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Marion Andrlik, Norbert Pauser (Hrsg.): Realisierung von Diversity & Inclusion

Cover Marion Andrlik, Norbert Pauser (Hrsg.): Realisierung von Diversity & Inclusion. Facultas Verlag (Wien) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-7089-1226-4. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Das Buch wurde von Marion Andrlik und Norbert Pauser gemeinsam herausgegeben. Kurzprofile aller mitwirkenden AutorInnen folgen als Abschluss des Sammelbandes.

Entstehungshintergrund

Bei den zweiseitigen und herzlichen Danksagungen wird klar, dass mit einigen der rund 30 Mitwirkenden der Publikation eine lange Zusammenarbeit besteht und die Herausgebenden sich ihnen dadurch stark verbunden fühlen (S. 21f).

Aufbau

Die Publikation ist in drei Sektionen eingeteilt.

  1. Organisationale Perspektiven (14 Beiträge),
  2. Interpersonelle Perspektiven (8 Beiträge) und
  3. Intrapersonelle Perspektiven (8 Beiträge).

Das Ziel des Buches soll sein, ein Zwischenfazit zu ziehen. Dabei wird versucht vielen gerecht zu werden, sowohl Personen mit intensiven, facheinschlägigen Wissen und Erfahrungen als auch jenen, die sich weniger eingehend mit Diversity und Inclusion beschäftigt haben.

Zu 1. Organisationale Perspektiven

Der erste Abschnitt zu den Organisationalen Perspektiven enthält 14 Beiträge zur Thematik, wobei lediglich fünf Beiträge über eine Seitenanzahl von drei Seiten hinausgehen.

Hanappi-Egger Edeltraud startet in ihrem Beitrag „Rationale Irrationalität? Über organisationale Widersprüche im Umgang mit Diversität“ mit der kritischen Auseinandersetzung zu Fragen wie „woran es liegen mag, dass die Umsetzung von inklusiven Rahmenbedingungen in Organisationen so zögerlich passiert“ (S. 26). Dabei fokussiert sie auf das das Konzept der Rationalität in Organisationen und blickt kritisch auf den weit verbreiteten doch wenig umgesetzten ‚Business Case for Diversity‘ um im Anschluss die tieferliegende Bedeutung der Ungleichbehandlung zu analysieren. In ihrer Conclusio hält sie dazu fest: „Der Ansatz des Business Case legt eine betriebswirtschaftliche Rationalität nahe und verweist auf die entsprechenden Kosten-Nutzen-Modelle, die Praxis scheint diesen rationalen Gründen aber nicht zu folgen“ (S. 30). Als einen möglichen Ausweg aus der Sackgasse verweist sie auf verstärkte Solidarisierung und einen politischen Diskurs über Verteilungsgerechtigkeit (vgl. S. 31).

Andrlik Marion geht in ihrem Beitrag der Frage nach den aktuellen Megatrends – Globalisierung, Demographischer Wandel, Wertewandel/Individualisierung, Technologischer Wandel/Digitalisierung, Klimawandel – nach. Sie folgert dass Diversity & Inclusion Awareness innerhalb der Megatrends im HR-Bereich einen wichtigen Beitrag im organisationsinternen Talent Management leisten kann, indem mit einer Diversity & Inclusion Brille auf die Prozesse geblickt wird (vgl. S. 43). Als weitere relevante Bereiche nennt sie Employer Branding und Recruiting.

Im Beitrag von Norbert Pauser folgt eine kritische Auseinandersetzung mit betriebswirtschaftlich orientierten Umsetzungstools. Er präsentiert dabei sein ganzheitliches Modell des „DPMM – Diversity Performance Measurment & Manangemt“ (S. 80-89).

In den Kurzberichten werden beispielsweise das Gender Budgeting in der Stadt Wien, der DiversCity-Preis der Wirtschaftskammer Wien oder die Diversity Management Strategie des AMS Wiens vorgestellt.

Zu 2. Interpersonelle Perspektiven

Der zweite Abschnitt zu den Interpersonellen Perspektiven enthält acht Beiträge wobei vier Beiträge über eine Seitenanzahl von drei Seiten hinausgehen.

