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Manfred Liebel: Kindheit und Arbeit

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 08.04.2002

Cover Manfred Liebel: Kindheit und Arbeit ISBN 978-3-88939-588-7

Manfred Liebel: Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder in verschiedenen Kulturen und Kontinenten. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2001. 355 Seiten. ISBN 978-3-88939-588-7. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 49,80 sFr.

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Einführung in das Thema

In Westeuropa wachsen Kinder und Jugendliche im Wohlstand auf. Selbst wenn wir von Kindern "in Armut" sprechen, ist damit nie die absolute Armut - die unzureichende Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Wohnung - gemeint. Vielmehr handelt es sich um "Armut" relativ zu anderen, reicheren Personen. So kann es sich unsere Wohlstandsgesellschaft erlauben, Kinderarbeit zu verbieten und Kinder bzw. Jugendliche bis zu deren 16. oder 18. Lebensjahr in Schulen aus der Erwachsenenwelt auszugliedern.

Eine ganz andere Situation ist aber in traditionellen Kulturen und in den "ärmeren" Ländern dieser Welt gegeben: Hier werden Kinder schon frühzeitig "automatisch" in Arbeitsprozesse eingebunden oder müssen sich aufgrund der absoluten Armut ihrer Familien ihren Lebensunterhalt selbst erarbeiten. Viele Kinder besuchen nicht oder nur wenige Jahre lang eine Schule, da ihre Eltern nicht das benötigte (Schul-)Geld aufbringen können oder auf die Mitarbeit bzw. das Arbeitseinkommen ihrer Kinder angewiesen sind. Manche müssen auch vor und nach der Schule arbeiten, sodass wenig Kraft und Energie für schulische Leistungen übrig bleiben.

Ein subjektorientierter Ansatz

Manfred Liebel, Professor für Soziologie an der TU Berlin, nimmt sich in seinem Buch dieser arbeitenden Kinder an. Im Gegensatz zu anderen Werken steht nicht das Lamentieren über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, die Ausbeutung von Kindern, die Ignorierung ihrer Rechte u.Ä. im Vordergrund. Vielmehr stellt Liebel die arbeitenden Kinder selbst in den Mittelpunkt: Er fragt, welche Bedeutungen die Arbeit für die Kinder hat, wie sie diese erleben, wie sie von ihr "profitieren".

Liebel wählt somit eine subjektorientierte Perspektive, die in anderen Werken zumeist ignoriert wird. Er schreibt: "Das arbeitende Kind als Subjekt zu verstehen und ins Zentrum der Betrachtung zu stellen, erfordert, sich mit der Ideologie und Institutionalisierung von Kindheit auseinander zu setzen, die mit der bürgerlichen Gesellschaft in Europa entstanden ist und sich in der Welt ausgebreitet hat und weiter ausbreitet. Mir geht es darum, deutlich zu machen, dass die mit dem bürgerlichen Kindheitsmuster entstandene Vorstellung, dass Kindsein und Arbeit sich ausschließen oder nur zum Schaden der Kinder miteinander verbunden werden können, fragwürdig geworden ist" (S. 9). Liebel sieht arbeitende Kinder als soziale Akteure, die einen wirtschaftlichen Beitrag leisten und soziale Anerkennung verdienen - was gleichermaßen bedeutsam für ihre "Subjektbildung" sei.

Ein Buch mit einer derartigen Zielsetzung kann natürlich nicht nur eine reine Literaturanalyse sein. Auch verbieten sich quantitative Forschungsmethoden. So greift Liebel z.B. auf seine Erfahrungen mit arbeitenden Kindern zurück, die er während langer Aufenthalte in Lateinamerika und kürzerer in Afrika gesammelt hat. Er fragte die Kinder selbst, was Arbeit für sie bedeutet, wie sie diese erleben, inwieweit die Arbeit "freiwillig" ist, wie ihre Arbeitsbedingungen sind, was sie an ihnen ändern würden usw. Ferner suchte Liebel das Gespräch mit Fachleuten aus Ländern des Südens (aber auch des Nordens) und nach Dokumenten, die von Bewegungen bzw. Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher erstellt wurden.

Was arbeitende Kinder lernen

Liebel erkannte in seinen Gesprächen mit Kindern, dass diese durchaus die Notwendigkeit der Arbeit für sich selbst erkennen: Viele arbeiten nicht nur, weil sie gezwungen werden, sondern auch, weil auf diese Weise die eigenen Lebensbedingungen besser werden: Sie können sich anders kleiden, besser ernähren, länger die Schule besuchen. Zugleich machen sie neue Lernerfahrungen, erwerben sie Wissen und Kompetenzen, die von Lehrer/innen nicht vermittelt werden könnten. Sie gewinnen an Selbstachtung, Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit, da sie ihr Leben selbst meistern, Geld verdienen und Anerkennung durch Dritte (Erwachsene, Vorgesetzte, Arbeitskolleg/innen) erfahren. So erwerben sie einen höheren Status in ihrer Gemeinschaft.

Natürlich ignoriert Liebel nicht die Ausbeutung und Unterdrückung vieler arbeitender Kinder. Aber selbst hier stellte er fest: "Doch kaum ein arbeitendes Kind will sich zurückversetzen lassen in ein arbeitsfernes Kindheitsreservat, in dem es nichts zählt und auf Gedeih und Verderb den Erwachsenen ausgeliefert ist. Und kaum ein arbeitendes Kind hält es für hilfreich, den Kindern die Arbeit zu verbieten. Wenn schon Gesetze, dann wird von ihnen erwartet, dass sie bei ihrer Arbeit besser geschützt werden und mehr zu sagen haben" (S. 15).

