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Julian Nida-Rümelin, Klaus Zierer: Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungs­katastrophe

Cover Julian Nida-Rümelin, Klaus Zierer: Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2015. 203 Seiten. ISBN 978-3-451-31288-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
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Entstehungshintergrund

Der Titel ist eine Reminiszenz an die Diskussion in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts und den gleichnamigen Titel des Buches von Georg Picht.

Autoren und Thema

Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie in München und Klaus Zierer, Professor für Erziehungswissenschaften in Oldenburg haben in mehreren Gesprächen die Situation der Bildung in Deutschland aus philosophischer, politischer und erziehungswissenschaftlicher Sicht beleuchtet: Zustände beschrieben, Probleme benannt, Defizite herausgearbeitet, auf Gefahren hingewiesen und Lösungswege diskutiert. Sie stellen Gemeinsamkeiten aber auch Differenzen in ihren Beiträgen zu den einzelnen Themenkomplexen fest.

Hintergrund und Auslöser ihres Diskurses sind die seit Bologna und PISA angestoßenen Diskussionen und Reformen der deutschen Bildungslandschaft. Es geht um das Menschenbild in der Bildung, um die Reformen der Schulen und Hochschulen, um Sinn und Unsinn der Vermessung von Bildung, der Ökonomisierung von Bildung, internationale Vergleichbarkeit und vieles mehr. Doch welches Bildungsziel wird eigentlich verfolgt? Und welches sollte denn angestrebt werden.

Aufbau und Inhalt

Die Gespräche sind in fünf Themenblöcke gegliedert.

Im ersten Block – Philosophie, Pädagogik und Bildung – fragen Nida-Rümelin und Zierer nach Bildung und Menschenbild, Bildung und Humanität und Bildung und Praxisrelevanz. Es geht um Werte, Wertungen und Weltanschauungen. Zierer beklagt die Dominanz der empirischen Pädagogik im heutigen Diskurs, die ja zweifellos die geisteswissenschaftliche in den Hintergrund gedrängt hat. Nida-Rümelin betont die Werte und Wertungen. Bemängelt jedoch, dass die empirischen Befunde der Bildungsforschung auf Wertungen beruhen, aber dort explizit nicht thematisiert und somit quasi wertneutral und nicht hinterfragbar eingeführt werden. Die Mängel der empirischen Bildungsforschung werden an Hand von PISA dargelegt. Für Nida-Rümelin ist nach wie vor das humanistische Bildungsziel zentral: die Bildung des Menschen als Entwicklung der ganzen Persönlichkeit. Das Defizit der heutigen Bildung ist darin zu finden, dass die Ausbildung in einer ökonomisierten Bildungswelt einseitig auf Kenntnisse setzt. Das ist daran festgemacht, dass er einen Mangel Förderung von Kreativität, Urteilsfähigkeit und musischer Bildung konstatiert. „Deswegen ist ein zentrales Bildungsziel die eigene Praxis kohärent zu gestalten“ (S.19) Auch die geisteswissenschaftliche Pädagogik geht von einem ganzheitlichen Bildungsziel aus; der Mensch soll zu einer Persönlichkeit „gebildet“ werden, die in der Lage ist ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft zu bewältigen.

In den folgenden Kapiteln werden diese Aspekte immer wieder aufgenommen und im jeweiligen Kontext besprochen. Die Kapitel sind thematisch strukturiert und plakativ formuliert: Verstaatliche, vermessene, verplante und verunsicherte Bildung. Ein Nachwort von Nida-Rümelin fasst noch mal die Inhalte aus seiner Sicht zusammen. Die Themen umspannen das gesamte Bildungswesen also Schule, Hochschule, Berufsausbildung, Weiterbildung. Wobei die Titel der jeweiligen Gesprächsinhalte schon die Stoßrichtung der Argumentation erkennen lassen: z.B. Akademisierungswahn, gerechte Ungleichheit, Strukturfalle, Mythos PISA, Praxisfalle.