Mit dem Metapher, der 10.000 produzierten Löffel, wenn doch ein Messer gebraucht würde, startet der Kommentar von Iris Wiegele zur „Notwendigkeit von interpersoneller Vielfalt in F&E-Teams“ (S. 97-106). Darin geht sie intensiv auf die Kommunikation im Unternehmen ein und greift unterschiedliche Kulturdimensionen z.B. von Hofstede oder Trompenaars (vgl. S. 104f) auf.

Den wichtigen Aspekt der nicht sichtbaren Kerndimensionen, deren Auswirkungen auf die soziale Identität, mögliche Stigmatisierungen und die entsprechenden Möglichkeiten im Umgang damit zeigt Marion Andrlik in ihrem Beitrag „To tell or not to tell“ auf (S. 109-115).

Dorothea Brozek hebt die auch widersprüchlichen Aspekte von Kommunikation und Sprache im Kontext von Diversity hervor und folgert dass wir „wohl damit leben [müssen], dass sich Begriffe ändern und entwickeln und uns dieser Herausforderung stellen“ (S. 121). Diese klare Positionierung wird weiterverfolgt mit der Analyse von Diversitätsfallen, Beschreibung von No-Gos und dem Fazit, dass „die eigenen Werte, Haltungen und das Wissen, dass wir stets dazulernen können, die Basis sind für eine diversitätssensible Sprache“ (S. 125).

Norbert Pauser thematisiert den Paradigmenwechsel zu New Leadership und verknüpft die Veränderungen durch Diversity und Inklusionsthemen bis hin zu den von Führungskräften benötigten Kompetenzen.

In den im Abschnitt enthaltenen Kurzberichten werden beispielsweise die Akademie der Vielfalt, der Diversity Ball oder das Diversity Management Programm der ÖBB vorgestellt.

Zu 3. Interpersonelle Perspektiven

Der dritte Abschnitt zu den Interpersonellen Perspektiven enthält acht Beiträge, wobei fünf Beiträge über eine Seitenanzahl von drei Seiten hinausgehen.

Unter dem Titel „Linked Diversity & Resilienz“ geht Sabine Seidler auf das Zusammenwirken beider Aspekte ein. Resilienz wird dabei von unterschiedlichen Disziplinen her betrachtet und verstärkt auf die wichtige Phasen- und Prozesshaftigkeit verwiesen. Zum besseren Verständnis wird anhand dreier Fallbeispiele von Persönlichkeiten – Matthias Berg, Gerald Salmina, Özlem Akpinar – geschildert wie sich Menschen auf den Weg machen und gleichzeitig Role-Models für andere sein können (vgl. S. 153f). Abschließend wird das Instruments „Drumbella Faktor“ vorgestellt und jeweils eine positive Diversity-Kultur in Verbindung mit einer positiven Resilienz-Kultur empfohlen um Organisationen widerstandsfähiger, gesunder und nachhaltiger zu unterstützen (vgl. S. 157).

Michaela Judy und Walter Milowiz gehen in ihrem Beitrag „Diversity – eine Überforderung? Auswirkungen kognitiver Dissonanzen im Managing Diversity“ auf anschauliche und leicht nachvollziehbare Art tiefer in die Themen der kognitiven Dissonanzen, der Social Identity Theory und deren Auswirkungen ein. Dabei werden einige Schlussfolgerungen im Bereich der Intervention inkl. der notwendigen Vermittlungsansätze wie bspw. das Konzept der „Emotional Intelligence and Diversity“ (vgl. S. 169) detaillierter ausgeführt.

Yasmin El-Ganady-Gmeiner bietet in ihrem Beitrag „Baklava meets Tafelspitz“ ein transkulturelles Selbstcoaching zum Ausprobieren an. Gabriele Sauberer reflektiert in ihrem Beitrag „Der Europäische Diversity-Führerschein. Was müssen Diversity Fachleute in Theorie und Praxis können?“ über die notwendigen Kompetenzen der Diversity-ExpertInnen und stellt die Möglichkeit einer EU-Zertifizierung auf der Grundlage ihrer Masterarbeit zum Thema vor. Im letzten Beitrag des Sammelbandes geht Norbert Pauser unter dem Titel „Unconscious Bias. Oder: Wie hoch ist eigentlich ihr Integrationsquotient?“ einführend auf die bipolaren Differenzlinien basierend auf Lutz und Wenning (vgl. S. 202) und somit die hierarchische Strukturierung der Wirklichkeit ein. Er plädiert im Beitrag „für eine klare Änderung der Haltung. Übrigens der eigenen zuallererst“ (S. 210) und folgert „Diversity sind die anderen? Eben nicht! Und so gilt es zukünftig, nicht vorurteilsfrei, sondern vorurteilssensibel zu agieren“ (S. 211).

