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Norbert Grewe (Hrsg.): Praxishandbuch Beratung in der Schule

Cover Norbert Grewe (Hrsg.): Praxishandbuch Beratung in der Schule. Grundlagen, Methoden und Fallbeispiele. Carl Link (Kronach) 2015. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 457 Seiten. ISBN 978-3-556-06558-7. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Schule braucht professionelle Beratungsangebote! Es ist mittlerweile zur Regel im schulischen Alltag geworden, sich mit ganz unterschiedlichen Problemlagen von jungen Menschen zu befassen. „… allerdings besteht immer noch die große Scheu, die dazu gehörigen Beratungsanlässe nicht als ‚Problem‘ sondern als Normalität anzuerkennen.“ (Vorwort Norbert Grewe, S. VII)

Kinder und Jugendliche sind in gewisser Weise PendlerInnen zwischen zwei Welten, zwischen familiärem Umfeld und Schule, und so wird vieles, was junge Menschen in ihrer jeweiligen privaten Lebenswelt an Herausforderungen erleben, in den Schulen spürbar. Evident ist, dass Armut, Gewalterfahrungen, Beziehungsabbrüche zum Alltag vieler Kinder gehören, dass solche Lebensumstände oft mangelnde Fürsorge, Sicherheit und Struktur bedeuten und dass entsprechend Aufmerksamkeitsstörungen, Ausgrenzung und Gewaltbereitschaft in den Schulen zum Tragen kommen. Und Schule schafft, ganz abgesehen von strukturellen Bedingungen, auf individueller Ebene Probleme für Kinder und Jugendliche, spürbar etwa als Leistungsdruck oder Mobbing bis hin zu abwertender Behandlung durch Lehrkräfte. Faktum ist, dass durch veränderte gesellschaftliche Lebensbedingungen das Bildungs- und Erziehungswesen gefordert ist, Formen des professionellen Umgangs mit SchülerInnen, mit Eltern, mit anderen relevanten AkteurInnen zu finden, um etwaige Lernhindernisse, Benachteiligungen oder soziale Auffälligkeiten gemeinsam zu bewältigen. Förderlich dafür ist ein fundiertes Beratungs- und Unterstützungsangebot mit der jeweils spezifischen Expertise von BeratungslehrerInnen, SchulsozialarbeiterInnen, SchulpsychologInnen im Schulsystem, das sich auch dadurch auszeichnet, dass LehrerInnen über ein Basiswissen an Beratungskompetenz verfügen.

Daher fokussiert dieses Buch vom thematischen Rahmen her explizit auf Beratung als Tätigkeitsbereich von LehrerInnen, es gilt für diese, sich mit professionellen Tools auszustatten. Dabei ist eine inklusive Schule gefordert, die die Individualität aller SchülerInnen anerkennt und entsprechend eine differenzierte Herangehensweise mit differenzierten Beratungsangeboten setzt.

Herausgeber und Autor

Norbert Grewe, habilitierter Psychologe und Erziehungswissenschaftler, befasst sich in seiner Forschungs- und Bildungstätigkeit und als Autor genau mit diesen Anforderungen, denen sich das Schulsystem stellen muss. Als Schwerpunkte seiner Publikationen sind vor allem Schulabsentismus, Klassenklima, Schulentwicklung und Beratung im schulischen Kontext zu nennen. Er ist Mitarbeiter im Institut für Psychologie der Universität Hildesheim, sowie Leiter und wissenschaftlicher Begleiter der Weiterbildung für Niedersächsische BeratungslehrerInnen.

Vom Anspruch dieses Sammelbandes, der nunmehr in der 3. überarbeiteten und erweiterten Ausgabe vorliegt, wird vom Herausgeber Grewe im Vorwort hervorgehoben, dass sowohl wissenschaftliche Zugänge die aktuelle Fachdiskussion wiedergeben als auch praktische Herangehensweisen konkrete Anregung für häufige Beratungsanlässe bieten sollen. Die meisten AutorInnen der jeweiligen Fachbeiträge sind vom Quellenberuf PsychologInnen, bei vier AutorInnen ist das Lehramtsstudium genannt.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband ist in vier Hauptkapitel gegliedert:

  1. „Grundlagen und Methoden der Beratung“ (S. 1 – 103),
  2. „Beratungsanlass: Soziales Verhalten“ (S.105 – 290),
  3. „Beratungsanlass: Lernen und Leistung“ (S.291 – 415),
  4. „Kooperation und Lehrergesundheit“ (S.417 – 449).

Diesen Kategorien sind jeweilige Fachartikel zugeordnet, die inhaltlich spezifische Themen von Grundlegendem für Beratung über konkrete Beratungsanlässe im Klassenverband und im Einzelfall bis hin zu Kooperation und LehrerInnengesundheit beschreiben.