Im Kern geht es darum, dass das deutsche Bildungswesen dem Bildungsideal der Entwicklung zu einer ganzheitlichen Persönlichkeit nicht gerecht wird. Die Schule ist zu sehr auf Wissensvermittlung ausgerichtet, die Hochschule zu berufs- anstatt wissenschaftsorientiert, die Wissenschaft ökonomisiert. Die Struktur darauf ausgerichtet, immer mehr Akademiker zu „produzieren“. Die Berufsausbildung als ein spezielles Merkmal des deutschen Bildungswesens verliert ihren Stellenwert. Dabei laufen Bildungspolitiker, Experten, Praktiker, Eltern und natürlich auch die Betroffenen – Kinder, Schüler, Studierende – in die verschiedenen Fallen:

Einmal in die Strukturfalle: Das deutsche Schulsystem wird den Anforderungen der modernen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Damit Frauen auch ihre Lebensentwürfe verfolgen können und eine eigene ökonomische Basis haben, plädiert Nida-Rümelin für eine Ganztagschule, die aber nicht nur eine Betreuung über den schulischen Vormittag hinaus ist, sondern eine ganzheitliche Bildungspraxis. Für Zierer ist aber nicht die Strukturfrage vorrangig, sondern es kommt auf den Dialog zwischen Lehrern, Eltern und Kindern an. Die Strukturdiskussion lenkt von der inneren Reform des Schulwesens ab.

Die Optimierungsfalle: Was bedeutet Optimierung in der Bildung? Zierer verortet sie darin, dass „man das Humane auf einzelne Aspekte des Kognitiven (reduziert) und fast ausschließlich nach einseitiger Maximierung (trachtet).“ (S. 121) Bildung sei jedoch unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten: der messenden, einer erfüllten Lebenszeit, der Verortung in einer eigenen Kultur und die Einbindung in Familie, Staat, Politik, Kultur, Kirche und Wirtschaft. In diesem Kontext sieht Nida-Rümelin auch die Benotung von Bildungsleistungen in ihrem widersprüchlichen Verhältnis zwischen Selektion und Bestimmung eines Wissenstandes. Damit einher geht die Gefahr, Noten unter Effektivitätsgesichtspunkten zu betrachten: Als Beispiel für die Strukturfalle dient die Ablösung des G9 durch die G8.

Die Praxisfalle: Sie ist darin zu sehen, dass Theorie einerseits nicht Selbstzweck ist, andererseits aber ihren eigenen Wert hat. Soll Wissenschaft sich einmischen in gesellschaftliche Fragen? Sie hat eine öffentliche Rolle und Verantwortung, darf aber nicht Mittel zum Zweck werden. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Nutzbarkeit und Verwertung. Die Bildung hat einen intrinsischen Wert, dem Verwertbarkeit entgegensteht. Die Lehrerbildung an Universitäten hat nach Zierer vier Bausteine: eine Fachkompetenz, eine pädagogische und eine didaktische Kompetenz. Letztendlich überlagert werden sie durch eine „Haltungskompetenz“, die ein Lehrer haben muss, die aber kaum im Studium vorkommt thematisiert wird.

Die Globalisierungsfalle: In der globalisierten, vernetzten Welt gehen der Bezug zu nationaler, regionaler und lokaler Kultur verloren. Im Bildungsbereich werden manche Fragen der Globalisierung nicht ausreichend umgesetzt. Nida-Rümelin ausgehend vom antiken Begriff des Kosmopolitischen – der Bürger im Kosmos – verweist darauf, dass es eine wechselseitige Beziehung zwischen global, national, regional und lokal gibt. Die OECD-Staaten vernachlässigen diesen Zusammenhang durch international vergleichbare und anrechenbare Studieninhalte und Studienabschlüsse. Durch den damit verbundenen Verlust an nationalem kulturellem Wissen besteht die Gefahr, dass Fundamentalismus als Gegenbewegung der Boden bereitet werden kann. Zierer verweist auf Nida-Rümelins drei Prinzipien für eine humane Globalisierung: humane Bildungspraxis, Einheit der Person und Einheit des Wissens und der Gesellschaft (S.184). Die „sogenannten Five Minds For The Future“ von Howard Gardner, die er ausgehend von seiner Theorie der multiplen Intelligenzen entwickelt hat, seien hier nur erwähnt: Disciplinary, Synthesizing, Creative, Respectful und Ethical Mind.