In den Kurzberichten werden u.a. M-Media als Diversitätsbeispiel der österreichischen Medienlandschaft oder die von Networking Youth Carreer organisierte Info- und Karrieremesse CarreerFAiR beschrieben.

Abschließend ziehen die beiden Herausgebenden ein – sehr kurzes – Resümee, halten nochmals die Komplexität und auch Schwierigkeit des Themas fest („Ein Fass ohne Boden“ S. 215) und betonen die Wichtigkeit von Menschenrechten, emanzipatorischer Entwicklung und vor allem Raum und Zeit als notwenige Rahmenbedingungen.

Diskussion

Dieser österreichische Sammelband zu Diversity und Inclusion zeichnet sich durch eine Vielzahl an unterschiedlichen Beiträgen, mit teils starkem regionalen Bezug auf Wien, aus. Darunter befinden sich etliche Beschreibungen von Praxisbeispielen, die in Kurzform von unter drei Seiten eingebracht und mit Verweis auf eine entsprechende Webpage zur Vertiefung versehen wurden. Als Beispiel sei hier die 1,5-seitige Kurzdarstellung des Gender Budgeting der Stadt Wien genannt (S. 33f).

Der Fokus der Beiträge liegt verstärkt auf der Praxisebene, wobei auf die vertiefende theoretische Analyse in einigen Beiträgen eher verwiesen wird, statt diese explizit in die Argumentation einzubeziehen. Hervorhebenswerte Beiträge, in denen tiefergehend analysiert und auch auf aktuelle Studienergebnisse und/oder theoretische Grundlagen verwiesen wurden, sind der von Hanappi-Egger Edeltraud im ersten Abschnitt oder der von Judy und Milowiz im dritten Abschnitt.

Ein weiterer erwähnenswerter und kritischer Beitrag von Dorothea Brozek im zweiten Abschnitt, vermag auch komplexere Zusammenhänge und Praxiserfahrungen wie beispielsweise Debatten um korrekte Begrifflichkeiten oder die Verwendung des Binnen-Is aufzunehmen. Dabei werden sprachliche Diversitätsfallen kritisch analysiert und reflektiert (vgl. S. 122f). Eine solch klare und begründete Positionierung findet sich ansonsten weniger in der Publikation.

Insgesamt variieren die Beiträge inhaltlich sehr. Dabei kommen unterschiedliche Sprachstile, Reflexion von Praxiserfahrungen aber auch Beiträge, die eher im journalistischen Stil verfasst sind, vor. Diese zeichnen sich durch weniger akademische Fachsprache und auch entsprechend weniger detaillierten Angaben der Literaturverweise aus. Viele Beiträge enthalten die Beschreibung von Instrumenten, die konkret in der Praxis erprobt wurden und somit auch von den Lesenden übernommen und adaptiert werden können. Ein interessantes Beispiel davon ist der Beitrag von Yasmin El-Ganady-Gmeiner, der dazu anregt selbstreflexiv gleich mit einer Übung im Bereich des „Transkulturellen Kompetenzmodells“ (S. 182) zu starten.

Fazit

Die vorliegende Publikation kann für vielfältige Lesende gut verwendbar sein, da insbesondere die Aufbereitung der Beiträge dieses breite Zielpublikum durch hohe Verständlichkeit, Kürze der Beiträge und auch die gelungene optische Visualisierung mithilfe von vielen unterstützenden Tabellen und Diagrammen erreicht. Es wird ein breites Spektrum an relevanten Teilaspekten zum Themenbereich Diversity und Inclusion geboten ohne allerdings je wirklich tiefergehende Analysen durchzuführen. Wer explizit nach einer theoriebasierten, vertieften Fachliteratur zum Thema sucht, wird weniger auf ihre/seine Kosten kommen.


Rezensentin
Prof. (FH) Doris Böhler
MA, Hochschullehrerin für Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Doris Böhler. Rezension vom 27.10.2015 zu: Marion Andrlik, Norbert Pauser (Hrsg.): Realisierung von Diversity & Inclusion. Facultas Verlag (Wien) 2015. ISBN 978-3-7089-1226-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19186.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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