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Gregor Hensen, Anneka Beck (Hrsg.): Inclusive Education

Cover Gregor Hensen, Anneka Beck (Hrsg.): Inclusive Education. Internationale Strategien und Entwicklungen Inklusiver Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-3242-0. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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HerausgeberInnen

Die HerausgeberInnen arbeiten als Hochschullehrer bzw. wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Osnabrück. Die VerfasserInnen der Einzelbeiträge arbeiten als WissenschaftlerInnen in den USA, dem europäischen Ausland und an deutschen Hochschulen. Die Beiträge der ausländischen VerfasserInnen sind in englischer Sprache erschienen.

AdressatInnen

AdressatInnen sind alle an inklusiver Bildung und Inklusion im beruflichen Bereich interessierten. Ziel des Bandes ist es, Erkenntnisse aus anderen Ländern, die zum Teil schon längere Erfahrungen in der Umsetzung von Integration / Inklusion haben, für die noch am Anfang stehende Umsetzung in Deutschland fruchtbar zu machen.

Aufbau

Das Buch umfasst zwei Teile.

Zu I. Inklusion im internationalen Kontext

In ihrem einleitenden Beitrag stellen Beck und Hensen fest, dass Deutschland bei Inklusionsbemühungen im internationalen Vergleich schlecht abschneidet. Nur in der Schweiz und im flämischen Teil Belgiens ist der Prozentsatz von SchülerInnen mit besonderem Förderbedarf, die in gesonderten Schulen unterrichtet werden, noch höher. Auch die Inklusion im Arbeitsleben lässt zu wünschen übrig. Menschen mit Behinderungen sind stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Nichtbehinderte.

Nach wie vor herrscht in Deutschland ein defizitorientiertes Verständnis von Behinderung vor, das individuelle Funktionseinschränkungen betont und soziale Benachteiligungen vernachlässigt. In anderen Ländern mit anderem kulturellen Hintergrund gibt es dagegen ein stärker sozialbezogenes Behinderung- und Inklusionsverständnis.

Allemann-Ghionda betont in ihrer international vergleichenden Analyse, dass Inklusion sich nicht auf Behinderung / Nichtbehinderung beschränken darf, sondern alle Aspekte von Differenz und Diversität berücksichtigen muss. Nur dann ist eine auf spezielle Bedürfnisse ausgerichtete Förderung möglich, die zugleich sozialer Ungleichheit entgegenwirkt.

Auf individueller Ebene bedeutet Inklusion „Dezentrierung, das heisst: Dekonstruktion des eigenen Ego-, Sozio- und Ethnozentrismus (Piage 1931), Abschied vom festen, oft unreflektierten Überzeugungen über Normalität“ (45).

Eikötter nimmt in seinem Beitrag einen Rechtsvergleich zwischen der UN-BRK, dem europäischen Recht und ausgewählten europäischen Ländern vor. Während die UN-BRK Behinderung im Sinne des sozialen Modells nicht zuvörderst als Eigenschaft einer Person, sondern als Ergebnis Einstellungs- und umweltbedingter Barrieren betrachtet, herrscht in vielen europäischen Ländern die Orientierung am medizinischen Modell von Behinderung vor. Eine löbliche Ausnahme bildet Schweden: „Die Behinderung entsteht durch die nicht barrierefreie Umgebung und liegt nicht beim Menschen vor“ (67).

Zu II. Strategien und Entwicklungen

Beim Vergleich der Frühförderung zwischen Schweden und Deutschland stellt Wohlfahrt erhebliche Unterschiede im Professionsverständnis und vor allem im Stellenwert der Rechte des Kindes fest. Während in Schweden Autonomie und Partizipation der Kinder im Mittelpunkt stehen und diesen aktive Teilnahme und Mitbestimmung bei ihrer Förderung zugestanden wird, wird in Deutschland die Frühförderung weitgehend durch die Anforderungen nachfolgender Bildungseinrichtungen bestimmt. Wenn ein Kind zum Beispiel „schulreif“ gemacht werden soll, stehen nicht die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund, sondern die Anforderungen gesellschaftlicher Institutionen. An die Stelle von Partizipation und Autonomie tritt Fremdbestimmung.

In ihrem Fazit stellt Wohlfahrt die Forderung auf, durch Fortbildung in Deutschland eine klarere Orientierung der Professionellen im Sinne der Kind-Partizipation zu entwickeln.

