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Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen

Cover Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. 6., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 291 Seiten. ISBN 978-3-7841-2438-4. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-2968-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Für eine praktische Arbeit in der Behindertenhilfe, vor allem in Bezug auf Menschen mit intellektuellen Behinderungen ist die Kenntnis über psychische Störungsbilder sowie einem psychiatrischen Basiswissen unverzichtbar. Dazu gehören (sozial-) psychiatrische, psychopharmakologische, psychotherapeutische, heilpädagogische und lebensweltbezogene Handlungsansätze. In diesem Zusammenhang spielt eine interdisziplinäre Sicht, die grundlegende und praktische Erkenntnisse und Erfahrungen vermittelt, eine große Rolle.

Autoren

Dr. Albert Lingg, Jg. 1949 ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie Psychotherapeut in Rankweil in Österreich.

Professor Dr. Georg Theunissen Jg 1951hat den Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik bei Autismus am Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg, Deutschland.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist inzwischen in der 6. aktualisierten Auflage erschienen. Es ist Lehrbuch sowie kurz gefasstes Nachschlagewerk (Kompendium) für die Praxis.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die sich in zahlreiche Unterkapitel untergliedern. Die Unterkapitel sind nicht durchnummeriert. Die einzelnen Abschnitte enden meist mit einem Resümee. Auf jedem oberen Seitenrand befinden sich die Kapitelnummer und der Titel des behandelten Kapitels. Die Seiten sind eng beschrieben. Im Fließtext findet man Einrückungen (Zitate) sowie Textboxen, die durch einen grauen Rahmen hervorgehoben sind. Darin befinden sich Kernaussagen und Fallbeispiele (Kasuistik).

  • Kapitel 1 Einleitung
  • Kapitel 2 Psychiatrische Grundlagen - Klassifizierung und Therapie
  • Kapitel 3 Psychotherapeutische Konzepte
  • Kapitel 4 Konzepte der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit
  • Sachwortverzeichnis
  • Literatur
  • Die Autoren

Das erste Kapitel leitet ins Thema „Geistig behindert - verhaltensauffällig – psychisch gestört“ ein. Die Begriffe „Geistige Behinderung“ sowie „Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen“ werden definiert.

Im zweiten Kapitel Psychiatrische Grundlagen – Klassifizierung und Therapie geht es einleitend um eine begreifliche Skepsis, ob dieses Buch nicht zu einer neuen Diskriminierung führt. Grundlage der folgenden Ausführungen ist die Psychopathologie, die in einen Kontext gestellt wird. Der Blick wird auf psychiatrische Werkzeuge wie z.B. die psychiatrische Untersuchung gelenkt. Erläutert werden psychopathologische Symptome in Abgrenzung zu Syndromen. Dieser Abschnitt endet damit, dass die psychiatrische Klassifikation relativiert betrachtet wird. Es wird die Frage gestellt, ob geistig behinderte Menschen von psychischen Störungen stärker betroffen sind als nicht behinderte Menschen.

Im Unterkapitel „spezielle psychosoziale Auffälligkeiten“ werden entsprechend des Klassifikationssystems der WHO, die Abschnitte F0 – F6 des ICD genauer erläutert:

  • F0 – Organische (körperlich begründbare) Psychosen wie z.B. psychosoziale Probleme bei Epilepsie
  • F1 – Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F2 – Schizophrenie und sonstige wahnhafte/psychotische Störungen
  • F3 – Affektive Störungen (früher: Manisch-depressives Kranksein, MDK)
  • F4 – Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F5 – Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit körperlichen Störungen und Faktoren
  • F6 – Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

Unter F6 den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen werden sexuelle Auffälligkeiten und Störungen durch Misshandlung, das Autismus-Spektrum und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) subsummiert. Das Kapitel endet mit psychiatrischen Therapien und deren Voraussetzungen wie die Soziotherapie und die Psychopharmakotherapie.

Im dritten Kapitel Psychotherapeutische Konzepte wird neben einleitenden Bemerkungen die psychoanalytisch orientierte Therapie erklärt, es folgen Erklärungen zu Frühstörungen und gestörten Dialogen und zur diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweise. Im Anschluss wird über die individualpsychologische Psychotherapie, die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie sowie über weitere spezielle methodische Aspekte berichtet. Es folgen verhaltenstherapeutische Ansätze, Techniken der Verstärkung und „klassische“ Verfahren, aversive Methoden und kombinierte Methoden. Dieser Abschnitt endet mit kritischen Anmerkungen und einer Zwischenbilanz. Im Weiteren werden kognitiv – behaviorale Methoden wie die Konklusion, körperorientierte Psychotherapieformen oder die Gestalttherapie nach Besems und v.Vugt behandelt. Dieser Abschnitt schließt mit einer Reflexion und einem Resümee. Auch wird die systemische Therapie beleuchtet. Beschrieben werden systemtheoretische Grundannahmen und Folgerungen für die Therapie. Bei der Neuropsychotherapie handelt es sich um eine Theorie und Praxis einer neurowissenschaftlich informierten Psychotherapie. Das Kapitel endet mit einem Gesamtfazit und Ausblick in Bezug auf die Beziehungsgestaltung, die Ressourcenaktivierung, die Problemaktualisierung, die Klärungsperspektive sowie der Problembewältigung.

