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Lilith König, Hans Weiß (Hrsg.): Anerkennung und Teilhabe entwicklungs ­gefährdeter Kinder

Cover Lilith König, Hans Weiß (Hrsg.): Anerkennung und Teilhabe entwicklungsgefährdeter Kinder. Leitideen in der interdisziplinären Frühförderung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 290 Seiten. ISBN 978-3-17-028590-3. 39,99 EUR.
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Herausgeber

Prof. Dr. Lilith König lehrt an der Fakultät für Sonderpädagogik (Reutlingen) der PH Ludwigsburg. Prof. Dr. Hans Weiß lehrte dort bis zu seinem Ruhestand.

Thema

Anerkennung und Teilhabe sind zentrale Begriffe, die die Arbeit in der Frühförderung mit behinderten und von Behinderung bedrohten Kindern und ihren Familien prägen und zum professionellen Selbstverständnis der Fachkräfte gehören. Mit dieser Thematik beschäftigte sich das XVII. Symposion Frühförderung der Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung 2013 in Reutlingen. Den Beiträgen liegen Vorträge und Workshops dieser Tagung zugrunde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist untergliedert in vier Teilbereiche.

Im ersten Bereich werden Grundorientierungen und institutionelle Weiterentwicklungen vorgestellt und diskutiert. Dieter Katzenbach legt einführend die Grundlagen und stellt die Anerkennungstheorie nach Honneth als begriffliches Instrumentarium zur Reflexion des pädagogischen Handelns vor. Hans Weiß greift das Thema auf und diskutiert Anerkennung bei der Frühförderarbeit mit Kind und Familie im Spannungsfeld von Verändern und Helfen wollen und Respekt vor dem Gegebenen. Lilith König führt das Thema weiter mit bindungstheoretischen Überlegungen zu den affektiven Aspekten und fragt, was braucht das Kind, um sich anerkannt zu fühlen.

Einen anderen Schwerpunkt bildet der Beitrag von Sohns, der nach einem historischen Exkurs zur Entwicklung der interdisziplinären Frühförderung die Identität und das Selbstverständnis der Frühförderung herausarbeitet und Leitlinien einer modernen Frühförderung formuliert. Er verweist darauf, dass die „Komplexleistung“ von Kostenträgern oft nicht verstanden und deren Umsetzung eher behindert als gefördert wird.

Der zweite Teil mit sechs Beiträgen hat die Kinder und ihre Lebenswelten im Blick. Die Förderung der Kinder ist im Einzelfall ein komplexes Geschehen und stellt so eine große Herausforderung für deren Evaluation dar (von Lüpke). Kühl beleuchtet die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern unter drei Jahren mit und ohne Behinderung; Aufgabe ist die Zusammenarbeit zwischen Krippe und Frühförderung, die eine wichtige fachliche Ressource darstellt. Wie kann Teilhabe bei schwer und mehrfach behinderte Kinder in Kindertagesstätten gelingen; diese Frage stellt Sarimski in einem Forschungsprojekt. Den expliziten Bezug zu Anerkennung und Teilhabe stellt der nächste Beitrag (Königsfeld) wieder her und benennt sie als Wirkfaktoren früher Förderung. Albers arbeitet die sprachliche und kommunikative Kompetenz von Kindern mit nichtdeutscher Herkunftssprache heraus und fordert, diese Vielfalt anzuerkennen. Abschließend geht Hartung auf die besondere Situation und die Bedürfnisse von Jungen ein und formuliert Forderungen für eine moderne und bedürfnisadäquate Erziehung.

Der dritte Teil wirft mit sieben Beiträgen den Blick auf Eltern, Familien und ihre Lebensumwelten. Hellermann beklagt, dass Eltern behinderter Kinder in der modernen Leistungsgesellschaft die Anerkennung verweigert wird, dass sie unter enormem Rechtfertigungsdruck stehen, warum sie ein behindertes Kind haben. Anregungen für den Umgang mit „schwierigen“ Familien und wie man auch deren elterlichen Kompetenzen anerkennen kann, geben Jenni und Schmid-Maibach aus der Schweiz. Gawehn et al. arbeiten Implikationen für die Frühförderung bei drogenabhängigen Familiensystemen heraus und von Kalckreuth beschreibt die Phasen der beginnenden Elternschaft und gibt Anregungen aus der Psychoanalytischen Säuglings-Kleinkind-Eltern-Psychotherapie, wenn Projektionen auf das Kind die Frühförderung behindern. Drei Beiträge dieses Teils berichten von Befragungen von Eltern: Berger und Höck stellen das bayerische Harl.e.kin-Projekt zur Frühgeborenen-Nachsorge vor und berichten Ergebnisse einer Elternbefragung. Sarimski befragte unter dem Blickwinkel der Familienorientierung Eltern zu ihrer Zufriedenheit und Fachkräfte bezüglich ihrer Einstellung und Pretis erhob von Eltern subjektiv erlebte Wirkfaktoren der Frühförderung.

