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Joachim H. Knoll, Udo Michael Krüger u.a. (Hrsg.): Alphons Silbermann

Cover Joachim H. Knoll, Udo Michael Krüger, Julius H. Schoeps, Manfred Stoffers (Hrsg.): Alphons Silbermann. Professor und Bonvivant. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2015. 104 Seiten. ISBN 978-3-95565-092-6. D: 8,90 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 17,00 sFr.
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Thema

In der Reihe „Jüdische Miniaturen“, die von Hermann Simon in Zusammenarbeit mit dem Centrum Judaicum herausgegeben wird, wird im Band 171 an den Kölner Soziologen Alphons Silbermann erinnert. Bei der Lektüre dieses kleinformatigen Buchs fühlt sich der Leser in die Zeitepoche des 20. Jahrhunderts zurückversetzt, in der Silbermann – wie es der Herausgeber Joachim H. Knoll treffend beschreibt – ein Leben geführt hat, das nicht zuletzt wegen der eliminatorischen Politik im nationalsozialistischen Deutschland „unstet, hektisch, zwischen Talent und Zwang irritierend, ruhelos und doch glücklich und faszinierend“ verlief. Grund dafür war die Entwicklung zu einer Persönlichkeit, die mit ihren vielfältigen Facetten einmalig war und die mehr ausmachte, als in der Aufzählung folgender Attribute aufscheinen mag: „Professor, Publizist, Jude, Emigrant, Homosexueller, Medienstar, Gründer einer zeitweise gut florierenden Fast-Food-Kette im fernen Australien – aber ebenso ein geistreicher Parleur, ein origineller Querdenker, ein Sprachkünstler (…) vor allem aber ein Musiksoziologe und Musikkritiker.“ Ich hatte das Glück, ihn in den letzten Jahren seines Lebens kennengelernt zu haben und erinnere mich an Gespräche mit „meinem Mieter Silbermann“, in denen er – seine Menthol-Zigarette in der Hand – vor seinem großen, von Büchern und Papieren vollbeladenen Schreibtisch saß, und zurückschaute auf ein Leben, das er mit dem Ziel zu gestalten suchte, „glücklich und bedeutsam“ zu sein. Auf meine Frage, ob er, der doch gewiss aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit Bedeutsamkeit erlangt habe, auch glücklich geworden sei, antwortete er: „Ja, aber im Sinne von Glück gehabt!“ Die Antwort eines rechtzeitig emigrierten Juden, der für sich und seine Eltern in Australien Sicherheit gefunden hat.

Aufbau und Inhalt

Der Band wird mit einem kurzen Vorwort von Joachim Knoll eingeleitet, in dem an Silbermanns Verdienste um die empirischen Grundlagen der Massenkommunikationsforschung, an seine Alltagssoziologie und insbesondere an die noch heute stimmigen Ergebnisse seiner Vorurteilsforschung, vor allem im Hinblick auf den Antisemitismus in der Bundesrepublik und in anderen europäischen Ländern, erinnert wird. Es wird bemerkt, dass für die einzelnen Beiträge ein essayistischer Zugang gewählt wurde, damit die Erreichbarkeit eines breiteren, nicht soziologisch vorgebildeten Publikums gewährleistet bleibt.

Im ersten Beitrag stellt der Herausgeber „Alphons Silbermann – der Mensch, das Werk, die Zeit -“ vor. Er erinnert an die Phase seiner juristischen Ausbildung in Köln sowie an die Emigration, die ihn über Holland, Frankreich nach Australien führte. Weitere Themen sind die späte Berufung an die Kölner Universität, wo er neben René König und Erwin Scheuch empirische Sozialforschung im Bereich der Kommunikations-, Kunst- und Religionssoziologie betrieb, und seine scharfzüngigen Fehden mit Medienwissenschaftlern um die Demoskopin Noelle-Neumann.

In einem weiteren Beitrag beschäftigt sich Udo Michael Krüger, Leiter und Geschäftsführer des Instituts für empirische Medienforschung, mit der Bedeutung Silbermanns für die Medienforschung und verweist ihn in die „Pionierrolle in der deutschen Massenkommunikationsforschung“. Dabei erinnert er auch an die Vorbehalte gegenüber einer als affirmativ und unkritisch bewerteten Wissenschaft der Kölner Schule, die als Gegensatz zu der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno betrachtet und vielfach abgelehnt wurde. In weiteren Betrachtungen widmet sich Krüger dem „Kölner Silbermann-Institut“, seinen unter Studenten populären Lehrveranstaltungen sowie seiner empirischen Forschung, die als Medien sowohl das Soft-Pornoblatt „St. Pauli Nachrichten“ als auch das Privatfernsehen zum Gegenstand hatte.