In seinem Nachwort fasst Nida-Rümelin noch Mal aus seiner Sicht die Gespräche zusammen. Es ist nicht alles schlecht im deutschen Bildungswesen, aber es steckt in einer Krise. Es gibt eine Panik in der Mittelschicht. Das Bildungswesen senkt die Standards und nivelliert die Bildung nach internationalen Vorgaben (S.195) Dies gilt besonders für die Hochschulen mit ihrer „Bachelorisierung“, aber auch für die Schulen und durch die Vernachlässigung der Bedeutung der erfolgreichen deutschen dualen Berufsausbildung. Letztere ist von immenser Bedeutung für die Fortentwicklung Deutschlands als Industriestandort. „die gegenwärtige neue deutsche Bildungskatastrophe (zeichnet sich) dadurch (ab), dass gedankenlos internationalen Trends nachgeeifert wird, statt sich auf Deutschlands große Tradition als Bildungsnation zu besinnen“ (S.202).

Diskussion

Wenn auch die „Ökonomisierung“ des Bildungswesens der letzten Jahre durchaus negative Spuren hinterlassen hat, so ist doch seit PISA u.a. anderen Studien einiges in der deutschen Bildung positiv in Bewegung geraten. Beispiele für diese Entwicklungen sind die Umorientierung der Kitas in Richtung Betreuung plus Förderung. Oder die Erkenntnis, dass Bildung und soziale Herkunft eng mit einander verknüpft sind und der Diskrepanz entgegen gewirkt werden sollte. Die Diskussion um die Reform der Lehrerbildung ist ebenfalls in diesem Kontext zu nennen. Auch die hat die die Entwicklung der Ganztagsschule in offener oder integrierter Form an Dynamik gewonnen. Die Hochschulreform durch den Bologna Prozess hat sicherlich herausragende Bedeutung. Aber gleich das Gespenst einer „Überakademisierung“ an die Wand zu malen, scheint etwas zu dramatisch. Was ist das Maß? Wann wird Akademisierung zu einem „über“. Erinnert sei an dieser Stelle an die Beschlüsse der EU von Lissabon. Europa ist auf dem Weg zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Wenn dem so ist, dann werden doch viele höher qualifizierte Menschen gebraucht. So scheint doch die Kritik, die OECD als Interessenverband der Industrieländer liefere die Zahlenbasis aus ökonomischen Interessen diskussionswürdig. Die Bologna Reform lässt sich auch als Chance begreifen, im Prozess der Umsetzung in die gestufte Studienstruktur – Bachelor, Master, Postgraduate – gründlich über Studiengänge, -inhalte und Ziele nach zu denken. Gerade die Umorientierung von der Vermittlung von Wissen – was muss ich in meinem Fach wissen – auf die Vermittlung von Kompetenzen – was kann ich mit dem Wissen anfangen – kann und soll das leisten, was im Buch gefordert wird: die Einheit von „knowledge, skills and attitudes“. Da ist noch viel zu tun, aber schon einiges geschehen. Auch die internationale Vergleich- und Anrechenbarkeit von Studienleistungen über das ECTS-System erleichtert die Anerkennung von Studienabschlüssen und -inhalten im Bologna Raum. Bildung als staatliche Aufgabe ist eng mit der Entwicklung der Gesellschaft verknüpft; der Staat hat somit Allokations-, Selektions- und Sozialisationsfunktion. Er sorgt für die Ausbildung und Bildung, damit die Bürger in der Lage sind, ein eigenverantwortliches und gemeinschaftsfähiges Leben zu führen. Insofern sind doch einige der „zwölf unangenehme(n) Wahrheiten“ zu hinterfragen.

Fazit

Die aufgezeichneten Gespräche fasst das Nachwort Nida-Rümelin so zusammen: „Wir plädieren für eine Phase der Reflexion, der Besinnung auf das, um was es in der Bildung geht, um was es uns in diesem Lande gehen sollte. Wenn wir zu dieser Debatte ein paar Anstöße geben können, wären wir vollauf zufrieden“. (S.202)

Diese Aufzeichnung der Gespräche zweier um die Bildung besorgter Experten ist insofern lesenswert, als sie das gesamte Spektrum der Bildung umfasst und somit Wissen, Fragen, Probleme benennt und Antworten gibt nicht nur auf allgemein theoretische sondern auf sehr aktuelle und praktische Themen der Bildung in Deutschland.


Rezensent
Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Karl-Ludwig Kreuzer. Rezension vom 23.09.2015 zu: Julian Nida-Rümelin, Klaus Zierer: Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2015. ISBN 978-3-451-31288-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19190.php, Datum des Zugriffs 30.03.2017.


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