das, das man nicht teilt - zunächst Geltung besitzt. Der gegenseitige Respekt besteht ja nicht nur darin, zu verstehen, was der andere will. Er besteht auch darin, sich dem jeweils anderen verständlich zu machen. Und dann ist die Frage nicht nur die der Interdisziplinarität und der gegenseitigen Verständigung unter Professionellen. Vielmehr geht es darum, sich denjenigen verständlich zu machen, die den öffentlichen Raum nutzen. Was aber verlangen wir von Jugendlichen dann, wenn sie sich für etwas einsetzen? Müssen sie es genauso begründen, wie es die professionellen Akteure tun oder dürfen sie es auch auf unkonventionelle – ihre – Weise mitteilen?

Die Beiträge diskutierten eher den Aspekt, wie Jugendliche mit eingebunden werden können in die professionelle Planung. Was aber müssen die professionellen Akteure lernen, um auf Jugendliche zu zugehen, um die Jugendphase als eine Phase der Ambivalenzen, der Auseinandersetzung mit den Erwachsenen, der Widersprüchlichkeiten, der spezifischen Interessen- und Problemlagen zu verstehen?

Die Aneignung von fertigen Räumen ist das eine, das andere ist mit der Frage verbunden, wann sich Jugendliche die Räume besser aneignen können, und ob es ausreicht, sie bei ihrer Ausgestaltung zu beteiligen. Und oft kommen die Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven zu ähnlichen oder gar gleichen Schlussfolgerungen für die Praxis.

Fazit: Sicher ein Buch für reflektierte Praktiker der Planung und der Jugendarbeit, die sich mit der Aneignung von Räumen durch Jugendliche beschäftigen (müssen).


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 25.11.2015 zu: Raimund Kemper, Christian Reutlinger (Hrsg.): Umkämpfter öffentlicher Raum. Herausforderungen für Planung und Jugendarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-03436-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19183.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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