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Rita Braches-Chyrek: Neue disziplinäre Ansätze in der Sozialen Arbeit

Cover Rita Braches-Chyrek: Neue disziplinäre Ansätze in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-8474-0135-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Die Diskussion über die disziplinäre und professionelle Verortung der Sozialen Arbeit steht zwar nicht mehr im Vordergrund, beendet ist sie aber noch lange nicht. Der vorliegende Band nimmt wieder einmal einen Anlauf, um anhand von Beiträgen mehrerer Autorinnen und Autoren eine Standortbestimmung, allerdings mit einem deutlichen Schwerpunkt auf die Sichtweise der Sozialpädagogik, zu versuchen. Leider fehlen Angaben zum Entstehungshintergrund des Readers.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei sehr unterschiedliche Teile:

  1. Zentrale Begriffe
  2. Neuere empirische Forschungsergebnisse in der Sozialpädagogik/Sozialen Arbeit
  3. Neuere disziplinäre Überlegungen in der Sozialpädagogik/Sozialen Arbeit

Zum 1. Abschnitt

Der erste Abschnitt enthält vier Beiträge, die sich mit jeweils einem Begriff oder Begriffsfeld auseinandersetzen.

Kathrin Schramm stellt die Frage, was wir eigentlich studieren: Sozialpädagogik, Soziale Arbeit oder Erziehungswissenschaft. Nach einer kurzen Tour de force durch die frühe Ideengeschichte der deutschen Sozialpädagogik nimmt die Autorin eher polemisch auf den sich nicht in der Erziehungswissenschaft verortenden Traditionszweig Sozialarbeit bezug. In ihrem Resümee, dass es sich bei der Sozialarbeit / Sozialpädagogik um eine Profession und Disziplin mit regem Diskurscharakter handle, ist ihr aber wohl zuzustimmen.

Franz Hamburger betrachtet Sozialpädagogik als Konfliktfeld und die Orientierung auf eine humane Konfliktaustragung als zentral nicht nur für die Sozialpädagogik, sondern für die Pädagogik allgemein.

Claus Mühlfeld schreibt über Verantwortung und in der Folge über Vertrauen. Er holt dabei weit aus, bemüht Heidegger, Lévinas, Gadamer, Foucault, Habermas, Simmel und zahlreiche andere. Erkennbar geht es ihm um das Verhältnis von Sozialverantwortung zu Selbstverantwortung, und um die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen.

Sven Huber und Sascha Schierz arbeiten sich in ihrem Beitrag am Begriff der Devianz ab und suchen „das Sozialpädagogische“ an den sozialpädagogischen Zugängen. In diesem ersten Buchbeitrag, der sich erkennbar mit Entwicklungen der Praxis auseinandersetzt, wird Entwicklungen in der Bearbeitung von (Jugend-)Kriminalität nachgegangen, vor allem dem Aufkommen des Risikodiskurses und der Anwendung von statistisch begründeten diagnostischen Verfahren – wobei hinzuzufügen wäre, dass es sich dabei nicht um sozialdiagnostische Verfahren handelt. Im Resümee findet sich eine gewisse Ratlosigkeit, wie den Entwicklungen mit einer erziehungswissenschaftlichen Fundierung zu begegnen sei.

Zum 2. Abschnitt

Der zweite Abschnitt, der empirische Forschung in den Blick nimmt, ist etwas kurz geraten und besteht aus nur zwei Beiträgen.

Katja Maar und Christian Eberlei präsentieren eine qualitative Untersuchung über Tafelhelfer/innen. Sie kommen zum Schluss, dass die bei den Tafeln engagierten freiwilligen Helfer/innen vorwiegend das eigene soziale Kapital vermehren. Angelika Henschel befasst sich am Beispiel der häuslichen Gewalt mit der Bedeutung der Gender-Perspektive in der sozialen Arbeit.

Zum 3. Abschnitt

Der dritte Abschnitt hebt sich von den vorangehenden dadurch ab, dass er prononcierte (und zumindest in der Community durchaus bekannte) Positionen zur disziplinären Verortung der Sozialen Arbeit durch bekannte Hauptvertreter/innen zu Wort kommen lässt.

Heinz Sünker plädiert für eine materialistische (wie es scheint marxistische, jedenfalls aber antikapitalistische) Gesellschaftstheorie als Basis für die Verortung der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft, originellerweise vorerst unter Bezugnahme auf E.T.A. Hoffmann, später auf Heinrich Heine. Als Ziel formuliert er dann neben einer Abschaffung überflüssiger Machtpositionen die Bildung eines informierten, kritischen, selbstverantwortlichen Bürgers bzw. einer Bürgerin.

Silvia Staub-Bernasconi vertritt ihr Konzept von Sozialer Arbeit als Disziplin mit dem Gegenstand Soziale Probleme, Sie präsentiert einen „transformativen Dreischritt“ zur Lösung des sogenannten Theorie-Praxis-Problems. Bei ihr ist Soziale Arbeit auch Arbeit an der Lösung der Weltprobleme.

Albert Scherr sieht das skeptisch. In seinem Beitrag versucht er einige Missverständnisse über die Luhmann´sche Systemtheorie aufzuklären. Dabei diskutiert er auch den Inklusionsbegriff, der in der Sozialen Arbeit mit der Frage der Möglichkeiten der Lebensführung zu verknüpfen sei.

Der abschließende Beitrag von Michael Winkler geht von einem Leiden der Menschen an den (kapitalistischen) gesellschaftlichen Verhältnissen aus, von „zerstörter Subjektivität“. Er plädiert für eine Wiederherstellung der Fähigkeit zur Selbstsorge.

Diskussion

Das Irritierende am vorliegenden Band ist, dass er die im ersten Beitrag angesprochene und versprochene Begriffsklärung nicht leistet, sondern im Gegenteil deutlich macht, dass der relative Frieden zwischen den Vertreter/innen eines vorwiegend geisteswissenschaftlichen pädagogischen Zugangs und des stärker soziologisch fundierten und praxisorientierten Zugangs, der früher unter „Sozialarbeitswissenschaft“ firmierte, ein trügerischer ist. In fast allen Beiträgen wird „Soziale Arbeit“ als Synonym für Sozialpädagogik verwendet, und die doch recht eingeschränkte Perspektive auf die Geschichte des deutschen sozialpädagogischen Diskurses vertreten. Es gibt kaum (oder keine?) Referenzen auf die Entwicklung der internationalen Diskussion, wie auch nur ganz wenige Referenzen auf die aktuelle Entwicklung der sozialarbeiterischen oder sozialpädagogischen Praxis – sieht man von der Ausnahme bei Huber/Schierz ab. Insofern spiegelt der Band durchaus gut die aktuellen Probleme der wissenschaftlichen Diskussion zur Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum.

Fazit

Der dritte Abschnitt ist gut geeignet, um Studierenden Grundpositionen in der Theoriediskussion zur Sozialen Arbeit zu verdeutlichen. Als Einführung in neue disziplinäre Ansätze in der Sozialen Arbeit, wie er im Titel verspricht, ist der Band allerdings mangels einer soliden Auslotung des Diskursfeldes kaum zu gebrauchen. Mit Gewinn lässt er sich lesen, wenn man die vom Titel geweckten Erwartungen nicht teilt und sich auf eine konzeptuell wenig verbundene Aufsatzsammlung vorwiegend aus der Perspektive geisteswissenschaftlich fundierter Sozialpädagogik einstellt.


Rezensent
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 10.02.2016 zu: Rita Braches-Chyrek: Neue disziplinäre Ansätze in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0135-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19213.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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