In seinem Beitrag „Alphons Silbermann als Antisemitismus- und Vorurteilsforscher“ hebt Julius H. Schoeps, Professor an der Universität Potsdam und Direktor des Moses Mendelsohn Zentrums Potsdam, die frühe wissenschaftliche Beschäftigung mit dem bundesrepublikanischen Antisemitismus hervor. Die dabei zu Tage getretenen Ergebnisse eines weit verbreiteten, tradierten Vorurteils gegenüber Juden stießen seinerzeit auf große Skepsis und drängten Silbermann in die Rolle des „Unruhestifters“, eine Rolle, die er gerne für sich in Anspruch nahm. Schoeps stellt in diesem Zusammenhang fest, dass Silbermann schon frühzeitig und hellsichtig vor dem „fremdenfeindlich- rechtsextremistischen Gefahrenpotential“ gewarnt und zu Recht für Abwehr- und Präventivmaßnahmen geworben hat.

Der letzte Beitrag stellt Alphons Silbermann als „Soziologen des Alltäglichen“ vor. Manfred Stoffers, Unternehmensberater und Mitautor der letzten Publikation Silbermanns mit dem Titel: „Auschwitz: Nie davon gehört?“, verweist auf die Studien, die das Wohnen der Deutschen, den „gesellschaftlichen Bedarf für das verpönte Glücksspiel“ und die „schandbare Nützlichkeit der Arschkriecherei“ behandeln. Auch gibt er einen Einblick in die Wohnkultur der „Silbermanns“ einschließlich seiner letzten Wohnung in der Kölner Südstadt sowie seine Vorlieben für das männliche Geschlecht. Schließlich erinnert Stoffers unter der Überschrift „Sociologie en gros et en detail“ an das kaufmännische Geschick Silbermanns, wenn es um die Honorarabsprachen mit seinen Auftraggebern ging.

Diskussion

Wie im Vorwort zu erfahren ist, sind die Beiträge von Autoren verfasst worden, die „der Sache und der Person nahe standen, ohne freilich in Parteilichkeit eingebunden zu sein“. Die Inhalte zeigen diese Nähe auf, denn letztlich ist das Buch doch eine großenteils amüsant zu lesende Laudatio auf den Soziologen und Bonvivant Alphons Silbermann. Gleichzeitig verbindet sich mit dem im Einzelnen aufgefächerten Leben und Werk des Kölner Soziologen eine Rückbesinnung auf eine Zeitepoche, in der Menschen wie Silbermann nach einer glücklichen Kindheit und Jugend aus Deutschland vertrieben wurden, um dann nach vielen Jahren der Emigration wieder zurückzukehren und auch – mit viel Anstrengung – letztlich erfolgreich ihren Platz im Privaten wie im Arbeitsleben gefunden haben. Der bewusst gewählte essayistische Stil erleichtert den Zugang zu einer doch recht schillernden Persönlichkeit sowie ihrem wissenschaftlichen Werk, das die Grundlagen der Massenkommunikationsforschung wesentlich mitgeprägt hat.

Ganz besonders wichtig erscheint mir die Bedeutung Silbermanns für die wissenschaftliche Aufarbeitung des deutschen Antisemitismus nach 1945 zu sein. Auch in diesem Feld war Alphons Silbermann Pionier, der mit aller Deutlichkeit auf der Basis empirischer Untersuchungen auf die weiterhin latent und auch manifest vorhandenen Vorurteile gegen „die Fremden“ und besonders gegen „die Juden“ verweisen konnte. Vielleicht waren diese Erkenntnisse auch der Grund dafür, dass der jüdische Emigrant Silbermann sich in seiner alten Heimatstadt Köln, in der er so viel Unrecht erfahren hatte, doch nicht so sicher fühlte; kurz nach seinem Tod fand ich bei der Räumung seines Kellers eine Unmenge von Koffern, die wohl bereit standen … für alle Fälle.

Fazit

Es ist ein großes Verdienst dieses Buches, an dieses wirklich außergewöhnliche Leben von Alphons Silbermann und seine wissenschaftlichen Leistungen zu erinnern. Es sei allen empfohlen, die an erlebter Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und an dem Lebenswerk eines bedeutsamen, wenn auch umstrittenen Soziologen interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Riekenbrauk
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Klaus Riekenbrauk. Rezension vom 29.06.2016 zu: Joachim H. Knoll, Udo Michael Krüger, Julius H. Schoeps, Manfred Stoffers (Hrsg.): Alphons Silbermann. Professor und Bonvivant. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-95565-092-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19220.php, Datum des Zugriffs 28.06.2017.


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