Malinen, Rytivaara & Kontinen berichten über die Entwicklung von Inklusion in Finnland. Ausgangspunkt ist die Einführung von Gesamtschulen in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, welche die vorher getrennten Züge von „theoretisch begabten“ und „praktisch begabten“ SchülerInnen bis zum Ende der Sekundarstufe zusammengeführt hat. Seitdem werden – wenn auch sehr zögerlich – Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf in das Regelschulsystem integriert. Seit 2011 schreitet Inklusion durch ein neues Schulgesetz zügiger voran. Besonders bewährt hat sich dabei das Co-Teaching-Prinzip (Regel-und SonderschullehrerInnen), das sowohl für die SchülerInnen als auch für die LehrerInnen positive Effekte hat.

Germundsson stellt in seinem Beitrag über die inklusive Entwicklung in Schweden zunächst die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen dar, legt dann aber den Schwerpunkt auf die Analyse von Einstellungen von LehrerInnen und Schulleitungen gegenüber Inklusion. Er stützt sich dabei auf die von Moscovici entwickelte Theorie sozialer Repräsentation, der sich schwerpunktmäßig mit der Konstruktion von Alltagswissen in sozialen Gruppen befasst. Eine Untersuchung der Einstellung von LehrerInnen gegenüber SchülerInnen mit Asperger Syndrom (Autismus) hat z. B. ergeben, dass insbesondere LehrerInnen mit länger zurückliegender Ausbildung sich mehr am medizinischen Modell orientieren, während jüngere LehrerInnen eher Umgebungsfaktoren betonen. Einstellungen und Alltagswissen können im Widerspruch zum offiziellen Schulprogramm der Inklusion stehen. Es ist deswegen wichtig, ihren Entstehungsort ihre Entstehungsbedingungen zu erforschen, um auf dieser Basis Trainingsprogramme für Veränderungen zu entwickeln.

Johnsen schildert ausführlich die historische Entwicklung des norwegischen Schulwesens, das schon 1739 durch ein Dekret von König Christian IV. erste Grundlagen für soziale Gleichheit erfuhr. Durch dieses Dekret wurden gebührenfreie Grundschulen für alle Kinder auch auf dem dünn besiedelten Lande eingeführt. Ein weiterer Meilenstein für die Entwicklung einer Kultur sozialer Gleichheit war infolge der Arbeiterbewegung Ende des 19. Jahrhunderts die fast vollständige Abschaffung privater Schulen. Kinder aller sozialen Schichten besuchen seitdem gemeinsam die „Volksschule“.

Es hat jedoch auch Gegenbewegungen gegeben, stärker nach Leistung zu differenzieren. In jüngster Zeit war dies vor allem das schlechte Abschneiden Norwegens bei den PISA-Studien, das Leistungsdruck anstelle individueller Curricula erzeugt hat.

Raszewska referiert über den Stand inklusiver Pädagogik in Polen und stellt fest, dass seit 2010 zwar Fortschritte gemacht wurden, die Umsetzung von Gesetzen und Verordnungen aber durch Mangel an Geld und Spezialisten sowie lange Wartezeiten bei Psychologisch-Pädagogischen Zentren, die die Arbeit von Kindergärten und Schulen unterstützen sollen, nach wie vor zu wünschen übrig lässt.

Walk und Schinnenburg vergleichen in ihrem Beitrag den Inklusionsstand in den USA und in Deutschland und konstatieren zunächst, dass die USA angesichts des hohen Anteils von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen als Vorbild für Deutschland gelten können. Einige Entwicklungen in den USA sollten aber genau beobachtet werden, um bei der Umsetzung von Inklusion dort aufgetretene – unbeabsichtigte – Begleiterscheinungen zu vermeiden. Hierzu zählen vor allem der Anstieg der Anzahl von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, der auf die damit verbundene bessere materielle und personelle Ausstattung der Schulen zurückzuführen ist und insbesondere die Problematik des Einsatzes standardisierter Tests. In den USA ist schlechtes Abschneiden bei diesen Tests mit Sanktionen für die entsprechenden Schulen verbunden. Deswegen findet häufig ein gezieltes Unterrichten und Lernen für die Tests statt und SchülerInnen mit geringen Aussichten auf positive Testergebnisse laufen Gefahr, vernachlässigt zu werden. Die mit der Inklusion intendierte individuelle Förderung eines jeden einzelnen Kindes wird so unterlaufen. In Deutschland gibt es noch keine Studien, die vergleichbar negative Folgen von standardisierten Tests nachweisen, die auch hier in der Folge der PISA-Studien eingeführt wurden. Erste Anzeichen verweisen jedoch in diese Richtung. So wird aus Sachsen berichtet, dass Schulen versuchen, die Anmeldung von Kindern mit speziellem Förderbedarf zu verhindern, um die Testergebnisse zu verbessern.

