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Jeanette Boetius: Schulvorbereitung mit Jungs & Mädchen

Cover Jeanette Boetius: Schulvorbereitung mit Jungs & Mädchen. Die besten Methoden und Praxisideen für das letzte Kita-Jahr. Don Bosco Verlag (München) 2015. 99 Seiten. ISBN 978-3-7698-2164-2. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Nach den Herbstferien leitete die Klassenlehrerin einer 1. Klasse den ersten Elternabend mit den folgenden Worten ein: „Den Übergang in die Schule haben die Mädchen inzwischen geschafft, den Jungen ist er noch nicht gelungen“.

Der Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule gilt in der Biografie von Kindern als ein einschneidendes Ereignis. Hierzu hat die Transitionsforschung (Griebel&Niesel 2004, 2011) wichtige Aspekte im Hinblick auf die Identitätsentwicklung herausgearbeitet. Der kognitiv-motorische wie emotional-soziale Entwicklungsbereich gilt jeweils als die maßgebliche Basiskompetenz für die Einschätzung der Schulfähigkeit. Wenngleich die gesamte Kindergartenzeit als Vorbereitung auf die Schule angesehen werden kann, bedeutet das letzte Kindergartenjahr für die Kinder, ein „Vorschulkind“ zu sein und zu den „Großen“ zu gehören, meist eine besondere Zeit. In den Kindertagesstätten ist es daher allgemein üblich, für diese Altersgruppe ein eigenes Vorschulprogramm anzubieten. Das vorliegende Buch widmet sich unter dem Genderaspekt vornehmlich den Bedürfnissen von Jungen.

Autorin

Jeanette Boetius ist Mutter von vier Söhnen und hat eine Ausbildung als Sozialpädagogin (FH); sie ist freiberuflich als Fortbildnerin tätig.

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band ist in sieben Kapitel untergliedert:

Jungs sind schwierig – oder? Jungen gelten nach den Ergebnissen verschiedener Studien als Bildungsverlierer. So werden „mehr Jungs als Mädchen vom Schuleintritt zurückgestellt“ (8). Die Autorin führt Differenzen in der Entwicklung der beiden Geschlechter in der Motorik, Sprache, im Spiel und Sozialverhalten an. Im Umgang von Jungen und Mädchen zeigen pädagogische Fachkräfte geschlechtsspezifische Unterschiede, wonach Jungen mehr Anleitung benötigen und dem Grundsatz gefolgt wird, „dass Mädchen auf keinen Fall gegenüber den Jungs benachteiligt werden dürfen“ (13).

Nicht für die Schule, sondern für das Leben… Hier thematisiert die Autorin mit der Frage nach der Schulfähigkeit übliche Formen von Angeboten (z.B. altershomogene Kleingruppen, Projektarbeit) für Kinder im letzten Kindergartenjahr und weist darauf hin, dass die pädagogischen Fachkräfte „sich den sich entwickelnden und immer weiter fortschreitenden Interessen und kognitiven Bedürfnisse der Kinder zu stellen und sie in der pädagogischen Arbeit ernst zu nehmen“ zu haben.(16)

Wen interessiert´s? – Themen mit und für Jungs finden. Unter dem Stichwort der Partizipation sind bei der Entscheidungsfindung für die konkreten Angebote in der Kindertagestätte die Kinder, insbesondere als zukünftige Schulanfänger, zu beteiligen, um sich an ihren Bedürfnissen der Kinder auszurichten. Jungen benötigen oftmals andere Angebote die sie in ihrer Anstrengungsbereitschaft motivieren. Sie brauchen „Anstrengungen in selbst gewählten Bereichen“ (28) wie Bewegung, Werken, aber auch Kochen und Backen, Aktivitäten, die mit einem naturwissenschaftlich- experimentellen Charakter ihr Interesse finden kann.

Dynamisch sind Jungs ja… der Umgang mit dem Bewegungsdrang. Dieses Kapitel könnte auch die Überschrift tragen „Schafft die Stühle ab“, wie bereits vor über 20 Jahren die Professorin für Sportpädagogik Renate Zimmer in ihrem Plädoyer für eine bewegungs- und kinderfreundlichere Umgebung gefordert hatte. Diese Forderung ist aktueller denn je, denn dem ausgeprägten Bewegungsbedürfnis von Kindern steht heute in der Regel ein bewegungsarmes Umfeld gegenüber. Die Kindertagesstätte sollte hierzu kompensatorisch Angebote machen. Jeanette Boetius führt hierzu Beispiele aus ihrer Praxis auf, indem sie Alternativen zu einer ‚Sitzkita‘ aufzeigt: „Toberäume und Tobeflure“, die „bewegte Mittagspause“, „Raufen und Kräftemessen“, „auf dem Boden sitzen, liegen oder stehen“ oder den Aktionsradius vergrößern

Fokus Feinmotorik – Möglichkeiten der Schulvorbereitung ( nicht nur ) für Jungs. Eine gut ausgebildete Feinmotorik ist für den Start in die Schule sehr hilfreich. Daher geht Jeanette Boetius der Frage nach, wie die feinmotorischen Angebote für die Jungen interessant gestaltet werden können (vgl.55). Mit „Schreiben statt Malen“ wird dem starken Interesse von bereits jungen Kindergartenkindern an schriftsprachlichen Vorlagen gerecht. Eine Schreibwerkstatt mit den unterschiedlichen Materialien fördert diese Schreiblust als eine andere kreative Ausdrucksmöglichkeit. Für die richtige Stifthaltung „sollten jedenfalls alle Möglichkeiten genutzt werden, um die Kinder beim Erwerb der Fähigkeit, den Schreibstift korrekt z halten, zu unterstützen… Es lohnt sich also, unterschiedliche Zugangsweisen auszuprobieren“ (64).