Das vierte Kapitel Konzepte der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit umfasst Erläuterungen zu Konzepten der sog. Positiven Verhaltensunterstützung, deren Grundannahmen, dem funktionalen Assessment zur Entwicklung eines Unterstützungsprogramms und der Umsetzung und Durchführung. Auch dieser Abschnitt endet mit einem kritischen Resümee und einem Ausblick in Hinblick auf psychische Störungen.

Erwähnt wird auch die sog. Lebensweltbezogene Behindertenarbeit, es folgen Ausführungen zur Ökologie der menschlichen Entwicklung, zur Gestaltung des Wohnalltags und zum Leitprinzip der Inklusion. Schlussfolgernd werden Konsequenzen für die Praxis der Inklusion abgeleitet z.B. eine systemisch- und stärkenorientierte Praxisberatung, deren Grundzüge und Phasen wichtig sind. Das Kapitel endet mit der Schlussbemerkung zur Rolle des Beraters.

Diskussion

Albert Lingg und Georg Theunissen sind zwei renommierte Fachleute aus der Psychiatrie und Heilpädagogik. Das Buch ist ein Standardwerk für die Behindertenhilfe im deutschsprachigen Raum. Die hier 2013 vorgelegte Neubearbeitung und Weiterentwicklung (1993 ist das Buch erstmalig erschienen) vertritt eine Perspektive zeitgemäßer Behindertenarbeit aus interdisziplinärer Sicht. Dabei werden grundlegende und praktische Erkenntnisse und Erfahrungen vermittelt. Diese Ausgabe benutzt weiterhin den Begriff „geistige Behinderung“ obwohl aus Betroffenenperspektive der Begriff der „Lernschwierigkeiten“ favorisiert wird. Die Autoren haben sich für die Weiterverwendung des Begriffs „geistige Behinderung“ wegen der Rechtsprechung und der Verständigung entschieden. Der Begriff fasst nicht die Bandbreite der Behinderung. Es handelt sich dabei nicht allein um eine intellektuelle bzw. kognitive Einschränkung – auf das das Wort „geistig“ hindeuten könnte. Vielmehr sind komplexe Beeinträchtigungen gemeint, die auch die motorische, sensorische, emotionale Ebene mit einschließt. Diese Einschränkungen haben zahlreiche Ursachen und sie werden auch durch das Umfeld und Lebensbedingungen beeinflusst.

Das Buch gibt einen guten Überblick und Einstieg in das Thema, welches im deutschsprachigen Raum ein Nischendasein fristet. Zunehmend wächst die Erkenntnis, dass Menschen mit einer sog. „geistigen Behinderung“ auch von psychischen Krankheiten betroffen sein können. Ein Problem bei der Behandlung ist, dass sprachbasierte Zugangsweise und Therapien schwierig sind.

Neu eingefügt wurde das Kapitel über Autismus und ADHS und stellt damit sehr aktuelle Kenntnisse zur Verfügung. Ansonsten beziehen sich die Beiträge auf Veröffentlichungen, die schon nicht mehr ganz so aktuell sind. Ist das ein Ausdruck dafür, dass Menschen mit einer sog. geistigen Behinderung nicht im Fokus des medizinischen und therapeutischen Regelversorgungssystems stehen? Die Fachverbände der Behindertenhilfe benannten schon 2001 Mängel wie unzureichende Akzeptanz, mangelnde fachliche und kommunikative Kompetenz, unzulängliche organisatorisch-strukturelle Bedingungen für die besonderen Bedarfe und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Damals stellte der Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe (BeB) zwei Forderungen zur Weiterentwicklung der Regelversorgung in fachlicher, kommunikativer und organisatorischer Hinsicht (1) und zur Ergänzung des Regelversorgungssystems durch zielgruppenspezifische Angebote (2). Die Förderung der seelischen Gesundheit und die Vorbeugung bzw. Behandlung von psychischen Störungen stellt einen wichtigen Beitrag zur Förderung der sozialen Teilhabe von diesem Personenkreis dar.

Fazit

Für die praktische Arbeit in der Behindertenhilfe, vor allem in Bezug auf Menschen mit intellektuellen Behinderungen, ist die Kenntnis über psychische Störungsbilder sowie einem psychiatrischen Basiswissen unverzichtbar. Dazu gehören (sozial-) psychiatrische, psychopharmakologische, psychotherapeutische, heilpädagogische und lebensweltbezogene Handlungsansätze. Dabei spielt eine interdisziplinäre Sicht, die grundlegende und praktische Erkenntnisse und Erfahrungen vermittelt, eine große Rolle. Das Buch ist als Standardwerk für die praktische Arbeit in der Behindertenhilfe unverzichtbar, es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Fachleute und Forscher diesem wichtigen Thema zuwenden. Leider gibt es zudem noch viel zu wenige Fachärzte, die sich mit diesem Personenkreis auskennen und geeignete Therapeuten sucht man auch oft vergebens.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 04.11.2015 zu: Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. 6., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7841-2438-4.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-2968-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/19226.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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