Nota et al. referieren über den Stand der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in das Arbeitsleben in Italien. Nachdem sie einleitend feststellen, dass Italien insbesondere im Schulbereich und im Rahmen der Deinstitutionalisierung von psychisch kranken Menschen große Erfolge erzielt hat, wenden Sie sich den Risiken im Arbeitsbereich zu, die durch die aktuelle Wirtschaftskrise verstärkt worden sind.

Zur Überwindung negativer Auswirkungen dieser Krise schlagen sie u.a. eine Orientierung an der von Savickas entwickelten „Life Design Theorie“ vor, die anstelle einer Fokussierung von Defiziten auf Anpassungsfähigkeit, Hoffnung, Optimismus und Resilienz setzt und entsprechende Beratung-und Trainingsprogramme entwickelt hat. Wichtig ist auch die Kooperation mit Arbeitgebern, denen diese positive Sicht ebenfalls vermittelt wird.

Böhm, Baumgärtner & Reinert referieren über internationale Modelle beruflicher Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Diese ist vor allem deswegen wichtig, weil sie die Lebenszufriedenheit der Betroffenen deutlich erhöht. Besondere Modelle wurden für Rekrutierung, Karrieremanagement und Weiterbildung sowie für Führung und Kultur entwickelt. Wichtig für alle drei Bereiche ist eine „gute Passung“ zwischen Stelle und ArbeitnehmerIn, die im Karrieremanagement durch Entfaltung der individuellen Stärken und in der Unternehmenskultur durch das Erleben von Kompetenzgefühl und arbeitsbezogenen Erfolgen erreicht wird (232).

Diskussion

Insbesondere der Vergleich zwischen Deutschland und den skandinavischen Ländern macht deutlich, dass in diesen Ländern der Gedanke sozialer Gleichheit eine sehr viel längere Tradition hat als in Deutschland und damit eine kulturelle Basis für die Inklusion von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen geschaffen wurde. Diese Basis muss in Deutschland auf politischer und kultureller Ebene hergestellt werden, um die nach wie vor vorherrschende defizitorientierte Betrachtung von Behinderung überwinden zu können. Nur wenn sich im öffentlichen Diskurs die Gleichheit aller Menschen durchsetzt, kann auch die negative Sicht auf Menschen mit Behinderungen zugunsten positiver Einstellungen überwunden werden, die vor allem für LehrerInnen sehr wichtig sind, wenn sie die Kinder angemessen fördern wollen. Wichtig ist, dass solche Entwicklungen auf kultureller Ebene nicht durch organisatorische Regelungen konterkariert werden.

Standardisierte Leistungstests wie in den USA und ein durch sie hervorgerufener testorientierter Unterricht verhindern die notwendige Individualisierung in der pädagogischen Arbeit. Vergleichbare Tendenzen sind auch in Norwegen und zum Teil in Deutschland entstanden. Im Interesse von Inklusion sollten standardisierte Tests durch individuelle Leistungsprüfung ersetzt werden. Nur so kann gesichert werden, dass Kinder mit Behinderungen ein angemessenes Selbstwertgefühl entwickeln, dass ihnen die Eingliederung in für sie passende berufliche Tätigkeiten erleichtert.

Fazit

Der Band stellt den Entwicklungsstand von schulischer und beruflicher Inklusion in unterschiedlichen europäischen Ländern und den USA dar. Durch Vergleiche mit diesen Ländern können wichtige Anregungen für die weitere Umsetzung der pädagogischen und beruflichen Inklusion gewonnen werden. Die Einzelbeiträge sind zwar von unterschiedlicher Qualität, insgesamt wird der Band aber seinem Anspruch gerecht, eine ermutigende Hilfestellung für die deutsche Umsetzungspraxis zu geben.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 11.01.2016 zu: Gregor Hensen, Anneka Beck (Hrsg.): Inclusive Education. Internationale Strategien und Entwicklungen Inklusiver Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3242-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19214.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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