Liebel stellte fest, dass in den letzten Jahren in Lateinamerika, Asien und Afrika immer mehr Bewegungen und Organisationen arbeitender Kinder entstanden sind, die sich für bessere und gerechtere Arbeitsbedingungen einsetzen. Diese versteht er sowohl als Voraussetzung als auch als Manifestation der Herausbildung "sozialer Subjektivität" bei den arbeitenden Kindern.

Kinderarbeit in Westeuropa

Interessant ist, dass viele Auffassungen von Kindern aus Lateinamerika, Asien und Afrika durchaus von arbeitenden Kindern in Westeuropa geteilt werden. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass auch hier viele ältere Kinder und Jugendliche Jobs haben - denen sie durchweg Positives abgewinnen können: neue Lernerfahrungen (im Umgang mit Materialien und Menschen), Spaß (an körperlicher Betätigung, am Umgang mit Kleinkindern), Förderung von Hilfsbereitschaft, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Stolz, Anerkennung usw. Ihre Aussagen entsprechen also denen vieler Kinder aus dem Süden - wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass Kinder hier nicht um des Überlebens willen (also gezwungenermaßen) arbeiten müssen, dass sie in der Regel nicht unter gefährlichen Arbeitsbedingungen tätig sind und dass sie nicht ausgebeutet werden.

Hier wird auch deutlich, dass Kinder durchaus etwas "Richtiges leisten" wollen - neben den ihnen zugebilligten, oft für das Leben wenig relevanten Schulleistungen. Ein "Job" kann ihnen sinnvoller erscheinen als Hausaufgaben - und eventuell sogar mehr zu ihrer Weiterentwicklung beitragen. Auch in Westeuropa wollen manche Kinder, Jugendliche und Heranwachsende nicht über viele, viele Jahre hinweg (bei Student/innen bis zum 25.-30. Lebensjahr!) aus der Erwachsenen-, aus der Arbeits-, aus der "richtigen" Welt ausgegliedert sein. Vielmehr wollen sie "etwas Vernünftiges" leisten. Sie möchten arbeiten, gefordert werden, mitbestimmen, mitentscheiden, respektiert werden. So ist unser Bild von "unmündigen", in "kindgemäßen" Subsystemen zu beschützenden Kindern und von Kindheit als einer besonderen Sphäre jenseits der Erwachsenenwelt revisionsbedürftig.

Zur Gliederung des Buches

Das Buch von Manfred Liebel umfasst 11 Kapitel zu folgenden Themen:

  1. Kinderbewegungen in Afrika und Lateinamerika
  2. Die Arbeit der Kinder im Blick der Sozialforschung
  3. Subjektorientierte und partizipatorische Forschungen zur Arbeit der Kinder (bezogen auf Lateinamerika)
  4. Zum Ertrag ethnologischer und anthropologischer Forschung
  5. Kinderarbeit in Deutschland heute (theoretische Konzepte, empirische Befunde)
  6. Arbeitende Kinder in Europa
  7. Arbeit und Spiel im Leben der Kinder. Nachdenken über eine unheilvolle Trennung und mögliche Beziehungen
  8. Wirtschaftliche Ausbeutung von Kindern
  9. Wie sich arbeitende Kinder gegen ihre Ausbeutung wehren und ihre Arbeit selbst bestimmen wollen
  10. Bedeutung und Probleme pädagogisch konzipierter Arbeitsprojekte
  11. Ausblick auf eine subjektorientierte Theorie des arbeitenden Kindes

Diese Gliederung - und ein mehr als 20 Seiten langes Literaturverzeichnis - verdeutlichen die große Bandbreite von Themen, die Liebel in seinem Buch abhandelt. Dabei bezieht er Forschungsergebnisse ganz unterschiedlicher Disziplinen und aus verschiedenen Kulturen ein. Neue Perspektiven werden herausgearbeitet, die sicherlich die Diskussion über arbeitende Kinder in den kommenden Jahren befruchten wird.

Zielgruppen

Das Buch ist interessant geschrieben und gut lesbar. Es eignet sich für Studierende, Fachleute und andere Interessierte, die sich mit der Situation arbeitender Kinder befassen wollen. Zugleich leistet es einen eigenen Beitrag zur Kindheitsforschung.

Schlussbemerkung

In dem Buch wird somit deutlich, dass Kinder mit ihrer Arbeit wichtige Beiträge für sich selbst, ihre Familien und die Gesellschaft erbringen. Deshalb sollte ihre Arbeit anerkannt und honoriert werden. Kinder in Lateinamerika, Asien und Afrika wollen weniger, dass sie von Arbeit freigestellt werden (was oftmals eben auch unmöglich ist), sondern eher, dass ihre Arbeit menschenwürdig und respektiert ist. So engagieren sich viele Kinder und Jugendliche für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, haben hierzu Visionen entwickelt und versuchen, diese über eigene Organisationen zu realisieren.

Kinderarbeit muss somit anders als bisher betrachtet werden. Sie sollte nicht länger pauschal verdammt und verboten werden. Vielmehr müssen die Vorstellungen der (arbeitenden) Kinder berücksichtigt werden. Das geht nur, wenn man sie als Subjekte achtet und anerkennt. Eine Arbeit, die die physische, moralische, geistige und soziale Entwicklung der sie ausübenden Kinder nicht beeinträchtigt, ist sicherlich akzeptabel - und eine Arbeit, die Kinder in ihrer Entwicklung fördert, vielleicht sogar wünschenswert...

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 08.04.2002 zu: Manfred Liebel: Kindheit und Arbeit. Wege zum besseren Verständnis arbeitender Kinder in verschiedenen Kulturen und Kontinenten. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2001. ISBN 978-3-88939-588-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/192.php, Datum des Zugriffs 17.06.2024.


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