In Kapitel 1 wird ein Abriss über Grundlagen für Beratungsangebote ausgeführt. Der Ablauf von Beratungsprozessen, dafür förderliche Strukturierung und Zielsetzungen, die Herangehensweise mit dem systemisch-lösungsfokussierten Ansatz zeigen auf, wie differenziert Beratung zu planen und durchzuführen ist. Die Relevanz der persönlichen Haltung, im Speziellen die Bedeutung interkultureller Kompetenz, werden ebenso nachvollziehbar wie der Umgang mit Ausnahme- und Krisensituationen.

Kapitel 2 widmet sich unterschiedlichen Auffälligkeiten, Störungen, Problemstellungen und somit Beratungsanlässen im Kontext des sozialen Verhaltens in Klassen. Die Beiträge zur „funktionierenden Klassengemeinschaft“ und zur „Inklusion im Schulalltag“ führen Grundlegendes zum Klassengefüge aus, während zu den Themen ADHS, Angststörungen, Mobbing, Schulabsentismus jeweils relevantes Hintergrundwissen kombiniert wird mit möglichem Unterstützungsbedarf und Handlungsstrategien im konkreten Umgang. Beispielhafte Ausführungen zu „Coaching für Lehrkräfte“, zur „Verringerung von Unterrichtsstörungen in einer 1.Grundschulklasse“ und zur „Einführung eines Aufmerksamkeitstrainings im 5. Jahrgang“ schaffen eine fachlich fundierte Vorstellung, wie jeweilige Handlungsansätze in der Schule durchgeführt werden.

Kapitel 3 stellt Lernen und schulische Lernleistung in den Mittelpunkt. Unterschiedliche Analyseinstrumente (z.B. „Teufelskreismodell“, „Lernstrategien“), die das Erkennen von Lernschwächen (besonders fokussiert sind Rechen-, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten) ermöglichen und Handlungsansätze („Lernvereinbarungen“, „Arbeitsgemeinschaft Besser Lernen“), um die Lernleistungen zu verbessern, werden vorgestellt. Einen wesentlichen Stellenwert haben partizipative Ansätze, die sich auf die Erfahrungen und Selbsteinschätzungen der SchülerInnen beziehen und die auf deren Eigenverantwortung abzielen. Zeitlich und inhaltlich konkret ausgeführte Planungen und Vorgehensweisen machen die Fachbeiträge detailliert verständlich.

Das abschließende Kapitel 4 umfasst nur zwei Beiträge. Einerseits wird die Entwicklung von multiprofessionellen Beratungsteams an Schulen und deren mögliche Bedeutung im Sinne von effektiv abgestimmter, bedarfsorientierter Unterstützung ausgeführt, auch darauf eingehend, dass ein Unterstützungsangebot an Schulstandorten nicht die anderen AkteurInnen ihrer Verantwortung enthebt. Andererseits wird auf die Bedeutung von Life Balance im Beruf von Lehrkräften eingegangen und dafür hilfreiche Strategien beschrieben.

Diskussion

Die teilweise höchst komplexen Anforderungen im schulischen Alltag werden wohl nicht so einfach durch das Beantworten von Fragebögen zu analysieren bzw. durch das Befolgen der vorgeschlagenen Verhaltensweisen zu steuern sein. Ferner werden in der Klasse zuständige LehrerInnen in Belastungssituationen dieses Repertoire nicht selbstverständlich bei sich abrufen können. D.h. ganz zentral und wesentlich im Erwerben und Vertiefen dieser Expertise ist das systematische Üben und Reflektieren solcher Techniken und Strategien. So führt Lutz Thomas am Ende seines Beitrags „Unterrichtsstörungen“ (S. 149 – 170) auch explizit aus, dass Maßnahmen gezielt und reflektiert eingesetzt werden müssen und dass bei sogenannten „Problemklassen“ persönliche Stütze oder Coaching für belastete LehrerInnen bzw. ein Trainingsprogramm für die ganze Schule notwendig sein kann.

Im Sinne der Weiterentwicklung des Schulsystems ist dieser Anspruch von Teamarbeit und Coaching, gemeinsame Trainingsprogramme für ein LehrerInnenkollegium grundlegend zu verfolgen, um gelingende Kooperation in Beratungsteams und darüber hinaus an den Schulstandorten zu etablieren, ganz wie es Stefan Siedersleben in seinem Beitrag „Kooperation in multiprofessionellen Beratungsteams“ (S.419 – 438) darlegt.

Dafür benötigt jeder Schulstandort ein soziales Unterstützungsangebot, dass in komplexen Situationen fachliche Verantwortung übernehmen kann bzw. das LehrerInnenkollegium in seinem eigenverantwortlichen professionellen Handeln adäquat fördert und Rückhalt bietet. Somit sind die Ausführungen von Grewe „Leistungen des Beratungs- und Unterstützungsangebots einer eigenverantwortlichen Schule“ (S.12 – 16) voll und ganz zu bestätigen.