Freiarbeit in der Vorschule – Individualität ernst nehmen. Die Vorbereitung der Kinder auf die Schule erfordert ein individualisiertes Arbeiten, so dass die auch in den Grundschulen häufig praktizierte Freiarbeit auch in der Kindertagesstätte als Arbeitsform geeignet ist. Die Autorin gibt zu den Sachgebieten „Mathematik“ und „Sprache und Literacy“ mit verschiedenen Materialien praktische Anregungen und gibt konkrete Hinweise zur Umsetzung der Freiarbeit in der Praxis. Das Angebot soll Kinder in ihrem selbstbestimmten Lernen bewussten Erwerb von Wissen (lernmethodische Kompetenz) fördern und stärken. Damit wird die pädagogische Fachkraft zur Begleiterin von Lernprozessen.

Weibliche Entwicklungsbegleiter für Jungs – was ist zu beachten? Die Feminisierung des Erziehungsfeldes greift die Autorin auf und gibt mit Kernaussagen Anregungen zur Reflexion des eigenen pädagogischen Tuns.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Buch verfolgt die Autorin ihr Anliegen, den pädagogischen Alltag an den individuellen Bedürfnissen der Kinder auszurichten. Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, heißt sie ernst zu nehmen und ihnen Erfahrungen zu den eigenen Lernzugängen zu ermöglichen. Das Kind als Akteur seiner eigenen Bildung gilt in der Fachwissenschaft als Grundannahme für kindliche Entwicklungsprozesse. In der Praxis zeigt sich dieses Bildungsverständnis in pädagogischen Konzepten wie z.B. der offenen Arbeit, der Reggio-Pädagogik oder dem Situationsansatz. Die Erwartungen an eine qualitativ gute Bildung, Betreuung und Erziehung in der öffentlichen Kinderbetreuung sind in den letzten 15 Jahren von Seiten der Fachöffentlichkeit wie auch aus Elternsicht immens gestiegen. Allerdings bescheinigt die NUBBEK-Studie (Tietze u.a.2012: Nationale Untersuchung zu Bildung, Betreuung und Erziehung in der Frühen Kindheit,) im Durchschnitt den Kindertageseinrichtungen ein nur mittelmäßiges Niveau, so dass viele Kindertagesstätten noch nicht nach den Kriterien bester Fachpraxis arbeiten. Jeanette Boetius ist in ihren Ausführungen sicherlich von dieser qualitativ guten Kitapraxis geleitet und gibt Ideen und Anregungen wie das letzte Kindergartenjahr sich an den individuellen Bedürfnissen der Kinder orientieren kann.

Der Titel „Schulvorbereitung mit Jungs“ erweckt beim Leser die Erwartung an eine stark genderspezifische Ausrichtung der Vorbereitung. Der im Titel vermerkte Zusatz „… & Mädchen“ wird dem Inhalt des Buches gerechter, da sich die vorgestellten Methoden und Praxisideen weitgehend auf die Arbeit mit Kindern – Jungen und Mädchen – beziehen, vor allem dann, wenn der Leser dem Anspruch der Autorin an eine individualisierte Angebotsgestaltung folgt. Auch wenn im ersten Kapitel entwicklungspsychologische Merkmale von Jungen benannt werden, so ist das vorliegende Buch eine Gedankensammlung von Ideen und eigenen Erfahrungen in der Vorschularbeit ohne spezifische Gesichtspunkte zur Sozialisation von Jungen.

Fazit

Auch wenn dem Buch differenziertere theoretische Ausführungen fehlen, so regt es an, die eigene Praxis mit Vorschulkindern zu überdenken. Mit dem Fokus auf das letzte Kindergartenjahr gibt es einen Einblick, welche Arbeitsformen der pädagogische Alltag benötigt, wenn er sich zum Ziel setzt, kindgerecht und d.h.an den Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes orientiert zu sein. Der vorliegende Band ist für Fachkräfte in den Kindertagesstätten und interessierte Eltern geeignet.


Rezensentin
Jutta Daum
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.), Gießen
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Zitiervorschlag
Jutta Daum. Rezension vom 06.05.2016 zu: Jeanette Boetius: Schulvorbereitung mit Jungs & Mädchen. Die besten Methoden und Praxisideen für das letzte Kita-Jahr. Don Bosco Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-7698-2164-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19207.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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