Der vierte Teil fasst Beiträge zusammen, die Fachpersonen und ihre Arbeitswirklichkeit thematisieren. Zu Beginn referiert Temmes über Anerkennungskultur in Arbeitsverhältnissen und im Besonderen in der Frühförderung. Anerkennung erfolge durch Eltern und Team, trotz Lippenbekenntnissen werde wenig Anerkennung durch Kostenträger und Politik erlebt. Dies findet auch Amann in seiner Befragung von Fachkräften der Frühförderung zu deren Arbeitswirklichkeit; erfüllend sei die direkte Arbeit mit dem Kind, es werde aber die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung beklagt. Strukturen der Frühförderung thematisieren die nächsten beiden Beiträge: Breuninger-Schmid und Keil beschreiben das regionalisierte Verbundsystem des Landkreises Esslingen und Sohns et al. stellen ausführlich eine Studie (Stichtag 28.2.2010) zu Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards in Thüringen vor. Zwei weiter Beiträge formulieren Anforderungen an Frühförderung und die Fachkräfte im Rahmen der Inklusion (Dorrance; Albers). Gebhard berichtet über ein Angebot an die Fachkräfte, die Video-Interkations-Begleitung, als Form der Reflexion und Weiterentwicklung der professionellen Kompetenzen in der Interaktion. Einen Überblick über die Frühen Hilfen im Ortenaukreis gibt Böttinger und zeigt, wie dadurch auch der Zugang zur Frühförderung zu einem Zeitpunkt erfolgt, der wesentlich unter dem sonst üblichen Durchschnittsalter liegt.

Das Buch endet mit der Verschriftlichung des kabarettistischen Abschlusses der Tagung, in dem die aktuelle Situation humoristisch dargestellt und dem neu gewählten Vorstand der VIFF die Problemfelder und Baustellen, die es zu bearbeiten gilt, übergeben wurden (Leyendecker).

Diskussion

Das Buch hat als Kongressband Beiträge unterschiedlicher Länge und Qualität; die meisten der Beiträge sind kurz gehalten. Es geht laut dem Symposionsthema um Anerkennung und Teilhabe, zwei Grundanliegen der interdisziplinären Frühförderung. Dieses Anliegen wird auch in allen Beiträgen spürbar. Darüber hinaus machen die Beiträge die Vielfalt der Interdisziplinären Frühförderung deutlich. Etliche Beiträge befassen sich aber nicht nur mit dem Kernthema sondern blicken über den Tellerrand hinaus in andere Systeme und der Zusammenarbeit damit, beispielsweise die Frühen Hilfen und die Jugendhilfe. Deutlich wird aber auch die Sorge um das System, das es zum Nutzen der Kinder und deren Familien in seiner Qualität zu erhalten und weiter zu entwickeln gilt.

Der Band enthält viele Anregungen, die in die Arbeit einfließen können, und Anregungen, die eigene Arbeit zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Als einer der 600 Teilnehmer dieses Symposions habe ich auch noch den gelungen kabarettistischen Abschluss des Symposions vor Augen, der als letzter Beitrag im Buch enthalten ist.

Zielgruppen

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Frühförderstellen, Pädagoginnen und Therapeutinnen, alle, die sich für die aktuelle Diskussion in der Frühförderung interessieren

Fazit

Das Buch enthält verschriftlichte Vorträge und Workshops des 17. Symposions der Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung (VIFF). Die Beiträge kreisen um das Thema Anerkennung und Teilhabe und beschäftigen sich nach der Diskussion dieser Grundorientierung und der Darstellung der Bedeutung in der Frühförderung schwerpunktmäßig mit den Kindern, den Familien und deren Umfeld sowie mit den Mitarbeiterinnen in der Frühförderung und deren Arbeitswirklichkeit. Die Beiträge geben den aktuellen Stand der fachlichen Diskussion wieder, zeigen die Vielfalt der Frühförderung und blicken aber auch über den Tellerrand hinaus.

Summary

The book contains the papers of lectures and workshops of the 17. Symposion of the „Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung (VIFF)“. General topics are „recognition and acceptance“ and „participation“. The authors discuss the general relevance for early support and focuses on the children, their families and their social environment, and the staff and their reality of work. The papers describe the current state of the professional discussion and illustrate the diversity of early support.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 08.04.2016 zu: Lilith König, Hans Weiß (Hrsg.): Anerkennung und Teilhabe entwicklungsgefährdeter Kinder. Leitideen in der interdisziplinären Frühförderung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-028590-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19222.php, Datum des Zugriffs 15.06.2019.


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