Um die Bedeutung und Tragweite von Unterstützungsangeboten an Schulen wirkungsvoll hervorzuheben wäre eine Einführung in dieses Praxishandbuch angebracht. In dem sehr knapp gefassten Vorwort des Herausgebers werden grundlegende Begriffe wie inklusive Schule oder Diversität nur kurz genannt. Eine differenzierte Ausführung wenigstens solcher zentraler Begrifflichkeiten würde als Basis für die Beiträge des Sammelbandes einen wertvollen Rahmen für Orientierung und Positionierung bieten. In vorliegender Form bleibt z.B. unklar, ob Inklusion ein Bildungsprinzip ist, dass für das gesamte Schulsystem grundlegend sein soll wie es sich aus Kapitel 1.4 von Meltem Avci-Werning „Interkulturelles Lernen in der inklusiven Schule und der Beratung“ (S. 71 – 90) ableiten lässt. Oder ob Inklusion ein Modell ist, wie in Kapitel 2.2 von Grewe/Thomas „Inklusion im Schulalltag – Risiken für die soziale Integration und die Lernentwicklung in Inklusionsklassen“(S.121 – 148) differenziert dargestellt, das fallweise für einzelne Klassen umgesetzt wird. In engem Zusammenhang mit der Ressourcenausstattung von Schulen, z.B. was die Versorgung mit einem Beratungs- und Unterstützungsangebot betrifft, sind so spezifische Anforderungen wie Umgang mit Krisen und Traumata zu nennen.

Bernd Deseniß/Barbara Schulte-Nikoleyczik führen in Kapitel 1.5 „Notfallpsychologie, eine Aufgabe für die Schulpsychologie“ (S. 91 – 102) kurz in ein Grundlagenwissen zum Umgang mit Krisen und Traumatisierung ein, das für alle LehrerInnen relevant ist. Dass die beiden AutorInnen mit dem Hinweis abschließen, „dass diese Arbeit nur auf der Basis von Freiwilligkeit möglich ist“ wirkt sehr kurz gegriffen, da solche Standards doch nicht von einer individuellen Freiwilligkeit abhängig sein dürfen. Hier müssen explizite Forderungen zur Veränderung der strukturellen Ausstattung von Schulen mit SchulpsychologInnen und SchulsozialarbeiterInnen gestellt werden! Bemerkenswert sind Titel und Zusammenführung der Inhalte von Kapitel 4 „Kooperation und Lehrergesundheit“ (S. 417). So ist die Bedeutung beider Themen jedenfalls gegeben, fragwürdig ist aus meiner Sicht die enge Zusammenführung in dieser Form. So wäre auf Grund der zentralen Bedeutung von „Kooperation in multiprofessionellen Beratungsteams“ (Stefan Siedersleben, S. 419 – 438) für ein modernes Schulsystem dieser Beitrag besser platziert bei den Grundlagen in Kapitel 2, während „Life Balance im Lehrerberuf“ (Alexandra Strehlau, S. 439 – 449) durchwegs als Beratungsanlass gewichtet werden kann und sich gut dem Beitrag von Alexander Redlich „Schulklassenbezogene Beratung. Coaching für Lehrkräfte und Entwicklung der Schulklasse“ (S.171 – 184) anfügen lies.

Abschließend möchte ich noch auf die durchgängig maskuline Form in diesem Sammelband hinweisen – zumindest ein Hinweis darauf, dass auch Frauen im Schulsystem tätig sind, wäre zeitgemäß!

Fazit

Das vorliegende Buch wird seinem Titel „Praxishandbuch…“ in abwechslungsreicher Form dahingehend gerecht, dass es wesentliche Beratungsanlässe von LehrerInnen im schulischen Alltag aufgreift. Es bietet sowohl theoretische Hintergründe als auch sehr praxisnahe Beispiele, die Beratungsbedarf und mögliche Handlungsweisen aufzeigen, bezogen auf das soziale Verhalten im Klassenkontext oder im Einzelfall. So werden in anregender Weise eine Vielfalt von Situationen und Anforderungen geschildert, die relevante Herausforderungen im Praxisalltag nachvollziehbar machen. In Form von Checklisten, Fragebögen oder Verhaltenstipps werden hilfreiche Anregung und Orientierung geboten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass dieser Sammelband wertvolle Inhalte bietet und wesentliche Anregungen und Impulse gibt, die im Regelbetrieb des Schulsystems Eingang finden sollten, auch in Form von Fort- und Weiterbildungen und dass die Grundlagen für Beratung und Reflexion Standard im Lehramtsstudium sein müssen.


Rezensentin
FH Prof.in Johanna Coulin-Kuglitsch
FH Campus Wien, Department Soziales
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Zitiervorschlag
Johanna Coulin-Kuglitsch. Rezension vom 11.02.2016 zu: Norbert Grewe (Hrsg.): Praxishandbuch Beratung in der Schule. Grundlagen, Methoden und Fallbeispiele. Carl Link (Kronach) 2015. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-556-06558-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19206.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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